Die Eine Welt – das Eine Christentum!? Teil I

Das integrale Modell könnte uns an dieser Stelle helfen, die Dinge tiefer zu verstehen. Zum Beispiel durch die möglicherweise zunächst provokante Annahme, dass verschiedene kirchliche Gemeinschaften sich vor allem und zunächst dadurch unterscheiden, dass ihr Schwerpunkt in unterschiedlichen Memen liegt.

„Wir haben das Problem, dass wir viele Kirchen haben statt einer. Wir sind zersplittert in verschiedene Konfessionen und Denominationen. Ist es möglich, ein Lied zu singen, das alle verschiedenen Denominationen der ganzen Welt vereint? Das wäre ein neues Lied! Die alten Lieder trennen uns.“

Kisuba Kateghe [in: Aufmachen. Wie wir heute Kirche von morgen werden. Christina Brudereck, Kisuba Kateghe, Endri Sulaksono, Claudia Währisch-Oblau 2013

Jesus selbst hat dafür gebetet, dass die Kirchen eins würden. Warum eigentlich?

Weil wir dann glaubwürdiger wären, mehr Liebe ausstrahlen würden, mehr bewirken könnten und damit anziehender wären – und mehr Menschen die Chance bekämen, darin die Liebe und den Auftrag Gottes zu erkennen

„Ich bete darum, dass sie alle eins sind – sie in uns, so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin. Dann wird die Welt glauben, dass du mich gesandt hast. Die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich nun auch ihnen gegeben, damit sie eins sind, so wie wir eins sind. Ich in ihnen und du in mir – so sollen sie zur völligen Einheit gelangen, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und dass sie von dir geliebt sind, wie ich von dir geliebt bin.“

Jesus, in: Johannes 17,21-23 Neue Genfer Übersetzung

Eine Unzahl an Kirchen, die alle an Unterschiedliches glauben und ihren Glauben unterschiedlich leben, steht in der Gefahr, Verwirrung und Unsicherheit für Außenstehende zu stiften – und sie sorgt für Konflikte und Auseinandersetzungen in den eigenen Reihen.
Warum aber sind wir dann nicht eins? Gehören nicht alle, die an Jesus Christus glauben und ihm nachfolgen, zu einer einzigen Gemeinschaft, dem Christentum?

Tatsächlich scheint es gar nicht leicht, zu erklären, warum die Kirchen nicht eins sind. Die Ursachen für die Spaltungen und Trennungen sind zahllos und komplex und nur mit viel Mühe und Aneignung von speziellen Kenntnissen nachvollziehbar. Kulturelle und sprachliche Barrieren lösen zunehmende Entfremdung aus, politische und zwischenmenschliche Faktoren tragen ihr Übriges dazu bei. Zu den ursprünglichen Ursachen und Gründen kommen nachträgliche Begründungen dazu, warum die Trennung nicht wieder aufgehoben werden kann.
Durch die Trennungen ist allerdings auch gleichzeitig eine ungeheure Vielfalt an Ideen, Ausdrucksformen und Traditionen entstanden. Und wenn wir uns sonst in der Schöpfung Gottes umsehen, macht diese nicht den Eindruck, als würde Gott diese Vielfalt, die nur durch Trennung möglich wird, nur verabscheuen – er liebt sie auch und ist trotz und in ihr gegenwärtig.
Das integrale Modell könnte uns an dieser Stelle helfen, die Dinge tiefer zu verstehen. Zum Beispiel durch die möglicherweise zunächst provokante Annahme, dass verschiedene kirchliche Gemeinschaften sich vor allem und zunächst dadurch unterscheiden, dass ihr Schwerpunkt in unterschiedlichen Memen liegt. Die Autoren von Spiral Dynamics schreiben nicht umsonst, dass es gerade in den Übergangsphasen von einem Mem zum nächsten zu Kirchenspaltungen kommt:

„Kirchen geraten in Aufruhr und spalten sich, wenn neue WMeme in einem Teil ihrer Mitglieder erwachen.“ (Spiral Dynamics, Beck/Cowan S. 66)

Die Reformation ist beispielsweise ein solches Ereignis, das zugleich Auslöser als auch Folge der Entstehung des orangenen Mems ist.

Wieder ist dabei wichtig zu betonen, dass mit dem Mem nicht automatisch eine Wertung verbunden ist. Ein nachfolgendes Mem ist nicht per se besser, doch eine angemessene Antwort auf die veränderte Umgebung, in diesem Fall die heraufbrechende Moderne.
Meme bauen jedoch aufeinander auf und ergänzen sich gegenseitig. Die Kirchen der Reformation haben jedoch häufig einen Großteil dessen, was sich innerhalb des purpurnen Mem verorten lässt, völlig über Bord geworfen. Reliquien-, Bilder- und Heiligenverehrung, heilige Orte, Weihehandlungen, Exorzismen etc., da sie meinten, es ginge darum, diese Dinge grundsätzlich zu überwinden, statt sie auf eine gesunde Weise zu integrieren. Das hat auch zu einer tiefgehenden Verarmung geführt.

Ein solches Verständnis von gegenseitiger Abhängigkeit und Verwandtschaft könnte die Ökumene stärken und zu einer Wiederannäherung der Kirchen verhelfen.

 

Autor: Sandra Hauser

Ich habe evangelische und orthodoxe Theologie in Tübingen, Minsk (Weißrussland) und Hamburg studiert.

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