Warum wir krank werden

„Dieser Wahn, daß wir all das, was uns geschieht, selbst initiiert haben, ist so destruktiv, so aggressiv…“

Wieder habe ich „Ken Wilber“ in einem Bibliothekskatalog unter der Kategorie „New Age“ gefunden. So etwas ärgert mich. „New Age“ ist eine Sammelbezeichnung aus den 70er Jahren für verschiedene esoterische oder alternative Strömungen. Und Ken Wilber ist ganz sicher kein Vertreter dieser Strömungen, sondern einer ihrer schärfsten Kritiker.

Ich möchte das heute an einem Beispiel verdeutlichen: Der Entstehung von Krankheiten.

Eine Tendenz innerhalb des New Age war und auch moderner alternativer Spiritualität ist es, als Ursache für Krankheit in erster Linie, wenn nicht gar ausschließlich psychische Faktoren geltend zu machen. Häufig paart sich das mit der Überzeugung, das überhaupt generell alles, was wir erleben, schlussendlich auch wir selbst – unser Ego-Bewusstsein – geschaffen haben. Und das ist schlicht einseitig. Das lässt sich anhand Ken Wilber Quadrantenmodell leicht erkennen: Alles wird auf den Quadranten oben links reduziert: „Quadrantenabsolutismus“ pur.

In der Facebookgruppe des Integralen Forums hat neulich jemand allen Ernstes behauptet, dass es Unsinn sei, Kinder zu impfen, da alle Krankheiten psychisch bedingt seien. (!!)

Aus der Erkenntnis „Psychische Faktoren spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Krankheiten“ wird ein „Krankheiten sind immer selbstgemacht“.

Wenn aber eine Krankheit auftaucht, dann ist es immer eine Botschaft der Seele. Eine andere Ursache für eine Krankheit gibt es nicht.

http://www.spirituelle.info/artikel.php?id=39

Mit jeder Erkrankung will Ihr Unterbewusstsein Ihnen etwas sagen… Goldene Regel: Suchen Sie nach der Botschaft, die in Ihrer Krankheit stecken kann.

https://www.simplify.de/gesundheit/weitere-gesundheitstipps/artikel/die-geheimsprache-der-krankheit/

Das hört sich zunächst verlockend an. Denn es ist so schön einfach: „Finde heraus, was deine Seele dir sagen will, und schon wirst du wieder gesund.“

Der Bestseller Autor Rüdiger Dahlke ordnet in seinen Büchern „Krankheit als Symbol“, „Krankheit als Sprache der Seele“ und „Krankheit als Weg“ jeder Krankheit passende Seelenthemen zu.

Das kann in der Tat sehr hilfreich sein. Langjährige psychosomatische Forschung hat außerdem ergeben, dass der Einfluss des Geistes auf unseren Körper ungeahnt groß ist (Placebo-Effekt, Psychoneuroimmunologie und die Rolle von emotionalem Dauerstress etc.)

Nur ist es eben gefährlich einseitig. Und es kann schnell „kippen.“ Was, wenn dein Ehepartner plötzlich an Krebs erkrankt und nicht wieder gesund wird? Wirst du ihm dann insgeheim vor, es läge nur daran, dass er sich seinem „Seelenthema“ nicht stellt?

Im Grunde sagte ich nicht: „Ich nehme Anteil an deiner Not, wie kann ich helfen?“, sondern „Was hast du falsch gemacht? Wo hast du versagt?“ Und nicht zuletzt: „Wie kann ich mich selber schützen?“ Angst, also uneingestandene Angst, war das, was mich trieb…

Treya Wilber, Mut und Gnade

Kurz nach seiner Hochzeit mit Terry Killam erfährt Ken Wilber, dass sie Brustkrebs hat. Das sehr persönliche Buch „Grace and Grit: Spirituality and Healing in the Life of Treya Killam Wilber (Mut und Gnade)“ berichtet von ihrer gemeinsamen Zeit und der Erkrankung, die sie schließlich das Leben kostet. Die Ereignisse werden dabei jeweils abwechselnd aus Kens Sicht und der seiner Frau geschildert.

Sie schreibt:

„Die ganze Logik mit der Selbstverursachung meiner Krankheit(en) steht wieder auf der Tagesordnung. Wer Gegenstand solcher Theorien ist oder selbst über sich theoretisiert, sieht die Frage der Verantwortung häufig unter dem Gesichtspunkt der Schuld: „Was habe ich falsch getan, daß ich so was verdiene?“ (…) Ich habe diese „Logik“ manchmal auf mich selbst angewendet. Auch Freunde sind darin sehr eifrig. Ich habe es bei meiner Mutter gemacht vor achtzehn Jahren, als sie Krebs bekam, und ich kann mir vorstellen, daß sie sich ein bißchen vergewaltigt fühlte – und wie recht sie hatte… Deshalb sage ich immer wieder, daß Krankheiten meiner Überzeugung nach viele Ursachen haben – erbliche Belastung, Ernährung, Lebensweise, Persönlichkeit; wer aber sagt, daß einer dieser Faktoren der einzig wichtige sei, daß die Persönlichkeit allein die Erkrankung herbeiführe, der übersieht, daß wir zwar unsere Reaktion auf das, was uns geschieht, steuern können, nicht immer jedoch das Geschehen selbst. Dieser Wahn, daß wir all das, was uns geschieht, selbst initiiert haben, ist so destruktiv, so aggressiv.“

Im Zuge der Erkrankung setzen sich Ken und Treya intensiv mit den verschiedenen Erklärungsmodellen für Krankheiten auseinander.

Die Fundamentalisten sähen Krankheit als Strafe Gottes für irgendeine Sünde. Die New Age Leute sehen die Krankheit als eine Lektion des Geistes, durch die wir etwas lernen sollen. Psychologen sehen die Krankheit als eine Folge verdrängter Emotionen. Diese Erklärungsmodelle lassen sich dem linken Quadranten zuordnen.

Schulmediziner sehen v.a. biologische Ursachen (Viren, genetische Veranlagung, Umweltfaktoren, Ernährungsweise). Andere sehen die Krankheit als Folge von schlechtem Karma, also einem fehlerhaften Handeln aus einem früheren Leben. Diese Erklärungsmodelle lassen sich dem rechten Quadranten zuordnen.

Eine ganzheitliche Sicht sieht die Krankheit als ein Produkt all dieser Faktoren: Emotionen, Seelenthemen, körperliche Veranlagung, Lebensweise, zwischenmenschliches Umfeld, gesellschaftlicher Umgang mit der Krankheit, Zugang zu medizinischer Versorgung etc.

Quadrant Krankheitsentstehung

Jesus hatte all diese Faktoren im Blick:

  • Er fragte die Kranken „Willst du gesund werden?“ Er wusste also, dass die Psyche des Kranken einen entscheidenden Einfluss auf den Verlauf der Krankheit haben kann. (Quadrant links oben)
  • Er wandte sich den Kranken zu, weil er um die Bedeutung zwischenmenschlicher Faktoren wusste – z.B. galten Leprakranke als „unrein“ oder Kranke allgemein als „Sünder“. (Quadrant links unten)
  • Er übte Systemkritik, indem er z.B. ganz umsonst heilte, ohne Geld zu verlangen oder dem Sabbat keine Beachtung schenkte, wenn es um die Gesundheit eines Menschen ging.(Quadrant rechts unten)
  • Und viele Menschen waren Zeuge davon, dass er andere Menschen wirklich gesund machte, wenn auch bis heute rätselhaft bleibt, auf welche Weise. Vermutlich werden wir durch die Fortschritte in der medizinischen Forschung irgendwann besser in der Lage sein, dies zu erklären. (Quadrant rechts oben)

Ihr kennt sicherlich alle die Stelle im Johannesevangelium (Kap. 9), wo Jesus einen Menschen trifft, der seit seiner Geburt blind ist. Seine Jünger wollen wissen, wer Schuld hat, er oder seine Eltern. Dahinter steht der Glaube, dass jede Krankheit selbst verursacht wird, in diesem Fall offenbar gekoppelt mit einer Vorstellung von Wiedergeburt und Karma. Und Jesus antwortet ihnen:

Es ist weder seine Schuld noch die seiner Eltern. An ihm soll das Handeln Gottes sichtbar werden.

Er wurde also, so Jesus, blind geboren, damit er ihn heilen kann. Jesus versteht dessen Krankheit hier eindeutig nicht als Folge eines „Seelenthemas“ oder „Schuld“ des Blinden, sondern weist ihr eine ganz andere Funktion zu. Jesus sagt nicht, es ist purer, blinder Zufall, dass es dich getroffen hat. Sondern: Der Sinn deiner Krankheit wird sich in deinem Leben noch zeigen.

Es geht ihm nicht um die Ursache, sondern die Folge.

Eine Folge davon, dass Ken Wilbers Frau krank wurde, war, dass sie sich in der Begleitung krebskranker Menschen engagierte und als Künstlerin ihre Bestimmung fand. Eine andere Folge war, dass die Liebe zwischen Ken und Treya noch tiefer wurde, weil sie diese Krise zu meistern hatte. Und eine weitere Folge davon war das Buch „Mut und Gnade“, das Ken Wilber nach ihrem Tod herausbrachte und das seither unzählig viele Menschen zum Weinen gebracht, inspiriert und getröstet hat.

Als ich Mut und Gnade schrieb, nahm ich an, dass vielleicht ein Jahr lang eine Flut von Briefen käme, die dann nachlassen würde. Aber die Briefe kommen nach wie vor, jeden Monat Dutzende, deren Inhalt mir sehr nahe geht.

Ken Wilber, Einfach „Das“, S. 62

Genauso wenig wie wir über alle Ursachen einer Krankheit Bescheid wissen, wissen wir über alle kurzfristigen oder längerfristigen Folgen einer Krankheit Bescheid. Manchmal geht es offenbar nicht darum, eine Krankheit so schnell wie möglich wieder „weg zu machen“, sondern darum, zu lernen, mit dieser Krankheit zu leben: Eine Herausforderung für den Betroffenen, die Angehörigen, die Gesellschaft, in allen Bereichen, auf allen Ebenen. Und manchmal ist eine Krankheit auch eine Erfahrung, die uns reifen lässt und verständnisvoller macht. Das jedoch hängt tatsächlich allein von uns ab.

„Wer an einer schweren Krankheit leidet, wird sich dadurch vielleicht tiefgreifend ändern, aber daraus folgt nicht, daß er krank wurde, weil ihm das durch die Veränderung Entstandene früher gefehlt hat.“

Ken Wilber, Mut und Gnade

 

 

MODUL GEIST: Kampf den negativen Gedanken!

… oder vielleicht doch eher: Her damit!?

Hallo! Am Freitagabend musste ich ins Krankenhaus. Ich war dabei, meinen Sohn ins Bett zu bringen, und wollte den Vorhang zuziehen. Das klemmte ein bisschen und schon brach unsere Gardinenstange ab und sauste auf meinen Mund, der wie wild zu bluten begann. Ich habe es wesentlich weniger ruhig angenommen, als ich mir erhofft hatte – brach in Panik aus und rief um Hilfe. Mein Mann rief also den Notarzt an, weil er bei der Menge Blut ebenfalls nicht sicher war, was genau bei mir kaputt war. Erst als ich wusste: Es ist nur die Oberlippe gerissen, wurde ich wieder ruhig. Der Chirurg nähte sie dann mit zwei Stichen wieder zu. Da mein Nervensystem extrem schmerzempfindlich ist, war ich froh, dass es mir gelang, dabei einfach zu meditieren.

Ihr habt sicherlich auch schon zigfach den Rat gehört: „Denk was schönes!“ Denn es sind meist gar nicht die Schmerzen an sich, sondern unsere Gedanken und Deutungen, die den Schmerz begleiten, die etwas wirklich furchtbar werden lassen. In Panik ist der Schmerz riesengroß – alle Wahrnehmung ist ausschließlich darauf fokussiert, das gerade etwas ganz schreckliches passiert und auf den Wunsch: „Ich will das nicht! Holt mich hier raus!“

Ohne abwertende, ängstliche Gedanken wird Schmerz erträglich(er).

Unsere Gedanken zu beobachten, wie wir es während einer Meditation tun, hat deshalb auch im Alltagsleben extrem viele Vorteile.

Ihr wisst aus eigener Erfahrung, dass der Gedanke „Alle Menschen sind in ihrem Kern wunderschön“ und der Gedanke „Alle Muslime sind gewalttätig“ sich nicht nur krass von ihrem Inhalt her unterscheiden, sondern auch gänzlich gegensätzliche Gefühle in uns auslösen: Euphorie und Liebe oder Hass und Angst.

Früher hatte ich häufig depressive Phasen und keine Ahnung, wie ich da wieder herauskommen könnte. Heute frage ich mich, was hast du gedacht, kurz bevor du so traurig oder hoffnungslos geworden bist? Und ich mir fällt eigentlich immer ein, dass irgendein querer, verallgemeinernder Gedanke der Auslöser war, wie „mein Leben ist doof“, „alles ist ungerecht“, „mich mag niemand“, „ich bin komisch“.

Wir wissen heute, dass unsere Gedanken Folgen haben: Unser Körper schüttet in Reaktion auf diese verschiedene Hormone aus: Entweder Glückshormone oder Stresshormone. Und letztere können auf Dauer Krankheiten (mit)verursachen.

Vor einigen Jahren überkam mich in einem Konzert die Idee: Was würde mit mir passieren, wenn ich nur noch heilsame Gedanken denken würde? Danke, dass… Ich bin gespannt, was… Mal schauen, was… Schöne Gedanken sammeln wie „Ich liebe das Leben“, „Alle Menschen sind meine Geschwister!“

Was für eine Vision: Mit positiven Gedanken den negativen den Kampf ansagen!

Schließlich sind die negativen ja an allem schuld:

Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. All dies Böse kommt von innen heraus und macht den Menschen unrein.

Jesus (Mk 7,21, Neue Genfer Übersetzung)

Doch ab jetzt nur noch „positiv denken“? Klappt vermutlich weder auf Anhieb noch auf Dauer. Dann stapeln wir nur positive Affirmationen obendrauf, wissen aber nicht, was sich darunter befindet – denn die meisten unserer Gedanken – unsere tiefliegenden Programme und Überzeugungen – sind uns gar nicht bewusst. Die negativen Gedanken bleiben erhalten. Alles, was wir damit machen, ist: Wir drängen sie fort, packen sie weg, noch tiefer ins Unbewusste, und geben ihnen dadurch noch mehr Macht.

Also Vorsicht! Durch ein „Mist! Schon wieder negativ gedacht!“ vermehren wir nur unsere Gedanken und verkrampfen uns, statt loszulassen und zu entspannen.

Es wäre also verkehrt, während dem Meditieren krampfhaft darauf acht zu geben, dass wir bloß nichts schlimmes denken. Wir nehmen einfach wahr, was aufsteigt: Auch die „bösen“, unangenehmen Gedanken.

Das eigene Denken zu beobachten, heißt, es nicht zu bewachen und auch nicht zu bewerten. So verstehe ich heute den Rat, dem Bösen nicht zu widerstehen: (Matthäus 5,39) Alles Böse, gegen das wir uns wehren, wird stärker und böser. Beim Gebet geht um Hingabe, ums Annehmen und Loslassen negativer wie auch positiver Gefühle.

Die Nebenwirkung: Die positiven Gedanken und Gefühle werden dabei ganz automatisch mehr. Warum?

Durch reines Beobachten distanzieren wir uns von unseren Gedanken – wir nehmen sie als Objekte außerhalb von uns wahr statt völlig mit ihnen verschmolzen zu sein (Metakognition). Dadurch verlieren diese nach und nach die Macht, uns unglücklich zu machen.

Dazu äußert sich wunderbar Eckhardt Tolle mit „Küss den Frosch“:

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht?

MODUL GEIST: Vier Tage und vier Nächte allein in die Natur

Interview mit der Autorin und Wildnispädagogin Anne-Maria Apelt

Anne-Maria Apelt ist Wildnispädagogin, Fotografin und Visionssucheleiterin. Privat lebt sie in Essen an der Ruhr und ist verheiratet. Vor kurzem ist ihr erstes Buch erschienen.

Liebe Anne-Maria,

Wenn ich das richtig verstanden habe, so hast du dich selbstständig gemacht und auf Naturrituale und Portraitfotografie spezialisiert. Du nennst das, was du anbietest, „Lebensentdeckungsreisen“. Wie kamst du selbst zu diesem Thema?

Eine meiner Hauptfragen meines Lebens war immer, wofür ich auf der Welt bin und mein tiefster Wunsch ist bis heute, gemeinsam mit Menschen Antworten auf diese Frage zu bekommen. Was der Sinn und die Bestimmung meines Lebens sein könnte und ist, welche Gaben, Charakter und Wesenszüge mich prägen. Viele Tests, Methoden, Therapien, Seelsorge und Beratungen haben mich weiter gebracht. Am meisten haben mich die geprägt, in denen ich mich über den Verstandeshorizont in die Erfahrungsebenen begeben habe. Allen voran die Erfahrung der Visionssuche.

Anlass war eine Lebenskrise. Es ging nicht mehr vorwärts noch rückwärts. Ich hatte alles verloren. Job, Orientierung, Glauben. Beziehung, Netzwerke. Alle Pläne waren nicht aufgegangen und ich war weit davon entfernt eine Antwort auf die Frage zu finden, wofür ich auf der Welt bin. Die Erfahrung dann an einer Visionssuche teilzunehmen, mich 14 Tage lang meinen Fragen zu widmen, vier Tage und vier Nächte davon allein in der Natur zu sein, zurückgeworfen nur auf mich, ohne Hilfsmittel.

Die Natur und ich. Gott und ich. Oder das was ich bis zu dem Zeitpunkt davon hielt. Die Natur als Buch vor mir, in dem ich begann zu lesen, meine Angst zu sehen, mich auszuhalten, meine Grenzen zu akzeptieren, meine Möglichkeiten zu wertschätzen. Wie eine Libelle, die als Larve einen Kokon spinnt, sich verpuppt, und sich alles in der Puppe auflöst was sie bisher war – bis auf die Imagozellen die das neue Herz bilden – und sich dann neu zusammensetzt zu einer neuen Gestalt: der Libelle. Vier Tage und vier Nächte Kokon spinnen. Ich kann nur sagen, das war das Beste was ich gemacht habe.

Die Auswirkungen habe ich erst im Verlauf des Jahres danach so richtig zu fassen bekommen. Und dann kam der Ruf von Menschen, die in mir etwas Neues gesehen haben, dass ich selbst solche Formate in der Natur anbieten solle. Und tatsächlich setzte sich durch meine Ausbildung zur Visionssucheleiterin ein Puzzleteil nach dem anderen zusammen. Viele lose Enden meiner Berufsentscheidungen, Lebensentwürfe, Konzepte fügten sich ganz neu zusammen in genau das, was ich heute mache: Menschen auf ihrer eigenen Entdeckungsreise in ihrem Leben begleiten. Am liebsten in der Natur. Das hat viele Facetten, die Naturritualarbeit ist eine davon. Die Fotografie kam von allein hinzu. Für beide Aufgaben brauch ich einen Blick für Menschen, wie sie sind. Dieser Blick ist mir geschenkt. Ich drück das gern auch im Foto aus. Lieber ist es mir allerdings, wenn Menschen sich im Spiegel der Natur selbst neu entdecken. Die Natur erlebe ich als unbestechlich, wahr und heilsam. Ich als spirituelle Person würde auch sagen: daher kommen göttliche Antworten auf meine Fragen.

Du bietest unter anderem Visionssuchen an. Als Beschreibung habe ich gefunden: „Vier Tage und Nächte allein in der Wildnis, fastend und ohne schützende und trennende Wände zwischen dir und der Natur.“ Was sind das für Menschen, die du sich auf so eine Herausforderung einlassen? Junge Familienmütter wie ich werden es wohl eher seltener sein…

Oh, das sind Menschen aus allen Lebensbereichen und Altersgruppen. Es sind Menschen an den Bruchstellen ihres Lebens: Trennung, Tod, Heirat, Geburt, Abschied, neuer Beruf, all das können Gründe sein. In jedem Fall geht eine tiefe Frage dem Ritual voraus, so etwas macht man nicht „einfach mal so“. Dazu kommen persönliche Reife und das Eingeständnis, dass die eigenen Systeme und Muster nicht mehr funktionieren. Ein Umbruch oder eine Krise kann jederzeit im Leben vorkommen, ob man 20 ist oder 80 oder gerade Eltern geworden ist.

Meistens kommen Menschen an den typischen Wendepunkten des Lebens rund um die 30 oder 45. Oder es stehen Lebensentscheidungen zum Thema Beruf, Beziehung, Elternschaft an, die geklärt werden wollen. So auch bei mir damals.

Die meisten von uns leben heute sehr abgeschirmt von der Natur, Alleinsein kommt selten vor und mit radikalem Fasten sind wir wenig vertraut. Warum gleich alles auf einmal?

Allein sein, fasten und in der Natur sein sind keine neuen Erfindungen. Es handelt sich dabei um eine alte spirituelle Übung,  die in allen Kulturen und Generationen vor uns gemacht worden sind. Kein Schutz und keinen Rückzug zu haben, auf sich geworfen sein, erleben die meisten Menschen bei einer Visionssuche zum ersten Mal.

Den meisten fällt da draußen weder die Natur, noch das Alleinsein, noch das Fasten wirklich schwer. Man ist einfach mit ganz anderen Dingen beschäftigt, weil man zum ersten Mal Zeit hat mit sich selbst. Um Alltägliches, wie „was werde ich essen, wie werde ich es zubereiten, wo kauf ich ein, wer wäscht ab, hat jemand angerufen, sind die Kinder in der Schule?“ dürfen für die Zeit der Visionssuche von anderen beantwortet werden. Du hast Zeit nur für deine Frage. Ich habe das als sehr erholsam und befreiend erlebt.

Die Vorbereitungszeit vor den vier Tagen und vier Nächten dient dazu, den Körper und die Seele auf das Alleinsein vorzubereiten, Nahrung zu reduzieren, Kontakt zu reduzieren. Wir schauen, was den Menschen dient und staunen was Körper und Psyche mit Leichtigkeit schaffen können. Man macht das Ritual ja nicht zum Selbstzweck, sondern vor allem für sich.

Es gibt das deutschsprachige Netzwerk der Visionssuche-Leiter: Wie beeinflusst dich dieses Netzwerk bei dem, was du machst?

Das Netzwerk ist eine geniale Austauschplattform. Die Mitglieder*innen des Netzwerkes kommen aus allen möglichen spirituellen und beruflichen Richtungen. Die Horizonte und Meinungen sind divers und dadurch inspirierend. Es hilft mir auch, Kunden an andere Netzwerker zu empfehlen, wenn ich selbst nicht weiterhelfen kann.

Es dient außerdem dazu, dass ich supervisorisch meine Arbeit anderen gegenüber mitteilen kann, korrigiert werden kann, inspiriert werden kann, Hilfe bekommen kann von Menschen, die schon länger Erfahrung haben.

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Ich musste bei der Idee, allein in die Wildnis zu gehen, an den Film „Antichrist“ von Lars von Trier denken, wo ein Paar sich in eine abgelegene Hütte im Wald begibt, um die Trauer ihres Sohnes zu verarbeiten und immer mehr in einen Albtraum und eine Gewaltorgie hineingerät. Ich muss zugeben, ich habe ihn nicht zu Ende geschaut… Kommt es bei derartigen Visionssuchen nicht an und wann dazu, dass bei jemandem plötzlich irgendwelche inneren Dämonen geweckt werden und es zur Überforderung mit dem Alleinsein kommt?

Eine Visionssuche ist eine existenzielle Erfahrung, die gewollt ist, so dass auch eine Begegnung mit „der dunklen Nacht der eigenen Seele“ möglich ist. Eine Visionssuche dient der Heilung, der Selbstliebe, dem Mitgefühl, der Innenschau und hat gleichzeitig Grenzen. Wer nicht therapeutisch ausgebildet ist, so wie ich, muss sich seiner eigenen Grenzen sehr bewusst sein. Ich kann beraterisch, wildnispädagogisch und biografisch arbeiten, aber eben nicht therapeutisch. Für mich ist es wichtig, im Vorfeld zu klären, was die Absicht der jeweiligen Personen sind, sich auf dieses Ritual einzulassen. Und manche nehme ich auch nicht mit. Manche Themen übersteigen meine Kompetenzen aber auch den Rahmen des Rituals. Manchmal ist es auch besser, von dem Ritual abzuraten, weil vielleicht wirklich erst mal eine Therapie nötig ist.

Natürlich gibt es auch Menschen, die Ängste haben allein im Wald. Das ist auch Thema in der Vorbereitungszeit vor den vier Tagen und vier Nächten allein. Da heißt es, sorgsam zu sein mit den Menschen, die Gefahrenquellen gut zu kennen und zu wissen, dass bei Gefahr oder Überforderung jeder und jede zurückkommen kann. Es gibt auch ein Sicherheitssystem, auf das jeder und jede zurückgreifen kann.

Die meisten werden, was ihre Angst betrifft, von eigenen Bildern, erzeugt aus Märchen, Mythen, Filmen, Erfahrungen etc. begleitet. Ich beispielsweise hatte in einem Ritual wahnsinnige Angst vor der Dunkelheit. Ich wurde von meiner Ritualleiterin gut darauf vorbereitet, wie ich mit den Ängsten umgehen kann, und welche neuen Muster und Methoden ich einüben kann, um mich dieser Angst zu stellen.

Das war hart, mein „Ego“ musste „sterben“, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich Vertrauen lernen kann und dass das Ritual, durch das so viele Menschen schon gegangen sind, mich trägt. Ich kann mir sicher sein, dass die Natur kein feindlicher Raum ist, sondern ich mich hingeben kann an die Natur, die mich schützt und deren Teil ich bin.

Welche Kurz- und Langzeitwirkungen dieses Rituals konntest du bei dir und anderen beobachten?

Ich muss zugeben, dass ich sehr selten mitbekomme, welche Langzeitwirkungen ein Ritual hat, weil ich die Leute maximal ein Jahr lang begleite. Da können meine um Jahrzehnte erfahreneren Kollegen sicher mehr dazu sagen. Aber durch das Buchprojekt und meine eigenen Erfahrungen ist in mir die Erkenntnis gereift, dass ein Naturritual ein einschneidendes Erlebnis ist. Viele machen zum ersten Mal durch ein Naturritual die Erfahrung, dass sie sich verbunden fühlen mit allem, was lebt. Und das ist eine Erfahrung, die Konsequenzen für jeden Lebensbereich haben kann. Auf spiritueller, ökologischer, beruflicher, beziehungstechnischer Ebene. Es ändert sich oft eine Haltung, etwas im Herzen. Manchmal entfaltet sich das nicht sofort nach dem Ritual und lässt ein bisschen auf sich warten oder zeigt sich mittelfristiger. Aber man kann sich sicher sein: es kommt.

Buch-Cover_GRUENE-WUNDER-ERLEBEN-ApeltIm Februar ist dein Buch „Grüne Wunder erleben“ erschienen. Herzlichen Glückwunsch dazu! Für wen hast du es geschrieben?

Danke! Ich habe das Buch auf Anregung des Verlages geschrieben und mir war klar, dass ich nichts Theoretisches über Naturrituale schreiben möchte. Dazu gibt es bereits erstklassige Literatur.

Ich wollte zeigen, wie Menschen spannende und tiefe Erfahrungen gemacht und Veränderungen erlebt haben. Und wie sie Gott – wie auch immer sie ihn nennen – getroffen haben. Ich habe versucht so nachvollziehbar wie möglich die Gründe und den Prozess zu schildern, auch die Konsequenzen daraus. So, wie es den Menschen möglich war, sich zu öffnen, denn es geht ja um sehr intime Erfahrungen.

Das Buch soll allen Menschen dienen, die selber auf der Suche nach solchen Erfahrungen sind und neue Formen von spirituellen Erfahrungen suchen. Es soll ermutigen und anregen, es ihnen gleich zu tun. Und es soll eine Verbindung schaffen, die Natur als heiligen Raum zu erfahren, der Gottesbegegnung ermöglicht.

Auf deiner Homepage schreibst du, dass deine christliche Werteorientierung ein Leitfaden in deiner Arbeit ist. Nenne drei Dinge, durch die dich Jesus inspiriert.

Jesus inspiriert mich zum Handeln – tun, was getan werden muss: Essen kochen, aufräumen, Leute einladen, Kleider verteilen, Tauschbörsen organisieren, Müll aufsammeln.

Jesus inspiriert mich zur Gemeinschaft und Liebe, zum gemeinsam unterwegs sein, zur Annahme und Fragen stellen.

Und er animiert mich zum Rückzug – er ging immer wieder in die Einsamkeit um sich „einzuordnen“.

Ich danke dir ganz herzlich für unser Gespräch!

Wenn du jetzt neugierig geworden bist, kannst du dich hier über Anne-Marias Apelts Arbeit informieren: www.lebensentdeckungsreisen.de

Ihr Buch bekommst du hier: https://www.adeo-verlag.de/index.php?id=details&sku=835217

Titelfoto: Roland Baege (mit freundlicher Genehmigung)

 

 

 

 

 

Eine Idee, die hilft, Rätsel zu lösen

Das Wilber-Combs-Raster

Das „Wilber-Combs-Raster“ ist benannt nach seinen Erfindern: Ken Wilber und dem Bewussstseinsforscher Allan Combs.

„Ein paar Jahre, nachdem ich eine erste Lösung vorgeschlagen hatte, stieß mein Freund Allan Combs, der unabhängig von mir arbeitete, auf eine grundlegend ähnliche Idee.“

Ken Wilber, Integrale Spiritualität

Ein Dank an dieser Stelle an Regina Laube, die mich dazu inspiriert hat, diesen Artikel endlich anzupacken 😉

Eigentlich ist es einfach eine Tabelle: Mit y-Achse und x-Achse.

Die y-Achse bilden die die Stufen, durch die hindurch sich das Bewusstsein hindurch weiter entwickelt: „Archaisch, Magisch, Mythisch usw“. Diese Stufen, Ebenen oder Strukturen können nicht übersprungen werden, sondern werden der Reihe nach durchlaufen. Der Einfachheit halber konzentrieren wir uns an dieser Stelle auf die spirituelle Entwicklung, wie sie zum Beispiel von dem Forscher James Fowler (Stufen des Glaubens) beschrieben wurde (auch wenn dieser andere Begriffe verwendet als Wilber). Dass diese Stufen existieren, wissen wir erst, seit Entwicklungspsychologen sie durch ihre Forschung entdeckt haben. Wir können sie nicht von innen „sehen“: Ich sehe nicht den archaischen, magischen oder integralen Filter vor meinen Augen, sondern nur das, was übrig bleibt, wenn der Filter aktiv war 🙂

Die x-Achse meint verschiedene Bewusstseinszustände „grobstofflich, subtil, kausal und nondual“. Zustände sind zeitlich begrenzt und schließen sich in der Regel gegenseitig aus. Wir alle kennen verschiedene Zustände aus der unmittelbaren Erfahrung, weil wir alle mal wach sind, mal schlafen und träumen oder uns mal im Tiefschlaf befinden.

  • Mit „Grobstofflich“ ist einfach unser normales Wachbewusstsein gemeint, in dem du dich höchstwahrscheinlich befindest, wenn du diesen Artikel liest.
  • „Subtil“ meint den Zustand, in dem du im Schlaf bunte Träume siehst, tagsüber vor dich hin träumst oder visualisierst oder in der Meditation Bilder oder Visionen empfängst.
  • „Kausal“ meint den Zustand, den du aus dem Tiefschlaf kennst oder, wenn du bereits erfahren im Meditieren bist, aus der tiefen Versenkung: Da ist Leere, Formlosigkeit, eine Art warmes Dunkel. Ein ewiger, grenzenloser Raum tut sich auf.
  • „Nondual“ könnten wir Einheitsbewusstsein nennen oder erleuchtetes Bewusstsein, in dem die Objekt-Subjekt-Trennung sich auflöst und alles – innen und außen – gleichermaßen als Teil des eigenen Bewusstseins erkannt wird. Eigentlich ist es der Zustand, der allen anderen zugrunde liegt, deshalb aber selten bewusst wahrgenommen wird. Mehr über Nondualität erfährst du hier.

Das Wilber-Combs-Raster in Kürze:

Jede Person interpretiert eine Gipfelerfahrung, religiöse oder spirituelle Erlebnisse von der Stufe ihrer spirituellen Entwicklung aus, auf der sie sich derzeit befindet.

Sie kann gar nicht anders. Ein Kind in der magischen Phase kann seine Erfahrung gar nicht rational deuten, weil es diese Stufe in seiner Entwicklung noch nicht erreicht hat. Und die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine Erfahrung rein magisch deutet, ist ebenfalls gering, wenn jemand bereits gelernt hat, pluralistisch zu denken.

(Anmerkung für Fortgeschrittene: Noch präziser wäre es, so Wilber, zu sagen, dass bei jeder Interpretation jeglicher Erfahrung – und damit auch bei spirituellen Erfahrungen – immer die gesamte AQAL-Matrix wirksam ist, d.h. nicht nur die Wachstumsstufen und Intelligenzen des Individuums (oben links im Quadranten), sondern auch intersubjektive Kontexte wie Kultur und Zwischenmenschliches (unten links), Neurophysiologie (oben rechts) und soziale Systeme (unten rechts) gleichermaßen beteiligt sind.)

  • Diese Idee hilft uns zu verstehen, dass wir in der Bibel bei Jesu oder auch Worten von Paulus es möglicherweise mit Erkenntnissen zu tun haben, die einem Bewusstsein entspringen, dass dem unseren noch überlegen ist. Wir versuchen dann dennoch, sie so zu verstehen, dass sie zu dem Rest unseres Weltbildes passen. Und vielleicht geht uns Jahre später ein Licht auf und wir sehen den Sinn einer Stelle auf einmal ganz neu. Ein offensichtliches Problem dabei sind Leute, (wir eingeschlossen!), die meinen, einen Text verstanden zu haben, obwohl sie ihn nur soweit verstanden haben, wie ihr Verständnis gereicht hat. Das hinzuzufügen, wenn wir unsere vermeintlichen Erkenntnisse mit anderen teilen, wäre zumindest redlich 🙂
  • Das Raster erklärt auch, dass wir nicht zuerst alle Stufen der spirituellen Entwicklung durchlaufen müssen, um eine Gipfelerfahrung, ein Einheitsbewusstsein oder eine Erleuchtungserfahrung zu machen. Denn jeder Zustand ist prinzipiell von jeder Stufe aus zugänglich: Als Kind hatte ich z.B. ein Erlebnis intensiver Gottesnähe, hätte es aber damals nie so beschrieben oder gedeutet. Wilber unterscheidet hier gerne zwischen „Aufwachsen (growing up)“ und „Aufwachen (waking up)“.
  • Anhand des Wilber-Combs-Rasters findet Wilber zu seiner eigenen Definition von „Erleuchtung“: (ich persönlich empfinde es als ein wenig erzwungen und gekünstelt, weil Erleuchtung sich m.E. als etwas trans-rationales unseren rationalen Definitionen gerne entzieht, aber bitte)

„ERLEUCHTUNG ist die Verwirklichung von Einsseins mit allen Zuständen und allen Stufen, die sich bis zu diesem Punkt entwickelt haben und in Erscheinung getreten sind.“ 

  • Das Wilber-Combs-Raster hilft auch dabei, zu verstehen, weshalb kontemplative Meister nicht zwangsweise in ihrer spirituellen Entwicklung reifer sind als andere Menschen. Jemand kann viel Erfahrung mit bestimmten meditativen Zuständen, Einheitserfahrungen, Erfahrung der Erleuchtung, der dunklen Nacht etc. sammeln, diese aber von einer magischen oder egozentrischen Stufe aus interpretieren.
  • Marion Küstenmacher schreibt in einem Artikel in dem Sammelband „Mystische Wege. Christlich, integral, interreligiös (Rutishauser/Hasenauer (Hg.), 2016“, dass das Raster uns bei der Frage helfe, warum sich Mystiker, Gurus und Erleuchtete nicht unbedingt immer moralisch integer, altruistisch und liebevoll verhalten. Als Beispiele nennt sie Schamanen, die aufgrund ihres Stammesdenkens kein Problem damit haben „Angehörige eines anderen Stammes auszurotten“, Elia im Alten Testament, der gleichzeitig Prophet und Massenmörder war, den heiligen Bernard von Clairvaux, zugleich Theologe und Befürworter der Kreuzzüge und die Athos Mönche, die gleichzeitig im Gebet Gott schauen und doch bis heute in einem „mythisch-patriarchalen Denken gefangen“ sind, dass sie „auf ihrem heiligen Berg das Weibliche noch nicht einmal in Form von Hühnern integrieren können.“

Ich empfinde dieses Raster als ebenso einfach wie genial und erhellend. Wie geht es euch damit?

Der integrale Coach Stefan Schoch hat zum Thema ein sehr gut verständliches Video gedreht:

Integrales Glaubensbekenntnis gesucht

Zwei Fundstücke

In der Gemeinde, in die mein Mann und ich zum Gottesdienst gehen, wird fast jedes Mal das Apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen. Ich werde immer zögerlicher, es mitzusprechen, denn es ist schon lange nicht mehr Ausdruck meines Glaubens: „aufgefahren in den Himmel, sitzt zur Rechten Gottes“ klingt mythologisch, „geboren von einer Jungfrau“ dogmatisch und warum Pontius Pilatus die Ehre zuteil werden soll, jeden Sonntag erwähnt zu werden, erschließt sich mir auch nicht. Das Nizänische Glaubensbekenntnis ist aufgrund seiner starken Ähnlichkeit keine wirkliche Alternative. Allein die Art und Weise, wie monoton das Bekenntnis von anderen heruntergeleiert wird, zeigt mir, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht. Wer mich, weil ich diese ganz offensichtliche Wahrheit ausspreche, in die Häretiker-Ecke stellen will, darf das gerne tun – und sich anschließend selbst fragen, wie denn sein ganz persönliches Glaubensbekenntnis ausfallen würde, wenn er sich einmal erlauben würde, uneingeschränkt ehrlich gegenüber sich selbst zu sein. Auch ich habe in einer Ecke meines Herzens nicht aufgehört, diese(s) Glaubensbekenntnis(se) zu lieben – schon allein aufgrund ihrer unvergleichlich eingängigen Sprache und weil sie immerhin den Willen zum Ausdruck bringen, eine Gemeinschaft „im Glauben“ zu sein.

Dennoch bin ich auf der Suche nach einem Bekenntnis, das ein integraler Christ aus vollem Herzen mitsprechen könnte. Dabei habe ich mitunter diese zwei gefunden:

Das erste stammt von einer integralen Unity Church Gemeinde in den USA in Suquamish, Washington. Ich habe es für euch ins Deutsche übersetzt.

Wir glauben an den Gott, der wahrgenommen, aber niemals vom Verstand begriffen werden kann. Wir beteiligen uns an diesem Heiligen Mysterium durch die essenzielle Natur unseres Seins und unsere Beziehungen. Wir glauben, dass Gott sich offenbart hat und weiterhin im Lauf der Geschichte die Kraft des Lebens in Schöpfung, in Heilung und Beziehungen der Liebe offenbaren wird.

Wir glauben, dass das Göttliche uns lebt, atmet, denkt, wir ist. Wir verstehen unter „Sünde“, dass wir über unsere essenzielle göttliche Natur im Unwissen sind. Wir glauben, dass Jesus seine wahre Natur als der Christus, Sohn Gottes, verwirklicht hat. Wenn wir uns auf die Erkenntnis unserer wahren Natur zu bewegen, bewegen wir uns auf den Christus in uns selbst zu.

Wir wenden uns den heiligen Texten zu, darunter der Bibel, und erlauben der Schrift uns zu treffen und zu inspirieren, indem sie mit uns in Resonanz geht und unsere eigene Spiritualität herausfordert.

Wir glauben an den teilnahmsvollen Dienst an unserer Gemeinschaft und an der Welt und an die Vertiefung unserer inneren Verbindung mit dem Göttlichen als Richtschnur für unser Handeln.

Wir respektieren die Kraft des Heiligen Geistes, der in jeder Person unterschiedlich wirkt. Wir glauben, dass es innerhalb der christlichen Tradition viele Wege gibt, zu verstehen, zu leben und zu lobpreisen. Wir pflegen eine Kirchengemeinschaft, die Individuen auf jeder Etappe ihrer Glaubensreise willkommen heißt.

https://suquamishucc.org/about

Das zweite stammt von der Unity Church in Deutschland:

Gott ist Quelle und Schöpfer alles Seienden. Es gibt keine andere immerwährende Kraft. Gott ist gut und allgegenwärtig.

Wir sind geistige Wesen, nach Gottes Vorstellung geschaffen. Der Geist Gottes lebt in jedem Menschen, weshalb alle Menschen von Natur aus gut sind.

Wir erschaffen unsere Lebenserfahrung durch die Art und Weise unseres Denkens und Fühlens.

Bejahendes Gebet besitzt Kraft. Wir glauben daran, dass diese Kraft unsere Verbindung mit Gott stärkt.

Das Wissen um diese geistigen Prinzipien ist nicht ausreichend. Wir müssen sie leben.

UNITY-Akademie für
angewandtes Christentum e.V. (https://unitydeutschland.de)

Zu der Unity Church gerne ein anderes Mal mehr…

Was haltet ihr von diesen? Was wären eure Glaubensbekenntnisse?

Die negativen Folgen von Meditation

Begleiterscheinung spirituelle Krise

Ja, ihr habt richtig gelesen!

Eine Freundin von mir hat vor einiger Zeit eine Ausbildung zur Yogalehrerin gemacht. Wenn von Meditation oder Yoga die Rede ist, dann wird häufig von den positiven Folgen gesprochen für die Gesundheit, die Fitness und für die Konzentrationsfähigkeit. Das Meditation aber eigentlich immer auch noch andere Folgen nach sich zieht, darüber wird weniger gesprochen. Und deshalb überraschte es meine Freundin, wie müde und anstrengend die Ausbildung sie manchmal machte. Manchmal kamen auch starke Gefühle hoch…

Durch regelmäßige Praxis können Themen aus dem Unbewussten nach oben kommen oder neue Ängste und Krisen entstehen. Das ist nicht nur unerwartet anstrengend, ermüdend, sondern kann mitunter sogar gefährlich für unsere psychische Gesundheit werden.

Extrembeispiel ist die „dunkle Nacht der Seele.“ Das ist der Titel einer Schrift von Johannes vom Kreuz, einem spanischen Mystiker im 16. Jahrhundert. Wikipedia schreibt: „In der psychologischen und populärpsychologischen Literatur wird „die dunkle Nacht der Seele“ auch als Metapher für die Depression verwendet.“ Und das kommt nicht von ungefähr.

Der Psychoanalytiker Roberto Assagioli thematisiert für den sehr weit fortgeschrittenen mystischen Verwandlungsprozess einen „mystischen Tod“, den er ähnlich charakterisiert wie Johannes vom Kreuz die „dunkle Nacht des Geistes“ und auf den er sich auch direkt in seinen Beschreibungen bezieht. Diese Phase ist durch intensive Leiden und durch Symptome gekennzeichnet, die einer starken Depression ähneln. Es handle sich um eine „seltsame und schreckliche Erfahrung“, die „allem Anschein zum Trotz kein pathologischer Zustand [ist]; sie hat spirituelle Hintergründe und einen großen spirituellen Wert“.

(Sabine Bobert, Transformierte Sicht auf Mystik)

Roberto Assagioli verglich den Transformationsprozess, dem ein Mensch sich auf dem spirituellen Weg unterwirft, mit den Erfahrungen des Reisenden in Dante Alighieris „Göttliche Komödie.“

Wenn ihr dieses Werk kennt, so wisst ihr, dass Dante darin zuerst eine Reise in die Hölle beschreibt, bevor er allmählich in das Paradies aufsteigt. Es geht also zuerst runter – und nicht hoch! Ganz anders also, als man naiv erwarten könnte: „Jetzt meditiere ich viel, dann geht es mir stetig besser…“

Spirituelle Krisen sind normale Begleiterscheinungen einer ernsthaften Praxis. Die „dunkle Nacht der Seele“ ist dabei nur das Extrembeispiel.

„Vor der dunklen Nacht der Seele […] ist man nichts anderes als ein Klumpen Eisen, der während des Tranformationsprozesses ins Feuer geworfen wird, wieder und wieder erhitzt, wieder und wieder beschlagen, jahrelang, mit größter Wucht und größter Sorgfalt, sodass am Ende, wenn alles gut geht, ein scharfes, glänzendes Schwert entsteht.“

Tanja Braid auf ihrem Blog neoterisches-bewusstsein.com

Der transpersonale Psychologe Stanislav Grof, der u.a. auch ein Buch über spirituelle Krisen geschrieben hat, wies als einer der ersten darauf hin, dass es sich bei einigen Erfahrungen und ungewöhnlichen Bewusstseinszuständen, die von der klassischen Psychiatrie als eine Geisteskrankheit diagnostiziert und behandelt wurden, in Wirklichkeit um Krisen handelt, die mit der persönlichen Transformation auf einem spirituellen Pfad zusammenhängen – die Psychose müsse also von einem mystischen Zustand unterschieden werden.

Zu den möglichen Symptomen einer spirituellen Krise gehören alle möglichen körperlichen Symptome, innere Unruhe, die Unfähigkeit, Erlebnisse mit dem bisherigen Weltbild in Einklang zu bringen, Ängste, depressive Zustände, aber auch parapsychologische Phänomene, Probleme, Spiritualität und Alltagsleben unter einen Hut zu bringen u.v.m.

„Spirituellen Krisen können zum einen in der spirituellen Praxis selbst auftauchen (unsachgemäße Anleitung oder ungenügende innere Vorbereitung und psychische Stabilität des Betroffenen), zum anderen können sie auch durch spontane spirituelle Erlebnisse entstehen (z.B. paranormale Erlebnisse, Nahtodeserfahrungen oder plötzliches Erwachen der „Kundalinienergie“, die die Betroffenen in ihr Weltbild nicht einordnen können.)

(Netzwerk für spirituelle Entwicklung und Krisen, http://www.senev.de)

Ken Wilber weist nachdrücklich und mehrfach darauf hin, dass zu einer integralen Lebenspraxis unbedingt auch Schattenarbeit gehört. Meditation könne den Schatten sogar noch verstärken. Deshalb hätte auch fortgeschrittene Meditierende oft viele Schattenanteile, die nicht verschwänden. (z.B. Integrale Spiritualität, S. 182)

Zwei Gründe, den Weg nicht allein zu gehen, sondern in Begleitung.

In der orthodoxen Kirche ist der Brauch, sich einen geistlichen Vater zu suchen, wesentlich weiter verbreitet als in der evangelischen oder katholischen Kirche – so jedenfalls mein Eindruck. Ich glaube jedoch, dass, je mehr Christen sich auf den Weg der Mystik begeben und eine ernsthafte Transformation ihres Lebens anstreben, der Bedarf nach professioneller geistlicher Begleitung zunehmen wird. Nicht nach Seelsorge im klassischen Sinn, sondern nach Begleitung durch eine Person, die dazu fähig ist, spirituelle Krisen zu erkennen, einzuordnen und ggf. rechtzeitig an einen geeigneten Therapeuten zu verweisen.

Eine Idee, die ich deshalb vor kurzem hatte, war, hier auch Menschen vorzustellen, die ihr kontaktieren könnt, wenn ihr euch eine geistliche Begleitung oder einen spirituellen Coach wünscht. Was haltet ihr davon?

Hier noch ein paar interessante Quellen für euch:

Die Bloggerin Tanja Braid über die „dunkle Nacht“ und Kundalini und hilfreichen Literaturtipps:

https://www.neoterisches-bewusstsein.com/dunkle-nacht-der-seele-kundalini/

Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross teilt in ihrem Buch „Über den Tod und das Leben danach“ ihre persönliche Erfahrungen der „Dunklen Nacht der Seele“ und in Folge darauf des Einheitsbewusstseins mit dem Göttlichen, die sie nach der Teilnahme an einem wissenschaftlichen Experiment über außenkörperliche Erfahrungen hatte. Ihr könnt sie euch auf YouTube anhören. Sie beginnt ab 2 h 15 Min.

Wenn ihr Hilfe braucht:

Netzwerk für spirituelle Entwicklung und Krisen, http://www.senev.de

Verein zur Förderung und Entwicklung ambulanter Krisenbegleitung: http://www.frei-raum-berlin.de/index.php

Christlich integrale Lebenspraxis – ganz konkret

Ein übergreifendes Training auf unserer Lebensmatte

Viele von euch haben Interesse an der integralen Lebenspraxis und fragen sich, was das ist, wie das konkret aussehen könnte. In meinem Artikel Integrale Lebenspraxis habe ich darüber geschrieben, was der Sinn einer solchen Praxis sein könnte. Heute möchte ich mit euch ganz praktisch in das Thema einsteigen.

Das Prinzip ist ganz einfach: Es gibt vier Kernmodule, fünf Hilfsmodule und zig frei wählbare weitere Module. Du wählst aus jedem Modul mindestens eine Übung, die du ab da regelmäßig durchführst. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Viel, von dem, das wirst du gleich merken, machst du ohnehin schon jeden Tag oder jede Woche, nur dass du bis jetzt nicht auf die Idee gekommen wärst, es als „Praxis“ zu bezeichnen.

Der Sinn der integralen Lebenspraxis besteht nicht darin, dass du dein Leben von einem Tag auf den anderen völlig umkrempelst und versuchst, alles ganz anders zu machen – sondern darin, deinen Lebensstil nach und nach etwas integraler, also ganzheitlicher, zu machen – zu einem übergreifenden Training deines Körpers, deines Geists, deiner Spiritualität und Persönlichkeit. Deshalb darf sie sich auch immer wieder ändern und deinen Bedürfnissen und Lebensumständen anpassen.

Die vier Kernmodule (Bereiche, in denen Übungen gemacht werden) sind:

  • KÖRPER-MODUL (da geht es um Übungen für deine drei Körper – den grobstofflichen (Sport, Ernährung), den subtilen (Yoga, Qi Gong), und den kausalen (Meditation, Gewahrsein)
  • SCHATTEN-MODUL (Arbeit mit deinem unterdrückten Unbewussten, z.B. im Rahmen einer Therapie oder Traumarbeit)
  • VERSTAND-MODUL (da beschäftigst du dich mit der integralen Theorie und treibst sonstige intellektuelle Studien, liest z.B. Fachbücher)
  • GEIST-MODUL (da gehst du einer spirituellen, meditativen Praxis nach)

Die fünf Hilfsmodule sind

  • Ethik (Reflexion über, Engagement)
  • Sexualität (in Verbindung mit Spiritualität, z.B. tantrischer Sex)
  • Arbeit (unser[e] Beruf[ung])
  • Emotionen (negative umwandeln in positive, Umgang damit lernen)
  • Beziehungen (z.B. bewusste Partnerschaft, bewusste Elternschaft)

Frei wählbare Module könnten z.B. sein

  • Geld (Beschäftigung mit unserem Verhältnis zu, Umgang damit)
  • Kreativität
  • Dienen
  • Natur
  • Willenskraft (Selbstdisziplin)

Jetzt wählst du aus jedem MODUL mindestens eine oder auch zwei Übungen (je nach deiner Zeit, deinen Lebensumständen und Schwerpunkten, die du setzen willst). Das, was du ohnehin schon machst, kommt natürlich auch rein. Du merkst dann recht schnell, welches Gebiet du bisher in deinem Leben etwas vernachlässigt hast und wo du bereits gut aufgestellt bist.

Im Folgenden stelle ich euch einfach mal meine derzeitige ILP vor.MODUL Körper

Wie ihr seht, bin ich (kindheitsbedingt) kein Fan von „richtigem Sport“ und versuche die Bewegung möglichst in das zu integrieren, was ich ohnehin tun muss.

MODUL Schatten

Hier seht ihr, dass ich durch die ILP erkannt habe, dass ich gerne mal freiwillig eine Therapie oder ein längeres Seminar machen würde. Im Moment ist leider kein Geld dafür da, bleibt aber im Hinterkopf.

MODUL Verstand

Hier seht ihr, dass ich – wie es manche nennen – etwas „verkopft“ bin. Zum Glück sieht man auch so etwas durch das Aufstellen einer ILP sehr gut und kann dann gegensteuern, wenn etwas zu extrem wird. Und hier noch das GEIST-MODUL:

MODUL Geist

Jetzt könnt ihr bei euch schauen:

  • Geht ihr einer Sportart nach? Ernährt ihr euch bewusst? usw.
  • Schreibt ihr Tagebuch, arbeitet mit eurem inneren Kind oder macht eine Maltherapie? usw.
  • Lest ihr Bücher von Ken Wilber oder andere Fachbücher zu Themen, die euer Denken weiten? usw.
  • Pflegt ihr eine christliche Meditation oder betet ihr regelmäßig, allein oder gemeinsam mit anderen? usw.
  • Und dann ergänzt bei jedem MODUL, wo ihr noch gar nichts macht, eine Übung und versucht, sie in euren Alltag einzubauen. Und: Fertig ist eure ILP!

Hier könnt ihr ein PDF herunterladen, mit dessen Hilfe ihr eure ganz persönliche Integrale Lebenspraxis planen könnt. Ich wünsche euch viel Spaß damit und würde mich total freuen, von euren Erfahrungen damit zu hören!

Der ILP-Planer für euch:

ILP Planer