Steckt die integrale Theorie Menschen in Schubladen?

Manche lehnen die integrale Theorie ab, weil sie meinen, diese stecke Menschen in Schubladen. Nun, das kann man tun. Allerdings sollte man sich dabei bewusst sein, dass man damit die Sinnhaftigkeit und Existenzgrundlage der Entwicklungspsychologie als solches ablehnt, also einen empirisch belegten Wissenschaftszweig. Denn schließlich handelt es sich in beiden Fällen um Modelle. Und ich wüsste nicht, wie man Modelle aufstellen können sollte, wenn nicht durch “Schubladen“, d.h. Kategorisierung. Klar kann man auch den Menschen überhaupt als Forschungsobjekt ablehnen, mit dem Argument, dass eine Verobjektivierung dem Subjekt Mensch nie gerecht werden kann, dass es eine Subjekt-Subjekt Begegnung auf Augenhöhe braucht…

Doch aus meiner Sicht sind die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie viel zu spannend und aufschlussreich, als dass ich auf diese verzichten wollte. Schon allein wenn ich daran denke, wie viel diese Erkenntnisse dazu beigetragen können, unseren Erziehungsstil zu verändern. Wenn wir ein bisschen mehr darüber wissen, wie sich ein kleines Kind entwickelt, gehen wir gänzlich anders mit ihm um. (Vgl. dazu den Bestseller „Oje, ich wachse! Von den acht „Sprüngen“ in der mentalen Entwicklung Ihres Kindes während der ersten 14 Monate und wie Sie damit umgehen können.“ von Hetty  van de Rijt und Frans X. Plooji, 1998).

Wer selbst Kinder hat, kennt vermutlich die Erfahrung, dass das Denken des Kindes mitunter durch seine Andersartgkeit befremden kann (z.B. „wenn ich niemanden sehe, sieht mich auch niemand“ oder „wenn die Mama das Zimmer verlässt, ist sie weg“). Eine Konsequenz daraus könnte sein, dass ich das Kind nach Möglichkeit nicht mehr alleine lasse, solange es kognitiv noch nicht in der Lage ist, zu verstehen, dass die andere Person auch noch existent ist, wenn sie sich im anderen Raum befindet.

Auch aus den offiziellen Lehrplänen der Schulen, Kindergärten und Kindertagesstätten sind die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie nicht mehr wegzudenken, weswegen jeder angehende Lehrer oder Erzieher Kenntnisse in diesem Bereich nachweisen muss.

Und: Heute wissen wir, dass sich ein Mensch und seine Art zu denken nicht nur im Kindesalter entwickelt, sondern ein Leben lang. Sich dessen ständig bewusst zu sein, kann so manches zwischenmenschliche Missverständnis verhindern oder im Nachhinein aufhellen. Gerade wenn es um Glaubensinhalte oder Weltanschauungen  geht, können wir im Gespräch unschwer feststellen, dass sich hier nicht nur die Inhalte, sondern auch die Art und Weise zu denken mitunter drastisch unterscheiden kann. Einfachstes Beispiel ist ein Mensch, der  tief in einem „Schwarz-Weiß-Denken“ gefangen ist. „Entweder du liebst mich und heiratest mich sofort oder ich bin dir sch…egal.“ oder „Entweder kommt ein Mensch in den Himmel oder in die Hölle.“

Wenn ich meinen Mitmenschen ein bisschen einordnen kann, verstehe, wie er „tickt“, gehe ich anders – und ich würde sagen „verständnisvoller“, auch wenn dieses Verstehen häufig erst wachsen muss – mit ihm um. Das gilt selbstverständlich auch in Bezug auf den Umgang mit mir selbst, wobei wir hier mit vielen blinde Flecken rechnen dürfen. Fast jeder wähnt sich gerne reif, weise und lebenserfahren. Das sagt jedoch nichts über den tatsächlichen Reifegrad oder die Entwicklungsstufe aus.

Gefährlich wähnt mir lediglich, wenn wir einen Menschen dergestalt in Schubladen stecken, dass wir ihm  sein Entwicklungspotential absprechen und uns nicht weiter mit ihm auseinandersetzen wollen, ihn also „festnageln“. Doch da sagt die Entwicklungspsychologie  und im Anschluss die integrale Theorie genau das Gegenteil: Sie behauptet ja gerade oder stellt fest, dass der Mensch wesentlich auf Entwicklung angelegt ist und das lebenslang.

Im Übrigen ist es wesentlich leichter zu sagen: „Menschen sind viel zu verschieden und zu komplex, um sie einteilen zu können“ als sich um das Verständnis der dahinterstehenden Erkenntnisse zu bemühen und uns bei jedem Menschen, den wir treffen, erneut zu fragen, in welcher Phase sich dieser wohl gerade befindet, welche Bedürfnisse daraus erwachsen und wie möglichst angemessen mit ihm kommuniziert werden sollte etc. Aus meiner Sicht führt die Auseinandersetzung mit Modellen nicht zu primitiver Vereinfachung, sondern im Gegenteil zu einer vertieften Wahrnehmung von bestehender Komplexität.

Über einzelne Vertreter der Entwicklungspsychologie und deren Forschungen werde ich bald mehr schreiben.

Was meint ihr?

 

 

 

Spirituelle Intelligenz

Bist du intelligent? Und wenn ja, worin? Sprachlich-linguistisch, mathematisch-logisch, musikalisch-rhythmisch, körperlich-kinästhetisch, bildlich-räumlich, inter- oder intrapersonell, naturalistisch… oder spirituell-existenziell?
Howard Gardner ist dafür bekannt, in den 80er Jahren eine neue Intelligenztheorie aufgestellt zu haben, da ihm die klassische IQ-Test zu einseitig war. Er stellte eine Theorie der „multiplen Intelligenzen“ auf. Jemand ist also nicht einfach nur „intelligent“, sondern er ist intelligent in einem bestimmten Bereich, auf einem bestimmten Gebiet. Er unterschied deshalb neun verschiedene Arten von Intelligenz. Die neunte ist die „existenzielle“ oder „spirituelle Intelligenz“.
Dabei handelt es sich um die Fähigkeit, grundlegende Fragen der Existenz zu erfassen und zu durchdenken. Herausragende Vertreter wären große Denker, religiöse und geistige Führungspersonen.
Die Bestsellerautorin und Wirtschaftsberaterin Danah Zohar hält Seminare zu der Spirituellen Intelligenz bei globalen Unternehmen und hat zusammen mit Ian Marshall ein Buch verfasst: „IQ? EQ? SQ!: Spirituelle Intelligenz – das unentdeckte Potenzial.“
Sie schreibt auf ihrer Homepage, dass die Spirituelle Intelligenz leider häufig beim Coaching oder der Persönlichkeitsentwicklung übersehen werde. Es gehe nicht um Religion, sondern um den Teil des Gehirns, der es uns erlaube, zu hoffen, zu träumen, zu visualisieren und uns mit unserem Sinn im Leben zu verbinden. Sie treibe uns dazu an, nach Bedeutung und nach einem größeren Gut zu streben, indem wir gut und böse unterschieden. Es sei die Intelligenz, die uns ganz mache, die uns Integrität verleihe. Es sei die Intelligenz unseren wahren Selbst, die uns fundamentale Fragen stellen lasse und uns zu verwandeln imstande sei.

Indikatoren dafür, in welchem Maße jemand über diese Intelligenz verfügt, seien Sinn für Moral, die Werte einer Person, ein offener Geist, das Potential zu einem visionären Führungsstil, kritisches Denken, Reflektion, Intuition. Dazu gehöre auch die Fähigkeit, sich selbst zunehmend der eigenen niederen Motivationsgründe (z.B. Angst, Gier, Macht, Ego), bewusst zu werden und diese in höhere umzuwandeln (Kreativität, Dienen).

Mehr dazu auf: http://danahzohar.com

In diesem kurzen Video, einem Ausschnitt einer Rede von Ken Wilber, spricht dieser über die spirituelle Intelligenz.
Er unterscheidet dabei zwischen spiritueller Intelligenz und spiritueller Erfahrung. Ein Mensch könne eine hohe spirituelle Intelligenz besitzen, aber wenig spirituelle Erfahrung und umgekehrt. Für die spirituelle Intelligenz verwendet er den Ausdruck „growing up/ aufwachsen“, für die Erfahrung den Begriff „waking up/ erwachen“. So kann ein Mensch eine Erleuchtungserfahrung erleben, ohne dass er das Reflektionsvermögen besitzt, diese im Anschluss in einen größeren Kontext einzuordnen oder in geeignete Worte zu kleiden, um diese Erfahrung mit anderen zu teilen oder diesen zugänglich zu machen.
Laut Ken Wilber befindet sich die Menschheit, was ihre Spirituelle Intelligenz betrifft, noch auf einem sehr niedrigen Level. Wäre diese allgemein höher, könnten wir Menschen ganz anders miteinander umgehen und miteinander leben.
Das trifft selbstverständlich ebenso auf unsere christlichen Gemeinschaften zu. Während diese dazu dienen könnten, spirituelle Erlebnisse zu teilen und gemeinsam in unserer spirituellen Intelligenz zu wachsen, tun sie nicht selten das Gegenteil. Das hängt damit zusammen, dass wir es in unseren Kirchen viel mit blau und orange zu tun haben. In mehrheitlich blau werden kritische Fragen gern ganz ausgeblendet, da sie für Irritation und Zweifel sorgen und im „schlechtesten“ Fall gar zu dem Verlust des (bisherigen) Glaubens führen oder gegen Formulierungen der Glaubensbekenntnisse verstoßen. Der Pfarrer wird es schon „wissen, wie es richtig ist“. Schattenarbeit findet – wenn überhaupt – ganz im privaten statt.
Oder die Zweifel dienen in orange als Mittel und Zweck, ausführlich und intellektuell miteinander zu diskutieren und über das Göttliche zu referieren, von einer unmittelbaren Begegnung gibt es aber wenig zu erzählen. Das persönliche tritt in den Hintergrund.
Das durch Lehrsätze, traditionelle Handlungen und Verhaltensweisen oder gemeinsame „Schulen“ (Lutheraner, Pietismus, Barth-Anhänger etc.) hergestellte Zusammengehörigkeitsgefühl scheint stärker zu binden als das Streben nach Wahrheit und die Sehnsucht nach einer echten Gotteserfahrung. Doch gerade der Zweifel, die Unzufriedenheit und der Widerspruch gehören zu einem Glauben dazu, der sich weiterentwickelt.
Was meint ihr dazu?

Ken Wilber über integrales Christsein

Im Folgenden fasse ich einen Vortrag für euch zusammen, den Ken Wilber 2015 auf einer christlich integralen Versammlung gehalten hat. Ich habe ihn in der Facebook Gruppe „Integral Christianity“ gefunden.

Ken Wilber unterscheidet drei Gesichter Gottes:

Jesus Christus redete ÜBER Gott; er redete ZU Gott; und er redete ALS Gott.

Diese entsprechen einer abgekürzten Version der vier Quadranten: Ich, Du, ER/SIE/ES, Sie, bei der die zwei letzteren in eins fallen und gemeinsam die „objektive“ Seite bilden – als Gegenüber zur subjektiven Seite aus „ich“ und „du“.

Die Quadranten stehen bekanntlich für verschiedene Perspektiven, die eingenommen werden können und alle gleichermaßen wichtig und wahr sind.

Der Punkt ist nun, dass jede und jeder von uns genau dieselben Perspektiven in Bezug auf den GEIST, also das Göttliche, einnehmen können wie Jesus. Wir können über Gott reden wie über eine objektive Realität, wir können zu ihm reden wie zu einem engen Vertrauten, und wir können das Göttliche tief in uns als unser wahres SELBST, die ultimative Realität, entdecken.

Wenn wir zu dem Christusbewusstsein erwecken, reden wir ebenso wie Jesus aus all diesen Perspektiven. Nicht eine der Perspektiven ist richtig und die andere falsch, sondern alle sind zugleich richtig, wahr und untrennbar miteinander verflochten.

Die Trinitätslehre, Vater, Sohn und Heiliger Geist, enthält diese drei Gesichter Gottes. Sie zeigt, dass alles in dieser Welt aus Beziehung besteht, aus verschiedenen Dimensionen und Perspektiven. Sobald durch die Schöpfung das Formlose Gestalt annimmt, entsteht Beziehung zwischen verschiedenen Formen. Alles kann aus den vier Perspektiven des Quadranten wahrgenommen werden.

Die zahlreichen Theorien und Modelle zur Bewusstseinsentwicklung der Menschheit sind sich in wenigen Punkten erstaunlich einig: Spiritualität entwickelt sich in Stufen weiter. (Ganz genauso wie kognitive Fähigkeiten sich entwickeln, moralische Werte oder emotionale Intelligenz sich entwickelt.)

Auf jeder Stufe – der archaischen, mythischen, der modernen, der postmodernen, der integralen, wird die Welt völlig anders wahrgenommen. Das gilt für jede Religion gleichermaßen: Bei den Hinduisten, Buddhisten, Christen, Muslimen, Juden usw. durchlaufen alle Menschen gleichermaßen nacheinander die verschiedenen Stufen.

Allerdings wurden diese Stufen erst vor kurzem durch die Wissenschaft entdeckt. Denn ein Problem dabei ist, dass diese wie die Grammatik einer Sprache funktionieren: Der Mensch bewegt sich darin, ohne sich der dahinter stehenden Regeln bewusst zu sein, und hält sie für die einzig wahre Weltsicht.

Ken Wilber unterscheidet zwei Wege der spirituellen Entwicklung: „Growing Up/Aufwachsen“ und „Waking Up/Aufwachen“. Ersteres bezeichnet die spirituelle Entwicklung eines Menschen von einer Stufe zur nächsten. Letzteres bezieht sich auf Erfahrungen von Erleuchtung und Wandlung. Diese Erfahrungen von Einssein, diese besonderen Bewusstseinszustände werden jeweils abhängig von der Stufe, auf der sich der Mensch befindet, und der dazu passenden Denkstruktur, völlig anders gedeutet.

Ein Christ auf der magischen Stufe sieht Jesus als den Superstar, der auf dem Wasser geht. Auf der mythischen Stufe wird die Bibel wortwörtlich ausgelegt und zwischen denen, die gerettet werden und denen, die verloren gehen, strikt unterschieden usw.

Insgesamt bewegt sich das menschliche Bewusstsein von einer ethnozentrischen Identität zu einer weltzentrischen Identität, was bedeutet, dass ein Mensch sich nicht mehr primär über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Clan, Dorf etc. versteht, sondern über seine Zugehörigkeit zur Welt als Ganzes. Aus dem Drang zur Abgrenzung wird ein Drang zur Integration und Versöhnung. Doch Forschungen haben gezeigt, dass momentan noch 60-70 % der Menschheit sich auf dem ethnozentrischen Level oder gar darunter (also nur mit dem Überleben beschäftigt)befinden.

Doch es gibt bereits das integrale Christentum, das weltzentrisch denkt, zu einer kritischen Bibellektüre fähig ist und Jesus als Inspiration dazu annimmt, ähnliche Erfahrungen wie dieser zu suchen und zu machen. Diese Menschen können andere Religionen als gleichwertige Partner annehmen, auch neue Praktiken von diesen mit übernehmen, und sich gleichzeitig noch immer als Christen verstehen. Obwohl sie noch in der Minderheit sind, finden sie schon heute immer wieder auf der Suche nach Gleichgesinnten zusammen.

Homepage zu den  regelmäßig stattfindenden Versammlungen: http://returntotheheartevent.com/

Integral (Unorthodox) Christianity: „The Bible Is Loaded with Truth and Power“

Howard Pepper über die Verbindung von Integraler Theorie und Christentum und darüber, wie diese das Verständnis der biblischen Erzählungen verändert.

Natural Spirituality - Loving Forum for Spiritual Harmony & Growth

Integral Christianity is a fairly new thing… at least the name is. (It is not a lot like traditional or even „modern/liberal“ Christianity.) The worldview or theology it operates within actually is a relatively new perspective, on any sizable scale.  I will admit the Christian form of Integral theory is fairly new to me — maybe a couple years, and I’ve been pretty attentive to the many varying forms of Christian faith for decades now.

Titlepage of the New Testament section of a Ge... Titlepage of the New Testament section of a German Luther Bible, printed in 1769. (Photo credit: Wikipedia)

The focus of this article will be Integral Christianity’s take on and use of the Bible.  I’m writing this on the way to soon finishing the definitive book to date on this understanding and expression of Christianity, Integral Christianity: The Spirit’s Call to Evolve, by Paul R. Smith.  I will then be reviewing the book on the Naturalspirituality 

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Das Reich Gottes

Das Reich Gottes…

der integrale Christ Paul Smith versteht darunter einen anderen Bewusstseinszustand. Den Zustand, in dem sich Jesus befunden haben muss. Einen Zustand des völligen Eins-Seins-mit-dem-Göttlichen. Aus meiner Sicht eröffnet diese Definition neue Perspektiven auf Jesu Worte und seine Gleichnisse. Ich laden euch ein, bei jedem Gleichnis, das ihr lest, einmal hinter das Wort „Reich Gottes“ durch die Worte „Bewusstsein von Gott/Wissen um Gott“ zu ersetzen.

Zum Beispiel bei Markus 4,30, dem Gleichnis vom Senfkorn:

Womit sollen wir das Bewusstsein von Gott/Wissen um Gott noch vergleichen?«, fragte Jesus. »Mit welchem Gleichnis sollen wir es darstellen? 31 Es gleicht einem Senfkorn. Das ist das kleinste aller Samenkörner, die man in die Erde sät. 32 Aber wenn es einmal gesät ist, geht es auf und wird größer als alle anderen Gartenpflanzen. Es treibt so große Zweige, dass die Vögel in seinem Schatten nisten können.

Oder bei Matthäus 20,1, dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg:

Denn mit dem Bewusstsein von Gott/Wissen um Gott ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der sich früh am Morgen aufmachte, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. 2. Er fand etliche und einigte sich mit ihnen auf den ´üblichen` Tageslohn von einem Denar. Dann schickte er sie in seinen Weinberg.

Oder Markus 10:

25 Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Bewusstsein von Gott/Wissen um Gott kommt.

Wir bekommen ganz neue Aussagen, die erstaunlich viel Sinn machen. Was meint ihr?

  1. Ein anderes Bewusstsein hat die Macht, die ganze Welt zu verändern.
  2. Ein anderes Bewusstsein kommt bei dem einen durch viel harte gedankliche Arbeit und dem anderen wird es über Nacht geschenkt.
  3. Reichtum hindert Menschen tendenziell, das Göttliche in der Welt wahrzunehmen.

Zum Abschluss will ich an dieser Stelle mit euch meinen Gedichtfilm aus dem Jahr 2016 teilen. Das Gedicht habe ich an einem Samstag während der Predigtvorbereitung verfasst, als mir klar wurde, dass ich entweder ein Gedicht schreibe oder auf der Kanzel lieber schweige. Mir persönlich erscheint die Kunst, die in einem ekstatischen Zustand der Inspiration verfasst wird – und damit eine eigene Art spiritueller Erfahrung ist – , noch am ehesten geeignet, das wiederzugeben, was vermutlich hinter dem Begriff „Reich Gottes“ steht.

Hier ist es:

DAS REICH GOTTES

Ich hab es nie gesehen
und WEIß es doch.
Ich kann es nur erahnen –
die Ahnung reicht unendlich weit,
sie füllt mich völlig aus.
Es nimmt jetzt seinen Lauf,
jetzt und jetzt und jetzt.
Es ist der Fall aus dem Normalen,
es fängt mich sachte auf.
Es ist der Strom,
in dem ich gleite,
die Energie,
die mich erhält.
Es gleißt aus mir heraus
und doch bin ich nie wirklich drin gewesen.
Es ist nicht Außen und nicht Innen,
nicht Oben, und nicht unter mir
und alle andern scheinen
immer weit voraus.
Es ist ein Wind im Innern,
der sich viel zu langsam legt.
Es ist die Liebe, die
nicht passen will zu mir,
wie ich sie auch halte.
Es ist die Sonne,
die mir, wenn ich sterbe,
blendend gleißt,
der Strahl, der letzte Weg zu dir.
Es ist die Hoffnung, dass ich vor dir bleibe,
auch wenn ich schlachte wie Elia,
und nichts mich mehr entschuldigt.
Es ist die senkrecht steile Wand,
an der ich mich nach oben hangle.
Es ist der Schrott, der faule Müll,
aus dem es plötzlich grünt wie neu.
Ich kenne es, dein Reich,
als hätt ich schon mal dort gewohnt,
und zweifle doch so oft daran.
Es ist ein Reißen und ein Sehnen.
Es ist dein immer freundliches Gesicht,
dass mich schon lang durchdrungen,
und statt mich zu vernichten,
als Atem in mir weiterschwingt.
Es ist der Wärmeschub,
nachdem ich lange meditierte;
das Katapult,
das mich in neue Tiefen bringt.
Es ist ein Mensch, und ist ein Licht.
Es ist in mir, und doch bin ich es nicht.
Kein Vergleich reicht aus,
und doch lebt alles Leben
nur aus Vergleichen,
aus Versuchen Dich zu fassen,
einzunehmen, festzusetzen.
Es ist,
wenn Leben wieder mundet.
Wenn Illusionen fallen.
Wenn Todgeglaubte trösten.
Wenn zurück liebt, wer nicht lieben konnte.
Es ist ein Raum und ist ein König –
alles muss ihm weichen.
Was hart ist, löst es auf.
Was öde ist und schmerzbehaftet,
was Schein ist nur und Lüge,
was quält und was das Licht verdeckt.
Und wer auch herrscht und sich vergisst:
Es ist. Es ist. ES IST.
Und niemand, niemand hält es auf.

Wir alle sind ein Mensch

Ja, auch wenn sich der Satz „wir alle sind ein“ grammatikalisch falsch anhört, soll es im Folgenden um genau das gehen: Die Idee, dass wir nicht viele, voneinander getrennte Wesen sind, sondern dass wir über alle Zeiten hinweg eine Einheit bilden, ein Mensch sind.

Habt ihr euch schon einmal die Frage gestellt, warum ein Mensch, Jesus, es geschafft haben soll, alle Menschen durch seinen Tod von der Macht der Sünde, dem Getrenntsein von Gott zu befreien?

Oder andersherum: Warum angeblich alle Menschen unter den Folgen von etwas leiden sollen, was ein Mensch, Adam, irgendwann einmal getan hat?

Oder wie der Ausspruch Jesu: „Und was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan“, richtig verstanden werden kann?

Der Kirchenvater Gregor von Nyssa hat das dadurch erklärt, dass es in Wirklichkeit nicht viele, sondern nur einen Menschen oder nur eine Menschennatur gäbe, an der alle teilnehmen. Erst dadurch wird verständlich, warum durch einen sündlosen, perfekten Menschen alle frei von Sünde werden können.  Und im unserem Mitmenschen haben wir das allen Menschen gemeinsame Selbst, die gemeinsame Menschennatur, bekleidet und besucht.

Es hat mich überhaupt nicht gewundert, dass es meinen Grundschülern während meiner Lehrprobe schwer fiel, diesen Spruch Jesu zu begreifen – mir scheint, selbst die meisten Theologen nehmen ihn nicht wirklich ernst, denn – seien wir doch ehrlich, er hat etwas zutiefst beunruhigendes.

Ich und dieser zottelige, ungewaschene Berufsbettler, der den halben Tag an der Ampel sitzt, sollen in Wirklichkeit irgendwie eins sein? Oder gar ich und diese völlig inkompetente und saudoofe Frau in der Behörde, in der ich zuletzt Papiere abgeben musste?

Dennoch beantwortet diese Idee des Kirchenvaters eine Frage, die ich schon immer in Bezug auf das Christentum hatte, nämlich, wie das Leben und der Tod Jesu eine existentielle Bedeutung für mein jetziges Leben haben können. Ich könnte ja auch denken: Toll, dass Jesus so perfekt war und es gut mit der Menschheit meinte – aber was ändert das an dem Mist, in dem ich heute stecke.

Hans Ulrich von Balthasar schreibt dazu:

Christus hat, indem er individueller Mensch wurde, zugleich diese allgemeine Menschennatur angenommen und vergöttlicht, und durch sie stehen alle Menschen gleichsam in unmittelbarer, seinshafter Kommunion mit ihm. So zerbrechen die geschlossenen Monaden und werden von innen geöffnet für den Strom der vergöttlichenden Gnade. Die Menschwerdung wird also erst völlig vollzogen sein, wenn die gesamte Menschennatur, in all ihren Gliedern, durchlässig geworden ist für die Gnade der Menschwerdung, wenn aus dem Leibe ‚Adams‘ der mystische Leib Christi geworden ist.

Am stärksten wurde dieser Gedanke in der russischen Philosophie aufgegriffen. Allen voran von W.S.Solowjow mit seiner Idee von der Alleinheit. Mehr dazu findet ihr zu einem späteren Zeitpunkt hier auf diesem Blog. Versprochen!

Wie aber lässt sich nun diese Verbundenheit der gesamten Menschheit denken?

In einer Erzählung von F.M. Dostojewskij mit dem Titel „Der Traum eines lächerlichen Menschen“ stößt die Hauptperson aus Gleichgültigkeit ein kleines Mädchen in Not von sich und erkennt plötzlich in einem Traum, wie diese seine Sünde mit der Sünde aller Menschen zusammenhängt. Der eine stößt den anderen von sich weg und so geht es immer fort und fort vom einem zum anderen… und der „lächerliche Mensch“ beginnt zu verstehen, dass er  nicht nur die Schuld für sein eigenes Vergehen, sondern die Schuld für alle Vergehen der Menschen, alles Leid der Welt trägt– er ist sich plötzlich sicher, dass er allein, durch seine Tat, nicht nur eine Sünde begangen hatte, sondern überhaupt er, als ein Mensch, der einen anderen Menschen abgewiesen hatte, verantwortlich war für den Sündenfall und für alles, was danach kam. Und der „lächerliche Mensch“ zieht aus, um zu predigen und die Schuld aller auf sich zu nehmen und eben diese alle halten ihn für verrückt und belächeln ihn milde– sie nehmen ihn nicht ernst, er aber liebt sie dafür nur um so mehr!…

Dostojewskij versucht hier zu beschreiben, dass alle Menschen zwangsläufig aufeinander einwirken, nicht nur unmittelbar, sondern über Kontinente, über Generationen hinweg. Alles wird weitergegeben, jedes Verhalten, jeder Gedanke. Die integrale Theorie geht davon aus, dass geistige Inhalte, Informationen, sich ebenso wie Organismen oder wie die DNA fortpflanzen. Es gäbe demnach also eine doppelte Verbundenheit: Die über die Biologie und die über den Geist.

So ist meiner Meinung nach auch Paulus Bild von dem einen Leib zu verstehen. Paulus schreibt in seinem Brief an die Römer im 5. Kapitel:

Genauso, wie eine einzige Verfehlung allen Menschen die Verdammnis brachte, bringt eine einzige Tat, die erfüllt hat, was Gottes Gerechtigkeit fordert, allen Menschen den Freispruch und damit das Leben. Genauso, wie durch den Ungehorsam eines Einzigen alle zu Sündern wurden, werden durch den Gehorsam eines Einzigen alle zu Gerechten.

Doch kommen wir mit all dem selbstverständlich an unsere denkerischen Grenzen. Auch das Ego wehrt sich mit voller Macht: Ich will nicht mit dieser/diesem schrecklichen/blöden/grausamen etc. Mann/Frau verbunden, gar noch eins sein!

Voll und ganz wird diese Einheit wohl nur in der mystischen Erfahrung erlebt und als wahr erkannt werden können, in der wir nichts als Liebe und Frieden spüren.

Was meint ihr dazu? Ein ganz abwegiger Gedanke oder tiefe Wahrheit?

 

Der Traum von einem besseren Christentum

Integrale Gedanken inspirieren zum Träumen

schmillblog

molnc3a1r_c381brahc3a1m_kikc3b6ltc3b6zc3a9se_1850 Abraham by József Molnár [Public domain], via Wikimedia Commons

Und ich blickte auf, und ich sah ein Meer aus Menschen, die keiner zählen konnte. Menschen aus allen Kirchen und christlichen Organisationen.

Sie waren aufgestanden und haben sich auf den Weg gemacht, ohne den Ort zu kennen, den sie suchen …

Dieser Artikel ist kein Aufruf dazu, dass du deine Gruppe verlässt. Es kann zwar sein, dass du dich innerlich schon längst verabschiedet hast und auf der Suche bist. Aber ob und wann der Zeitpunkt zu gehen gekommen ist, musst du selbst entscheiden. Vielleicht ändert sich auch was, und du wirst bleiben?!

Es gibt schon unzählige frustrierte Christen, die allen christlichen Gemeinden und Gruppen den Rücken gekehrt haben und versuchen, allein zurecht zu kommen. Privates Christentum.

Mit ihm [Jesus] seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn…

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