„Spirituell, aber nicht religiös“ – Menschen auf dem postmodernen Level

Unterschied, aber auch die Verbindung von Spiritualität und Religion

Paul Smith äußert sich in seinem Buch „Integral Christianity“ zu einer Bewegung, die er „Spirituell, aber nicht Religiös“ nennt. Einer Umfrage zufolge definiere sich einer von fünf Amerikanern auf diese Weise.

Er beruft sich dabei auf eine Vermutung in dem gleichnamigen Buch von Robert C. Fuller aus dem Jahre 2001 „Spiritual, but not Religious. Understanding Unchurched Amerika.“ Dieser beschäftigt sich darin mit der Frage, was die Amerikaner damit meinen, wenn sie sich selbst so bezeichnen. Ein Teil davon sehe in der organisierten Religion geradezu den Feind der authentischen Spiritualität, zumindest sei sie nicht notwendig. Sie wiesen damit auf die Gefahr hin, dass die persönliche spirituelle Erfahrung bei dem Befolgen bestimmter Rituale, Wiederholen von Glaubensinhalten etc. auf der Strecke bleibe.

Die Bewegung – früher auch „New Age“ genannt – resultiere daraus, dass Menschen auf dem postmodernen Bewusstseinslevel (entspricht „Grün“ in Spiral Dynamics) damit anfingen, ihre Glaubensinhalte und spirituellen Praktiken selbst auszuwählen.

Das führe zwangsläufig zu Kritik an der traditionellen Kirche, da diese es versäume, bestimmte Themen ernst zu nehmen – wie bspw. verschiedene Bewusstseinszustände.

Eine Schwäche sieht er in dem häufig anzutreffenden Glaubenssatz, wonach jeder Mensch seine Realität selbst schaffe. Diese Sicht konzentriere sich einseitig auf die Perspektive der 1. Person (subjektiv) und blende die 2. und 3. (intersubjektiv und objektiv) völlig aus. Doch die Realität sei ebenso das Ergebnis des Bewusstseins aller anderen Menschen sowie das Ergebnis natürlich gegebener Bedingungen.

In dem unten verlinkten Video erläutert der Jesuit und Priester David McCallum, worin er den Unterschied, aber auch die Verbindung von Spiritualität und Religion sieht.

Der Priester McCallum ist ein Experte im Bereich Erwachsenenbildung, Persönlichkeitsentwicklung und Leadership. Er beschäftigt sich schon lange mit der integralen Theorie.

Eine gesunde Religion schaffe eine Menge Raum für vielfältige Formen an Spiritualität, denn sie sei der ständige Versuch der Rückbindung an eine spirituelle Ursprungserfahrung. Der Gründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyola habe – im Gegensatz zu den evangelischen Reformatoren – beschlossen, seine Kirche durch spirituelle Praxis von innen heraus zu transformieren, statt sich von ihr zu trennen. Dies sei der eigentlich schwerere Weg, denn es sei leichter das Störende und Unvollkommene zu verlassen, statt es weiterhin ertragen und aushalten zu müssen.

Diese Gedanken finde ich in Bezug auf die heutige Situation der Kirche mit ihren zahlreichen Austritten als wesentlich.

Statt sich selbst zu engagieren und seine Stimme für etwas zu erheben, treten viele aus der Kirche aus, weil sie sich über dieses oder jenes ärgern und sich damit nicht identifizieren können. Oder statt in einen Gottesdienst oder zu einer Veranstaltung zu kommen, wo sich zwangsläufig sehr unterschiedliche Charaktere und Meinungen begegnen – was extrem anstrengend und herausfordernd sein kann – beten und/oder meditieren viele lieber mit Gleichgesinnten im Yoga-Kurs oder bei sich daheim etc. Aus meiner Sicht offenbart sich durch ein solches Verhalten häufig der Unwille, an etwas Neuem, Fremdem und Störendem zu wachsen und zu reifen, als eine tatsächliche Überlegenheit. Dazu kommt, dass die Anbindung an eine Gemeinschaft auch Ansprüche an uns selbst stellt wie z.B. früher aufstehen, bestimmte Rituale erlernen und mich regelmäßig daran beteiligen, mich sichtbar und damit angreifbar machen und ähnliches. Trauriger Höhepunkt davon sind Aussagen wie „Mein Glaube geht niemanden etwas an.“ oder „Ich habe meinen Glauben.“ oder das völlige Ausspielen von Privatglauben einerseits und öffentlichem Glauben andererseits. Das ist die EINE Seite.

Die ANDERE ist jene, auf die sowohl McCallum als auch Smith anspielen: Wenn die Gemeinschaft, der ein Mensch innerhalb der Kirche(n) vor Ort begegnet, extrem weit von dem entfernt ist, wie er denkt und lebt, – also mehrere Bewusstseinsstufen dazwischen liegen – sehnt er sich verständlicherweise nach einem Umfeld, das ihn nicht stagnieren, sondern wachsen und lernen lässt. Das ist es, was vermutlich McCallum meint, wenn er davon spricht, dass die Kirche mit „Erwachsenen“ umgehen können muss, also Menschen, die selbst fähig sind, spirituelle Erfahrungen zu reflektieren, Menschen ab der Stufe orange aufwärts.

Quellen: Paul Smith: Integral Christianity: The Spirit’s Call to evolve, 2011.

https://sacredstory.net/about/fr-david-mccallum-s-j-ed-d/

 

Autor: Sandra Hauser

Ich habe evangelische und orthodoxe Theologie in Tübingen, Minsk (Weißrussland) und Hamburg studiert.

5 Kommentare zu „„Spirituell, aber nicht religiös“ – Menschen auf dem postmodernen Level“

  1. Guten Abend Sandra,
    vielen Dank für das Thema, deine Worte, wie auch die von dir abgebildeten Meinungen.
    Erlaube mir die Nachfrage, was du aus den Aussagen eines Jesuiten anfangen kannst, so ich richtig gelesen habe, bis du doch eine evangelische Theologin und nach Aussagen der Jesuiten damit eine ihrer Hauptfeinde.
    Ja, ich gebe zu, daß McCullum recht hat, wenn es „Kirche“ für Erwachsene geben muß. Jedoch muß ich aus meinem persönlichen katholischen Erfahren sagen, daß gerade die kath. Kirche eben dies (seit Jahrhunderten) gekonnt vermeidet. Gleichwohl widerspreche ich den zitierten Worten, daß es in den Kirchen vielfältige Formen von Spiritualität geben sollte.
    Meiner unmaßgeblichen Meinung nach ist es die Aufgabe der Kirchen, die Menschen dahin zu führen und zu befähigen einen persönlichen Kontakt zum Gott der Dreieinigkeit zu finden – und das darf gerne auf Basis der Bibel stattfinden, denn je erwachsener der „Gläubige“sich mit der Bibel beschäftigen und mit ihr auseinandersetzen kann, um so eher wird er die Perlen in ihr finden und zur einzigen Wahrheit finden.

    Vielleicht sollten die Amtskirchen wahrlich ihre „Rolle“ überdenken, den Menschen nur das Rüstzeug an die Handgeben und weniger das Menschengemachte aus Rom oder sonstwo, wie fragwürdige Rituale, die selbst in einer über die Jahrhunderte verfälschte und geheimgehaltene Bibel (Hus/Luther-Muttersprache) sich nicht finden lassen. Es geht um Wahrheit, Liebe, Erkenntnis und somit Wissen und Wahrhaftigkeit hin zu Gott; und keine Stufe „Orange“, denn in diesem Wissen findet sich die Gemeinschaft der Kinder Gottes von ganz alleine, oh sorry, durch das Wort und den Willen Gottes.

    Sieh es mir nach, wenn ich zwischen den Zeilen zu scharf geschossen habe, vielleicht hilft das Wetter ja als Ausrede, obwohl das wollten wir ja nicht mehr so handhaben, unter Kindern.

    Alles Liebe,
    Raffa.

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    1. Lieber Raffa, mein evangelisch sein drückt sich vermutlich gerade darin aus, dass ich mich frei fühle, mich auch von katholischen, orthodoxen oder auch buddhistischen Traditionen inspirieren zu lassen, gerade dies drückt sich ja im beschriebenen postmodernen Level aus, dass niemand außerhalb entscheidet oder mir sagt, was mich angeblich allein selig macht – ich merke es selbst am besten ;-). Dazu gehört auch, dass ich mir herausnehme, neben der Bibel andere Quellen gelten zu lassen, wie es im Übrigen die Kirchen auch unbewusst oder bewusst schon lange tun, wenn sie von Tradition, Kirchenvätern oder der Vernunft sprechen. Vielfältige Formen gibt es in der katholischen Kirche schon allein durch die vielen unterschiedlichen Heiligen, Klostertraditionen, Liturgien und ihre weltweite Verbreitung. Diese Vielfalt ist doch ein reicher Schatz, oder etwa nicht? Sei herzlich gegrüßt, Sandra

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      1. Liebe Sandra,
        ja, Impulse kommen aus vielerlei Quellen und natürlich dürfen wir diese auf uns wirken lassen. Sind es oft genug diese Anstöße, die uns auf den Weg der Erkenntnis nach vorne bringen. Ich selbst habe in dieser Welt auch meine gepflegten Probleme damit,mit der Erkenntnis -jedoch um so mehr, wenn Menschen und mit und durch sie Organisationen mir erzählen wollen, wie ich mich zu verhalten habe oder auch nicht zu verhalten habe.
        Verzeih, wenn ich ein Wort aus der Bibel nehme: An den Früchten werden wir sie erkennen oder um es etwas „weltlicher“ auszudrücken: Qui bono?
        Sieh es mir nach, wenn ich bei den Jesuiten besonders allergisch reagiere, deren Geschichte, deren Taten und Früchte sprechen ein eindeutiges Bild.
        Und was die Traditionen, Lithurgien und gar die Heiligen der katholischen Kirche angeht – findet sich das in der Bibel wieder, war das die Intention von Jesus ?(obwohl ich mir bei Leibe kein Urteil hier machen kann). War es nicht vor 500 Jahren ein gewisser Martin Luther, der eben dies erkannt hat, der gar noch weiter gegangen ist?

        Von der Erkenntnis zur Weisheit und hinein in die Wahrheit des Einen ist mit Sicherheit ein langer Weg – und ich plane meine Irrtümer mit ein – und dieser Weg ist für jeden einzelnen Menschen definitiv und auch logisch betrachtet ein anderer. Das Ziel ist jedoch für alle das Gleiche.

        Danke, daß ich dich auf meinem Weg treffen darf,
        deine Impulse wertschätzend,
        alles Liebe,

        Raffa.

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