Die integrale Theorie nach Ken Wilber

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Ken Wilber ist ein amerikanischer Philosoph. Seine Theorie hat weltweit Diskussionen ausgelöst und zahlreiche Interessenten, Anhänger und Anwender in der Praxis gefunden.

Die integrale Theorie von Ken Wilber (auch der „integrale Ansatz“ genannt) versucht umfassende Zusammenhänge aufzudecken und eine Zusammenschau von Erkenntnissen sämtlicher Disziplinen in einem Modell. Es ist ein weiterer vorläufiger Versuch, die Entwicklungen in unserer Welt beschreibbar zu machen.

„Ich suchte nach einer integralen Philosophie, die auf überzeugende Weise die unterschiedlichen Kontexte der Wissenschaften, der Moral, der Ästhetik, die westliche wie auch die östliche Philosophie und auch die Weisheitstraditionen der Welt zusammenbringen würde. Natürlich nicht im Detail, so etwas ist nicht möglich, aber innerhalb von Orientierungsverallgemeinerungen. Dies wäre eine Möglichkeit zu zeigen, dass die Welt eins, ungeteilt und ganz ist und mit sich selbst auf vielfältige Weise in Beziehung steht. Es wäre eine holistische Philosophie für einen holistischen Kosmos, eine Weltphilosophie, eine integrale Philosophie.“

Ken Wilber

Die Verwendung des Wortes „Integral“ kommt inhaltlich den Begriffen „allumfassend, alles einschließend, ausgewogen“ nahe.

Der integrale Ansatz ist eine Art System, eine übergreifende Ordnung in Modelle zu bringen, die jeweils einen Teil der Wirklichkeit beschreiben. Abgekürzt wird diese Ordnung mit den Buchstaben AQAL. Sie stehen für „Alle Quadranten, Ebenen, Linien, Zustände und Typen (all quadrants, all levels, all lines, all states, all types)“.

1. Der Quadrant oder die großen Drei

Der Quadrant ergibt sich aus zwei Unterscheidungen: innen/außen und individuell/kollektiv und entspricht den Pronomen: Ich, Wir/Du, Er/Sie/Es und Sie. Bezogen auf einen Menschen wären das einmal sein Innenleben (Ich), sein Verhalten (Er/Sie/Es), die Menschen, mit denen er in Beziehung tritt (Wir/Du) und die Gesellschaft, innerhalb derer das stattfindet (Sie).

Quadrant

Der Quadrant wird gerne auch zu den großen Drei zusammengefasst, wobei die rechte Seite des Quadranten zu einer (dem „Es“) zusammengefasst wird:

Die großen Drei

2. Ebenen

Ken Wilber unterscheidet verschiedene Stufen individueller und kollektiver Bewusstseinsentwicklung wie

  • archaisch/sensomotorisch, magisch/prärational, mythisch-buchstäblich/prärational, mythisch/konkret operational, modern/formal operational/rational, postmodern/pluralistisch, integral/niedere und höhere Schau-Logik, luzider Geist/übersinnlich, intuitiver Geist, Über-Geist und Super-Geist
  • oder egozentrisch, ethnozentrisch, weltzentrisch, kosmozentrisch
  • oder auch präkonventionell, konventionell und postkonventionell
  • Gerne verwendet er dafür den Farbencode Infrarot, Magenta, Rot, Bernstein, Orange, Grün, Petrol, Türkis, Indigo, Violett, Ultraviolett, Klares Licht (angelehnt an den Regenbogen). Dieser unterscheidet sich leicht von Spiral Dynamics.

3. Linien

Sie stehen für die verschiedenen Bereiche oder multiplen Intelligenzen, innerhalb derer Entwicklung stattfindet, zB. kognitiv, moralisch, emotional. Der Körper, das Denken und die Wertvorstellungen eines Menschen entwickeln sich nebeneinander, so dass ein Mensch in einem Bereich bereits weit fortgeschritten sein mag, in einem anderen jedoch zurückbleibt.

4. Zustände

Damit sind sowohl vorübergehende Gefühlszustände gemeint wie Lachen oder Wut, aber vor allem die Grundzustände unseres Bewusstseins wie Wachen, Träumen und traumloser Tiefschlaf, aber auch meditative (Versenkungs)zustände oder Zustände, die zum Beispiel durch Drogen hervorgerufen wurden sowie sog. Gipfelerfahrungen. Die Grundzustände entsprechen in der Spiritualität verschiedenen Bewusstseinsstufen, die während der Mediation durchlaufen werden können: grobstofflich, subtil, kausal, nondual.

Zum Verhältnis von Ebenen und Zuständen siehe auch das Wilber-Combs-Raster.

5. Typen

Damit unterscheidet man gleichwertige, d.h. nicht hierarchisch stehende, stehende Erscheinungsformen, die sich auf jeder Stufe und in jedem Zustand zeigen können. Beispiele hierfür sind die Jungschen Typen, das Enneagramm, die Myers-Briggs Typenlehre, die Unterscheidung Mann/Frau und andere.

Hintergrund und Ausschau

Obwohl die integrale(n) Theorie(n) heute ohne Ken Wilbers Einfluss kaum denkbar wären, ist er bei weitem nicht der einzige integrale Denker. Als weitere bedeutende integrale Theoretiker gelten Don Beck/Christopher C. Cowan mit „Spiral Dynamics“, der Philosoph Steve McIntosh und zahlreiche weitere Autoren.

Ken Wilber selbst nimmt in seinem Denken Bezug auf zahlreiche Vorgänger der Geistesgeschichte, die wesentliche Inhalte zu seiner integralen Theorie beigesteuert haben. In den letzten Jahren häufen sich die Neuerscheinungen, in denen die Integrale Theorie(n) explizit wie auch implizit auf verschiedene Religionen, wie Buddhismus oder auch das Christentum angewendet werden.

Wer tiefer einsteigen möchte, dem lege ich diese Seite ans Herzen:

http://www.integralesforum.org

und diese Werke:

Wilber, Ken (1995, 2000 2. Auflage): Sex, Ecology, Spirituality. Shambhala: Boulder, Colorado. [Deutsche Ausgabe: Eros, Kosmos, Logos. Eine Vision an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend, Frankfurt am Main 1996]

Wilber, Ken (2007): Integrale Spiritualität: Spirituelle Intelligenz rettet die Welt, Kösel-Verlag: München. [Amerikanische Originalausgabe: Integral Spirituality: A Startling New Role for Religion in the Modern and Postmodern World. Shambala: Boston 2006]

Fotoquelle: Kanzeon Zen Center – [1], CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3586506

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