Christliche Schattenarbeit

Schattenarbeit ist das Bemühen darum, sich diesem Unbewussten wieder bewusst zu werden, zu stellen und es auf eine gesunde produktive Art zu reintegrieren.

Heute will ich mich mit euch einem der wichtigsten Themen der integralen Praxis widmen: Der Schattenarbeit. Ich bin der festen Ansicht, dass die christliche Tradition uns hier einen überreichen Schatz zur Verfügung stellt, der viel zu selten gehoben wird.

Zunächst allerdings zum Begriff „Schattenarbeit“ für alle, die damit noch nichts oder nur wenig anfangen können. Der erstmalige Verwendung des Begriffs „Schatten“ in dem Sinn, wie wir ihn hier verwenden, wird üblicherweise dem Psychologen C.G. Jung zugeschrieben. Der Schatten eines Menschen enthält nach Jung, was seinem positiven Selbstbild und seiner Darstellung nach außen entgegensteht und deshalb ins Unbewusste verdrängt wird. Nach außen sichtbar wird lediglich in Form von Projektionen, wie z.B. dem Hass auf Charaktereigenschaften eines anderen Menschen oder heftigen emotionalen Reaktionen, die in keinem adäquaten Verhältnis zur Situation stehen.

Schattenarbeit ist das Bemühen darum, sich diesem Unbewussten wieder bewusst zu werden, zu stellen und es auf eine gesunde produktive Art zu reintegrieren. Es bedeutet also eine intensive, unter Umständen bis an die Grenzen gehende Herausforderung, sich den dunklen, ungeliebten Stellen in den Tiefen unserer Psyche zu stellen, um sie schließlich liebevoll zu umarmen.

Die Kirchenväter und auch die Seelsorger heutiger Tage verwenden dazu seltener den Begriff „Schattenarbeit“, sondern sprechen von einem Kampf mit den Dämonen. Je nach Ebene wird dieser Kampf allerdings unterschiedlich gedacht: Einmal als reale Besessenheit von außen, und einmal bildlich, also so, dass es sich bei den „Dämonen“ um Teile unserer Selbst handelt, mit denen wir ringen. Je nachdem lesen wir selbstverständlich auch die biblischen Geschichten über Versuchung anders.

Werfen wir zunächst einen Blick darauf, welche Methoden der Schattenarbeit uns in der Bibel begegnen. Später will ich auf spätere Formen und Möglichkeiten zu sprechen kommen.

Nach seiner Taufe im Jordan zieht sich Jesus zurück. Er nimmt Abstand von der Gesellschaft, Abstand von dem, was geschehen ist, Abstand vom Alltag. Diesen Rückzug machen ihm später zahlreiche Menschen nach, ob als Eremiten, Mönche, Nonnen, Kloster auf Zeit.

Er nimmt sich Zeit. Ganze vierzig Tage.

Als Ort wählt er die Wüste. Die Weite und Leere der Wüste scheint ein perfekter Ort dafür, das eigene Innere nach außen zu projizieren und damit zu ringen. Manchmal gibt es nichts Schwierigeres, als mit sich selbst allein zu sein. Keine Zerstreuung, kein Gesprächspartner.

Während er in der Wüste weilt, fastet er zudem. Er verzichtet eine Zeit lang auf das Essen als Ablenkung, Vertröstung, Kraftverschwendung. Alles dient der Fokussierung.

Und er ringt mit dem Teufel. Wir könnten auch sagen, mit all den vielen verschiedenen Stimmen in sich, die ihm helfen, durch Abgrenzung zu sich selbst zu finden. Kaum werden wir leise, hören wir sie umso lauter: Unsere ständig kreisenden, plappernden Gedanken und Überlegungen. Und je länger wir alleine sind, desto mehr Macht gewinnen sie über uns. Jesus verlässt die Wüste gestärkt und selbstbewusst.

Jesus sitzt auch nach seinem Wüstenaufenthalt regelmäßig in der Stille. Allein. Auch kurz vor seiner Verhaftung im Garten Gethsemane. Seine Gebetspraxis ist gleichzeitig die effektivste Schattenarbeit. Es gelingt ihm gleichzeitig, den kleinen, ängstlichen und lebenshungrigen Mann in sich zu umarmen, der am liebsten fliehen würde und alles rückgängig machen, was zu seiner Kreuzigung geführt hat – und sich dem großen, unbegreiflichen Gott gegenüber fallen zu lassen, der unsagbares mit ihm vorhat.

Wenn wir unseren Schatten kennenlernen wollen, geben uns unsere Projektionen wertvolle Hinweise.

In Mt 7,3 rät Jesus uns dazu, den Balken im anderen Auge als eigene Projektion zu erkennen. Der Balke in unserem eigenen Auge ist es, der überhaupt erst macht, dass uns der Balke im anderen Auge stört.

1 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.

2 Denn wie ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.

3 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?

4 Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge?

5 Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

Der Mediziner und Bestsellerautor Rüdiger Dahlke bringt es auf seinem Blog (http://blog.dahlke.at/schattenarbeit-im-beziehungs-alltag/) auf die einfache Formel: „Was immer uns stört hat mit uns zu tun.“ Schattenarbeit könne deshalb wunderbar im Beziehungsalltag integriert werden. Was uns am Partner stört, gibt uns Anhaltspunkte dafür, woran wir uns an uns selbst noch stören. Die Ehe sei deshalb die beste Psychotherapie. Tatsächlich gilt die Ehe in der katholischen Kirche als Sakrament, in der orthodoxen als Mysterion/Geheimnis als ein Weg der Heiligung. Was für die Ehe gilt, trifft selbstverständlich für jede andere engere Gemeinschaft ebenfalls zu.

Darüber hinaus hindert uns die Beschäftigung mit dem Balken im Auge des anderen daran, uns auf uns selbst zu konzentrieren und an uns zu „arbeiten“. Es ist der beste Weg, jede Verantwortung und Schuld von uns wegzuschieben. Damit aber leider auch der beste Weg, uns selbst zu verfehlen.

Jesus rät uns in der Bergpredigt Mt 5 dazu, unsere Feinde zu lieben. Dieser Rat enthält mehrere hilfreiche Aspekte. In unserem Kontext bedeutet er, dass wir es unseren Feinden zu verdanken haben, zu wissen, wer wir sind und wer wir nicht sind. Sie verhelfen uns dazu, unsere Grenzen kennenzulernen und zu definieren. Ohne unsere Feinde wären wir nicht „wir“.

Bei der Schattenarbeit geht es nicht darum, mit zerknirschtem Gesicht unsere Schuld zu bekennen. Leider ist das die einzige verdrehte Form der Schattenarbeit, die ich in unseren evangelischen Gottesdiensten beobachten kann. Da wird zum Beispiel in einer Predigt freimütig gestanden, dass er, der Pfarrer, möglicherweise zu Narzissmus neigt, da er so gerne zu anderen rede. Das ist keine echte Schattenarbeit. Denn diese hat nicht die Zerknirschung oder das Bekenntnis irgendeiner Schuld zum letztendlichen Ziel, sondern die liebevolle Integration des Unvollkommenen und Bösen in uns mit dem Ergebnis echten inneren Friedens.

Was meint ihr? Ihr dürft gerne weitere Aspekte ergänzen, die euch dazu einfallen.

 

Autor: Sandra Hauser

Ich habe evangelische und orthodoxe Theologie in Tübingen, Minsk (Weißrussland) und Hamburg studiert.

20 Kommentare zu „Christliche Schattenarbeit“

  1. Ich hab mal überlegt: wer sind meine „Feinde“? Feinde wie in einem Krieg, so dachte ich, habe ich nicht. Menschen, die anderer Meinung sind oder anders agieren als ich, kenne ich wohl, auch solche, die mir auf die Nerven gehen. Sind sie aber meine Feinde? Blicke ich nun von mir aus: wie verhalte ich mich gegenüber anderen (auch gegeüber Freunden), so bekomme ich oft ein ungutes Gefühl der Abweisung, des nicht Ernst nehmens, der Schuldzuweisung oder des Ignorierens. Diese Einsicht könnte ich für meine Schattenarbeit nutzen. Denn zuerst kommt dann mal die Frage: was ist mit mir los.

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