Modul GEIST: Wie erfahre ich Nondualität?

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Der Begriff „Nondualität“ (im Englischen „Nonduality“) ist bisher im Deutschen kaum geläufig. Innerhalb der integralen Szene findet er jedoch ständig Verwendung, wenn es um spirituelle Erfahrung geht. Am tiefsten ist der Begriff in der Advaita-Tradition im Hinduismus verwurzelt.

Mit „Nondualität“ ist eine spezifische spirituelle Erfahrung gemeint, die jeder Mensch machen kann. Es ist keine außergewöhnliche, sondern alltägliche Erfahrung, der wir allerdings normalerweise keinerlei Bedeutung zumessen. Es ist die natürlichste und zugleich die tiefste Form der Mystik. Durch diese Erfahrungen kann uns klar werden, dass es nur eine Göttliche Realität gibt und dass keine fundamentale, wesenhaften Trennung zwischen Gott und Welt, Gott und Seele, Seele und Welt, oder Seele und Seele existiert.

Jeder Mensch macht die Erfahrung ständig, auch wenn er sich ihr nicht bewusst ist. Es ist die erste Erfahrung überhaupt, die Ur-Erfahrung, die Erfahrung, die aller anderer Erfahrung voraus geht. Bei dieser Erfahrung nehme ich wahr, ohne zu bewerten oder einzuordnen, was ich sehe: Ich bin eins mit dem, was ich wahrnehme.

Alles wird mir durch mein Bewusstsein vermittelt, kommt an diesem nicht vorbei: Ach die sogenannte objektive Realität. Alles, was ist, ist in mir, spielt sich in mir ab, taucht in mir auf. Die ganze Welt, die Bäume, die Straße, die Menschen sind zunächst nämlich nicht außen, sondern innen. Für den einen oder anderen mag das falsch klingen. Wir sind es gewohnt, uns und die Außenwelt als getrennt zu betrachten. Als zwei Dinge. Es ist ein tiefer Glaube, der allem, was wir tun, üblicherweise zugrunde liegt.

Beobachtet euch einmal dabei, wie ihr zum Beispiel einen Baum, eine Blume oder ein Haus anschaut, egal, was, sucht euch raus, was gerade vor eurer Nase ist.

Schon während ihr das tut, spaltet ihr euch auf in jemand, das wahrnimmt, und jemand der euch, den Wahrnehmenden, der den Gegenstand wahrnimmt. Als ob ihr zwei wärt.

Und jetzt fragt euch, wer ihr von den beiden seid. Die eine Erfahrung davon: „Der Beobachter“ ist primär, die zweite – ihr beobachtet euch quasi wie von außen – ist bereits ein Konstrukt des Gehirns. Weitere Konstrukte wären Kategorisierungen, Bewertungen, Überlegungen.

Der Konstruktivisten haben darauf aufmerksam gemacht, dass sich die Wirklichkeit und der Beobachter dieser nicht trennen lassen. Indem wir etwas wahrnehmen, verändern wir es bereits in unserem Kopf. Wir interpretieren ständig, bewusst oder unbewusst, was wir sehen, hören, riechen, schmecken etc.

Interpretieren in diesem Sinn heißt jedoch „trennen“: Die Welt und ich, der andere Mensch und ich, das Göttliche und ich. Ich und meine Gefühle. Wir sind das Subjekt und das/der/die andere ist das Objekt. Ich sehe meine Oma. Ich spüre den Regen. Da steht ein Baum. Das ist die dualistische Wahrnehmung.

Das Gegenteil davon ist die nondualistische. Wir nehmen einfach nur wahr, dass wir wahrnehmen. Es gibt kein außen und innen. Subjekt und Objekt fallen in eins. Die Gedanken stehen still. Ich bin einfach nur und alles ist in mir. Die nondualistische Wahrnehmung ist eine Einheitserfahrung. Wir „haben“ nicht Bewusstsein, wir sind bewusst. Das Bewusstsein selbst kann kein objektiver Gegenstand meiner Wahrnehmung werden. Sobald ich versuche, es dazu zu machen, erfahre ich, wer ich im tiefsten eigentlich bin: nämlich dieses Bewusstsein, das wahrnimmt. Diese Erfahrung kann das Ergebnis einer Selbsterforschung sein, was wir im tiefsten unter „Ich“ verstehen: Was ist dieses „Ich“, das bei jeder Erfahrung, die wir machen, gleich bleibt? Bin ich bewusst? (Siehe auch: Übung zur Erleuchtung).

Die Erfahrung kann uns aber auch geschenkt werden: In dem Erlebnis von Schönheit oder Liebe oder wenn eine Tätigkeit uns in einen tiefen Flow versetzt. Subjekt und Objekt verschmelzen.

Niemand erklärt so verständlich und einleuchtend, was mit dem Begriff „Nondualität“ gemeint ist wie Rupert Spira. Er hält weltweit Seminare, in denen er die nichtdualistische Weltsicht vermittelt.

Das passende Buch dazu: Rupert Spira, Bewusstsein ist alles: Über die Natur unserer Erfahrung, 2011.

Ergänzung: Für den deutschsprachigen Raum wurde ich auf Vincenzo aufmerksam gemacht, der es ebenfalls wunderbar versteht, zu erklären, um was es geht. Danke, Regina!

Aus einer nondualistischen Weltsicht folgt eine entsprechende Ethik: Wenn du und ich nicht getrennt sind, sondern eigentlich eins, weil jeder gleichermaßen diese Erfahrung macht, pures Bewusstsein zu sein, ist Jesu Regel: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ nicht mehr ein Gebot, dem ich Folge leisten sollte, sondern ein Verhalten, dass ganz natürlich der neuen Wahrnehmung der Wirklichkeit entspringt: Rassenideologie, ethnisches Denken, ja jede Form von herablassender Arroganz lassen sich nicht mehr aufrechterhalten, wenn ich im Anderen mich selbst sehe, wenn durch die Augen des anderen das selbe Bewusstsein scheint, durch das auch ich wahrnehme.

Hauptquelle: https://www.enlightened-spirituality.org/nondual-spirituality.html

24 Kommentare

  1. Liebe Sandra,
    ich folge Dir, wenn Du von Deinen Erfahrungen mit Nondualität erzählst. Der Begriff kommt für mich aber an eine Grenze. Denn wie soll man die Nichtintegrierten integrieren – Regina Laube machte darauf in Deinem Blogbeitrag „Integral und Christ“ aufmerksam. Ist nicht die Integralität erst dann erreicht, wenn alle integriert sind – und damit kommt doch wieder ein Gefälle ins Spiel, sei es aus Macht, Wissen oder Weisheit.
    Um Verstehen bemüht
    Erik

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    1. Lieber Erik, ich verstehe leider nicht ganz was du meinst mit „wie soll man die Nichtintegrierten integrieren“. Mir kommen dabei spontan nur zwei Gedanken: Im nondualen Gewahrsein bist du nur, ein „man“ gibt es nicht und jemanden integrieren musst/sollst du auch nicht. Was du bist, zieht automatisch andere Menschen an, die dann erkennen dürfen, das sie das auch sind. (So bei den Meistern jedenfalls) Falls du mit „Gefälle“ die Dualität meinst, klar, wir leben ja in der relativen Welt, wir nehmen das so wahr und es ist an sich ja nichts schlechtes, es ist einfach wie das Zuschauen eines gigantischen Theaterstücks oder Films mit verschiedenen Rollen. 2. Gedanke: Ich glaube, solange es die Welt gibt, gibt es Entwicklung und dazu gehört auch, dass Menschen etc. immer unterschiedlich „weit“ entwickelt sein werden. Deshalb sollen/müssen auch nicht alle integriert sein – der Eros (Wort Ken Wilbers) strebt nur danach, weil er nach immer mehr Perfektion in der Welt strebt. Lg, Sandra

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      1. Ja, vielleicht verstehe ich ein wenig besser. Es würde auch der Platz nicht reichen, um meine Berührungspunkte zur Integralen Theologie zu beschreiben. Allerdings habe ich eine andere Haltung zur Theorie der Evolution. Sie ist für mich Anpassung, vielleicht auch Differenzierung (da bin ich mir schon nicht so sicher), aber nicht Weiterentwicklung. Deshalb habe ich auch meine Schwierigkeiten mit Sätzen wie „Was du bist, zieht automatisch andere Menschen an“ und besonders „dazu gehört auch, dass Menschen etc. immer unterschiedlich „weit“ entwickelt sein werden“.
        Schon im Studium hat mich die Idee Teilhards fasziniert, Wissenschaft und Glaube zusammenzubringen. Aber auch damals hat mich seine Theorie vom Omegapunkt nicht überzeugt.
        Ich halte es lieber mit Martin Buber. Vielleicht deshalb, weil er nur zwei Ebenen kennt (das kann ich besser überblicken ;)): Die Du-Welt und die Es-Welt. Und es gibt bei ihm kein Höher oder Niedriger, sondern nur ein Anders. Soweit ich ihn verstanden habe.

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    2. Ich denke, der Begriff „Non-Dualität“ bezieht sich in erster Linie auch auf die Erfahrung und Wahrnehmung eines einzelnen Menschen.

      Gefälle wird es immer geben; es existiert allerdings nicht nur in einer Richtung. Ein Kind, z.B., ist zunächst sehr abhängig und muss noch viel lernen, um sich in der Welt zurecht zu finden. Dennoch können wir auch unendlich viel von Kindern lernen.

      Und bei Erwachsenen ist es ähnlich. Jeder hat einzigartiges Erfahrungswissen und eine einzigartige Perspektive auf die Wirklichkeit. Wenn wir uns darüber austauschen, haben wir die Möglichkeit, die Wirklichkeit multi-perspektivisch wahrzunehmen. – Und in einer globalisierten Multi-Kulti-Welt funktioniert das Ganze dann sogar interkulturell. 🙂

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      1. Ja, das kann ich nachvollziehen. Ein Freund, getaufter Buddhist, berichtet von intensivsten Meditationserfahrungen und berichtet, dass Mit-Meditierer diesen Zustand beliebig herbeiführen konnten und z.T. danach regelrecht süchtig wurden. Ich selbst kenne auch das Gefühl, in Einheit mit mir selbst zu sein – wenn äußere und innere Umstände besonders günstig sind. Und natürlich das Gefühl der Sehnsucht, das schon in der Schöpfungsgeschichte zum Ausdruck kommt.

        Aber ich verlasse diesen Zustand auch wieder, ohne Bedauern, weil und wenn etwas anderes dran ist. Ich strebe keine Höherentwicklung an, sondern eine angemessene Antwort auf die Herausforderung, die vor mir liegt. Und gerade meine Biologie zeigt mir ja: Anfangs mag es mit mir ja aufwärts gegangen sein. Aber inzwischen zeigt sich ganz deutlich die fortschreitende Desintegration. Ich hoffe, dass ich sie auf dem geistigen Gebiet noch lange aufhalten kann. Doch die Kopf-OP der letzten Woche hat mich auch da auf deutliche Grenzen hingewiesen.

        Mir gefällt es sehr, die Welt multi-perspektivisch wahrzunehmen. Ich möchte, dass mir widersprochen wird – gerade weil ich von mir manchmal mehr überzeugt bin als mir und anderen gut tut. Aber dann ziehe ich mich auch gerne einmal wieder gerne in meine Blase zurück, um dort zu arbeiten. Und ich kann Menschen sehr gut verstehen, die es erst gar nicht nötig finden, aus ihrem „Level“ herauszugehen, weil sie dort genügend Aufgaben haben.

        Ich finden den integralen Ansatz dort faszinierend, wo er in die Weite führt und verschiedene Perspektiven auf den Glauben eröffnet. Ich habe immer noch meine Schwierigkeiten damit, diese verschiedenen Perspektiven in ein System zu pressen und zu hierarchisieren..

        Herzliche Sonntagsgrüße
        Erik

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  2. Unsere Welt brennt an allen Ecken und Enden. Modelle, Konzepte, Theorien, etc. sind natürlich immer irgendwie begrenzt; und dennoch brauchen wir diese mangelhaften Instrumente, um uns in der Welt zurecht zu finden und gemeinsam Dinge zu organisieren. – Die Integrale Theorie ist zwar auch schon ein bisschen kompliziert, aber ihr umfassendes Erklärungspotential und ihre Orientierungskraft sind enorm. Im Vergleich dazu ist sie dann allerdings erstaunlich einfach. Ich denke, auch ein nicht studierter Mensch könnte das Wesentliche der Integralen Theorie relativ schnell erlernen und damit praktisch im Alltag arbeiten.

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    1. Ich bin ein studierter Mensch und beiße mir gerade die Zähne an Wilbers „Integraler Spiritualität“ aus. Vielleicht ist ja hier jemand bereit, mir das Wesentliche der Integralen Theorie zu erklären, damit ich sie im Alltag umsetzen könnte. Ich wäre dafür dankbar.

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      1. Hab im Moment leider wenig Zeit. Aber auf Sandra Hausers Blog „Integrales Christsein“ findest du schon so einiges Praktisches und auch gute Erklärungen. – Hab bei mir hier Kens Wälzer „Eros, Kosmos, Logos“ und „The Future of Religion“ zu liegen. Da hab ich auch noch was vor mir …

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  3. Bei aller Wertschätzung der Advaita-Lehrer, würde es mich doch freuen, noch mehr von Non-Dualitätsvorstellungen- und Erfahrungen zeitgenössisher christlicher VertreterInnen zu lesen/zu hören.

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  4. In der Vielfalt immer das Eine zu sehen
    Und als das Eine in der Vielfalt zu gehen-
    Setzt voraus, weder zu gehen noch zu stehen.
    Doch das Erkennen- ohne Leid und ohne Wehen.

    Dies zu verstehen will stets das Pendel des Verstandes, der nicht mal sich verstehen kann.
    Nur das Beobachten bringt Erkennen.
    Beobachtung ist Erkenntnis und Erkenntnis –Beobachtung.

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