Die drei Gesichter Gottes

Der Gott, über den wir nachdenken. Der Gott, mit dem wir sprechen. Und das Göttliche, das wir in uns finden.

In Paul Smiths erstem Buch zum integralen Christentum („Integral Christianity“) war die Grundidee der drei Gesichter Gottes bereits angeklungen, in seinem Buch „Is your God Big Enough, Close Enough, You Enough. Jesus and the Three Faces of God, 2017“ macht er sie zum Kernthema.

Dies ist das wichtigste Buch, dass ich seit 25 Jahren gelesen habe.

So preist ein Philosoph, James P. Danaher, auf der ersten Seite den Inhalt des Buches an. Übertrieben?

Nicht notwendigerweise. Denn das Buch und seine Thesen haben aus meiner Sicht durchaus das Potential, die Spiritualität in unseren Kirchen umzustürzen oder zumindest auf ein neues Level zu heben.

Die wichtigsten Grundthesen möchte ich hier mit euch teilen:

Er beginnt mit zwei Feststellungen oder Beobachtungen:

  • Dass es Menschen gibt, die Gott jenseits der Welt finden, im Universum, im Unendlichen, Menschen, die Gott als einen intimen Freund, als eine ständige Präsenz wahrnehmen, und Menschen, die Gott in ihrem Inneren, in ihrem tiefsten Selbst entdecken. Manche zögen daraus den Schluss, dass die Sache mit Gott Unsinn sei, da ihn jeder woanders sehe und sich anders vorstelle. Er, Paul Smith, gehe den anderen Weg und behaupte, alle diese Ansätze seien wesentliche und gleichberechtigte Pfade: Drei Dimensionen, drei Perspektiven von denen aus wir auf das Göttliche schauen und uns ihm zuwenden.
  • Die zweite Beobachtung ist: Dass die Art und Weise, wie in den Kirchen über die Trinität/Dreieinigkeit gesprochen würde, häufig dazu führe, dass nur eine ein- oder zweidimensionale Beziehung zu Gott geführt werde: Es werde über ihn geredet, oder, noch häufiger, zu ihm gesprochen – die Entdeckung des Göttlichen in der eigenen Seelentiefe bleibe außen vor.

Es geht ihm nicht darum, die traditionelle Trinitätslehre hinfällig zu machen, sondern um eine neue Version dieser Lehre, die dem heutigen Bewusstsein entspricht. Denn die integrale Theorie geht ja bekanntlich davon aus, dass sich auch nach dem 4. Jahrhundert, als diese erstmals formuliert und festgeschrieben wurde, das Bewusstsein der Menschheit weiter entwickelt hat.

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Er nennt diese drei Perspektiven auf Gott zu schauen die drei Gesichter Gottes: God-beyond-us, God-beside-us, God-being-us. Gott jenseits von uns, Gott neben uns, wir als ein Teil des Göttlichen. Oder auch: Der Gott, über den wir nachdenken. Der Gott, mit dem wir sprechen. Und das Göttliche, das wir in uns finden. Diesen drei Gesichtern entsprechen wiederum drei Arten der Beziehung: Über Gott nachdenken, sich mit Gott in Beziehung zu setzen, im Göttlichen ruhen. (Reflecting about God, relating to God, Resting as God.) Jesus habe diese drei Perspektiven vorgelebt: Jesus redete über Gott, zu Gott und als Gott. (Jesus talked about God, to God, and as God.)

Zitat Paul Smith 2

Indem er diese drei Perspektiven oder Art und Weisen der Beziehung jeweils für alle drei Personen der Dreieinigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist durchspielt, entsteht eine neunteilige Gliederung seines Buches. Diese ist somit zugleich die Wiederspiegelung des Inhalts selbst. Für die, die hier noch tiefer einsteigen möchten, folgt in Kürze ein weiterer Artikel dazu.

Aus der Gliederung ergibt sich schließlich folgender Inhalt:

  • Über den Gott jenseits von uns nachdenken: 1. Der Vater, das Wunder des unbegrenzten Seins, 2. Der Sohn, der kosmische Christus, 3. Der Heilige Geist, das unbegrenzte Bewusstsein
  • Sich mit dem Gott neben uns in Beziehung setzen: 1. Gott als unser Vater/ Mutter, 2. Gott als unser Freund in Jesus (oder Maria oder einem Heiligen), 3. Die Nähe des Hl. Geistes
  • Wir als das Göttliche: Der Hl. Geist als erleuchtetes Bewusstsein, die Aufzeichnung von erleuchtetem Bewusstsein in der Bibel, die Realität von erleuchtetem Bewusstsein, die Folgen davon, die Seligkeit eines transzendenten Bewusstseins, der Frieden eines Einheitbewusstseins

Den spirituellen Weg eines Christen beschreibt er mit der Formel:

From Somebody to Nobody to Embody to Everybody.

Es geht um einen Stufenweg verschiedener Identifikationen, die aufgebaut und schrittweise wieder durch die nachfolgenden abgelöst werden:

  • Jeder werde zunächst ein Jemand in dem Sinne, dass er sich als Person von anderen zu unterscheiden und abzugrenzen lernt (durch seinen Namen, seinen Körper etc.)
  • dann durch spirituelle Praxis ein Niemand, indem dieser Jemand lernt, sich nicht mehr über dieses Ego zu definieren,
  • dann eine Verkörperung des Göttlichen, z.B. in der Nachfolge Jesu,
  • und schließlich Jeder im Sinne der tiefen Verbundenheit mit allen und allem.

Im letzten Teil seines Buches deutet er die Erzählung von der Verklärung Jesu neu. Bei der Verklärung habe Jesus ein Gespräch mit seinen Geistführern Elija und Mose gehabt. Ebenso können auch wir Kontakt zu bestimmten Verstorbenen suchen, zu denen wir uns hingezogen fühlen und diese um Führung auf unserem spirituellen Weg bitten. Damit lädt er uns (vor allem Evangelische) dazu ein, den Wert der Heiligenverehrung neu für uns zu entdecken. Mich hat das persönlich sehr berührt, da ich sofort wusste, wen ich in meinem Fall fragen will. (Dazu gerne an anderer Stelle mehr :-))

Als eine besondere Stärke des Buches empfinde ich neben dem Inhalt Paul Smith Bereitschaft, seinen eigenen sehr persönlichen Erfahrungen auf seinem spirituellen Weg mit uns zu teilen. Am Ende jedes Kapitels gibt er uns außerdem Übungen mit an die Hand, die uns dabei helfen, das Geschriebene im Gespräch oder durch eigene Praxis zu vertiefen. Theorie bleibt also keineswegs Theorie, sondern fließt direkt ins Leben über.

Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen und werde es selbst wohl noch zig-mal lesen müssen.

Falls ihr es selbst bereits getan habt und etwas anders seht oder versteht, lasst es mich bitte wissen. Ich bin sehr gespannt auf eure Reaktionen und Einschätzungen 🙂

Zusätzliche Quellen zur Vertiefung findet ihr hier:

Paul Smith stellt zusätzlich zu seinem Buch viel Material kostenlos auf seiner Homepage zur Verfügung. Schaut doch mal vorbei: http://www.revpaulsmith.com, dort unter „Writings“ und „Books“.

Auf YouTube gibt es ein Lied aus der Gemeinde von Paul Smith, das dem Thema der drei Gesichter gewidmet ist:

Ken Wilber zu den drei Gesichtern Gottes:

Und hier findet ihr einen Vortrag über die drei Gesichter von Daybree Thoms:

Autor: Sandra Hauser

Ich habe evangelische und orthodoxe Theologie in Tübingen, Minsk (Weißrussland) und Hamburg studiert.

2 Kommentare zu „Die drei Gesichter Gottes“

  1. Herzlichen Dank für den Artikel. 🙂 Ich freu mich, dass es immer mehr Material zum Thema „Integrales Christsein“ gibt. Paul R. Smith find ich auch echt gut. Allein seine Biografie ist schon beeindruckend.

    Beim „Kontaktaufnehmen mit Toten“ hab ich allerdings noch ein komisches Gefühl. Da muss ich noch eine Weile drüber brüten, ob, wie und wann ich das für sinnvoll halte.

    Wie Smith an der Trinitätslehre anknüpft, find ich allerdings genial. Nur mit der Dreiteilung des dritten Teils „Der Hl. Geist als erleuchtetes Bewusstsein“ kann ich noch nicht richtig was anfangen. – Vielleicht muss ich mal das Buch lesen. Es liegt hier sowieso schon bei mir rum. 😉

    Gefällt 1 Person

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