PORTRAIT: Sven Kosnick

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Es ist kurz vor halb acht und schon dunkel. Im Gemeindezentrum brennt noch Licht. Zwei Frauen warten vor einer Tür. In dem Raum findet heute wieder eine Zen-Einheit statt, so wie jeden Donnerstagabend seit 1995 auf der Diezenhalde in Böblingen. In diesem Jahr hat Sven Kosnick den Kurs ins Leben gerufen, als er dort Pfarrer war.

Sven Kosnick ist ein hochgewachsener, kräftiger Mann mit kurzen, dunkelblonden Haaren und einem strahlenden Lächeln. Er geht zielstrebig auf den Raum zu, begrüßt die Frauen vor der Tür, schließt auf und betritt hinter ihnen den Raum. Er legt eine Matte und ein Kissen auf den Boden und zündet ein Räucherstäbchen an. Die Teilnehmer, zwei Männer und vier Frauen, haben eine Decke und ein Kissen dabei und legen diese in einem Kreis auf den Boden. Der Raum hat hohe Wände und vermittelt ein Gefühl von Weite. Alle begrüßen sich mit „Namaste“, indem sie die Handinnenflächen zu einer Grußgeste zusammenlegen und sich voreinander verbeugen. Dann nehmen alle Platz, die meisten offenbar geübt im Lotus-Sitz. Es stehen an: Drei Sitzeinheiten von 25 Minuten und dazwischen eine Gehmeditation. Sven Kosnick hält einen kurzen Vortrag zur Meditation, dann fragt er die Teilnehmer reihum, wer Interesse an einem „Dokusan“ habe – damit ist ein Gespräch mit ihm unter vier Augen gemeint. Vier Leute melden sich. Während die anderen meditieren, verlässt er den Raum und wartet in der Kirche nebenan auf seine Schüler, die ihn der Reihe nach aufsuchen.

Sven Kosnick wurde 1963 in Bad Schwartau an der Ostsee geboren und wuchs auf der schwäbischen Alb auf. Kurz vor dem Abitur machte er seine erste spirituelle Erfahrung und durchlebt daraufhin eine intensive Such- und Lesephase. Schon damals stieß er auf das Thema „Zen-Meditation“. Viele Sätze hätten ihn direkt ins Mark getroffen. Im Herzen habe er erkannt: Das ist es.

Bei der Bundeswehr fiel seine Entscheidung, Theologie zu studieren. Sein Studium absolvierte er in Tübingen, eine Weile studierte er außerdem Sport. Doch die Theologie, die er an der Universität erlebte, ließ jedes Interesse an spiritueller Erfahrung vermissen. Was er fand war pure Rationalität.

Nach dem Vikariat 1991 arbeitet er weitere 9 Jahre als Pfarrer. Schnell stellt er fest: „Ich bin gerne Pfarrer, aber das, was ich als Pfarrer machen soll, reicht mir nicht.“ 2002 habe er an die Schule gewechselt, zuerst nach Nagold, dann nach Stuttgart, wo er heute lebt. Seine spirituelle Erfahrung präge auch seinen Religionsunterricht. Er unterrichte „gelb“, deute „türkis“ manchmal an. Damit bezieht er sich auf den Farbencode von „Spiral Dynamics“. Auf die Frage seiner Schüler, welche Religion die richtige sei, gebe er als Antwort: Die richtige sei die, die liebt.

„Manche wollen dann auch anfangen, zu meditieren.“

Wenn Sven Kosnick beginnt, frei zu reden, merkt man, dass er in Welten Zuhause ist, die vielen gänzlich fremd erscheinen. Er verwendet Worte wie „Satori“ (Erleuchtung), „Koan“ (Fragen eines Zen-Meisters, die zur Erleuchtung führen) oder den Farbencode von Spiral Dynamics mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der andere „Butterdose“ oder „Schlafen“ sagen.

„Du kannst nicht beschließen, Zen-Lehrer zu werden“

china-1177009Erste Erfahrungen mit Meditation machte Sven Kosnick während seines Studiums bei einem Kurs im Evangelischen Stift. Doch das Sitzen in der Stille war ihm nicht genug. Er sehnte sich nach einem erleuchteten Meister, einem Menschen, dem er abspürte, dass dieser ihm die Erfahrung vermitteln könne, weil er sie selbst gemacht habe.

Als er das erste Mal den katholischen Zen-Meister Pater Johannes Kopp traf, war für ihn sofort klar: „Wir gehören zusammen.“

Diesem sei es damals ähnlich ergangen. Sven Kosnick wurde sein Schüler und belegte einen Kurs nach dem anderen. Dadurch bewies er, dass es ihm ernst war, mit der Suche nach der Wahrheit. Denn Zen sei mehr als Sitzen in der Stille und die Beobachtung des eigenen Atems. Es gehe vielmehr darum, das eigene Wesen und das Wesen der Wirklichkeit selbst zu erkennen.

Dazu werde jedem Schüler von seinem Meister bestimmte Fragen oder Aufgaben aufgetragen, die ihm auf seinem Weg zum Erwachen helfen sollen. Diese seien häufig absichtlich widersinnig oder paradox formuliert, um die Grenzen der Rationalität zu sprengen. Als ein Beispiel hierfür nennt er die berühmte Aufforderung eines Zen-Meisters: „Zeig mir den Klang einer klatschenden Hand“. Durch Gespür erkenne der Meister, ob der Schüler die Antwort erkannt habe. Wenn ein Schüler auf diesem Weg die Erfahrung der Erleuchtung macht, liegt noch ein weiter Weg vor ihm, bis er reif genug sei, andere ebenfalls zu dieser Erfahrung zu führen. Im Fall von Sven Kosnick musste diese noch Jahrzehnte ausreifen, bis sein Lehrer sagte: Ich ernenne dich zum Zen-Lehrer. Das war bei ihm 2013 der Fall.

Seitdem gibt er selbst Kurse in Zen, darunter auch sogenannte „Sesshins“. Dabei handelt es sich um Trainingseinheiten in der Zen-Meditation, deren Länge über einige Tage hinweg allmählich gesteigert wird.

Sein Traum ist es, Leiter eines geistlichen Zentrums zu werden. Als Vorbild nennt er das Programm „Leben aus der Mitte“, das von Johannes Kopp gegründet wurde. Es ist in der katholischen Kirche angesiedelt. Es frustriert ihn, dass seine Kirche keinen Bedarf an einer solchen Einrichtung sieht. „Die katholische Kirche ist der evangelischen da weit voraus.“ Bezeichnend sei, dass ihn der katholische Bischof kenne, sein eigener, der evangelische, Frank Otfried July, aber nicht. Denn das Programm „Leben aus der Mitte“ ist im Bistum Essen beheimatet. Es ist weltweit das einzige seiner Art, das direkt von einem Bistum getragen wird.

Als ich ihn während der Meditation im Kirchenraum aufsuche, ist seine erste Frage: „Wie ist es dir ergangen?“ Im darauffolgenden Gespräch, das ein wenig einer Befragung ähnelt, bleibt er liebevoll, aber hartnäckig. Ich merke, dass seine Weise von „Buddha“ zu reden, mich zunächst irritiert, denn für ihn scheint „Christus“ und „Buddha“ relativ austauschbar: Beide erleuchtet, beide Menschen wie er und ich, reines Bewusstsein. Dann gibt er auch mir ein „Koan“ auf.

 

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