Die spirituelle Rolltreppe

Die Entwicklung des christlichen Glaubens

Im Folgenden habe ich für euch den Versuch unternommen, die Entwicklung der spirituellen Linie durch die Ebenen innerhalb des Quadranten für unseren Kulturkreis durchzuspielen.

Bei den Ebenen habe ich das Modell von Spiral Dynamics zugrunde gelegt.

Spirituelle Linie bedeutet, dass es mir hier nur um die Entwicklung des Glaubens/der spirituellen Intelligenz geht, die relativ unabhängig von der Entwicklung der Kognition oder anderen Kompetenzen erfolgen kann.

Quadrant bedeutet in diesem Fall, dass ich oben links mit innen-Einzahl beginne (Mein Glaube, wie ich ihn erlebe), und unten links über innen-Mehrzahl (Unser Glaube, wie wir ihn erleben) und oben rechts außen-Einzahl (Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch) zu unten rechts außen-Mehrzahl (Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch) gelange.

Klingt zunächst möglicherweise etwas verrückt oder kompliziert, war für mich aber eine durchaus interessant-spaßige Geschichte.

Inspiriert wurde ich dazu vor allem durch eigene Erfahrungen und deren Reflexion, sowie Spiral Dynamics, Marion Küstenmacher, Paul Smith und Arnd Cords (danke euch allen!).

Sehr aufschlussreich fand ich, dass mir während dem Schreiben immer klarer wurde, wann ich in meiner Biografie den Schwerpunkt auf welchem Mem hatte. Und ebenso wurde mir klar, dass ich immer noch unaufhörlich bewusst, vor allem aber unbewusst zwischen den Ebenen switche. Es ist wirklich ein bisschen wie bei einer Rolltreppe in einem Kaufhaus. (Dieser Vergleich stammt von Paul Smith)

Sehr gerne nehme ich in diese Sammlung eure Rückmeldungen auf, wenn euch etwas wichtiges gefehlt hat oder auch etwas wichtiges (oder auch lustiges ;-)) dazu einfällt.

Und jetzt… viel Spaß beim Lesen!

Der Glaube im purpurnen Mem (Sippe)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Überall lauern Geister, Gespenster, Engel und Dämonen
  • Mein Talisman, Stofftier, Ikone o.ä. schützt mich
  • Ich bin abergläubisch, habe z.B. Angst vor einer schwarzen Katze

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Wir vertrauen auf Wunder wirkende Ikonen und heiliges Wasser
  • Der Wein beim Abendmahl kann dem Alkoholiker nicht schaden, da er sich tatsächlich in das Blut Christi verwandelt
  • Wir müssen uns vor dem Einfluss von bösen Dämonen schützen

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich stelle meinen Honig vor eine Ikone, um ihn zu weihen
  • Ich trage Edelsteine oder ähnliches am Körper
  • Wir lassen unser Kind bald nach seiner Geburt taufen, damit ihm nichts passiert
  • Ich schlage willkürlich die Bibel auf, um einen Orakelspruch von Gott zu empfangen

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Wir pilgern zu heiligen Orten, um dort Maria um Heilung oder Fruchtbarkeit anzurufen
  • Wir küssen Reliquien und die Särge Heiliger
  • Wir bringen unser Auto zum Priester, damit dieser es weiht
  • Wir grenzen uns von Menschen ab, die nicht „orthodox“ sind wie wir
  • Während dem Gottesdienst bekreuzigen wir uns alle gleichzeitig
  • Wir betreiben Exorzismus
  • Vetternwirtschaft ist normal

Der Glaube im roten Mem (kriegerisch)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Die Welt ist oft ungerecht und grausam
  • Wenn ich krank bin, ist das, weil Gott zornig auf mich ist – warum, weiß ich aber nicht
  • Gott steht auf meiner Seite, wenn ich für die gerechte Sache kämpfe
  • Gott rächt sich an meinen Feinden
  • Ich stehe für meinen Glauben ein und riskiere es, dafür gehasst oder gar getötet zu werden
  • Alles, was in der Bibel steht ist Wort für Wort richtig und muss geglaubt und befolgt werden
  • Wenn ich Gott treu bleibe, komme ich in den Himmel – wenn nicht, werde ich bestraft

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Wir müssen gemeinsam gegen andere kämpfen, um die Wahrheit zu verteidigen
  • Wir sind für die Todesstrafe
  • Die, die gegen uns sind, werden eines Tages von Gott dafür bestraft werden

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich bin ein „cooles“ Mitglied einer Gang
  • Ich räche mich für Gemeinheiten, die mir andere angetan haben
  • Ich bete für gute Noten und dass es meinen Feinden schlecht geht
  • Ich sage „Gott will dies und das (nicht)…!“

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Wir protestieren laut gegen Menschen, die etwas machen, was Gott nicht will, z.B. gehen wir auf Homosexuelle los oder Frauen, die Abtreibung gutheißen
  • Wir stehen an der Straße, um die Verlorenen zu bekehren
  • Wir betreiben Inquisition, Hexenverbrennung, Zwangsbekehrung, Exorzismus und Kreuzzüge

Der Glaube im Blauen Mem (Traditionell)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Ich glaube an einen allmächtigen Gott und eine absolute Wahrheit
  • Nur eine wörtliche Interpretation der Bibel ist richtig: Durch die Autoren der Bibel spricht Gott zu uns.
  • Der Exodus, die Landnahme, Jesu Geburt in Bethlehem usw. ist historisch wahr
  • Zweifel sind Prüfungen Gottes
  • Gott sorgt für einen gerechten Ausgleich: Nach dem Leben kommen die einen in den Himmel, die anderen in die Hölle
  • Es gibt richtig und falsch
  • Jesus ist der einzige Sohn Gottes, der für meine Sünden gestorben ist

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Wir beten in Bibelkreisen füreinander und trösten uns gegenseitig mit Bibelworten
  • Durch das Hören der Predigt und den Besuch der Beichte stärken wir uns im Glauben
  • Gott segnet unsere Kirche, unsere Familie, unser Land
  • Wir lieben den Status quo und hassen jede uns aufgezwungene Veränderung
  • Wir sind allesamt verloren und nur durch Jesus gerettet
  • Nur wir Christen erhalten das ewige Leben

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich gehe sonntags in die Kirche
  • Ich halte mich an bestimmte Regeln, z.B. warte mit dem Sex bis zur Ehe und lasse mich nicht scheiden
  • Ich mache etwas, weil es so üblich ist oder meine Rolle erfordert, z.B. spreche ich „Amen“ beim Abendmahl oder gebe dem Pfarrer die Hand

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Unsere Institution Kirche ist streng hierarchisch organisiert und wird von bürokratischen Behörden geleitet
  • Die Liturgie folgt einem festen Ablauf
  • Unsere Dogmen und Lehrsätze können von jedermann nachgelesen werden
  • Andersdenkende, Unangepasste und Gesetzesübertreter werden ausgeschlossen
  • Wir grillen zusammen und sammeln Geld für unseren Kirchturm

Der Glaube im Orangenen Mem (modern)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Ich habe eine skeptische Grundhaltung
  • Ich neige zu Materialismus, Atheismus und Religionskritik
  • Alles kann wissenschaftlich erklärt werden
  • Was nicht gemessen werden kann, existiert nicht
  • Die Autoren der Bibel wussten es nicht besser, sie hatten ein „mythologisches Weltbild“, da es damals noch keine Naturwissenschaft gab und sie waren naiv, weil sie an Wunder glaubten
  • „Engel“, „Dämonen“, „Hölle“ sind Bilder, keine Realitäten
  • Jesus ist vor allem ein ethisches Vorbild

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Wir diskutieren heftig über die Theodizeefrage und mögliche Lösungsansätze
  • Es kann immer nur einer Recht haben
  • Wir halten uns gegenseitig dazu an, selbstständig denken und glauben zu lernen, unsere eigene Wahrheit zu finden und diese begründen zu können
  • Ein gutes Leben ist, wenn jemand äußerlich sichtbaren Erfolg hat

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich suche mir die Gemeinde, den Pastor, die/der mir am besten gefällt und der mich intellektuell herausfordert
  • Ich gehe nur noch selten in den Gottesdienst, zu Konzerten, zu Weihnachten oder wenn Freunde heiraten
  • Ich lasse mein Kind nicht taufen, damit es später selbst entscheiden kann
  • Ich mache Karriere (in der Kirche), weil ich so selbstreflektiert, intelligent und teamfähig bin

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Theologie an der Universität bedient sich wissenschaftlicher Methoden
  • Die Kirche rechtfertigt ihr Dasein durch ihren Nutzen für die Gesellschaft
  • Unser Pfarrer analysiert die biblischen Texte unter Berücksichtigung des zeitlichen Kontextes, den Originalsprachen Hebräisch und Griechisch, der Absicht des Verfassers usw.
  • Unsere Gemeinde probiert moderne Gottesdienstformen aus mit einer Lobpreisband, PowerPoint, freier Form usw.

Der Glaube im Grünen Mem (postmodern)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Ich bin spirituell, aber nicht religiös
  • Es gibt nur relative, keine absolute Wahrheiten
  • Es gibt keine Fakten, nur Interpretationen davon
  • Eine Predigt muss mich existentiell und emotional ansprechen
  • die „Hölle“ und der „Himmel“ sind seelische Zustände
  • Wunder sind möglich und erforschbar, die ganze Welt ist ein einziges Wunderwerk, das zum Staunen anregt
  • Gott ist in allem und alles ist in Gott
  • Gott ist nicht allmächtig, sondern mächtig in den Schwachen
  • Nahtoderfahrungen usw. weisen darauf hin, dass es mehr gibt, als ich sehe und der Tod nicht das Ende ist (New Age)
  • Sünde ist Entfremdung oder Schaden anrichten

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Wir tauschen uns gegenseitig über unsere spirituellen Erfahrungen aus
  • Wir deuten die Bibel tiefenpsychologisch, befreiungstheologisch oder feministisch
  • Wir genießen es, dass wir so reich an unterschiedlichen Erfahrungen sind und machen uns gegenseitig keine moralischen Vorschriften oder Vorschriften darüber, wie jemand zu denken hat
  • Wir lehnen die Institution Kirche ab, weil sie autoritär und unbeweglich ist und unnötig erscheint
  • Wir lehnen den Sündenbegriff ab, weil er dazu gebraucht wurde, Menschen zu manipulieren und „klein“ zu halten
  • Gott hat keine Hände außer die unseren
  • Sünde ist strukturelle Sünde

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich ändere mein Verhalten zugunsten der Umwelt und den Benachteiligten in der Welt, z.B. vermeide ich Plastik, kaufe Fair-Trade- und Bio-Produkte, ernähre mich vegetarisch/vegan und mache Car-Sharing
  • Ich probiere verschiedene Meditationsformen aus, gehe auf Zeit ins Kloster (auch gern in ein buddhistisches) oder mache einen Dunkelretreat, ich gehe pilgern, faste oder lege Tarot-Karten

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Wir behandeln uns wie Schwestern und Brüder.
  • Unsere Strukturen sind demokratisch und hierarchiefeindlich.
  • Wir beten in leichter und gendergerechter Sprache, die alle einschließt.
  • Wir sehnen uns nach Frieden und Gerechtigkeit auf der Welt
  • Wir sprechen gemeinsame Schuldbekenntnisse und verstehen, dass wir mit schuld sind am Elend auf der Welt
  • Wir lesen zusammen den „Kurs in Wundern“ und singen „Taizè-Lieder“
  • Wir engagieren uns für andere: gründen Fair-Trade-Läden, essen vegetarisch/vegan, beten mit Menschen anderer Religionszugehörigkeit und nehmen an gewaltfreien Aktionen teil

Der Glaube im Gelben Mem (integral)

Mein Glaube, wie ich ihn erlebe:

  • Gott ist das Zusammenfallen der Gegensätze
  • Ich kenne die drei Gesichter Gottes aus eigener Erfahrung:
  • Ich habe Erfahrungen mit dem Göttlichen als dem allumfassenden Kosmos, mit Jesus als einem Gegenüber und meinem wahren göttlichen Wesenskern gemacht
  • Entwicklung/Evolution liegt allem zugrunde
  • Gott als das Wahre, Schöne und Gute
  • Meine Lebensaufgabe ist Ko-Kreation
  • Ich überblicke meinen bisherigen Glaubensweg und schätze jede Etappe davon wert
  • Jesus ist der Prototyp der Menschheit
  • Sünde ist die Illusion abgetrennt zu sein von Gott und die (falsche) Identifikation mit dem Ego
  • Jegliche Erfahrung ist per se wertvoll

Unser Glaube, wie wir ihn erleben:

  • Alle haben (teilweise) recht
  • Wir fühlen und wissen die Menschheit, das Universum als ein großes Ganzes
  • Unsere Gemeinschaft ist eine große Chance für neue Erfahrungen und unsere Weiterentwicklung
  • Wir streben gemeinsam nach mehr Christusbewusstsein
  • Wir machen Schattenarbeit
  • Wir lesen die Bibel als eine gigantische Sammlung von spiritueller Erfahrung und Deutung von den verschiedenen Bewusstseinsstufen aus
  • Wir sind verschiedenen Bewusstseinszuständen (mystische Versenkung, Ekstase, Visionen) selbst gegenüber aufgeschlossen und deuten die Bibel von diesen aus neu
  • Das Reich Gottes ist ein erhöhter Bewusstseinszustand

Mein Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Ich suche Gleichgesinnte übers Internet und auf Seminaren, um mich auszutauschen und dazu zu lernen
  • Ich praktiziere verschiedene Gebet- und Meditationsformen im Rahmen einer integralen Lebenspraxis
  • Ich lebe mein Christ-Sein von der Stufe aus, die jeweils der Situation angemessen ist und werde den „blauen ein blauer, den orangenen ein orangener, den grünen ein grüner“ Christ

Unser Glaube äußert sich nach außen dadurch:

  • Wir beten mit den drei Gesichtern Gottes
  • Wir mixen frei Traditionen und Praktiken so, wie es zum gegenwärtigen Zeitpunkt angemessen erscheint
  • Die Gestalt der Kirche ändert sich (wie genau, ist wohl noch offen)

Eine englischsprachige Übersicht über existierende Gemeinden auf den verschiedenen Ebenen findet ihr hier:

http://www.andyatwood.com/integral-church-and-christianity.html

Autor: Sandra Hauser

Ich habe evangelische und orthodoxe Theologie in Tübingen, Minsk (Weißrussland) und Hamburg studiert.

4 Kommentare zu „Die spirituelle Rolltreppe“

  1. Ich habe für mich mal aufsummiert, mit welchen Punkten ich jetzt gerade übereinstimme und die Anzahl je Mem addiert.

    Purpurnes Mem (Sippe) 1, weil wir unsere Kinder taufen lassen haben, wenn auch nicht aus dem angegebenen Grund. Das hätte also eigentlich unter Tradition gehört.

    Rotes Mem (Kriegerisch) 3, weil ich z. B. Dietrich Bonhoeffer bewundere, der aus seinem Glauben heraus gegen die Nazis gekämpft hat.

    Blaues Mem (Traditionell) 9, weil ich häufig sonntags zur Kirche gehe und auch sonst in der real existierenden Gemeinde mitmache. Daraus ergibt eine Reihe von Punkten automatisch.

    Oranges Mem (Modern) 12, auf der Ebene Denken, intellektuelle Redlichkeit, Kenntnisnahme moderner Theologie käme ich daran nicht vorbei.

    Grünes Mem (Postmodern) 22, hier liegt anscheinend mein Schwerpunkt. Das passt auch ungefähr.

    Gelbes Mem (Integral) 17, wenig überraschend ist auch dieser Punkt stark besetzt.

    Dass persönliche Glaubenszustände zwischen den verschiedenen Mems hin- und herwechseln, ist bei dieser Einteilung unvermeidlich. Man hat im Grunde nur die Wahl zwischen den Übeln einer gewissen Beliebigkeit und Schwäche auf den Stufen Grün und Gelb, einer falschen Gewissheit, die aber soziale Einbindung schafft, auf den Stufen Purpur bis Blau und dazwischen einer Nüchternheit, die einen frieren lässt und in der man es auf die Dauer nicht aushält auf der Stufe Orange. Sozusagen ein Trilemma der Spiritualität.

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