Erleuchtung für Christen?!

Erleuchtung – was ist das überhaupt?  Und sollten/dürfen Christen so etwas überhaupt anstreben?

Diese zwei Fragen haben mich die letzten Wochen beschäftigt.

Die meisten verstehen darunter eine tiefe Erkenntnis, die das Welt – und Selbstverständnis eines Menschen tiefgreifend und nachhaltig verändert. Immer werden zwei Punkte genannt:

1. Der Mensch gewinnt Abstand zu seinem Ego, d.h. zu all den Dingen, mit denen er sich normalerweise identifiziert hat, wie Name, Biografie, Beruf, Aussehen, Körper etc. An die Stelle eines Ego-Bewusstseins tritt ein Zeugenbewusstsein, ein reines Gewahrsein, ein „Ich bin“ statt „Ich bin der und der und die und das…“

2. Der Mensch erfährt sich nicht mehr von anderen getrennt: Hier Ich – da der Rest, sondern als das Ganze selbst: Alles ist eins und auch ich bin alles. An die Stelle eines Ich-Bewusstseins tritt ein Einheitsbewusstsein und ein Verbundenheitsgefühl mit allem und jedem.

Es scheint also gleichermaßen ein Von-Allem-Abstandnehmen wie ein Mit-Allem-Verschmelzen zu sein.

Christian Meyer sieht in seinem Buch „Sieben Schritte zum Aufwachen“ gerade in der Verbindung dieser beiden Elemente das Geheimnis:
(Es) besteht darin, dass Du hundert Prozent fühlst, dich der Lebendigkeit hin gibst und zu hundert Prozent Beobachter, Zeuge und Wahrnehmender bist.

Matthias Pöhm, der sich lange mit diese Frage beschäftigt hat, schreibt auf seinem Blog:

„Erleuchtung ist ein Zustand, in dem Menschen Ihr „Ich“ dauerhaft verloren haben. (…) Erleuchtete beschreiben sich als Eins mit allem, frei von sozialen Ängsten, frei von der Angst vor dem Tod. Sie spüren einen ständigen inneren Frieden mit sich und der Welt. (…)“

Quelle: http://www.spiritueller-blog.com/liste-erleuchtete-menschen

Er führt auf seinem Blog eine Liste angeblich Erleuchteter und analysiert kritisch deren Auftreten und Lehren. Und macht dabei auf etwas extrem wichtiges aufmerksam:

Jede/r Erleuchtete bleibt ein Mensch mit Macken, oder wir könnten auch sagen: einem Schatten. Jeder Erleuchtete – Jesus eingeschlossen – habe sich auch hin und wieder geirrt, Erleuchtung macht nicht schlagartig auf immer unfehlbar, friedfertig und allwissend.

Wobei wir wieder bei unserem Lieblingsthema „Entwicklung“ angekommen wären. Äußerst charmant und gewitzt antwortet Ken Wilber in einem Interview auf die Frage, ob er erleuchtet sei, mit: „Erleuchtet genug.“ Damit macht er deutlich, dass es nicht nur zwei Zuständes des Menschseins gibt: „Erleuchtet – Nicht erleuchtet.“ Menschen sind nunmal keine Lampen mit Ein- und Ausschalter, sondern äußerst komplexe Wesen.

Die Zeitschrift  „Integrale Perspektiven“ befasst sich in einer Ausgabe (34/Juli 2016) mit dem integralen Verständnis von Erleuchtung unter dem Titel: „Aufwachen, Aufwachsen, Aufräumen.“ Denn Ken Wilber selber sieht „Erleuchtung“ etwas komplexer als das manche „Erleuchteten“ gerne hätten, erklärt dadurch aber auch, warum die „Erleuchteten“ teilweise so unterschiedlicher Ansicht sind, was „Erleuchtung“ sei und was ein „Erleuchteter“ zu tun und zu denken habe – und auch warum die „Erleuchteten“ nicht einfach die besseren Menschen sind. Ken Wilber steht nicht umsonst für differenziertes Denken 🙂

Mit den Stichworten „Aufwachen, Aufwachsen, Aufräumen (Waking up, Growing up, cleaning up)“ unterscheidet Ken Wilber in „Integrale Spiritualität“ drei verschiedene Erkenntniswege.  Holzschnittartig erklärt:

Mit „Aufwachen“ sind besondere spirituelle, mystische Erfahrungen gemeint, die uns von einem Tag auf den anderen zu einem neuen Menschen machen können. Das kann eine Nahtoderfahrung, eine Vision oder auch einfach ein ganz besonderer Moment erhöhten Bewusstseins sein. Kurz: Zustände. Nichts dauerhaftes.

Mit „Aufwachsen“ ist der Reifeprozess gemeint, den wir in ganz vielen Bereichen durchlaufen. Kurz: Entwicklung. Etwas dynamisches, nach oben offenes.

Und „Aufräumen“ schließlich meint „Schattenarbeit“, die Bewusstwerdung und die Integration verdrängter Aspekte unserer Persönlichkeit oder Emotionen, die uns ausbremsen und in Bereichen starr machen können.

Paul Smith unterscheidet in seinem Buch „Is your God Big Enough, Close Enough, You Enough? (Ist dein Gott groß genug, nah genug, du genug?), 2017, im Anschluss an Ken Wilber drei Gesichter Gottes:

Den Gott ÜBER den wir reden und nachdenken, den Gott ZU dem wir reden und beten, und den Gott, ALS den wir uns erkennen.

Jesus habe sich als „Sohn Gottes“/das Göttliche in sich erkannt („Ich und der Vater sind eins“, Joh 10,30) und auch andere dazu aufgefordert, dies ebenfalls zu tun. Als Beleg dafür führt er u.a. diese Stelle im Evangelium nach Johannes (10,34-36) an:

34 Jesus erwiderte (seinen Anklägern vor Gericht!): »Steht nicht in eurem Gesetz der Satz: ›Ich habe gesagt: Ihr seid Götter‹? 35 Hier werden also die, an die das Wort Gottes gerichtet war, Götter genannt; und was die Schrift sagt, ist unumstößlich. 36 Mich aber hat der Vater, der heilige Gott, dazu bestimmt, sein Werk zu tun, und hat mich in die Welt gesandt. Wie könnt ihr mir da Gotteslästerung vorwerfen, wenn ich sage: ›Ich bin Gottes Sohn‹? (Neue Genfer Übersetzung)

Doch statt das Göttliche in sich selbst zu erkennen, hielten die Kirchenobersten es für Gotteslästerung und forderten deshalb die Todesstrafe. Indem Jesus im Laufe der Zeit zum „einzigen Sohn Gottes“ und der zweiten Person der Trinität erklärt wurde, ging diese Wahrheit verloren. Es ginge darum, dass zu werden, was wir bereits sind: In der Tiefe unseres Selbst eins – nicht identisch! – mit Gott.

In der lutherischen Kirche, aus der ich stamme, ist es üblich, vom Menschen so zu denken: Alle sind „gleichermaßen Sünder und Gerechte.“ Keiner ist vollkommener, Gott näher,  als der andere. Das ist einerseits richtig, denn, wie oben thematisiert, sind eben auch Erleuchtete „nur“ Menschen. Andererseits hat dieser Glaubenssatz dazu geführt, dass sich kaum einer traut, zu sagen: Ich suche Erleuchtung oder gar: Ich bin erleuchtet. Luther hat das „Schwärmertum“, wie er es nannte, abgelehnt. In den orthodoxen Kirchen dagegen ist es normal, Erleuchtung zu suchen, sie nennen es nur anders: Vergöttlichung, Theosis. Erleuchtete genießen dort als geistliche Väter und sog. Starzen hohes Ansehen. Diese Schüler – Lehrer Beziehung ist eigentlich nur möglich, wenn wir davon ausgehen, dass einer der beiden etwas begriffen und verkörpert hat, was dem anderen noch fehlt und wonach er sich sehnt.

Aus meiner Sicht war die Beziehung zwischen Jesus und seinen Jüngern eine solche zwischen Lehrer/Guru und seinen Schülern. Jesus hat etwas ausgestrahlt und verkörpert, wonach sich seine Schüler und Schülerinnen gesehnt haben: Verbundenheit, Frieden, Liebe, aber auch: Angstfreiheit, Vollmacht, menschliche Erhabenheit. Sie wollten auch so ein Mensch werden wie er.

Nachfolge bedeutet demnach selbstverständlich, sich ebenfalls nach Erleuchtung zu sehnen. Ist doch ganz klar, oder was meint ihr? Und wenn ja, wo seht ihr euch auf der Skala erleuchtet von 1 bis 10 ;-)?

Ich jedenfalls wünschte, ich könnte wie Ken Wilber antworten: „Erleuchtet genug“ 🙂

Mehr zu dem Thema findet ihr auf www.soundstrue.com, einer Audioreihe zum Thema „Erleuchtung.“ Kostet leider nicht wenig 😦

Zur Diskussion um spirituelle Lehrer werdet ihr hier fündig:

http://integralesleben.org/il-home/il-integrales-leben/anwendungen/religion-spiritualitaet/papier-des-if-zur-diskussion-um-spirituelle-lehrer/

Und hier noch das Interview mit Ken Wilber:

Autor: Sandra Hauser

Ich habe evangelische und orthodoxe Theologie in Tübingen, Minsk (Weißrussland) und Hamburg studiert.

2 Kommentare zu „Erleuchtung für Christen?!“

  1. Guten Sonn-Tag Sandra,

    wieder mal darf ich dir danken für die Worte, die du hier bereit hälst.

    Besonders „deine letzten Worte“ sprechen mir aus Herz und Seele.
    Wie diese Lehrer/Schüler-Situation in den ersten christlichen Gemeinden, in der orthodoxen Kirche noch praktiziert und wie der „Umgang“ mit Jesus und seinen Aposteln/Jüngern geschildert ist, ist genau das,
    was wir auch heute anstreben sollten. Eine spannende Frage, wie wir es auf den Weg bringen können, uns selbst und andere zur (Teil-)Erleuchtung(;-) zu führen und letztendlich zu Gott.
    Schauen wir, welchen Weg wir, wie auch das Licht nehmen – und wie wir die Schatten integrieren.

    In Vorfreude,
    Raffa.

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