Unser Verständnis und Umgang mit der Bibel – heute, gestern und in Zukunft

Die Bibel als Buch wird immer unwichtiger, während das Leben mit und in Gott immer wichtiger wird

Das Verständnis der Bibel verändert sich: Im Laufe unseres Lebens und in der Geschichte der Menschheit. Das ist ein Fakt, der aus der Kirchengeschichte klar ersichtlich ist als auch bei einem einfachen Blick in unsere eigene Vergangenheit: Wie haben wir als Kind das Gleichnis vom verlorenen Sohn verstanden? Wie als Jugendliche? Wie heute?

Hier eine schematische Übersicht, wie sich der Umgang mit der Bibel im Lauf der Zeit verändert – als Orientierungsrahmen habe ich „Spiral Dynamics“ verwendet, weil dieser Umgang viel mit unseren eigenen Werten zu tun hat. Ich sage bewusst „Schema“. Es ist ein Modell, das hilfreich sein kann, doch wir müssen uns immer in Erinnerung rufen, dass es sich eher um „Wellen“ handelt, dass die Stufen nicht sauber abgrenzbar sind, ineinanderfließen und jeder Mensch je nach Situation zu verschiedenen Stufen tendiert.

Beige: Von einem Buch werde ich nicht satt, wenn ich gerade echten Hunger oder Durst habe. Oder glücklich, wenn mir körperliche Berührung fehlt. Zuerst müssen diese Bedürfnisse erfüllt sein. Doch wenn ich einen Unfall habe, freue ich mich über den Notfallseelsorger, der das „Vater unser“ oder den Psalm 23 mit mir betet.

Purpur: Als ein magisches Buch kann die Bibel mich vor Unheil schützen. Sie darf daher nicht verbrannt, weggeworfen (oder durch andere Bücher verdeckt) werden. Ein Schwur auf sie ist besonders machtvoll. Schlage ich sie spontan auf, werden ihre Sätze wie ein Orakelspruch für mich sein. (z.B. die alte Familien- oder Altarbibel)

Rot: Das Beten der sog. Feindpsalmen hilft dabei, Wut, Aggression und Zorn an Gott zu übergeben nach dem Motto „Vernichte meine Feinde!“ Beispiele vom „gerechten Zorn“ geben Kraft beim Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Allzu wörtlich genommen dienen ausgewählte Texte allerdings zur Rechtfertigung von Kreuzzügen, dem Kampf gegen Andersgläubige und der Verteidigung von Praktiken wie der Todesstrafe.

Blau: Die Bibel ist ein Gesetzesbuch und ihre Erzählungen historisch wahr. Am wichtigsten sind die Zehn Gebote und Gebote, die Jesus gab wie „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Diese Gesetze sind die Richtschnur für ein gutes und „richtiges“ Leben. Wer sie befolgt, wird im Jenseits (das nach dem Tod gedacht wird) mit dem Himmel belohnt. Wer sich nicht daran hält, den rächt Gott durch eine ewige Verdammnis in der Hölle. Eine leichte Abwandlung davon ist: Du musst das Gesetz nicht mehr erfüllen, sondern nur daran glauben, dass es Jesus für dich erfüllt hat. Glaubst du das nicht (oder weißt du nicht einmal davon) gleiche Konsequenz: ewige Höllenstrafe. Die Bibel wurde wortwörtlich von Gott diktiert oder zumindest in wesentlichen Teilen göttlich inspiriert. Es gibt nur eine richtige Interpretation, die es zu finden gilt (und der Pfarrer hilft dabei, wenn er rechtgläubig ist ;-)) Wer etwas nicht versteht, dann nur deshalb, weil Gott – und damit sein Wort – eben unbegreiflich ist.

Orange: Historisch-kritische Exegese. Die Bibel ist eine Sammlung zahlreicher religiöser Schriften von verschiedenen Autoren verschiedener Zeiten und Kontexte, die alle mit bedacht und erforscht werden müssen, wenn wir verstehen wollen, wie sie ursprünglich wohl einmal gemeint sind. Die biblischen Originalsprachen sind dabei wichtig, aber auch archäologisches Fachwissen, literarische Kenntnis von verschiedenen Genres etc. Im Extremfall verstehen wir alles als Legende oder bildhaft: Jesus ist nur auf dem Wasser gewandelt, weil… die Jünger einer optischen Täuschung unterlagen oder sie damit sagen wollten: Jesus konnte Dinge, die nur ein (Halb)Gott kann. Der Mythos wird nicht mehr wörtlich, sondern symbolisch verstanden. Doch Vorsicht! Wer es dabei übertreibt, schüttet das Kind mit dem Bad aus und es bleibt nur noch oberflächliches Blablabla übrig, das wir auch ohne Bibelgeschichte gewusst hätten.

Grün: Befreiungstheologische, kontextuelle, feministische, tiefenpsychologische Ansätze sind hier zu finden: Es gibt immer mehr verschiedene Methoden und Zugänge. Der eine sagt: In der Bibel ist wesentlich von Gerechtigkeit die Rede. Der andere: Es geht vor allem um Psychologie in Bildern. Und noch einer: Es geht primär um die Frage der eigenen Existenz. Während hier viele Wahrheiten entdeckt werden, wächst auch die Gefahr der Vereinnahmung von Texten für ein bestimmtes Thema. Der Text wird lebendig, indem er in Handlung überführt wird: Für den Kampf für die Menschenrechte. Für den Einsatz für Minderheiten, für Arme und Kranke. Für die Behandlung psychisch Kranker. Aber auch für die Bekräftigung vermeintlicher Wahrheiten in der Esoterik. Oder die sozialistische Revolution und und und.

Gelb: Habe ich hier versucht, in Ansätzen zu beschreiben. Der integral denkende Menschen ist zudem jederzeit frei, die Bibel von einer der vorhergehenden Stufen aus zu deuten – der einzige Unterschied liegt darin, dass er es bewusst statt unbewusst tut, weil er die verschiedenen Zugänge kennt und ihnen jeweils eine begrenzte Berechtigung zusprechen kann.

Türkis: Viele tiefen spirituellen Wahrheiten der Bibel haben sich durch eigene Gebetspraxis erschlossen und wurden immer wieder in der Begegnung mit Mitmenschen vertieft. Jetzt können eigene Visionen, geistliche Wahrheiten und Weisungen zu Papier gebracht werden: Die Bibel als Buch wird immer unwichtiger, während das Leben mit und in Gott immer wichtiger wird. Der sich seines Ursprungs und seiner Bestimmung vollbewusste Mystiker braucht keine Bibel mehr, er ist selbst zu einer wandelnden Bibel geworden, die mehr Menschen zum Glauben bringt als es das reine Lesen der Bibel je vermocht hätte.

 

Autor: Sandra Hauser

Ich habe evangelische und orthodoxe Theologie in Tübingen, Minsk (Weißrussland) und Hamburg studiert und schreibe derzeit an meiner Doktorarbeit zum Thema "Die Rezeption integraler Theorie im Christentum".

14 Kommentare zu „Unser Verständnis und Umgang mit der Bibel – heute, gestern und in Zukunft“

  1. Was mir hilft, wenn ich bspw. das Neue Testament lese, das ist die Tatsache, dass ich mich mit dem aramäischen Jesus (in deutscher Übersetzung) beschäftige. Schließlich war das die Umgangssprache in Palästina, die auch Jesus gesprochen hat. Vor allem hat mir dabei die Lektüre von Dr. Rocco Errico geholfen, einem amerikanischen Theologen, ordinierten Geistlichen und Aramäisch Lehrer. Die Beschäftigung mit dem aramäischen Jesus hat mir einen neuen Horizont geöffnet und mich wieder für die Bibel begeistert. Das Hineinspüren in die Energie der aramäischen Worte, z.B. des „Vater unsers“ -das habe ich auswendig gelernt- hat mich inspiriert, die tiefe Wahrheit von Jeschuahs Wort „Ich und der Vater sind eins“ zu erfahren, eine Erfahrung auf der gelben Stufe. Wenn man die aramäische Schablone anlegt, dann kann man klar erkennen, dass Jeschuah vor allem auch ein Mystiker auf einer hohen Bewusstseinsstufe war. Und die Tiefendimension seiner Aussagen kann sich einem auf eine neue Art und Weise erschließen. – Ich frage mich, warum man das Neue Testament noch nicht ins Aramäische zurück übersetzt hat.

    Kommentar zu Integrales Christsein / integral Bibel lesen

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    1. Einen aramäischen Jesus gibt es sicher aber ich denke einen deutschen oder portugiesischen oder … gibt es auch. Die Frage ist, wie kann ich ihn persönlich mit meinen Möglichkeiten auch aus der z.B. deutschen Schrift entdecken. Die Nähe zum Wesen Jesu erlebt jeder sicher anders, wenn er diese sucht.

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      1. Ja und Nein. Der Unterschied liegt einfach darin, dass Jesus selbst ursprünglich aramäisch und eben nicht deutsch oder portugiesisch gesprochen hat. Wir Theologen müssen viele Jahre griechisch und hebräisch lernen, weil uns suggeriert wird, wir würden damit Jesus und die Bibel besser verstehen. Das ist aber nur bedingt richtig. Richtiger wäre es tatsächlich, uns vor allem aramäisch beizubringen und uns die Texte aus dem griechischen dann rückübersetzen lassen wie es Mirjjam in ihrem Kommentar ganz zu Recht fordert. Denn mich interessiert zunächst vor allem, was der Mensch Jesus damals wirklich gelehrt hat, mehr noch als der heutige Wortlaut im Neuen Testament. Wir werden es dadurch auch nie genau und sicher wissen, aber wir könnten uns annähernd und zumindest manches grobe Missverständnis vermeiden.

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    2. Liebe Mirijam, ich stimme dir zu, dass die Beschäftigung mit dem aramäischen Jesus eine sehr spannende und aufschlussreiche Sache ist, mir ging es ganz genauso. Deine Frage teile ich. Der Pfarrer Schwarz, auf den sich Franz Alt in seinen Büchern bezieht, hat es ja versucht, es ist den Kirchen aber offenbar bis heute kein Anliegen. Lg

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  2. „Die Bibel als Buch wird immer unwichtiger, während das Leben mit und in Gott immer wichtiger wird“: den Satz halte ich schon für sehr gewagt, gerade für diejenigen wie auch mir, die gerade durch die Bibel als Buch in näherem Kontakt mit ihren Aussagen und ihrer Wahrheit, die sie vermitteln kann, kommen möchten. Ich verstehe wohl was gemeint ist, dass nicht ein Buch das letzendlich Wichtigste ist, sondern der Geist, den es enthält. Trotzdem denke ich, brauchen wir das verbindende Wort aus der Schrift auch heute noch.

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    1. Natürlich wird die Bibel nicht überflüssig, Matthias. Auch andere heilige oder religiöse Texte nicht. Es geht bei dieser Aussage, um den Umgang einer Person mit der Bibel, die bereits ihren Schwerpunkt auf Stufe Türkis hat – wir können auch sagen, den Mystiker, den Heiligen, der bereits extrem viel Erfahrungen mit Gott, den Menschen, der Welt UND mit der Bibel in seinem Leben gemacht hat. Ich glaube schon, dass da Wahrheit drin steckt. Die Bibel ist ja ein Buch, dass uns letztendlich frei machen soll/kann/will und damit im Endeffekt auch von sich selbst. Lg

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  3. Danke, liebe Sandra – schön auf den Punkt gebracht. Besonders angesprochen hat mich der Punkt, frühere „Stufen“ bewusst einzusetzen, statt unbewusst.
    In Trauma-Therapien gibt es die sog. Innere-Helfer-Übung, wenn man in diesem Kontext z.B. Mutter Maria oder Jesus als innere Helfer sieht, kann das sehr heilsam sein.
    Meiner Erkenntnis nach bleiben Traumatisierte oftmals im magischen oder mythischen Bewusstsein stecken, weil ein Teil der Persönlichkeit auf der Stufe stehen geblieben ist, auf der das Trauma passiert ist. Vielleicht ist es auch eher neuro-biologisch bedingt. Traumatisierte befinden sich oft im Kampf- oder Flucht-Modus, d.h. im Überlebensmodus. Auch wenn die betreffende Person vielleicht intellektuell schon bei Gelb gelandet ist, wird sie leicht rückfällig, wenn sie getriggert wird. So erlebe ich es bei mir.
    An einem „blauen“ Bibelverständnis wird meiner Erfahrung nach umso verbissener festgehalten, je instabiler (traumatisierter) die Persönlichkeit ist. Posttraumatischen Belastungsstörungen liegt oft ein sog. Entwicklungstrauma zugrunde, wobei sich kein stabiles Ich entwickeln konnte. Ein sehr enges Korsett gibt eben auch viel Halt.
    Aus eigener Erfahrung beschäftige ich mich viel mit dem Thema Trauma und Bewusstseinswachstum …

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  4. Der letzte Satz besitzt hier den primären Ansatz.
    Die Bibel ist wichtig nur für den, der den Sinn mehr fühlt als ihn interpretiert und ihn mehr versteht als ihn missversteht.

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  5. Wenn das Christentum sich nicht desinstutitionalisiert und sich als vereinfachte Praxis weiterentwickelt, wird es rasant verschwinden.
    Christsein bedeutet nicht , einen christlichen Namen und einen Taufschein zu besitzen. Christsein bedeutet Christ sein. Christ sein bedeutet ein Christus zu sein. Zwar ein moderner, persönlicher und einzigartiger Christus zu sein- dies bedeutet, an erster Stelle, den unpersönlichen Christus , das eigene Licht des Absoluten Bewusstseins in sich wahrhaftig zu finden.

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