Integral und Christ – passt das überhaupt zusammen?

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Ein „Integrales Christentum“ – geht das überhaupt? Ist nicht „Christentum“ nur ein Teil und damit gerade nicht „integral“, also nicht allumfassend, alle einschließend?, so lese ich manchmal. Der Begriff wäre dann ein unsinniges Oxymoron. Die Tendenz innerhalb der integralen Szene ist tatsächlich groß, sich bereits auf einem höheren transreligiösen oder interspirituellen Level zu wähnen und alle religiösen Traditionen als Vorstufen anzusehen, die es zu überwinden gilt. Doch Vorsicht!

Anselm Grün warnt in seinem Buch „Mystik. Den inneren Reichtum entdecken“ vor einem solchen Denken:

In der Sprache der Psychologie nennt man dies nach C.G. Jung die „Gefahr der Inflation.“ Man bläht sich mit großen Bildern auf, hält sich also für einen Mystiker und denkt, man bräuchte sich nicht mehr mit den christlichen Dogmen und Glaubenssätzen auseinanderzusetzen, weil man über jeder konkreten Religion steht. Für die wahren Mystiker und Mystikerinnen war Demut immer ein wichtiges Kennzeichen sowie die Bereitschaft, die eignen Erfahrungen in Einklang mit der kirchlichen Lehre zu bringen. (S. 13)

„Integral“ bedeutet auch, unsere Herkunft und spirituelle Heimat zu umarmen und zu integrieren. Ein religiöser Einheitsbrei oder eine Art Über-Religion ist gerade nicht integral, da dadurch der Reichtum, die Besonderheiten und die einzigartigen Zugänge und Wahrheiten jeder einzelnen Tradition verloren gehen würden. Ziel des integralen Ansatzes ist es aber, Einheit in einer bestehenden Vielfalt, die also solche wertgeschätzt wird, zu erreichen.

Der Dalai Lama findet dafür folgendes Bild:

… Vielfalt kann dazu beitragen, dass alle glücklich sind. Wenn wir nur Brot haben, bleiben die Reisesser hungrig. Mit einer großen Auswahl an Nahrungsmitteln können wir die unterschiedlichen Bedürfnisse und Geschmäcker aller Menschen befriedigen. […] Welcher religiösen Tradition wir folgen, wird bei den meisten von uns vom familiären Hintergrund bestimmt, es hängt davon ab, wo wir geboren wurden und aufwuchsen. Und ich bin der Meinung, dass es in den meisten Fällen besser ist, nichts daran zu ändern. (S. 8f., Vorwort zu dem Buch von Wayne Teasdale, Das mystische Herz)

Der Priester Wayne Teasdale selbst beschreibt Interspiritualität so:

Nicht Buddhismus anstelle von Christentum oder Christentum anstelle von Islam, sondern Christentum plus Buddhismus, Islam plus Christentum.“ Wir lehnen unsere eigene Tradition nicht ab, sondern bauen auf diesem Fundament auf.

Wer sich als integraler Christ bezeichnet, sieht sich gleichzeitig tief in seiner eigenen spirituellen christlichen Tradition verwurzelt und kann sie gerade darum mithilfe der integralen Landkarte für andere neu beleuchten und verständlich machen. Es geht bei diesem Prozess nicht um die Preisgabe von Inhalten, sondern um deren immer tieferes Verstehen und Übersetzen in gegenwärtige Lebensverhältnisse und Denkstrukturen.

Paul Smith drückt dieses Unterfangen so aus:

Niemand muss seine traditionelle Religion aufgeben. Sie [die Christen] brauchen nur eine neuere Version davon.

(aus: Is Your God Big Enough, Close Enough, You Enough, Übersetzung des Verfassers, S. 359)

Ken Wilber ermutigt uns in seinem Buch „Integrale Spiritualität“ (S. 167):

Sie können sich in Ihrem Glauben, so wie er ist, bestärken, und ihn gleichzeitig unbesorgt wahrhaftig integral gestalten.

Der Pfarrer Sven Kosnick schreibt in seinem Buch über seine Christus-Erfahrungen auf dem Weg des Zen:

Es gibt kein allgemeines „sportlich“, ohne eine konkrete Sportart auszuüben. Das Phänomen Sport kann nur durch eine Festlegung auf eine Disziplin ausgedrückt werden. Genauso kann das Phänomen Religion durch die konkrete Praxis einer Religion ausgeübt werden. Die Festlegung auf eine bedeutet keine Ablehnung der anderen.

Sven Kosnick, S. 39, Das glückliche Nichts

Was sagt ihr dazu?

27 Kommentare

  1. Spricht mir aus dem Herzen! Gerade in letzter Zeit habe ich viel darüber nachgedacht, ob ich mein Christsein eigentlich aufgeben muss angesichts der integralen Perspektive. Verschiedene Wege nebeneinander stehen lassen – damit wäre schon viel gewonnen. Ich wünsche mir das auch von anderen in Bezug auf meine Tradition.

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  2. ich denke, jeder Mensch ist zutiefst ein Mystiker und ein mystischer Entwicklungsweg ist meiner Meinung nach auch abseits der Kirchen und Religionen möglich. Solange „Türkise“, wie z. B. Willigis Jäger exkommuniziert werden und solange Jesus als einziger Sohn Gottes gesehen wird, stellen die Kirchen selbst sich ins Abseits.

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    1. Willigis ist nicht exkommuniziert. Er ist von der Abtei beurlaubt. Und dadurch ist es möglich ganz viele Menschen zu erreichen, die den Kirchen ablehnend gesinnt sind. Dass Anselm Grün und Tilmann Haberer dort Vorträge halten können ist ein Segen und zeigt, dass Christsein integral funktioniert.

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    1. Lieber Raffa, „Liebe“ – das ist mir einfach zu schwammig. Ich halte im Gegenteil Begriffsklärungen für unbedingt notwendig, um echtes Verstehen zu ermöglichen, anstatt ständig aneinander vorbei zu reden. Erst vor kurzem las ich wieder bei einer Mystikerin, dass sie den Begriff „Liebe“ ganz neu definiert. Das ist doch spannend und bereichert unser Leben, darüber zu sprechen, was wir unter „Liebe“ (oder eben auch „Religion“) jeweils verstehen. Denn dabei merken wir nicht selten, warum wir uns die ganze Zeit missverstanden haben: Unsere Lebenserfahrungen, unser Angelesenes ist so unterschiedlich, und dementsprechend das, was wir spontan mit einem Begriff verbinden. Sei mir gegrüßt, Sandra

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      1. Liebe ist…. einfach;
        Gott ist… einfach –
        und er hat uns so viele Möglichkeiten geschenkt, in Liebe zu kommunizieren ohne Worte…
        , denn in den Worten steckt das Potenzial für Mißverständnisse oder auch die Chance für neue, weitere Definitionen –
        das jedoch und Gott-sei-Dank ist der Weg, den ein jeder auf besondere Weise „erfahren“ darf.

        Möge Gott mit uns sein und auch sein Frieden,
        Danke für deine Worte Sandra.

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  3. sorry, liebe Sandra, die mystischen Zweige der verschiedenen Religionen treffen sich bei „Türkis“ alle auf dem selben Berg und werden dort trans-religiös, meiner Erkenntnis nach. Und wenn die meisten „Hirten“ innerhalb der Kirchen noch nicht bei gelb oder türkis sind, brauchen mündige „Schafe“ ihnen auch nicht mehr demütig folgen. Wachstumshierarchie anstelle von Machthierarchie…

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    1. Liebe Regina, in Teilen gebe ich dir Recht. Unsere Kirche z.B., wie ich sie von innen erlebt habe, steckt bedauerlicherweise ziemlich in blau, orange fest, obwohl sie vor zwanzig Jahren schon mal grüner gewesen sein soll, habe ich mir von älteren Kollegen sagen lassen, sprich: es wurde wieder machthierarchischer. Das habe ich auch selbst schmerzhaft zu spüren bekommen. Doch ich ziehe es vor, die Kirche von innen transformieren zu wollen, weil es eben auch viele Dinge gibt, wofür ich sie zutiefst schätzen gelernt habe. (Nicht zuletzt für die eigene Schattenarbeit und das Einüben von Demut). Und natürlich halte ich es theoretisch für möglich, dass ein Mensch auch außerhalb einer der traditionellen Religionen einen mystischen Weg beschreiten kann, aber nur allein im Kämmerchen führt sicherlich in die Irre. Es bleibt also die Frage und das Verlangen nach neuen Gemeinschaften, in denen dieser Mensch mit anderen diesen Weg gehen kann. Und: Wer eine Auseinandersetzung mit den Formen und Inhalten von Religion von vornherein scheut, ist meines Erachtens alles andere als integral, denn sie gehören nunmal zum Menschsein und dem Entwicklungsweg der Menschheit dazu. Und, wir hatten das ja schon mal thematisiert, ich bezweifle eben, dass es derzeit weltweit viele Menschen auf türkis gibt, denn ich habe leider noch nie einen solchen live getroffen. Du darfst das gern anders sehen, denn du hast andere Erfahrungen gemacht 🙂

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      1. Erlaube Sandra, daß ich dir bei diesem anderen Kommentarstrang eine Frage stellen darf.
        Wie kommst du zu der Aussage, daß ein Mensch außerhalb einer der traditionellen Religionen [b) warum muß es Religion? sein -Definitionsfrage??] in die geht?
        Habe ich eine Beziehung und einen Dialog mit Gott/Jesus/dem Heiligen Geist bin ich zu dem nicht allein.
        – wie oft kommt Erkenntnis fern von Gemeinschaft, siehe Jesus, auch andere „Mystiker“ (sorry), die eben diese Einsamkeit bewußt suchen.
        – – wie oft sind es Menschen oder 2das Menschliche“, welches uns in die Irre führt – die Geschichte ist nahezu voll davon.

        Verstehe mich nicht falsch, es spricht nichts gegen Gemeinschaft. In der Verbindung mit anderen Menschen, mit anderen Seelen und deren Gaben können und müssen wir „Großes“ kreieren.
        Auf dem weiteren Weg zu Erkenntnis und auch zurück zur Quelle.

        Danke,
        Raffa.

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  4. Danke für diesen Beitrag. Ich habe mich vor einigen Jahren entschieden, nicht mehr alles auf einmal zu versuchen und am Ende nichts tief genug zu machen, sondern mich auf den christlichen Weg zu konzentrieren. Aussagen wie die im Beitrag zitierten haben mich darin bestärkt.

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    1. Mir ging es ähnlich: Meinen spirituellen Einstieg begann ich mit der Verbindung in einer buddhistischen Gemeinschaft. Da gab es viele interessante Ideen und Lebensweisheiten und ich meinte einen richtigen Weg gefunden zu haben, mein Leben neu auszurichten. Mit der Zeit aber merkte ich, vieles war für mich unverständlich auch wenn ich mich um tiefere Einsicht bemühte. Ich bedachte, aus einer anderen, der christlichen Tradition herzukommen. Da ich aber den Dogmatismus, wie er dort gelehrt wurde ablehnte, versuchte ich, angeleitet durch kritischer Literatur, tiefer in das einzudringen, was bildhaft in den Dogmen dargestellt wird. So habe ich einen festen Grund gefunden, der mich offen lässt auch für Weisheiten anderer Traditionen.

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  5. Ooops, ich darf noch an meiner Achtsamkeit arbeiten.
    Sorry, Sandra,
    in dem letzten Kommentar sollte das Wort „Irre“ noch eingebaut sein:
    Wie kommst du zu der Aussage, daß ein Mensch außerhalb einer der traditionellen Religionen [b) warum muß es Religion? sein -Definitionsfrage??] in die IRRE geht?

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      1. Danke Sandra für dein Nachhaken, habe mal per Copy and Paste die betreffende Stelle aus deinem Kommentar folgend eingefügt:
        „…Und natürlich halte ich es theoretisch für möglich, dass ein Mensch auch außerhalb einer der traditionellen Religionen einen mystischen Weg beschreiten kann, aber nur allein im Kämmerchen führt sicherlich in die Irre. Es bleibt also die Frage und das Verlangen nach neuen Gemeinschaften, in denen dieser Mensch mit anderen diesen Weg gehen kann…“

        Mag sein, daß es eine, vielleicht kulturell bedingte andere Prägung meinerseits ist, welcher dann so vorherigem Kommentar meinerseits führte…

        Wenn du magst, kläre mich auf, bin wie immer wißbegierig.
        Danke,
        Raffa.

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      2. Weißt du, Raffa, ich habe hier eine Familie und Arbeit etc. und nicht unbegrenzt Zeit auf Kommentare zu reagieren, so spannend ich es finde. Aber noch eine letzte Antwort in Kürze: Ich könnte mir einbilden, durch meine ach so fortschrittliche Meditationspraxis die ganze Welt und alle Menschen zu lieben, aber wenn es mir nicht einmal gelingt, mit Liebe zu antworten, wenn mich einer davon beleidigt… dann ist alles Schein oder gar Pathologie. LG

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      3. Verzeih, werte Sandra.
        … hilf mir bitte auf die Sprünge, habe ich irgendetwas, in meiner Unbewußtheit, Beleidigendes geschrieben?
        Wenn ja, werde ich mich gerne zurücknehmen.
        Hab´einen entspannten Tag im Kreise deiner Familie,
        Danke für deine Aufmerksamkeit und deine Worte und verzeihe mir meine Unzulänglichkeiten.

        Alles Liebe,
        Raffa.

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      4. Raffa, das war doch nur ein Beispiel, um meine Aussage „in die Irre gehen“ zu illustrieren, ich rede nicht von einer blauen Höllenvorstellung oder so, keine Angst 🙂 und hat nicht das geringste mit dir zu tun. Aber ich habe jetzt beschlossen, aus Zeitgründen und weil es zu mehr Missverständnissen führt als klärt, auf Kommentare zu Kommentaren zu verzichten. Werde es aber weiterhin spannend finden, was ihr so schreibt. LG

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  6. Ich bin noch sehr frisch im integralen Denken – möglich, dass meine Beschreibung noch „eckig“ wirkt: unser erhöhter Gottessohn zeigt Gott menschlich; das ist für mich eine Qualität meiner christlichen Tradition, die ich nicht missen möchte. Aber getanzte Anbetung anderer Religionen bereichert mich auch sehr…davon erlebe ich persönlich im Christentum zu wenig Ausdrucksstark-Individuelles (obwohl es das geben mag…)

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  7. Toller Artikel und ganz wichtiges Thema. Ich denke auch, man muss Integrale Spiritualität auf jeden Fall so verwirklichen, dass ein ausreichendes Maß an Kontinuität gewährleistet bleibt. Auch bei nicht-religiösen Menschen wäre es wichtig, dass sie erkennen, wie sie an ihr bisheriges Leben anknüpfen und gemachte Erfahrungen integrieren können. Es geht in der Praxis um eine gesunde Balance zwischen dem Einzelnen und der Gruppe, zwischen Individualität und dem Gemeinsamen, das alle verbindet.

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  8. Wer in das Haus hinein will,
    muss durch eine Tür gehen.
    Des Vaters Haus
    hat nicht nur viele Wohnungen,
    wie Jesus sagt,
    es hat auch mehr als eine Tür.
    Doch wer mit dem Kopf durch die Wand will,
    wird mit ziemlicher Sicherheit Schaden nehmen.

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  9. Integral und Christ – passt das überhaupt zusammen?

    Ist diese Frage als Einladung zum Dialog zu verstehen?

    Aber ich habe jetzt beschlossen, aus Zeitgründen und weil es zu mehr Missverständnissen führt als klärt, auf Kommentare zu Kommentaren zu verzichten. Werde es aber weiterhin spannend finden, was ihr so schreibt. LG

    Gegt es darum, sich im Dialog einer Antwort auf die oben gestellte Frage anzunähern?

    Wenn ja, warum wird der Dialog hier abgebrochen?

    Wenn nein, worum geht es dann?

    Ist ein Dialog etwa im Sinne von David Bohm oder von Martin Buber nicht etwas mehr als ein Kommentar:

    Wikipedia: Ein Kommentar im Journalismus ist ein Meinungsbeitrag zu einem Thema, der den Autor namentlich nennt.

    Geht es hier nicht eher um die Vertiefung von Erkenntnis als um das Posten einer Meinung?

    Wenn ja, dann wäre es schade, wenn es keine Antworten auf offene Fragen gibt.

    Soweit ein paar Gedanken zu einem zu diesem Blog und den uralten Kommunikationsschwierigkeiten

    P.S.: Sehe gerade die Überschrift dieser Box: Kommentar verfassen.

    Vielleicht liegt hier mein Irrtum … Mir geht es nicht um Kommentare im Sinne von Meinungen eher um Folgendes:

    Der Physiker David Bohm (1917 – 1992) hat sich in seiner letzten Schaffensperiode intensiv
    mit dem Dialog beschäftigt. Während es in einer Diskussion (lateinisch von discutere
    = zerschlagen, zerteilen, zerlegen) darum geht, die Ganzheit auseinanderzunehmen,
    zu sezieren, hat Dialog (griechisch von Dia = durch, Logos = Wort) für Bohm die Bedeutung
    eines „freien Sinnflusses, der unter uns, durch uns hindurch und zwischen uns
    fliesst“. Es geht also um Partizipation, um Teilhaben, sich beteiligen, miteinander denken.

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  10. Danke für deine Frage. Ich sehe echten Dialog gerne so, wie du es beschreibst. Aber wie oben geschrieben, aus Zeitgründen geht das nicht unbegrenzt, vor allem online. Ist also eine rein pragmatische Entscheidung von meiner Seite aus. Als Kommentatoren dürft ihr gerne unbegrenzt weiterschreiben ;-), solange es dabei friedlich zugeht :-). Liebe Grüße

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    1. Danke für deine schnelle Antwort.

      Ja, ich denke auch, dass Dialog sich zu einem unnützen Zeitfresser entwickeln kann. Von daher wäre es natürlich eine schöne Sache, wenn wir auf Basis des hier versammelten Wissens und der vorhandenen integralen und christlichen Werte zu einem partizipierenden Gedankenaustausch kommen. Dazu zitiere ich nochmals aus einem Text über den Bohm´schen Dialog: s.a. https://lernende-organisationen.ch/dialog/

      „Partizipieren: wenn ich wirklich zuhöre, kann ich teilhaben an etwas Grösserem, ich kann
      teilhaben am Wesen meiner Gesprächspartnerin, meines Gesprächspartners, und wir
      können in einen gemeinsamen, erfrischenden Fluss von Austausch eintreten, der im Moment
      entsteht und nicht aus der Erinnerung erzeugt ist. Das ist Teilhaben am Sein an
      sich.“

      In diesem Sinn,

      liebe Grüße

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      1. Hallo Franz! Ja, ich stimme dir zu. Dafür haben wir ja unsere Online-Plattform ins Leben gerufen, damit echte (und nicht nur schriftliche) Dialoge von Angesicht zu Angesicht möglich sind. Liebe Grüße

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  11. Hallo Sandra,

    nach der langen Vorrede möchte ich nun auf deine ursprüngliche Fragestellung eingehen.

    Integral und Christ, passt das zusammen?

    Warum interessiert mich die Frage überhaupt?

    Wie so viele bin ich christlich geprägt aufgewachsen und wurde dann im Laufe der Zeit mit den Widersprüchen zwischen den gepredigten Idealen und der gelebten Realität einer Religion und seiner „Funktionäre“ konfrontiert. Irgendwann konnte ich dann das Glaubensbekenntnis nicht mehr einfach nachplappern und habe mich auf die Suche nach eigenen Erfahrungen gemacht. Vor diesem Hintergrund würde ich integral mit spirituell gleichsetzen.

    Dies führt dann zu der größtmöglichen Polarität zischen Religiosität und Spiritualität, wie sie z.B. Thomas Metzinger in seinem Text Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit ausgedrückt hat: Spiritualität ist demnach das Gegenteil von Religiosität.

    Der vollständige Text findet sich im Internet und er zeigt zugleich, dass es zu dieser großen Frage keine einfachen und schnellen Antworten gibt. Viel wichtiger scheint es mir zu sein, erst einmal die Fragestellung zu präzisieren.

    Wenn Religion Rückbindung bedeutet und wenn wir danach streben, uns mit unseren Wurzeln zu verbinden oder wenn wir uns an die Quelle anschließen wollen, kann es dann – wie Roland Ropers meint – nicht nur noch eine Religion geben?

    Auf meinem Weg hat es mich nie interessiert, wie sich jemand definiert. Ich selbst wusste nicht, was es bedeutet Christ zu sein, ich weiß es auch nicht, wenn es jemand anderes von sich sagt. Meine unausgesprochene Frage lautete immer: Bist du auch auf dem Weg, bist du auch im Sinne von Hermann Hesse ein Morgenlandfahrer?

    Wie ich finde, beschreibt Susanne Cook-Greuter diesen Weg in dem folgenden Text sehr schön:
    https://www.integralesforum.org/medien/integrale-bibliothek/theorie-aufbau/4595-selbst-entwicklung-9-stufen-zunehmenden-erfassens

    Der Weg des Lebens sollte aus meiner Sicht ein Weg des zunehmenden Erfassens sein. Und wenn wir den Einsichten der verschiedenen Weisheitslehren folgen, dann sollten wir uns alle auf dem selben Gipfel treffen.

    Um den Text nicht zu sehr auszudehen, möchte ich an dieser Stelle mit einem Gedankenexperiment schließen und dabei auf den oben zitierten Sven Kosnick eingehen, der sagt:

    „Es gibt kein allgemeines „sportlich“, ohne eine konkrete Sportart auszuüben. Das Phänomen Sport kann nur durch eine Festlegung auf eine Disziplin ausgedrückt werden. Genauso kann das Phänomen Religion durch die konkrete Praxis einer Religion ausgeübt werden.“

    Gedankenexperiment

    Würde ich in einem neuen Leben den Weg wieder mit einer mir vorgegebenen Religion starten wollen?
    Gibt es eine Religion, die den oben angedeuteten Weg des zunehmenden Erfassens fördert, oder ist dieser Weg nicht unerwünscht oder ausgeschlossen, wie die vielen Beispiele spiritueller und mystischer Menschen zeigen (Williges Jäger wurde oben erwähnt).

    Wie würde ich meine Kinder auf dem Weg des zunehmenden Erfassens begleiten wollen?

    Wenn ich die Sport Metapher von Sven Kosnick aufgreife, lauten die Fragen:

    Gibt es Spiritualität (Sportlichkeit) ohne konkrete Religion (Sportart)?
    Will ich, dass meine Eltern bestimmen, welche Sportart ich auszuüben habe?
    Will ich meinen Kindern eine Sportart aufzwingen?

    Will ich Religion überhaupt ausüben oder geht es um etwa ganz anderes?

    „Genauso kann das Phänomen Religion durch die konkrete Praxis einer Religion ausgeübt werden.“ S.K.

    Gefühlt liegt hier die Weichenstellung, die zu ganz unterschiedlichen Antworten auf die Ausgangsfrage führen kann:

    Ich habe Religion als etwas erlebt, das ausgeübt wurde. Mein ursprüngliches Bedürfnis, das auch mit dem Begriff der Spiritualität nur unzureichend ausgedrückt ist, kann nicht durch Ausübung befriedigt werden.

    Übe ich Christ sein aus oder ist das eine ziemlich schreckliche Vorstellung?
    Über ich Integral sein aus, oder ist das eine ziemlich schreckliche Vorstellung?

    Wenn der integrale Weg zur Ganzheit führt, gilt dann das, was Birgit Sonnek in einem Text über Jean Gebser schreibt?:

    „Integrales Bewusstsein heißt Ganzwerdung, die Wiederherstellung eines
    unverletzten ursprünglichen Zustandes unter dem bereichernden Einbezug aller
    nachfolgenden Bewusstseinsleistungen. Dem integralen Menschen werden die
    verschiedenen Strukturen ebenso durchsichtig wie ihre Auswirkungen auf sein
    eigenes Leben. Die mangelhaft gewordenen Komponenten meistert er klarsichtig, bis
    sie im Gleichgewicht sind und reif für die Konkretisierung. Diese ist eine
    Voraussetzung für die Integration, denn es kann nur das Konkrete, niemals das
    Abstrakte integriert werden.

    Das mentale Bewusstsein erlaubte einen gewaltigen schöpferischen Aufschwung, ist
    aber in unserer Zeit überholt. Die neue Aperspektive wird auch zur Überwindung des
    Raumes führen. Der Dualismus der perspektivischen Welt wird in einer Welt ohne
    Gegenüber überwunden und ersetzt durch ein neues Miteinander sowie die
    bewusste Teilhabe des Einzelnen am Weltganzen, hofft Gebser.“

    Liebe Grüße,
    Franz

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