Wo ist die Mystik hin?

Als ich vorletztes Jahr bei einem Abend der Landfrauen auf dem Dorf einen Vortrag halten durfte, verwendete ich die Worte „Mystik“ und „mystisch.“ Niemand fragte nach, doch eine Woche später erzählte mir eine Frau am Telefon, dass ihr – und auch einigen anderen – dieser Begriff übel aufgestoßen sei. „Mystik“ – da denke sie an „Mystery Thriller“ und dergleichen. Damit könne sie gar nichts anfangen, meinte sie hörbar empört. Ich bedankte mich für ihre, wenn auch etwas verspätete, Offenheit. Mir wurde klar, wie wenig selbstverständlich die Verwendung des Begriffes „Mystik“ in seiner ursprünglichen Bedeutung heute in unserer Sprache geworden ist. Auch innerhalb der Kirche. Keiner redet mehr – fast keiner weiß offenbar mehr etwas von den „Mystikern“.

Der Dekan fand wenig später an meiner Predigt zum Thema „Mystik“ auszusetzen, dass doch nur sehr wenigen Menschen solche Erfahrungen zuteil würden und ich deshalb doch bitte noch über Erfahrungen sprechen solle, die jeder und jede kennt.

Das halte ich für einen fatalen Irrweg. Diese Gipfelerfahrungen, diese Erfahrungen von Einheit, göttlicher Liebe und Nähe, von Glückseligkeit und tiefem Frieden etc. lassen sich eben gerade nicht mit Alltagserfahrungen vergleichen.

Nicht umsonst kommt das Wort von dem griechischen „Mysterion“, Geheimnis.

Sie bleiben unaussprechlich, unbeschreibbar. Sie durchbrechen unseren Alltag und unser gewohntes Denken. Sie tragen uns in andere Dimensionen des Seins und verändern uns grundlegend: unsere Einstellungen, unser Lebensgefühl, unser Verhalten. Diese Erfahrungen Einzelner liegen unseren Religionen zugrunde. Diese lassen uns die heiligen Schriften anders verstehen. Keine Predigt kann diese ersetzen – im Gegenteil: Jede Predigt müsste auf diese Erfahrungen verweisen und zu ihnen hinführen und anleiten! Denn zu einem Geheimnis gehört jemand, der einen in das Geheimnis einweiht.

Mysterium heißt auch Geheimlehre, Geheimkult.

Denn auch wenn ich mystische – wir können auch spirituelle sagen – Erfahrungen jederzeit machen kann, ohne dass ich dazu die Hilfe von jemandem bräuchte, so hilft es mir doch, wenn ich diese hinterher mit jemandem zusammen deuten und einordnen kann, jemandem, der ähnliche Erfahrungen ebenfalls kennt.

Und wenn ich mich danach sehne, derartige Erfahrungen häufiger zu machen und diese intensiver zu erleben, so brauche ich jemanden, der mir eine Praxis, der mir bestimmte Techniken dazu vermittelt.

Einen Mystagogen, einen „ins Geheimnis Einführenden“.

Einen geistlichen Vater, eine Begleiterin. Heute, so scheint mir, wurde diese Funktion fast vollständig von Coaches übernommen. Viele moderne Coaches lehren den Weg nach innen und das viel spannender und überzeugender als die meisten Pfarrer unserer Kirche. Ich frage mich, ob diese derzeit nicht eher die modernen Geistlichen sind? In der Kirche lehne ich mich zurück und lasse einen „quatschen“, im Coaching, für das ich extra Geld bezahle, strenge ich mich an, um in meinem Leben vorwärts zu kommen?

Es gibt nur einen Weg zu Gott, Unserem ewigen Vater, den Weg nach innen. Als Jesus von Nazareth sagte Ich: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Wer dieses innere Reich erlangen möchte, der muß den Läuterungspfad beschreiten, der ausschließlich nach innen geht; zum Urlicht der Seele, zur Gottheit im Menschen. (…)

Es bedarf großer Mühe, beständiger Selbstkontrolle und äußerster Selbstdisziplin, um die inneren Kräfte, die Kräfte der Seele, zu entwickeln. Der auf dem Weg nach innen Wandelnde muß unermüdlich an sich arbeiten und an seinem eigenen Ich rütteln. Dieser Weg nach innen, zum Reiche des Lebens, wurde zu allen Zeiten vom ewigen Geist gelehrt. Aber die Masse der Menschen wie auch die kirchlichen Obrigkeiten bejahten diesen Weg nach innen nicht, da sie nicht bereit waren, die Läuterung und Reinigung der Seele auf sich zu nehmen. All jene, die die Welt mehr liebten als Gott, ihren Vater, taten den Weg zum inneren Reich des Lebens als nichtexistent ab.

Gabriele Wittek, Mysterienschule

Die Theologieprofessorin Sabine Bobert weist auf ein interessantes Phänomen hin, wenn sie in ihrem Aufsatz „Mystik als Gegenstand nichttheologischer Wissenschaften“ schreibt:

Während die gelebte Spiritualität als akademisches Thema in der Theologie eher ein Randdasein fristet, boomt das wissenschaftliche Interesse daran in anderen Wissenschaftszweigen seit den 1990er Jahren. Vor allem Psychologie und Neurowissenschaften interessieren sich für kontemplative Erfahrungen.

Tatsächlich ist das Interesse an christlichen Meditationsformen in der evangelischen Theologie eher rar.

Als einer meiner ehemaligen Kollegen es auf einer Pfarrerfortbildung zum Thema „Seelenruhe“ wagte, das Wort „Meisterschaft“ in den Weg zu nehmen, erntete er heftigen Widerstand. Das widerspräche der Lehre, das wir vor Gott alle gleich seien und bis an unser Lebensende unperfekt blieben. So richtig letzteres sein mag, so richtig ist gleichzeitig jedoch die Erfahrung, dass dem eben gleichzeitig doch nicht so ist: Nicht jeder Mensch, sondern im Gegenteil nur sehr wenige scheiden aus diesem Leben vollständig versöhnt, selig und glücklich. Einigen jedoch gelingt es, einige erlangen schon zeit ihres Lebens „Seelenruhe“ und strahlen diese auch aus. Der Heiligenschein ist Zeugnis von diesem Phänomen, denn er symbolisiert das strahlende Licht, das von einem solchen Menschen ausgeht. Die Heiligenverehrung hat – jenseits ihres Missbrauchs – eine tiefe Berechtigung, denn wir Menschen brauchen Vorbilder, Bilder, die uns zeigen, was für uns Menschen alles möglich ist. Ein Mensch, in dem sich Schönheit, Güte und Liebe manifestiert hat, wird andere Menschen dazu animieren, diese Qualitäten ebenfalls anzustreben. Und das viel wirksamer als jede Predigt es je könnte.

Als Bild zu diesem Beitrag habe ich deshalb ein Porträt gewählt, das ich nach einem Foto eines orthodoxen Mönches angefertigt habe, der auf seinem Sterbebett liegt und mit einer nahezu faltenfreien Haut in die Ewigkeit zu blicken scheint. Ein schönes Bild für mich – eine Vision, an der ich mein Leben ausrichten kann: So friedlich und erwartungsvoll zu sterben.

Ja, wir sind alle gleich viel wert, aber deshalb nicht gleich. Der Mensch entwickelt sich, und er entwickelt sich nicht nur körperlich und geistig, sondern auch spirituell. Und dazu braucht es eine passende Gemeinschaft, den richtigen Nährboden, damit der Same aufgehen kann und nicht verdorrt.

Wenn wir nicht darüber sprechen, was mystische Erfahrungen sind, was sie auszeichnet und wie man diese öfter erleben kann, fehlt uns das elementare Verständnis dafür, was unserer Religion zugrunde liegt. Über derartige Erfahrungen zu sprechen könnte uns einander näher bringen, tieferes Verständnis aufschließen und zuletzt sogar euphorisch stimmen.

Autor: Sandra Hauser

Ich habe evangelische und orthodoxe Theologie in Tübingen, Minsk (Weißrussland) und Hamburg studiert.

3 Kommentare zu „Wo ist die Mystik hin?“

  1. Mystische Erlebnisse gibt es immer noch. Mir ist vor -zig Jahren einmal spontan so etwas passiert, und es reicht eigentlich für das ganze Leben. Ich finde Beschreibungen ähnlichen Erlebens bei Symeon dem Neuen Theologen, bei Meister Eckart oder auch poetisch bei Maria Luise Kaschnitz.

    Dass vor allem die evangelische Kirche damit nicht so viel anfangen kann, nehme ich nicht so wichtig.

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