„Integrales Christentum“ von Marion Küstenmacher

Dieses Buch kann unser Denken über das Christentum verändern, und dieses veränderte Denken unser Leben als Christ.

Ihr konntet vor kurzem mein Interview mit der Autorin lesen. Wer es noch nicht getan hat, kann es hier gerne nachholen.

Ich möchte euch an dieser Stelle das Buch in Kürze vorstellen. Da ich aber weiß, dass einige unter euch ebenfalls gerade dabei sind, das Buch.zu lesen, hier nur meine ganz bescheidenen, persönlichen Eindrücke:

Zunächst fällt auf, das das Buch einiges an Volumen hat. Selbst jemand, der ein rasches Lesetempo hat, braucht dazu ein paar Tage.

Und spätestens beim Lesen fällt auf: Es braucht nicht nur viele Tage, es durchzulesen, es braucht noch mehr Tage, den Inhalt zu verdauen, und noch viel, viel, viel mehr Tage, den Inhalt in meinem eigenen Leben zu integrieren.

Das aber ist erklärtes Ziel des Buches: Es will helfen bei der „Einübung in eine spirituelle Intelligenz“. Dabei bleibt die Autorin nüchtern: Spirituell intelligent wird man nicht bereits durch das Lesen ihres Buches. Auch nicht durch die zahlreichen Übungen, die das Buch enthält. Jede Entwicklung braucht ihre Zeit. Richtig spirituell intelligent sind wir erst – das erfahren wir beim Lesen – wenn wir auf der Stufe „Koralle“ angelangt sind. „Das Bewusstsein von KORALLE […] wird kosmozentrisch. KORALLE identifiziert sich mit dem äußeren Universum selbst, aber auch mit dem ganzen Reichtum des inneren Universums.“

Menschen auf dieser Stufe gibt es jedoch noch kaum. „KORALLE, diese erst zart keimende Stufe, kommt uns aus der Zukunft entgegen“, schreibt Marion Küstenmacher.

Also noch ein langer Weg vor uns Menschen 😉

Und doch: Ein Stückchen spirituell intelligenter fühle ich mich bereits nach der ersten Lektüre. Wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass der integralen Theorie nachgesagt wird, sie sei „psychoaktiv“.

S. Esbjörn-Hargens schreibt in seiner Einführung in die integrale Theorie über das AQAL-Modell: „[Es] ist ein Katalysator, weil es psychoaktiv Ihren ganzen Körper- Verstand scannt und jegliches Potenzial aktiviert oder „aufleuchten lässt“ […], das gegenwärtig nicht voll genutzt wird.“

In „Integrale Lebenspraxis“ (hier mehr dazu) stellen die Autoren fest:

[…] das Integrale Betriebssystem wirkt psychoaktiv. Es verändert sie von innen nach außen und vermittelt Ihnen ganz konkret neue Sichtweisen von Erfahrung. […]

Das Wörtchen „psychoaktiv“ bezieht sich ursprünglich auf Drogen und bedeutet „die Fähigkeit akut das Verhalten, Empfindungen oder die Wahrnehmungen zu verändern und so allgemein auf den Bewusstseinzustand zu wirken.“

(Quelle: http://de.drogen.wikia.com/wiki/Psychoaktiv)

Durch die gelungene Verflechtung von integraler Theorie und geballtem theologischem Wissen gelingt es der Autorin mit ihrem Buch meines Erachtens ebenfalls auf diese Weise „psychoaktiv“ zu wirken (gesetzt den Fall, wir lassen es zu.)

Wir können es auch anders, un-integral und einfach ausdrücken:

Dieses Buch kann unser Denken über das Christentum verändern, und dieses veränderte Denken unser Leben als Christ.

Die Autorin greift alle wichtigen Elemente der integralen Theorie (Holons, AQAL, Schattenarbeit) heraus und wendet sie auf Phänomene des Christentums (Entwicklung des Glaubens über Stufen hinweg, Bibelhermeneutik, Gebet, die drei Gesichter Gottes, Mystik, die Kirche) an.

Das tut sie in einer unglaublichen Breite und Tiefe gedanklicher Durchdringung. Förmlich in jedem Satz stecken spürbar viele Jahre der Auseinandersetzung mit diesen Themen.

Allerdings habe ich mich beim Lesen gefragt, wer aus den Gemeinden, deren Pfarrerin ich zuletzt war, freiwillig und mit Gewinn ein solches Buch lesen würde. (Nicht, dass mir jetzt GAR niemand eingefallen wäre.) Ja, vielleicht habe ich ein zu negatives Bild. Ja, vielleicht gäbe es da noch die eine oder andere Überraschung. Doch ganz ehrlich: Mir kommt es so vor, dass das Publikum eines solchen Buches zumindest speziell – das heißt selten – ist, was nicht zuletzt an der verwendeten Sprache liegt. Man lese nur diesen einen Satz relativ zu Anfang des Buches: „Die Zielrichtung des Christentums ist klar: Sein höchster Eros ist es, immer mehr Christusbewusstsein zu wecken.“

(Ja, ich habe mich gefreut beim Lesen. „Eros“ und „Christusbewusstsein“ sind schöne Wörter und noch herrlicher in ihrer gedanklichen Verbindung. Und doch habe ich mir gleichzeitig die Gesichter vorgestellt, wenn ich diesen Satz beim Abend der Landfrauen vorgelesen hätte, denen beim Wort „Mystik“ nur „Mystery Thriller“ eingefallen ist.)

Dessen ungeachtet wünsche ich mir aufrichtig für dieses Buch, dass es so viele Leser wie möglich erreicht, nicht nur intellektuell, sondern von Herz zu Herz, und Bewusstsein zu Bewusstsein, so wie es gemeint ist. Ich werde jedenfalls noch lange mit ihm unterwegs sein und sehe das nur als Gewinn. An dieser Stelle der Autorin noch einmal schriftlich – wie bereits mündlich – vielen Dank für dieses Werk!

Ein Nachteil des Buches ist m.E. das fehlende Stichwortverzeichnis. Gerade deshalb, weil es sich wie ein Nachschlagewerk für viele Themen liest. Ja, es wäre dann noch dicker geworden. Wäre mir aber egal.

Die Theorie hinter den „Drei Gesichtern Gottes“

Von den vier Quadranten zu den neun Aspekten Gottes

Die Gliederung des Buches von Paul Smith (das ich euch hier vorgestellt habe) ist zugleich die Wiederspiegelung des Inhalts selbst.

2

InnerlichindividuellSubjektivInner Face_Inneres GesichtResting as God_als (in) Gott ruhen5

Noch einmal zur Erinnerung: Bei der integralen Theorie handelt es sich im wesentlichen um einen Ordnungsrahmen, der hilft ein Thema möglichst umfassend zu betrachten und zu analysieren. Dieser wird mit AQAL abgekürzt, was für „Quadranten, Ebenen, Linien, Zustände und Typen“ steht.

Während sich Paul Smith in seinem ersten Buch hauptsächlich auf die „Ebenen“ konzentriert, legt er in diesem Buch den Schwerpunkt auf die Quadranten und auf die Zustände.

Mit den vier Quadranten sind von Ken Wilber verschiedene Perspektiven, aber auch Dimensionen einer Sache gemeint. Sie entstehen durch die Verbindung der Blickwinkel innen/außen und individuell/kollektiv. (Siehe erste Grafik)

Die integrale Theorie behauptet nun, dass wir nicht nur jede beliebige Sache aus diesen vier Dimensionen heraus betrachten und analysieren können, sondern dies notwendigerweise tun, da es sich um eine Struktur handelt, die wir bereits so vorfinden. Die Sprachen dieser Welt bildeten dafür die sogenannten Pronomen aus: ich, du, er, sie, es, wir, sie.

Diese Kategorien sind also, so Ken Wilber, keine neue Erfindung, die einer Sache übergestülpt wird, sondern sie haften jeder Sache bereits an – und werden von uns lediglich mit unterschiedlichem Inhalt gefüllt.

Durch die Zusammenfassung des rechten oberen und unteren Quadranten zu einem (dem „objektiven“) kommen wir auf drei Quadranten. In diese drei Quadranten setzt Paul Smith nun „Gott“ als die zu betrachtende Sache ein. Damit werden die Personen der Trinität Vater, Sohn und Heiliger Geist neu als unterschiedliche Perspektiven auf das Göttliche begriffen:

Das Göttliche als Gegenstand unserer Reflexion allein oder zusammen mit anderen (rechte Quadranten) oder als Gegenüber (linker unterer Quadrant) oder wir selbst als ein Teil des Göttlichen (linker oberer Quadrant). (Siehe zweite Grafik)

Wie kommt nun Paul Smith aber zu den neun Elementen in seiner Gliederung?

Indem er uns als Betrachter und damit den Vorgang der Wahrnehmung also solche mit hinein nimmt.

Tatsächlich kann jeder Quadrant auch in der integralen Theorie noch einmal danach aufgeteilt werden, aus welcher Perspektive er untersucht wird – aus der Innen-/oder Außenansicht. So können wir z.B. subjektive Phänomene wie Liebeskummer einmal von innen betrachten (als Betroffener) und zugleich von außen (als Psychologe, der beschreibt, was in dem Betroffenen vorgeht.) Damit kommen wir insgesamt auf acht mögliche (Forschungs-)methoden.

Und Paul Smith kommt auf neun verschiedene Aspekte Gottes, indem er durch die „Linsen der drei Gesichter auf den Gott in drei Personen“ schaut.

Die „drei Linsen“ meinen drei möglichen Methoden, sich Gott anzunähern: „als Gott ruhen (von innen), zu Gott in Beziehung treten (von innen nach außen (oder umgekehrt)) und über Gott nachsinnen (von außen)“. (Siehe dritte und letzte Grafik) Wir sehen den kleine, aber feinen Unterschied:

Das dialogische Element lässt ein drittes entstehen – das Modell wird dynamischer.

Auf die Forschung bezogen hieße das: Im Gespräch über den Liebeskummer treten Dinge zutage, die weder die Betroffene allein durch Innenschau noch der Psychologe durch Beschreibung entdecken können.

Nur eins habe ich mich gefragt: Wäre es nicht theoretisch möglich die Reduzierung auf drei einfach wegzulassen, so dass auf der rechten Seite (objektiv) oben der eine und unten der dreieinige Gott zu stehen kommen, also sowohl Gott im Singular als auch im Plural? Wäre das nicht irgendwie integraler? – auch wenn es dann nicht mehr so schön in das Muster passt? 😉 (Und drei mal vier ergäbe immerhin die wunderschöne Zahl 12 (!)

Was sagt ihr dazu?

Die drei Gesichter Gottes

Der Gott, über den wir nachdenken. Der Gott, mit dem wir sprechen. Und das Göttliche, das wir in uns finden.

In Paul Smiths erstem Buch zum integralen Christentum („Integral Christianity“) war die Grundidee der drei Gesichter Gottes bereits angeklungen, in seinem Buch „Is your God Big Enough, Close Enough, You Enough. Jesus and the Three Faces of God, 2017“ macht er sie zum Kernthema.

Dies ist das wichtigste Buch, dass ich seit 25 Jahren gelesen habe.

So preist ein Philosoph, James P. Danaher, auf der ersten Seite den Inhalt des Buches an. Übertrieben?

Nicht notwendigerweise. Denn das Buch und seine Thesen haben aus meiner Sicht durchaus das Potential, die Spiritualität in unseren Kirchen umzustürzen oder zumindest auf ein neues Level zu heben.

Die wichtigsten Grundthesen möchte ich hier mit euch teilen:

Er beginnt mit zwei Feststellungen oder Beobachtungen:

  • Dass es Menschen gibt, die Gott jenseits der Welt finden, im Universum, im Unendlichen, Menschen, die Gott als einen intimen Freund, als eine ständige Präsenz wahrnehmen, und Menschen, die Gott in ihrem Inneren, in ihrem tiefsten Selbst entdecken. Manche zögen daraus den Schluss, dass die Sache mit Gott Unsinn sei, da ihn jeder woanders sehe und sich anders vorstelle. Er, Paul Smith, gehe den anderen Weg und behaupte, alle diese Ansätze seien wesentliche und gleichberechtigte Pfade: Drei Dimensionen, drei Perspektiven von denen aus wir auf das Göttliche schauen und uns ihm zuwenden.
  • Die zweite Beobachtung ist: Dass die Art und Weise, wie in den Kirchen über die Trinität/Dreieinigkeit gesprochen würde, häufig dazu führe, dass nur eine ein- oder zweidimensionale Beziehung zu Gott geführt werde: Es werde über ihn geredet, oder, noch häufiger, zu ihm gesprochen – die Entdeckung des Göttlichen in der eigenen Seelentiefe bleibe außen vor.

Es geht ihm nicht darum, die traditionelle Trinitätslehre hinfällig zu machen, sondern um eine neue Version dieser Lehre, die dem heutigen Bewusstsein entspricht. Denn die integrale Theorie geht ja bekanntlich davon aus, dass sich auch nach dem 4. Jahrhundert, als diese erstmals formuliert und festgeschrieben wurde, das Bewusstsein der Menschheit weiter entwickelt hat.

image

Er nennt diese drei Perspektiven auf Gott zu schauen die drei Gesichter Gottes: God-beyond-us, God-beside-us, God-being-us. Gott jenseits von uns, Gott neben uns, wir als ein Teil des Göttlichen. Oder auch: Der Gott, über den wir nachdenken. Der Gott, mit dem wir sprechen. Und das Göttliche, das wir in uns finden. Diesen drei Gesichtern entsprechen wiederum drei Arten der Beziehung: Über Gott nachdenken, sich mit Gott in Beziehung zu setzen, im Göttlichen ruhen. (Reflecting about God, relating to God, Resting as God.) Jesus habe diese drei Perspektiven vorgelebt: Jesus redete über Gott, zu Gott und als Gott. (Jesus talked about God, to God, and as God.)

Zitat Paul Smith 2

Indem er diese drei Perspektiven oder Art und Weisen der Beziehung jeweils für alle drei Personen der Dreieinigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist durchspielt, entsteht eine neunteilige Gliederung seines Buches. Diese ist somit zugleich die Wiederspiegelung des Inhalts selbst. Für die, die hier noch tiefer einsteigen möchten, folgt in Kürze ein weiterer Artikel dazu.

Aus der Gliederung ergibt sich schließlich folgender Inhalt:

  • Über den Gott jenseits von uns nachdenken: 1. Der Vater, das Wunder des unbegrenzten Seins, 2. Der Sohn, der kosmische Christus, 3. Der Heilige Geist, das unbegrenzte Bewusstsein
  • Sich mit dem Gott neben uns in Beziehung setzen: 1. Gott als unser Vater/ Mutter, 2. Gott als unser Freund in Jesus (oder Maria oder einem Heiligen), 3. Die Nähe des Hl. Geistes
  • Wir als das Göttliche: Der Hl. Geist als erleuchtetes Bewusstsein, die Aufzeichnung von erleuchtetem Bewusstsein in der Bibel, die Realität von erleuchtetem Bewusstsein, die Folgen davon, die Seligkeit eines transzendenten Bewusstseins, der Frieden eines Einheitbewusstseins

Den spirituellen Weg eines Christen beschreibt er mit der Formel:

From Somebody to Nobody to Embody to Everybody.

Es geht um einen Stufenweg verschiedener Identifikationen, die aufgebaut und schrittweise wieder durch die nachfolgenden abgelöst werden:

  • Jeder werde zunächst ein Jemand in dem Sinne, dass er sich als Person von anderen zu unterscheiden und abzugrenzen lernt (durch seinen Namen, seinen Körper etc.)
  • dann durch spirituelle Praxis ein Niemand, indem dieser Jemand lernt, sich nicht mehr über dieses Ego zu definieren,
  • dann eine Verkörperung des Göttlichen, z.B. in der Nachfolge Jesu,
  • und schließlich Jeder im Sinne der tiefen Verbundenheit mit allen und allem.

Im letzten Teil seines Buches deutet er die Erzählung von der Verklärung Jesu neu. Bei der Verklärung habe Jesus ein Gespräch mit seinen Geistführern Elija und Mose gehabt. Ebenso können auch wir Kontakt zu bestimmten Verstorbenen suchen, zu denen wir uns hingezogen fühlen und diese um Führung auf unserem spirituellen Weg bitten. Damit lädt er uns (vor allem Evangelische) dazu ein, den Wert der Heiligenverehrung neu für uns zu entdecken. Mich hat das persönlich sehr berührt, da ich sofort wusste, wen ich in meinem Fall fragen will. (Dazu gerne an anderer Stelle mehr :-))

Als eine besondere Stärke des Buches empfinde ich neben dem Inhalt Paul Smith Bereitschaft, seinen eigenen sehr persönlichen Erfahrungen auf seinem spirituellen Weg mit uns zu teilen. Am Ende jedes Kapitels gibt er uns außerdem Übungen mit an die Hand, die uns dabei helfen, das Geschriebene im Gespräch oder durch eigene Praxis zu vertiefen. Theorie bleibt also keineswegs Theorie, sondern fließt direkt ins Leben über.

Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen und werde es selbst wohl noch zig-mal lesen müssen.

Falls ihr es selbst bereits getan habt und etwas anders seht oder versteht, lasst es mich bitte wissen. Ich bin sehr gespannt auf eure Reaktionen und Einschätzungen 🙂

Zusätzliche Quellen zur Vertiefung findet ihr hier:

Paul Smith stellt zusätzlich zu seinem Buch viel Material kostenlos auf seiner Homepage zur Verfügung. Schaut doch mal vorbei: http://www.revpaulsmith.com, dort unter „Writings“ und „Books“.

Auf YouTube gibt es ein Lied aus der Gemeinde von Paul Smith, das dem Thema der drei Gesichter gewidmet ist:

Ken Wilber zu den drei Gesichtern Gottes:

Und hier findet ihr einen Vortrag über die drei Gesichter von Daybree Thoms:

Interview mit Marion Küstenmacher

„Ich konnte mir Seite für Seite selbst zuschauen, wie ich endgültig in einen größeren Bewusstseinsraum umzog.“

Anlässlich des Erscheinens von Marion Küstenmachers neuem Buch „Integrales Christentum. Einübung in eine neue spirituelle Intelligenz“ – das Nachfolger- und Vertiefungsbuch zu „Gott 9.0“ – habe ich diese um ein Interview gebeten.

Frau Küstenmacher, Sie schildern in Ihrer Einleitung Ihre erste Begegnung mit Ken Wilbers Schrift „Eros, Kosmos, Logos“ in einer schweren Krise und nennen es Ihren „Heilungsweg“ und eine „Auferstehung“. Was genau war es in diesem Buch, was Sie derart zu trösten vermocht hat?

Wenn ich mein Exemplar von Eros, Logos, Kosmos durchblättere, dann wimmelt es von Anstreichungen und Notizen. Allein die Anmerkungen des Buches umfassen 220 Seiten, nach wie vor eine lohnende Fundgrube! Ich habe es im Frühsommer 1997 gelesen, meistens im Freien. Ich erinnere mich, wie für mich die Weite des Himmels und die innere Weite des Buches eins waren. Auf meine innere Leere nach der Fehlgeburt antwortete hier Geist mit einer großartigen Fülle. Das war unglaublich tröstlich. Ich wurde intellektuell, aber auch spirituell auf eine neue Art und Weise versorgt. Ich konnte mir Seite für Seite selbst zuschauen, wie ich endgültig in einen größeren Bewusstseinsraum umzog.

Mit sechzehn Jahren ging es mir schon einmal so. Damals lasen wir im Deutschunterricht Adornos Erziehung zur Mündigkeit. Mitten in  der Lektüre wurde mir bewusst, was aufgeklärtes Denken ist, was ähnlich aufregend und erleichternd zugleich war – mein Bewusstsein hatte sich endgültig in ORANGE etabliert.

Wilber hat mich von der ersten Seite an gepackt. Viele grundlegende Aussagen sind mir hier zum ersten Mal begegnet: Das Konzept der vier Quadranten und die Probleme diverser Quadrantenabsolutismen, die Gefahr der Prä-/Transverwechslung bei der Entwicklung über die Stufen, die Unterscheidung zwischen Herrschaftshierarchien und Wachstumshierarchien. Überzeugt hat mich auch Wilbers Kritik an reduktionistischem „Flachland“-Denken der Moderne, die Effizienz und Funktionalität über alles setzt und deren nackter Rationalismus die Tiefendimensionen der Wirklichkeit leugnet. Ebenso seine wunderbar klärenden Ausführungen zur Mystik, mit der ich mich damals schon viele Jahre lang befasst hatte. Ich verstand auch meine eigenen spirituellen Erfahrungen und Durchbrüche besser, die mir das Herzensgebet eröffnet hatte. Wilber diskutiert ja auch zahlreiche theologische Themen. Er  beschreibt z. B., wie Jesus durch die Apologeten der frühen Kirche zum einzigen Sohn Gottes erklärt wurde. Von nun an galt das Dogma, dass sich der göttliche Logos,  – der eigentlich der universale Geist in jedem von uns ist – , nur ein einziges Mal vollständig in einen einzigen Menschen ergossen habe. Jesus, der dank seiner Einheitserfahrung mit Gott frei war von jeder Exklusivität und der ganzen Menschheit in Liebe diente, wurde damit zum ausschließlichen Eigentum der Kirche. Wilber sagt, das Traurige an dieser mythischen Besitzhaltung sei, dass sie uns Christen von allen anderen Weltbürgern trennt; mehr noch, sie trennt Christus von allen Christen. Christliche Mystiker, die ebenfalls die nonduale Erfahrung des Einsseins mit dem göttlichen Grund machten, wurden damit zu Häretikern und Ketzern, sobald sie es wagten, darüber zu sprechen. Und dieses Tabu existiert bis heute. Es blockiert gewissermaßen den Weg ins Zentrum unseres Glaubens, denn Jesus wünschte sich ja, dass wir alle wie er „eins mit dem Vater“ werden sollen. 

Mein Eindruck ist, dass Ihr Buch sehr viel Vorwissen voraussetzt. Würden Sie jemandem empfehlen, zuerst „Gott 9.0“ zu lesen und erst danach Ihr zweites Buch?

Welches der beiden Bücher eine Leserin oder einen Leser zuerst erreicht, kann ich nicht beeinflussen. Beide ergänzen sich aus meiner Sicht. Vermutlich tut man sich etwas leichter, wenn man Gott 9.0 bereits gelesen hat, weil wir dort die Stufen und Zustände ausführlich darstellen. Ich empfehle bei beiden Büchern nicht nur die Kapitel zu den Bewusstseinsstufen zu lesen. Darauf konzentrieren sich die meisten. Kaum jemand nimmt Bezug auf das Kapitel über die Bewusstseinszustände, das Feld der Mystik und die eigene praktische Einübung in Gebet und Kontemplation. Dabei lebt jede Religion davon, dass der Geist sich durch uns und in uns in alle Richtungen erforschen kann, auch in die Tiefe und Weite der Versenkung bis hin zum Nondualen. Ein integrales Christentum gibt es nur mit einer verbindlichen spirituellen Praxis.

Dieses Anliegen merkt man Ihrem Buch an. Es enthält neben viel Vertiefungsstoff zahlreiche Vorschläge für Übungen, alleine oder in der Gruppe. Welches Setting, welche Kreise hatten Sie dabei vor Augen?

Menschen auf verschiedenen Bewusstseinsstufen (BLAU, ORANGE, GRÜN, GELB), wie sie mir in meinen Vorträgen  und Seminaren begegnet sind oder mir nach der Lektüre von Gott 9.0 geschrieben haben. Es waren viele Kirchendistanzierte darunter, Menschen aus der integralen Szene, aber auch viele engagierte Christen aus allen Konfessionen, kirchliche Mitarbeiter, Ordensleute, Religionslehrer, Pastoren von Landes- und Freikirchen, die längst über BLAU hinausgewachsen sind. Viele wünschten sich eine „GELBE Gemeinde“, ein integrales christliches Netzwerk, manche haben eine kleine Gruppe vor Ort, in der sie sich integral verständigen und gemeinsam weiterentwickeln können. Ich hoffe, dass ihnen die Übungen in Integrales Christentum dabei helfen.

Wozu braucht es Übungen überhaupt? “Reicht es nicht einfach zu vertrauen und zu glauben“ – so ähnlich hat es einer meiner Blogleser gefragt.  Was wäre Ihre Antwort gewesen?

Dieser Satz kommt aus dem BLAUEN Bewusstseinsraum und enthält ein gewisses Maß an Apologetik. Man spürt in der Frage schon eine Verunsicherung durch all die komplexen Themen, die mit der BLAUEN Weltsicht nicht mehr hinreichend beantwortet werden können. Weil man aber noch weitgehend mit dieser Stufe identifiziert ist oder man seine Gemeindezugehörigkeit nicht in Frage stellen will, drückt man die eigene Beunruhigung nicht offen als Zweifel aus, sondern zieht sich hinter ein Bibelwort zurück. Hintergrund ist ein Rat im Hebräerbrief, (11,1), wo es heißt, dass der Glaube ein festes Vertrauen ist auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Auf die Entwicklung über die Stufen (AUFWACHSEN) angewandt, ist dieser Rat ein großes Hindernis für die weitere spirituelle Reifung, denn Zweifel sind die großen Schrittmacher, die für die nächste Stufe öffnen und uns bei jedem Stufenwechsel unterstützen. Darum habe ich einige Übungen zum kreativen Zweifel bei ORANGE eingebaut. Natürlich hat man den kreativen Zweifel aber schon früher genutzt, sonst wäre man nicht bis BLAU gekommen und würde noch ans Christkind, die Zahnfee oder den Osterhasen aus PURPUR glauben.

Im Buch beschreibe ich aber auch genauer, worauf dieser Rat des Hebräerbriefes meiner Meinung nach zielt –  auf die Erfahrung der bilderlosen Dunkelheit in der formlosen Kontemplation, wo man tatsächlich nichts sieht und „ins Innere hinter den Vorhang“ der Bilder, Gefühle und Gedanken ins reine Gewahrsein gelangt. Der Vers ist also selbst ein mystagogischer Übungshinweis für Fortgeschrittene, die sich bereits der formlosen Versenkung ins reine Christusbewusstsein widmen. Wenn man ihn dem Modul der Bewusstseinszustände (AUFWACHEN) zuordnet, macht er plötzlich ganz neu Sinn.

Es wäre also ganz wichtig, dass Christen mit Hilfe einer integralen Exegese verstehen lernen, wann Bibeltexte oder Schriften von den Wüstenvätern, den frühen Kirchenvätern oder MystikerInnen etwas zu den Zuständen sagen und von welcher Stufe aus sie es dann selbst deuten. Der biblischen Frage „Verstehst du auch, was du da liest?“ kann man sich mit dem integralen Blick ganz neu stellen. 

Sie sind schon lange mit der integralen Theorie und Lebenspraxis vertraut. Was hat sich dadurch in Ihrem Denken und Leben am stärksten verändert?

Meine Weltsicht, vor allem aber meine Selbstwahrnehmung. Vor der Beschäftigung mit dem Integralen Ansatz hatte ich dank Tiefenpsychologie, Mystikerstudium, Enneagrammarbeit und Herzensgebetspraxis schon eine über zehnjährige intensive Auseinandersetzung mit meiner eigenen Egostruktur und Schattenanteilen laufen. Damit war ein entscheidendes integrales Modul schon etabliert. Doch die Aufgabe, das Ego zu reduzieren und sich dem eigenen Schatten zu stellen, hört nie auf. Dank des integralen Blickes lerne ich nach wie vor, meine problematischen Anteile klarer zu sehen und versuche, damit so wenig Schaden wie möglich anzurichten. Es gibt im Lauf eines Tages ständig Momente, wo sich eine der Stufen aus dem ersten Rang – die schließlich alle erhalten bleiben – meldet und gerne hätte, dass ich nach ihr handele. Natürlich hat jede Stufe großartige Kompetenzen, die wir nutzen und wirklich schätzen sollten. Aber es schleichen sich dabei auch gerne die alten dualistischen Strukturen durch die Hintertür mit ein. Für mich bringt der integrale Blick eine neue Wachheit für diese Art von Versuchung und eine neue Freiheit im Umgang mit den Werteräumen der verschiedenen Stufen.

Wichtig ist es mir, anderen Menschen zu helfen, sich gerade in unruhigen Umbruchzeiten wie diesen nicht von Frust, Panik oder Hass erfassen zu lassen, sondern ihnen mit Hilfe der integralen Landkarte so viel Orientierung wie nur möglich zu geben. Wer integral denkt und handelt, kann so an seinem Platz mithelfen, die ganze Spirale zu stabilisieren und vor Abstürzen zu bewahren. 

Sollte jemand jetzt schon eine integrale Kirche gründen oder werden sich die jetzigen Kirchen irgendwann alle in eine einzige integrale Kirche verwandeln – was meinen Sie?

In Amerika gibt es schon einige solcher Gründungen (zumindest dem Namen nach – manches erscheint mir da aber eher GRÜN zu sein). An eine einzige integrale Kirche glaube ich nicht, wir werden immer verschiedene Kirchen und Konfessionen haben. Kirchengeschichte kann man nicht umkehren. Im Moment entwickelt sich das integrale Christentum wie GRÜN in den frühen 1970er Jahren vor allem an den „Hecken und Zäunen“, also eher am Rand der Kirchen, in Bildungshäusern, Orden und in kleinen, auch kirchenfernen Grüppchen. Vielleicht werden aber auch protestantische Theologen wie Friedrich Schleiermacher oder Richard Rothe Recht behalten, die sich ein Christentum auch ohne Institution Kirche vorstellen konnten. Jesus konnte das offensichtlich auch ganz gut, ihm genügte ein Kreis von Schülern und Schülerinnen. Wenn wir aber auf die beiden unteren Wilberschen Quadranten schauen, dann werden Menschen immer danach fragen, welche Werte und Kultur sie teilen wollen, welcher religiösen Gemeinschaft sie angehören möchten und in welchen Strukturen und Formen das konkret gestaltet werden soll. 

Ist Erleuchtung ein Prozess oder ein Moment, der alles verändert? Und: Wären Sie gerne erleuchtet? 😉

Erleuchtung ist, was die Stufen betrifft, sicher ein Prozess. Man braucht eine jahrelange,  dauerhafte Anpassung auf jeder einzelnen Stufe, damit weiteres Wachstum und Reifung hin zu immer mehr Liebe und Mitgefühl möglich wird. Der GEIST oder Logos ist dabei, wie Jesus sagte, unser Tröster und Beistand. Er lockt und zieht uns mit seinem Eros in diese Richtung und baut in uns neue Stufenräume auf, die er mit seinem Licht und seiner Klarheit ausfüllen möchte. Da der EINE, nichtduale GEIST aber immer und überall vollständig gegenwärtig ist, kann man auf jeder Stufe auch eine spontane Erleuchtungserfahrung machen. Entscheidend ist die absichtslose Offenheit in genau diesem gegenwärtigen Moment, um das „Sakrament des Augenblicks“ zu erfahren. Ein solches Erlebnis gibt einem das Gefühl, dass man die wirkliche Wirklichkeit, Gottes Reich, erfahren durfte. Danach ist tatsächlich nichts mehr wie zuvor. Deuten kann man sich das allerdings immer nur von der Stufe aus, auf der man seinen aktuellen Bewusstseinsschwerpunkt hat.

Außerdem gibt es Erleuchtung in verschiedener Tiefe der Bewusstseinszustände. Man kann sie auf der Ebene des Wachseins, der subtilen Traumebene oder im ich- und formlosen Dunkel der  Tiefschlafebene erleben. Ken Wilber fragt darum immer: Welche Erleuchtung, auf welcher Stufe und in welchem Zustand?

Ich nenne die großen Mystiker und Kontemplativen die „Tiefseetaucher des Bewusstseins“. Sie üben sich darin, eine konstante Wachheit in allen diesen Bewusstseinszuständen zu erlangen, bis der Urgrund dieser Zustände, der absolute GEIST selbst das ganze Bewusstsein ausfüllt und „Gott alles in allem“ ist. Meister Eckart nennt das „beständig“ sein können. Paradoxerweise blockiert der ichhafte Wunsch nach dem Einswerden mit Gott oder nach Erleuchtung genau dieses vollständige Erwachen. Mystiker aller großen Weltreligionen bemühen sich darum ums Leerwerden von Wünschen aller Art. Daran halte ich mich: Kein Wunsch nach Erleuchtung, sondern lieber nach Leere und Stille. 

Frau Küstenmacher, vielen Dank für das Gespräch!

 

PS: In Kürze erscheint auf diesem Blog meine Rezension des Buches. Und Frau Küstenmacher hat mir verraten, dass sie schon an ihrem nächsten Buch sitzt – wir dürfen gespannt sein.

Link zu Pinterest Seite

Grafiken, Zitate und mehr zum Thema Integrales Christentum

Seit kurzem könnt ihr mich auch auf Pinterest finden:

https://www.pinterest.de/hauser0774/overview/

Ich habe dort bereits einige Grafiken, passende Zitate und mehr für euch herausgesucht und erstellt, mit denen ihr etwas neues für euch entdecken und die Inhalte, von denen mein Blog handelt, noch vertiefen könnt.

Es wird nach und nach mehr werden. Schaut doch einfach an und wann vorbei! Würde mich freuen.

Heiliger Geist = höherer Bewusstseinszustand = Christusbewusstsein?

Paul Smith schlägt in seinem Buch „Is your God Big Enough, Close Enough, You Enough? Jesus and the Three Faces of God“ vor, den Begriff „Heiliger Geist“ um der besseren Verständlichkeit willen durch den Begriff „Bewusstsein (consciousness)“ zu ersetzen.

Paul Smith schlägt in seinem Buch „Is your God Big Enough, Close Enough, You Enough? Jesus and the Three Faces of God“ vor, den Begriff „Heiliger Geist“ um der besseren Verständlichkeit willen durch den Begriff „Bewusstsein (consciousness)“ zu ersetzen.

„These ancient biblical metaphors and descriptions of spirit are today contained in the word „consciousness.“ (Diese uralten biblischen Metaphern und Beschreibungen des Geistes sind heute in dem Wort „Bewusstsein“ enthalten) S. 79

Er erklärt, dass die früheren Übersetzungen „Geist“ schrieben (und eben nicht „Bewusstsein“), weil das Wort „Bewusstsein“ und das Konzept dahinter, wie wir es heute verwenden, damals noch nicht existierte – dieses sei erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts aufgekommen – häufig werde es John Lockes Erkenntnistheorie zugeschrieben.

Heute jedoch verständen wir unter dem Wort „Geist“ meist etwas anderes als unter dem Wort „Bewusstsein.“ Und gerade deshalb sei es sinnvoll, die Begriffe wieder zusammenzubringen, um eine Vorstellung miteinander zu verbinden, die sonst gedanklich getrennt bleibt.

Vorsicht ist allerdings geboten: Der Begriff „Bewusstsein“ ist auch in unserer Sprache äußerst mehrdeutig und was jeweils darunter genau verstanden wird abhängig von der jeweiligen Weltanschauung.

Tatsächlich liest und versteht sich der Text der Apostelgeschichte aber neu, wenn wir das einmal probeweise tun (Grundlage ist hier die Neue Genfer Übersetzung):

1, 8 „Wenn der Höherer Bewusstseins(zustand) auf euch herabkommt, werdet ihr mit seiner Kraft ausgerüstet werden, und das wird euch dazu befähigen, meine Zeugen zu sein…“

2, 4 „Alle wurden mit dem Höheren Bewusstseins(zustand) erfüllt, und sie begannen, in fremden Sprachen zu reden; jeder sprach so, wie der Höheren Bewusstseins(zustand) es ihm eingab.“

2,17 „Am Ende der Zeit‹, so sagt Gott, ›werde ich meinen Höheren Bewusstseins(zustand) über alle Menschen ausgießen. Dann werden eure Söhne und eure Töchter prophetisch reden; die Jüngeren unter euch werden Visionen haben und die Älteren prophetische Träume.“

Im Wikipedia-Artikel zu „Bewusstsein“ steht: „Im Christentum werden die Begriffe Seele und Geist (auch „Heiliger Geist“) scharf vom Geist des Menschen unterschieden.“ Paul Smith macht genau das Gegenteil: Er sagt, es handele sich um ein und dasselbe!

Erst durch diese Gleichsetzung wird nämlich möglich, den Zusammenhang zwischen Bewusstseinszuständen und den besonderen Vorkommnissen zu erklären, die für die frühe christliche Gemeinde typisch war: Ekstase, Spontanheilungen, das Wissen von fremden Sprachen, Verhaltensänderungen etc. Der „Heilige Geist“ ist nicht eine seltsame Person der Dreieinigkeit, mit der wir eigentlich nicht wirklich etwas anfangen können, oder ein Bestandteil der Formel „Gott, Vater und Heiliger Geist“ oder gar das Bild einer flatternden Taube. Er ist vielmehr ein Zustand, der uns alle überkommen kann. Oder für den wir uns durch Meditations- oder Gebetspraxis öffnen und empfänglich machen können.

Bewusstsein in seinem modernen Verständnis ist nicht auf Erklärungen reduzierbar. Es geht vielmehr jeder möglichen Erklärung immer voraus, da wir Zugriff auf Inhalte, Ideen, Wahrnehmungen etc. nur vermittels unseres Bewusstseins haben.

Hintergrund ist das sogenannte Qualia-Problem (oder Leib-Seele): Die qualitative Lücke zwischen bewusstem Erleben und der Erforschung der materiellen Grundlage des Bewusstseins. Ken Wilber löst diese Lücke durch die Einführung seines Quadranten, wo subjektiv und objektiv zu verschiedenen, gleichwertigen Perspektiven auf eine Sache werden.

Es würde demnach wenig Sinn machen, mit jemanden theoretisch über das Wirken des Heiligen Geistes zu philosophieren, der selbst noch nie einen solchen höheren Bewusstseinszustand erlebt hat, an sich selbst oder an einem anderen Menschen. Andernfalls verkommt das Reden über den Heiligen Geist zu einer toten Formel, einem künstlichen Abstraktum oder einem abenteuerlichen Gedankenkonstrukt.

Häufiger wird heute von der Vorstellung eines „nicht-lokalen-Bewusstseins.“ gesprochen. Manche nennen es auch „Quantenbewusstsein.“ Damit ist gemeint, dass die Inhalte des Bewusstseins sich nicht an einer bestimmten Stelle in unserem Gehirn befinden, sondern theoretisch von jedem Ort aus Zugriff auf diese Inhalte möglich ist. Durch die Annahme von einem solchen Bewusstsein können zahlreiche Phänomene erklärt werden, die andernfalls rätselhaft bleiben müssen, wie zB. Nahtoderlebnisse oder paranormale Fähigkeiten. Einige Physiker sind auch der Ansicht, dass es eine logische gedankliche Konsequenz der Quantentheorie ist. Durch ein solches Bewusstsein können wir uns die gesamte Menschheit, ja auch die Tier- und Pflanzenwelt als etwas denken, dass schlussendlich eins und ungetrennt ist: Ein in Raum und Zeit ausgefaltetes Gottesbewusstsein.

Wichtige Vertreter dieser These sind u.a. Pim Van Lommel, niederländischer Arzt und Nahtodforscher, Ervin Laszlo, ein ungarischer Wissenschaftsphilosoph und integraler Denker sowie sein Co-Autor Dennis Kingsley.

Ein Video zu dem Thema findet ihr hier:

Der „Heilige Geist“ wäre dann derjenige, der uns an diesem Bewusstsein teilhaben lässt. Wir könnten den „Heiligen Geist“ also „Höheres Bewusstsein“ oder „Gottesbewusstsein“ oder „Christusbewusstsein“ nennen.

Wie empfindet ihr diese Gleichsetzung – ist sie hilfreich, erhellend oder falsch?

 

 

 

Erleuchtung für Christen?!

Erleuchtung – was ist das überhaupt?  Und sollten/dürfen Christen so etwas überhaupt anstreben?

Diese zwei Fragen haben mich die letzten Wochen beschäftigt.

Die meisten verstehen darunter eine tiefe Erkenntnis, die das Welt – und Selbstverständnis eines Menschen tiefgreifend und nachhaltig verändert. Immer werden zwei Punkte genannt:

1. Der Mensch gewinnt Abstand zu seinem Ego, d.h. zu all den Dingen, mit denen er sich normalerweise identifiziert hat, wie Name, Biografie, Beruf, Aussehen, Körper etc. An die Stelle eines Ego-Bewusstseins tritt ein Zeugenbewusstsein, ein reines Gewahrsein, ein „Ich bin“ statt „Ich bin der und der und die und das…“

2. Der Mensch erfährt sich nicht mehr von anderen getrennt: Hier Ich – da der Rest, sondern als das Ganze selbst: Alles ist eins und auch ich bin alles. An die Stelle eines Ich-Bewusstseins tritt ein Einheitsbewusstsein und ein Verbundenheitsgefühl mit allem und jedem.

Es scheint also gleichermaßen ein Von-Allem-Abstandnehmen wie ein Mit-Allem-Verschmelzen zu sein.

Christian Meyer sieht in seinem Buch „Sieben Schritte zum Aufwachen“ gerade in der Verbindung dieser beiden Elemente das Geheimnis:
(Es) besteht darin, dass Du hundert Prozent fühlst, dich der Lebendigkeit hin gibst und zu hundert Prozent Beobachter, Zeuge und Wahrnehmender bist.

Matthias Pöhm, der sich lange mit diese Frage beschäftigt hat, schreibt auf seinem Blog:

„Erleuchtung ist ein Zustand, in dem Menschen Ihr „Ich“ dauerhaft verloren haben. (…) Erleuchtete beschreiben sich als Eins mit allem, frei von sozialen Ängsten, frei von der Angst vor dem Tod. Sie spüren einen ständigen inneren Frieden mit sich und der Welt. (…)“

Quelle: http://www.spiritueller-blog.com/liste-erleuchtete-menschen

Er führt auf seinem Blog eine Liste angeblich Erleuchteter und analysiert kritisch deren Auftreten und Lehren. Und macht dabei auf etwas extrem wichtiges aufmerksam:

Jede/r Erleuchtete bleibt ein Mensch mit Macken, oder wir könnten auch sagen: einem Schatten. Jeder Erleuchtete – Jesus eingeschlossen – habe sich auch hin und wieder geirrt, Erleuchtung macht nicht schlagartig auf immer unfehlbar, friedfertig und allwissend.

Wobei wir wieder bei unserem Lieblingsthema „Entwicklung“ angekommen wären. Äußerst charmant und gewitzt antwortet Ken Wilber in einem Interview auf die Frage, ob er erleuchtet sei, mit: „Erleuchtet genug.“ Damit macht er deutlich, dass es nicht nur zwei Zuständes des Menschseins gibt: „Erleuchtet – Nicht erleuchtet.“ Menschen sind nunmal keine Lampen mit Ein- und Ausschalter, sondern äußerst komplexe Wesen.

Die Zeitschrift  „Integrale Perspektiven“ befasst sich in einer Ausgabe (34/Juli 2016) mit dem integralen Verständnis von Erleuchtung unter dem Titel: „Aufwachen, Aufwachsen, Aufräumen.“ Denn Ken Wilber selber sieht „Erleuchtung“ etwas komplexer als das manche „Erleuchteten“ gerne hätten, erklärt dadurch aber auch, warum die „Erleuchteten“ teilweise so unterschiedlicher Ansicht sind, was „Erleuchtung“ sei und was ein „Erleuchteter“ zu tun und zu denken habe – und auch warum die „Erleuchteten“ nicht einfach die besseren Menschen sind. Ken Wilber steht nicht umsonst für differenziertes Denken 🙂

Mit den Stichworten „Aufwachen, Aufwachsen, Aufräumen (Waking up, Growing up, cleaning up)“ unterscheidet Ken Wilber in „Integrale Spiritualität“ drei verschiedene Erkenntniswege.  Holzschnittartig erklärt:

Mit „Aufwachen“ sind besondere spirituelle, mystische Erfahrungen gemeint, die uns von einem Tag auf den anderen zu einem neuen Menschen machen können. Das kann eine Nahtoderfahrung, eine Vision oder auch einfach ein ganz besonderer Moment erhöhten Bewusstseins sein. Kurz: Zustände. Nichts dauerhaftes.

Mit „Aufwachsen“ ist der Reifeprozess gemeint, den wir in ganz vielen Bereichen durchlaufen. Kurz: Entwicklung. Etwas dynamisches, nach oben offenes.

Und „Aufräumen“ schließlich meint „Schattenarbeit“, die Bewusstwerdung und die Integration verdrängter Aspekte unserer Persönlichkeit oder Emotionen, die uns ausbremsen und in Bereichen starr machen können.

Paul Smith unterscheidet in seinem Buch „Is your God Big Enough, Close Enough, You Enough? (Ist dein Gott groß genug, nah genug, du genug?), 2017, im Anschluss an Ken Wilber drei Gesichter Gottes:

Den Gott ÜBER den wir reden und nachdenken, den Gott ZU dem wir reden und beten, und den Gott, ALS den wir uns erkennen.

Jesus habe sich als „Sohn Gottes“/das Göttliche in sich erkannt („Ich und der Vater sind eins“, Joh 10,30) und auch andere dazu aufgefordert, dies ebenfalls zu tun. Als Beleg dafür führt er u.a. diese Stelle im Evangelium nach Johannes (10,34-36) an:

34 Jesus erwiderte (seinen Anklägern vor Gericht!): »Steht nicht in eurem Gesetz der Satz: ›Ich habe gesagt: Ihr seid Götter‹? 35 Hier werden also die, an die das Wort Gottes gerichtet war, Götter genannt; und was die Schrift sagt, ist unumstößlich. 36 Mich aber hat der Vater, der heilige Gott, dazu bestimmt, sein Werk zu tun, und hat mich in die Welt gesandt. Wie könnt ihr mir da Gotteslästerung vorwerfen, wenn ich sage: ›Ich bin Gottes Sohn‹? (Neue Genfer Übersetzung)

Doch statt das Göttliche in sich selbst zu erkennen, hielten die Kirchenobersten es für Gotteslästerung und forderten deshalb die Todesstrafe. Indem Jesus im Laufe der Zeit zum „einzigen Sohn Gottes“ und der zweiten Person der Trinität erklärt wurde, ging diese Wahrheit verloren. Es ginge darum, dass zu werden, was wir bereits sind: In der Tiefe unseres Selbst eins – nicht identisch! – mit Gott.

In der lutherischen Kirche, aus der ich stamme, ist es üblich, vom Menschen so zu denken: Alle sind „gleichermaßen Sünder und Gerechte.“ Keiner ist vollkommener, Gott näher,  als der andere. Das ist einerseits richtig, denn, wie oben thematisiert, sind eben auch Erleuchtete „nur“ Menschen. Andererseits hat dieser Glaubenssatz dazu geführt, dass sich kaum einer traut, zu sagen: Ich suche Erleuchtung oder gar: Ich bin erleuchtet. Luther hat das „Schwärmertum“, wie er es nannte, abgelehnt. In den orthodoxen Kirchen dagegen ist es normal, Erleuchtung zu suchen, sie nennen es nur anders: Vergöttlichung, Theosis. Erleuchtete genießen dort als geistliche Väter und sog. Starzen hohes Ansehen. Diese Schüler – Lehrer Beziehung ist eigentlich nur möglich, wenn wir davon ausgehen, dass einer der beiden etwas begriffen und verkörpert hat, was dem anderen noch fehlt und wonach er sich sehnt.

Aus meiner Sicht war die Beziehung zwischen Jesus und seinen Jüngern eine solche zwischen Lehrer/Guru und seinen Schülern. Jesus hat etwas ausgestrahlt und verkörpert, wonach sich seine Schüler und Schülerinnen gesehnt haben: Verbundenheit, Frieden, Liebe, aber auch: Angstfreiheit, Vollmacht, menschliche Erhabenheit. Sie wollten auch so ein Mensch werden wie er.

Nachfolge bedeutet demnach selbstverständlich, sich ebenfalls nach Erleuchtung zu sehnen. Ist doch ganz klar, oder was meint ihr? Und wenn ja, wo seht ihr euch auf der Skala erleuchtet von 1 bis 10 ;-)?

Ich jedenfalls wünschte, ich könnte wie Ken Wilber antworten: „Erleuchtet genug“ 🙂

Mehr zu dem Thema findet ihr auf www.soundstrue.com, einer Audioreihe zum Thema „Erleuchtung.“ Kostet leider nicht wenig 😦

Zur Diskussion um spirituelle Lehrer werdet ihr hier fündig:

http://integralesleben.org/il-home/il-integrales-leben/anwendungen/religion-spiritualitaet/papier-des-if-zur-diskussion-um-spirituelle-lehrer/

Und hier noch das Interview mit Ken Wilber: