Erleuchtung für Christen?!

Erleuchtung – was ist das überhaupt?  Und sollten/dürfen Christen so etwas überhaupt anstreben?

Diese zwei Fragen haben mich die letzten Wochen beschäftigt.

Die meisten verstehen darunter eine tiefe Erkenntnis, die das Welt – und Selbstverständnis eines Menschen tiefgreifend und nachhaltig verändert. Immer werden zwei Punkte genannt:

1. Der Mensch gewinnt Abstand zu seinem Ego, d.h. zu all den Dingen, mit denen er sich normalerweise identifiziert hat, wie Name, Biografie, Beruf, Aussehen, Körper etc. An die Stelle eines Ego-Bewusstseins tritt ein Zeugenbewusstsein, ein reines Gewahrsein, ein „Ich bin“ statt „Ich bin der und der und die und das…“

2. Der Mensch erfährt sich nicht mehr von anderen getrennt: Hier Ich – da der Rest, sondern als das Ganze selbst: Alles ist eins und auch ich bin alles. An die Stelle eines Ich-Bewusstseins tritt ein Einheitsbewusstsein und ein Verbundenheitsgefühl mit allem und jedem.

Es scheint also gleichermaßen ein Von-Allem-Abstandnehmen wie ein Mit-Allem-Verschmelzen zu sein.

Christian Meyer sieht in seinem Buch „Sieben Schritte zum Aufwachen“ gerade in der Verbindung dieser beiden Elemente das Geheimnis:
(Es) besteht darin, dass Du hundert Prozent fühlst, dich der Lebendigkeit hin gibst und zu hundert Prozent Beobachter, Zeuge und Wahrnehmender bist.

Matthias Pöhm, der sich lange mit diese Frage beschäftigt hat, schreibt auf seinem Blog:

„Erleuchtung ist ein Zustand, in dem Menschen Ihr „Ich“ dauerhaft verloren haben. (…) Erleuchtete beschreiben sich als Eins mit allem, frei von sozialen Ängsten, frei von der Angst vor dem Tod. Sie spüren einen ständigen inneren Frieden mit sich und der Welt. (…)“

Quelle: http://www.spiritueller-blog.com/liste-erleuchtete-menschen

Er führt auf seinem Blog eine Liste angeblich Erleuchteter und analysiert kritisch deren Auftreten und Lehren. Und macht dabei auf etwas extrem wichtiges aufmerksam:

Jede/r Erleuchtete bleibt ein Mensch mit Macken, oder wir könnten auch sagen: einem Schatten. Jeder Erleuchtete – Jesus eingeschlossen – habe sich auch hin und wieder geirrt, Erleuchtung macht nicht schlagartig auf immer unfehlbar, friedfertig und allwissend.

Wobei wir wieder bei unserem Lieblingsthema „Entwicklung“ angekommen wären. Äußerst charmant und gewitzt antwortet Ken Wilber in einem Interview auf die Frage, ob er erleuchtet sei, mit: „Erleuchtet genug.“ Damit macht er deutlich, dass es nicht nur zwei Zuständes des Menschseins gibt: „Erleuchtet – Nicht erleuchtet.“ Menschen sind nunmal keine Lampen mit Ein- und Ausschalter, sondern äußerst komplexe Wesen.

Die Zeitschrift  „Integrale Perspektiven“ befasst sich in einer Ausgabe (34/Juli 2016) mit dem integralen Verständnis von Erleuchtung unter dem Titel: „Aufwachen, Aufwachsen, Aufräumen.“ Denn Ken Wilber selber sieht „Erleuchtung“ etwas komplexer als das manche „Erleuchteten“ gerne hätten, erklärt dadurch aber auch, warum die „Erleuchteten“ teilweise so unterschiedlicher Ansicht sind, was „Erleuchtung“ sei und was ein „Erleuchteter“ zu tun und zu denken habe – und auch warum die „Erleuchteten“ nicht einfach die besseren Menschen sind. Ken Wilber steht nicht umsonst für differenziertes Denken 🙂

Mit den Stichworten „Aufwachen, Aufwachsen, Aufräumen (Waking up, Growing up, cleaning up)“ unterscheidet Ken Wilber in „Integrale Spiritualität“ drei verschiedene Erkenntniswege.  Holzschnittartig erklärt:

Mit „Aufwachen“ sind besondere spirituelle, mystische Erfahrungen gemeint, die uns von einem Tag auf den anderen zu einem neuen Menschen machen können. Das kann eine Nahtoderfahrung, eine Vision oder auch einfach ein ganz besonderer Moment erhöhten Bewusstseins sein. Kurz: Zustände. Nichts dauerhaftes.

Mit „Aufwachsen“ ist der Reifeprozess gemeint, den wir in ganz vielen Bereichen durchlaufen. Kurz: Entwicklung. Etwas dynamisches, nach oben offenes.

Und „Aufräumen“ schließlich meint „Schattenarbeit“, die Bewusstwerdung und die Integration verdrängter Aspekte unserer Persönlichkeit oder Emotionen, die uns ausbremsen und in Bereichen starr machen können.

Paul Smith unterscheidet in seinem Buch „Is your God Big Enough, Close Enough, You Enough? (Ist dein Gott groß genug, nah genug, du genug?), 2017, im Anschluss an Ken Wilber drei Gesichter Gottes:

Den Gott ÜBER den wir reden und nachdenken, den Gott ZU dem wir reden und beten, und den Gott, ALS den wir uns erkennen.

Jesus habe sich als „Sohn Gottes“/das Göttliche in sich erkannt („Ich und der Vater sind eins“, Joh 10,30) und auch andere dazu aufgefordert, dies ebenfalls zu tun. Als Beleg dafür führt er u.a. diese Stelle im Evangelium nach Johannes (10,34-36) an:

34 Jesus erwiderte (seinen Anklägern vor Gericht!): »Steht nicht in eurem Gesetz der Satz: ›Ich habe gesagt: Ihr seid Götter‹? 35 Hier werden also die, an die das Wort Gottes gerichtet war, Götter genannt; und was die Schrift sagt, ist unumstößlich. 36 Mich aber hat der Vater, der heilige Gott, dazu bestimmt, sein Werk zu tun, und hat mich in die Welt gesandt. Wie könnt ihr mir da Gotteslästerung vorwerfen, wenn ich sage: ›Ich bin Gottes Sohn‹? (Neue Genfer Übersetzung)

Doch statt das Göttliche in sich selbst zu erkennen, hielten die Kirchenobersten es für Gotteslästerung und forderten deshalb die Todesstrafe. Indem Jesus im Laufe der Zeit zum „einzigen Sohn Gottes“ und der zweiten Person der Trinität erklärt wurde, ging diese Wahrheit verloren. Es ginge darum, dass zu werden, was wir bereits sind: In der Tiefe unseres Selbst eins – nicht identisch! – mit Gott.

In der lutherischen Kirche, aus der ich stamme, ist es üblich, vom Menschen so zu denken: Alle sind „gleichermaßen Sünder und Gerechte.“ Keiner ist vollkommener, Gott näher,  als der andere. Das ist einerseits richtig, denn, wie oben thematisiert, sind eben auch Erleuchtete „nur“ Menschen. Andererseits hat dieser Glaubenssatz dazu geführt, dass sich kaum einer traut, zu sagen: Ich suche Erleuchtung oder gar: Ich bin erleuchtet. Luther hat das „Schwärmertum“, wie er es nannte, abgelehnt. In den orthodoxen Kirchen dagegen ist es normal, Erleuchtung zu suchen, sie nennen es nur anders: Vergöttlichung, Theosis. Erleuchtete genießen dort als geistliche Väter und sog. Starzen hohes Ansehen. Diese Schüler – Lehrer Beziehung ist eigentlich nur möglich, wenn wir davon ausgehen, dass einer der beiden etwas begriffen und verkörpert hat, was dem anderen noch fehlt und wonach er sich sehnt.

Aus meiner Sicht war die Beziehung zwischen Jesus und seinen Jüngern eine solche zwischen Lehrer/Guru und seinen Schülern. Jesus hat etwas ausgestrahlt und verkörpert, wonach sich seine Schüler und Schülerinnen gesehnt haben: Verbundenheit, Frieden, Liebe, aber auch: Angstfreiheit, Vollmacht, menschliche Erhabenheit. Sie wollten auch so ein Mensch werden wie er.

Nachfolge bedeutet demnach selbstverständlich, sich ebenfalls nach Erleuchtung zu sehnen. Ist doch ganz klar, oder was meint ihr? Und wenn ja, wo seht ihr euch auf der Skala erleuchtet von 1 bis 10 ;-)?

Ich jedenfalls wünschte, ich könnte wie Ken Wilber antworten: „Erleuchtet genug“ 🙂

Mehr zu dem Thema findet ihr auf www.soundstrue.com, einer Audioreihe zum Thema „Erleuchtung.“ Kostet leider nicht wenig 😦

Zur Diskussion um spirituelle Lehrer werdet ihr hier fündig:

http://integralesleben.org/il-home/il-integrales-leben/anwendungen/religion-spiritualitaet/papier-des-if-zur-diskussion-um-spirituelle-lehrer/

Und hier noch das Interview mit Ken Wilber:

Was ist Gott?

Tilmann Haberer, zusammen mit Marion Küstenmacher Autor von „Gott 9.0“, mit einer Predigt zum Thema: „Was ist Gott?“

Großstadtpredigten

Diese Predigt ist inspiriert von einem Vortrag von Marcus J. Borg, „What is God?“ Borg bringt in diesem kurzen Vortrag vieles auf den Punkt, was ich seit langem denke und worüber ich seit langem rede und predige. Am 5. August 2018 habe ich mein gegenwärtiges Bild von Gott in eine Themenpredigt gefasst.

person holding match stick with fire in front of candle with fire Photo by Pixabay on Pexels.com

Was ist Gott?

Liebe Gemeinde, das scheint ja eine eher unpassende Frage zu sein – in einem Gottesdienst! Sollte nicht sonnenklar sein, wen oder was wir hier feiern, wenn wir zum Gottesdienst zusammenkommen?

Meine erste Antwort: Schön wär’s! Schön wär’s, wenn alle, die hier heute anwesend sind, auf Anhieb erklären könnten, was sie meinen, wenn sie das Wort „Gott“ aussprechen.

Aber auch wenn das so sein sollte. Selbst wenn ihr alle eine schlüssige Antwort parat hättet auf die Frage: „Was ist Gott?“ – selbst dann ist es kein Schaden, sich einmal…

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Beten UND Handeln

Lange hatte ich ein klischeehaftes Bild im Kopf, das mich davon abgehalten hat, zu meditieren. Ich sah den untätig herumsitzenden Mönch oder die Nonne vor mir, die ihr Heil in der Stille und Einsamkeit suchen, aber nichts neues in die Welt bringen, keine Familie gründen, kein Unternehmen, keine Kunst schaffen, die Verhältnisse nicht verändern etc. Ich konnte nicht zusammenbringen, warum wir Menschen in der Welt sein sollten, mit einem Körper, Bedürfnissen, Gefühlen, Händen und Ideen, wenn der wahre Sinn des Menschseins darin läge, genau das Gegenteil davon zu suchen: Weg von Ego, weg vom Körper, weg von schmerzhaften Erfahrungen hin zum reinen, immer ausgeglichenen Beobachter. Hat so ein Mensch denn wirklich gelebt? Oder hat er nicht jede Menge verpasst?

Ein Extrembeispiel, das mich abgeschreckt hat, war das Bild eines – mittlerweile durch die Medien berühmten – Inders, der seit über vier Jahrzehnten seinen Arm ununterbrochen nach oben hält, um das Wunder der Willensstärke des Menschen zu demonstrieren.

Was ist denn, fragte ich mich, die Bestimmung des Menschen: Ein makelloser Heiliger zu werden oder ein aufregender Künstler?

Vermutlich liegt die Antwort – ihr ahnt es schon anhand der Überschrift – in dem so folgenreichen Wörtchen: „Und“.

Doch noch eine Befürchtung hatte ich lange Zeit:

Dass ich durch ein häufiges Meditieren den Bezug zur Welt und meinen Mitmenschen verlieren könnte. Ich hatte Angst, dann nicht mehr das tun zu können, was gerade nötig und angebracht wäre.

Doch von zeitgenössischen Mystikern durfte ich hören und lesen, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Erst durch eine regelmäßige kontemplative Praxis nehme ich die Wirklichkeit zunehmend weniger verzerrt war und lerne, entspannter und zielgerichteter zu handeln, zu agieren statt nur zu reagieren und in wichtigen Momenten das angemessene zu tun. Einer dieser Mystiker ist Richard Rohr.

Er ist ein US-amerikanischer Franziskanermönch, geistlicher Lehrer, Bestsellerautor, ein starker Kritiker seiner eigenen Kirche und leitet ein christliches „Zentrum für Aktion und Kontemplation“, wo er unter anderem auch integrale Theologie unterrichtet.

In seinem Buch mit dem Titel „Entscheidend ist das UND. Kontemplativ leben UND engagiert handeln“ betont er immer wieder die Bedeutung, das „Und“ zu denken und zu leben, da es uns vor Einseitigkeit und Oberflächlichkeit bewahrt. Wenn Aktion und Kontemplation eins seien, entstünden „immer Schönheit, Symmetrie und verwandelnde Form“. (S. 14) Da beides gleich wichtig sei, sei das „UND“ dazwischen das wichtigste, also die ständige Verbindung von beidem. Denn die Meditation, das Sitzen und Beten in der Stille, verändert uns und unsere Wahrnehmung und lässt uns anders denken und handeln. Meditation führe dazu, dass Menschen viel weniger in den Kategorien von „entweder-oder“ dächten, sondern zunehmend ein „sowohl-als-auch“ zuließen.

Im Anschluss an Ernst Friedrich Schumacher beschreibt er drei verschiedene Bewusstseinsstufen, die drei Teilen der hebräischen Bibel entsprechen: Gesetz, Propheten, Weisheitsbücher. Das erste steht für Struktur, Grenzen, äußere Autorität etc., dann kommt die Kritik aus einer inneren Autorität heraus, und schließlich folgt die Stufe von Paradox und Geheimnis. Auf dieser geht jegliche Eindeutigkeit verloren und scheinbar widersprüchliche Dinge kommen gleichberechtigt nebeneinander zu stehen. Jeder Mensch und auch jede Religion durchlaufen diese aufeinander aufbauenden Stufen der spirituellen Entwicklung.

Durch Kontemplation gelänge es dem Menschen nach und nach seine eigenen Gaben zu erkennen und diese auszuleben. Dabei hält er die Konzentration für bedeutend: „Wir müssen uns in unserem Leben für ein oder zwei Anliegen aus ganzem Herzen einsetzen.“ (S. 117) Klingt das nicht verheißungsvoll und zugleich entlastend? Wir müssen nicht alles tun, was getan werden müsste, sondern herausfinden, was von uns hier und jetzt getan werden kann wie von keinem anderen. 

Doch Richard Rohr malt keineswegs ein idealisiertes, romantisches Bild der Meditation:

Jede kontemplative Praxis (…) bleibt ein endloses Schattenboxen, immer ist sie harte Arbeit. (S. 104)

Denn wir selbst seien das Hauptproblem, nicht die anderen.

(Zu Schattenarbeit könnt ihr hier mehr lesen: Christliche Schattenarbeit)

Durch Kontemplation wird uns bewusst, dass es für heilsame Veränderungen eine langsame Transformation braucht, keine gewaltsame Revolution, ja nicht einmal eine Reformation. Denn die wahren Feinde sind nicht irgendwo da draußen, sondern in unserem Geist, dem individuellen wie dem kollektiven Bewusstsein. Es braucht deshalb mehr als alles andere Menschen, die bereit sind, sich selbst verwandeln zu lassen und dadurch die Welt zu verändern.

Marion Küstenmacher stellt in ihrem eben erst erschienen Buch „Integrales Christentum“ einen Zusammenhang der Thematik mit den Quadranten in Ken Wilbers Philosophie her.  In dem Quadranten oben rechts (individuell-objektiv) erschiene alles, was jemand ganz konkret tut.

In spiritueller Hinsicht ist dieser Quadrant daher der Lackmustest für jeden Glauben. Jesus hat immer wieder deutlich gemacht, dass nicht unsere Worte, sondern unser Handeln entscheidend ist. (S. 35)

Ein Beispiel wäre: Wenn jemand selbst der Ansicht ist, besonders rechtgläubig zu sein, und daher regelmäßig anderen ihren Abfall vom „wahren Glauben“ vorwirft, so fühlt sich dieser Mensch zwar (Quadrant oben links, individuell-subjektiv) extrem fromm, doch was er konkret tut (Quadrant oben rechts, individuell-objektiv), ist, dass er beständig negativ über andere Menschen richtet, sie dadurch verunsichert, verletzt oder ihnen schlicht auf die Nerven geht. Unter Umständen fällt auch auf, was er alles nicht tut: Er spendet wenig, er engagiert sich nirgendwo, stattdessen verbringt er viel Zeit allein mit seiner Bibel und sondert sich ab.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir Meditation und Aktion miteinander verbinden. Was mir klar geworden ist, habe ich erst richtig begriffen, wenn ich dadurch in ein neues, anderes Tun gekommen bin.

Wir könnten vielleicht sogar noch drastischer sagen: Ohne unser Tun ist alles, was wir in der Kontemplation erfahren haben, sinnlos. Denn erst durch unser Tun wird der Geist Materie, erst dadurch sind wir wirklich Abbilder Gottes, der sich insbesondere durch seine Schöpferkraft auszeichnet. Erst durch ein Tun, das von der Stille und dem Innehalten her inspiriert ist, werden wir zu einzigartigen Individuen, zu faszinierenden Teilchen von Gottes Welt.

Jesus selbst war jedenfalls so ein Mensch, der sich unter die Menschen stürzte, um sich dann wieder zurückzuziehen, der immer hin und her pendelte zwischen Kontemplation und Aktion.

Was meint ihr?

Wenn ihr mehr dazu lesen wollt, werdet ihr hier fündig:

Zentrum für Aktion und Kontemplation: https://cac.org

„Spirituell, aber nicht religiös“ – Menschen auf dem postmodernen Level

Unterschied, aber auch die Verbindung von Spiritualität und Religion

Paul Smith äußert sich in seinem Buch „Integral Christianity“ zu einer Bewegung, die er „Spirituell, aber nicht Religiös“ nennt. Einer Umfrage zufolge definiere sich einer von fünf Amerikanern auf diese Weise.

Er beruft sich dabei auf eine Vermutung in dem gleichnamigen Buch von Robert C. Fuller aus dem Jahre 2001 „Spiritual, but not Religious. Understanding Unchurched Amerika.“ Dieser beschäftigt sich darin mit der Frage, was die Amerikaner damit meinen, wenn sie sich selbst so bezeichnen. Ein Teil davon sehe in der organisierten Religion geradezu den Feind der authentischen Spiritualität, zumindest sei sie nicht notwendig. Sie wiesen damit auf die Gefahr hin, dass die persönliche spirituelle Erfahrung bei dem Befolgen bestimmter Rituale, Wiederholen von Glaubensinhalten etc. auf der Strecke bleibe.

Die Bewegung – früher auch „New Age“ genannt – resultiere daraus, dass Menschen auf dem postmodernen Bewusstseinslevel (entspricht „Grün“ in Spiral Dynamics) damit anfingen, ihre Glaubensinhalte und spirituellen Praktiken selbst auszuwählen.

Das führe zwangsläufig zu Kritik an der traditionellen Kirche, da diese es versäume, bestimmte Themen ernst zu nehmen – wie bspw. verschiedene Bewusstseinszustände.

Eine Schwäche sieht er in dem häufig anzutreffenden Glaubenssatz, wonach jeder Mensch seine Realität selbst schaffe. Diese Sicht konzentriere sich einseitig auf die Perspektive der 1. Person (subjektiv) und blende die 2. und 3. (intersubjektiv und objektiv) völlig aus. Doch die Realität sei ebenso das Ergebnis des Bewusstseins aller anderen Menschen sowie das Ergebnis natürlich gegebener Bedingungen.

In dem unten verlinkten Video erläutert der Jesuit und Priester David McCallum, worin er den Unterschied, aber auch die Verbindung von Spiritualität und Religion sieht.

Der Priester McCallum ist ein Experte im Bereich Erwachsenenbildung, Persönlichkeitsentwicklung und Leadership. Er beschäftigt sich schon lange mit der integralen Theorie.

Eine gesunde Religion schaffe eine Menge Raum für vielfältige Formen an Spiritualität, denn sie sei der ständige Versuch der Rückbindung an eine spirituelle Ursprungserfahrung. Der Gründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyola habe – im Gegensatz zu den evangelischen Reformatoren – beschlossen, seine Kirche durch spirituelle Praxis von innen heraus zu transformieren, statt sich von ihr zu trennen. Dies sei der eigentlich schwerere Weg, denn es sei leichter das Störende und Unvollkommene zu verlassen, statt es weiterhin ertragen und aushalten zu müssen.

Diese Gedanken finde ich in Bezug auf die heutige Situation der Kirche mit ihren zahlreichen Austritten als wesentlich.

Statt sich selbst zu engagieren und seine Stimme für etwas zu erheben, treten viele aus der Kirche aus, weil sie sich über dieses oder jenes ärgern und sich damit nicht identifizieren können. Oder statt in einen Gottesdienst oder zu einer Veranstaltung zu kommen, wo sich zwangsläufig sehr unterschiedliche Charaktere und Meinungen begegnen – was extrem anstrengend und herausfordernd sein kann – beten und/oder meditieren viele lieber mit Gleichgesinnten im Yoga-Kurs oder bei sich daheim etc. Aus meiner Sicht offenbart sich durch ein solches Verhalten häufig der Unwille, an etwas Neuem, Fremdem und Störendem zu wachsen und zu reifen, als eine tatsächliche Überlegenheit. Dazu kommt, dass die Anbindung an eine Gemeinschaft auch Ansprüche an uns selbst stellt wie z.B. früher aufstehen, bestimmte Rituale erlernen und mich regelmäßig daran beteiligen, mich sichtbar und damit angreifbar machen und ähnliches. Trauriger Höhepunkt davon sind Aussagen wie „Mein Glaube geht niemanden etwas an.“ oder „Ich habe meinen Glauben.“ oder das völlige Ausspielen von Privatglauben einerseits und öffentlichem Glauben andererseits. Das ist die EINE Seite.

Die ANDERE ist jene, auf die sowohl McCallum als auch Smith anspielen: Wenn die Gemeinschaft, der ein Mensch innerhalb der Kirche(n) vor Ort begegnet, extrem weit von dem entfernt ist, wie er denkt und lebt, – also mehrere Bewusstseinsstufen dazwischen liegen – sehnt er sich verständlicherweise nach einem Umfeld, das ihn nicht stagnieren, sondern wachsen und lernen lässt. Das ist es, was vermutlich McCallum meint, wenn er davon spricht, dass die Kirche mit „Erwachsenen“ umgehen können muss, also Menschen, die selbst fähig sind, spirituelle Erfahrungen zu reflektieren, Menschen ab der Stufe orange aufwärts.

Quellen: Paul Smith: Integral Christianity: The Spirit’s Call to evolve, 2011.

https://sacredstory.net/about/fr-david-mccallum-s-j-ed-d/

 

MODUL Bewusste Elternschaft

Vor einiger Zeit schrieb mir eine Frau als Antwort auf die Frage nach einem guten Erziehungsratgeber, sinngemäß, das wichtigste sei doch, dass ich einfühlsam sei und es gut meine. Vielleicht hatte sie die Befürchtung, dass es mir so ergeht wie vielen Eltern, dass uns nämlich häufig die vielen Tipps und Tricks der anderen mehr verwirren und verunsichern als weiterzuhelfen. Und weil jedes Kind anders ist und anderes braucht, scheint Einfühlung zunächst eine gute Idee zu sein…doch:

Da beginnt das erste „Problem“: Da ich und mein Kind uns in völlig unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden und die Welt um uns auf andere Weise wahrnehmen und deuten, kommt meine Einfühlung recht schnell an ihre Grenzen. Da lobe ich mir dann doch die moderne Gehirn- und Verhaltensforschung, die mir erklärt, warum mein Kind so tickt wie es tickt. Gute Erziehungsratgeber wissen diese Erkenntnisse so zu erklären, dass vieles sich auf einmal anders verhält als es zunächst schien. (Zum Beispiel, wenn wir Absichten unterstellen oder korrektes Verhalten abverlangen, die das Kind nicht haben oder noch nicht leisten kann.)

„Bewusste Elternschaft“ ist für mich allerdings weit mehr als die gründliche Lektüre moderner und gut fundierter Erziehungsliteratur und das Wissen um Entwicklungspsychologie. Sie beginnt für mich zunächst mit der äußerst spannenden und wichtigen Frage, warum ich/wir überhaupt ein Kind haben will/wollen und wie ich mir ein Leben mit Kind/ern vorstelle. Soll das Leben im Wesentlichen so weitergehen wie bisher – mit einer netten „Ergänzung“ oder einem neuen „Hobby“ – oder bin ich bereit, mein Leben, unsere Beziehung, mein Denken, weiter wachsen und umkrempeln zu lassen?

Wenn wir bereit sind, uns voll und ganz auf unsere Kinder einzulassen, für deren Wohl wir verantwortlich sind, kommen unweigerlich bestimmte Fragen auf:

Was braucht das Kind von mir? Was muss, was kann ich ihm geben? Welche Bedürfnisse hat es? Wie will ich erziehen? Was für Werte will ich vermitteln, was will ich vorleben, wo liegen meine Grenzen, was sind meine Bedürfnisse? etc.pp.

In „Integrale Lebenspraxis, Wilber, Patten, Leonard, Morelli“ äußern sich die Autoren auch zum Thema „Bewusste Elternschaft“ (S. 352f.):

Ein Kind zu einem bewussten, liebevollen, fähigen und glücklichen Menschen großzuziehen, ist eine der wichtigsten und schwierigsten Leistungen im Leben… Durch bewusst praktizierte Elternschaft entwickeln wir sehr viel Weisheit und Mitgefühl.

Eltern werden oder sein ist mindestens so herausfordernd für unsere Entwicklung wie eine Partnerschaft oder das Leben in einer Klostergemeinschaft. Im Umgang mit unseren Kindern werden wir wieder und wieder mit uns selbst konfrontiert.

Und dann haben wir die Wahl: Reagieren wir mit „Augen zu und durch, sie werden es überleben, irgendwann sind sie so oder so groß, können reden und gehen usw.“ oder lassen wir zu, dass unsere Kinder uns mehr und mehr auf neue Fragen stoßen und Dinge ins Bewusstsein bringen, von denen wir nie ahnten, dass sie existieren, eine Rolle spielen, möglich sind?

In dem Spiegel-Bestseller „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“ schreiben die Autorinnen Danielle Graf und Katja Seide:

„(…) die Wut der Eltern trägt mindestens ebenso zu den klassischen Trotzmomenten bei wie die noch fehlenden neurologischen Voraussetzungen der Kinder. Man könnte sogar behaupten, dass viele Streitsituationen im Alltag nur deshalb entstehen, weil die Eltern trotzig sind. Dass bisher kein Ratgeber zum Trotzalter diese Wut der Erwachsenen thematisiert, ist unseres Erachtens Ausdruck für den (…) Blickwinkel der Gesellschaft auf Kinder. Diese müssen sich ändern, sich anpassen und erzogen werden, wohingegen Erwachsene per se im Recht sind und deshalb nicht an sich arbeiten brauchen.“

Die angesprochene Einstellung ist fatal. In der Trotzphase werden wir nicht nur mit der Wut unserer Kinder, sondern auch und ganz wesentlich der eigenen verdrängten und unterdrückten Wut konfrontiert, die oft noch aus unseren Kindertagen in uns schlummert. Diese Erfahrung mache ich gerade durch und ich kann sagen: Da kommt einiges hoch.

Eigentlich logisch: Steckt das Kind in einer bestimmten Entwicklungsphase, kommen bei uns unweigerlich Erinnerungen aus unserem eigenen Leben wieder an die Oberfläche: An die Trotzphase, die Grundschulzeit, die Pubertät etc.

Die Frage ist jedoch: Nutzen wir diese Zeit ausreichend, an uns und damit unserem Umgang mit unseren Kindern zu arbeiten oder versuchen wir unsere Kinder so zu erziehen, dass wir möglichst unverändert so bleiben können, wie wir sind?

In letzterem Fall werden wir kaum ohne die herkömmlichen Erziehungsmethoden wie „Lob“ und „Tadel“, „Belohnung“ und „Bestrafung“ auskommen. Was ist das Problem an dieser Art der Erziehung?

  1. Sie ist für beide Seiten anstrengend und führt zu Stress und Streit.
  2. Sie führt zu Entfremdung zwischen Eltern und Kind und dem Kind sich selbst gegenüber. Hans-Joachim Maas schreibt in seinem Buch: „Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm“:

In der Folge des Liebesmangels lernen Kinder allmählich herauszufinden, wofür sie Anerkennung und Zuwendung von den Eltern bekommen können. Damit beginnt ein lebenslang anhaltender Prozess der Entfremdung: Man tut nicht mehr, was wirklich zu einem passt und individuell möglich ist, sondern was erwartet wird, um über die Anpassung Bestätigung zu erfahren. Ein Leben neben der Spur! Lob und Tadel sind die Erziehungsinstrumente, die das falsche Selbst züchten.

Ruth berichtet auf ihrem Blog, von ihrer Reise weg von Erziehung zu einem Elternsein, dass sie „unerzogen“ nennt. Für Eltern bietet sie einen Wutkurs und eine „Elternakademie“ an, in der sie Alternativen dazu vermittelt.

Sie schreibt treffend:

Wenn du deinen Scheiß überwinden willst, um näher an deinen Werten deine Kinder zu begleiten, ist das schwer. (…) Niemand bekommt das mal so eben hin, der erzieherischer Gewalt ausgesetzt war.

Nimm dir deine Zeit. Hör auf, deine Kinder irgendwo einzuordnen und gib dir den Raum, zu heilen.

Denn am Ende bedeutet bedürfnisorientierte, friedliche Elternschaft genau das: Sich selbst den Raum zum Heilen zu geben.

https://derkompass.org/2018/06/09/eltern-sein-das-bessere-hobby-warum-mich-die-selbstverstaendlichkeit-der-elternrolle-ankotzt/

Sie unterstreicht, dass es sich bei der klassischen Erziehungsmethode „Belohnung“ und „Bestrafung“ um eine Form der seelischen Gewalt und Manipulation handelt. Da dies jedoch vielen nicht bewusst ist – oder nicht so gesehen wird – haben die meisten von uns selbst als Kinder nichts anderes kennengelernt. Wenn wir nun selbst wiederum Kinder großziehen, ist die Gefahr groß, dass wir trotz guten – möglicherweise gegenteiligen Vorsätzen – auf alte Muster zurückgreifen, die uns vertraut sind und daher nahe liegen. Ganz besonders ist das der Fall in Momenten der Überforderung oder Übermüdung. So setzt sich die Gewaltspirale fort.

Ihr erinnert euch: Die oben genannte Frau riet mir mit Einfühlungsvermögen und gutem Willen zu handeln. Doch: Wenn wir derart unbewusst „erziehen“, verwechseln wir innere Weisheit mit dem, was noch an angelernten Programmen in unserem Unbewussten schlummert.

D. Graf und K. Seide warnen ganz zu Recht:

Wenn Eltern also nach ihrem Bauchgefühl handeln, erziehen sie im Prinzip unbewusst genauso, wie ihre Großeltern und Eltern erzogen haben. Diese Tatsache ist gut und schön, wenn man selbst eine feinfühlige, emphatisch reagierende Mutter hatte, die alle Signale zeitnah und richtig entschlüsseln konnte und Bedürfnisse liebevoll befriedigt hat. Ist man jedoch in Europa aufgewachsen und die Vorfahren entstammen einer Generation, die mit der schwarzen Pädagogik aufwuchs, ist es vielleicht nicht schlecht, sein eigenes Bauchgefühl noch einmal zu überdenken (…) (S. 71f.)

Kinder großziehen bedeutet also: In die eigene Kindheit zurückzureisen, sich möglichem altem Schmerz zu stellen, Erziehungskonzepte und Vorstellungen davon, was Kinder sind und wie sie zu sein haben, loszulassen. Immer wieder neue Fragen haben, nach Lösungen suchen und diese dann so zu leben, wie ich es derzeit verantworten kann.

Es ist eine Reise, und sicher auch eine Reise zu mir selbst. Geholfen haben mir selbst bis jetzt gute (d.h. wissenschaftlich fundierte und (selbst)kritische) Ratgeber, der Austausch mit anderen Frauen und immer wieder ein klärendes Gespräch mit meinem Mann oder meiner eigenen Mutter. Doch ich komme immer wieder an meine Grenzen.

Und vielleicht passt das Kind, dass dann herauskommt, gar nicht in diese (alte) Gesellschaft. Aber wer weiß – vielleicht ändert sich ja auch die Gesellschaft irgendwann und irgendwie durch solcher Art Kinder?

Und ihr? Welche Erfahrungen macht ihr als Eltern oder auch Großeltern mit diesem Thema?

MODUL GEIST: „Mystik to go“ – das immerwährende Jesusgebet

Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Menschen ganz offenbar ein starkes Problem mit dem Warten haben. Oder mit dem Aushalten von Untätigkeit. Oder Stille.

Beispiel 1: Neulich an der Kasse im Supermarkt: drei Leute vor mir und zwei hinter mir. Eine ältere Dame klagt laut, bevor sie sich ebenfalls anstellt: „Oje, die Schlange wird ja immer länger.“ Sie jammerte so lange, bis ein Herr sie vorließ. Dabei war ich mir sicher, dass diese Frau aufgrund ihres Alters schon mindestens zehn Jahre lang in Rente sein musste. Dennoch: Auch so kurzes Warten war eine Qual für sie.

Beispiel 2: Ein einziges Mal erlaubte ich mir als Pfarrerin das Eingangsgebet, das bei uns üblicherweise laut vom Pfarrer vorgetragen wird und durch ein kurz gehaltenes Schweigen beendet wird, durch eine längere Schweigephase von einer Viertelstunde zu ersetzen. Vom Küster erfuhr ich hinterher, dass ein älterer Mann, regelmäßiger Kirchgänger, sich beschwert hatte und drohte, dass er nie wieder käme, wenn das noch einmal geschehen würde. Das Schweigen muss schrecklich für ihn gewesen sein.

Beispiel 3: Du kennst sicher auch Menschen mit der Angewohnheit, immer etwas sagen zu müssen. Vielleicht bist du selbst manchmal einer davon? Wenn jemand neben dir sitzt oder geht, bist du kaum eine Minute still. Du redest irgendetwas, meist oberflächliches Zeug, das weder dich noch den anderen wirklich interessiert, Hauptsache, es ist nicht still.

Es gibt einen Weg dieses Leiden in pures Glück zu verwandeln. Es ist das Jesusgebet – oder Herzensgebet „to go“.

Statt quälender und bedrohlicher Leere finden wir eine gigantische Fülle und Tiefe in uns vor, von der wir nie genug bekommen können.

In einem Klassiker der spirituellen Literatur, „Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers“ geht es genau darum: Das immerwährende Jesusgebet. Es geht dabei – siehe dazu einführend auch meinen Artikel „Ruhegebet“ – um die ständige, an den Atem angepasste, Wiederholung des Namens Jesu oder eines anderen Mantras in Gedanken.

Ein unbekannter Verfasser berichtet von seinen Gebetserfahrungen. Früh Witwer geworden, beginnt er zu pilgern. In einer Kirche hört er eine Lesung, die ihn mitten ins Herz trifft.

16 Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.

Brief an die Thessalonicher, 5, 17

Die Frage, was das bedeuten soll, lässt ihn nicht mehr los. Er sucht so lange, bis er einen geistlichen Vater findet, der ihm erklärt, wie das möglich ist und ihm ein Buch empfiehlt, das ihm dabei hilft, es zu erlernen: Die Philokalie, eine Sammlung von Schriften heiliger Väter, die in die Gebetsform einführen. Ab sofort fast ununterbrochen betend und die Schrift studierend, wird zum Schüler und schließlich selbst zum Lehrer für viele. Das Praktizieren des Jesusgebetes wird zu seinem Lebensinhalt und verwandelt ihn nach und nach in einen anderen Menschen. Ein lesenswertes Buch, das sich noch einmal ganz anders und intensiver liest, wenn man selbst mit der Gebetspraxis beginnt.

Häufig finden wir die Angabe, dass empfohlen wird, zweimal am Tag für zwanzig Minuten das Jesus/Ruhe/Herzensgebet zu sprechen.

Zunächst empfand ich diese Angabe befremdlich, denn in der östlichen Theologie habe ich derartiges nie gehört oder gelesen. Dann habe ich es eine Weile probiert, auch wenn es mir schwer fiel, dieses Ritual täglich um dieselbe Uhrzeit einzuhalten – dafür war ich immer zu beschäftigt und zu chaotisch. Mit Kleinkind klappte es dann gar nicht mehr und ich war ratlos. Deshalb bin ich umso glücklicher, dass ich auf das Buch von Prof. Sabine Bobert gestoßen bin: „Mystik und Coaching mit MTP – Mental Turning Point.“ Sie beschreibt darin ihr Konzept moderner Mystik – einer Mystik to go. Sie schreibt darin im Vorwort:

Das Christentum ist keine Lehre, sondern in erster Linie eine Lebenspraxis, die auf die Vereinigung des Menschen mit Gott zielt…Es geht um eine Mystik, die mitten im urbanen Kontext eingeübt werden kann…aus einer lebendigen Mystik wird ein undogmatisches Christentum geboren, bei dem jeder seine Erfahrungen in eigene Worte fassen kann… Die neuen Mystikerinnen und Mystiker lassen den Streit über Begriffe hinter sich, weil sie durch Erfahren begreifen.

Das Jesusgebet wird nicht zu bestimmten Gebetszeiten gesprochen, sondern immer, wenn es möglich ist, auch an der Kasse, im Wartezimmer, vor dem Schlafengehen und und. Endlich kann also auch ich das Gebet wieder pflegen – viel länger und öfter als jemals zuvor und das trotz einem Kleinkind, das nahezu meine ständige Aufmerksamkeit einfordert.

Woher stammt dann aber die Empfehlung fester, zeitlich begrenzter Gebetsphasen?

Es geht darum, dass es tatsächlich möglich ist, es mit dem Gebet zu übertreiben. Dann drohen Gefahren auf dem Weg: Gesundheitliche und psychische Probleme bis hin zum Wahnsinn. Zum Glück gibt Prof. Bobert eine Liste von Anzeichen, an denen wir erkennen können, ob wir uns bereits in einer solchen Gefahrenzone bewegen. Wenn wir diese an uns bemerken, rät sie dazu, uns an einen erfahrenen Lehrer zu wenden und nur mit dessen Begleitung weiter zu praktizieren. Das finde ich eine wunderbare Lösung, die mich zu einem mündigen Menschen macht: Ich darf so viel beten, wie ich will, und mir wird zugetraut, selbst erkennen zu können, wann es zu viel des Guten war und Hilfe aufzusuchen. Denn das Problem ist nicht, dass viel Beten an sich schädlich werden könnte – ganz im Gegenteil wirkt es sogar äußerst positiv auf unsere Gesundheit -, sondern darum, dass die Entwicklung, die durch das Mantrabeten bei uns angestoßen wird, uns überfordern und überrennen kann. Wenn das Tempo unser Entwicklung durch das Non-Stop-Beten zu hoch wird, kann es sein, dass es uns nicht mehr gelingt, das Alte, was in uns hoch kommt, und das Neue, das entsteht, zu verarbeiten.

Ich kann deshalb nur dazu raten, dieses Buch zu kaufen, bevor ihr mit dem „Jesusgebet to go“ startet. Neben der besagten Liste findet ihr darin zahlreiche andere wertvolle Tipps, Erläuterungen und Hinweise sowie Erfahrungsberichte von Übenden. In Prof. Boberts Konzept ist das Jesusgebet nur ein, wenn auch der wichtigste Pfeiler, spiritueller Praxis. Während dieses den Geist/das Denken trainiert, gibt es zwei weitere Übungen innerhalb ihres Konzepts, einmal für den Umgang mit Gefühlen, einmal für die Stärkung des eigenen Willens, die ebenso mühelos in den Alltag integriert werden können. Ich berichte gerne an anderer Stelle über meine Erfahrungen damit.

Hier eine kurze Einführung durch Prof. Bobert selbst:

Warum lohnt es sich, es mit dem Jesusgebet zu versuchen?

Ganz einfach: Die meisten, die einmal ernsthaft damit angefangen haben, wollen nicht mehr damit aufhören. Das Jesusgebet bringt uns relativ schnell in einen Zustand, aus dem wir am liebsten nicht mehr herauskämen. Und nach und nach verändert es uns und unser Leben in einem positiven Sinn: Es verbessert nachweislich unsere Gesundheit, es macht uns psychisch heil und stabil, lässt uns in der Gegenwart ankommen und führt uns auf dem mystischen Entwicklungspfad über die Reinigung zur Erleuchtung.

Und im Gegensatz zu TM (Transzendentaler Meditation) müssen wir nicht erst Unsummen an Geld ausgeben, um darin geschult zu werden. Wenn wir uns je doch einen Lehrer wünschen oder ihn brauchen, dürfen wir einfach im Gebet um diesen bitten und können darauf vertrauen, dass er zur richtigen Zeit in unser Leben kommt.

Das Buch findet ihr hier:

https://www.vier-tuerme-verlag.de/religion-und-spiritualitaet/gebet-und-kontemplation/42/mystik-und-coaching-mit-mtp-mental-turning-point

Die kleine Philokalie und die „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“ findet ihr u.a. hier:

https://edition-hagia-sophia.de/index.php/kleine-philokalie-betrachtungen-der-monchsvater-uber-das-herzensgebet.html

https://edition-hagia-sophia.de/index.php/aufrichtige-erzahlungen-eines-russischen-pilgers.html

Was meint ihr?