MODUL GEIST: Vier Tage und vier Nächte allein in die Natur

Gepostet von

Anne-Maria Apelt ist Wildnispädagogin, Fotografin und Visionssucheleiterin. Privat lebt sie in Essen an der Ruhr und ist verheiratet. Vor kurzem ist ihr erstes Buch erschienen.

Liebe Anne-Maria,

Wenn ich das richtig verstanden habe, so hast du dich selbstständig gemacht und auf Naturrituale und Portraitfotografie spezialisiert. Du nennst das, was du anbietest, „Lebensentdeckungsreisen“. Wie kamst du selbst zu diesem Thema?

Eine meiner Hauptfragen meines Lebens war immer, wofür ich auf der Welt bin und mein tiefster Wunsch ist bis heute, gemeinsam mit Menschen Antworten auf diese Frage zu bekommen. Was der Sinn und die Bestimmung meines Lebens sein könnte und ist, welche Gaben, Charakter und Wesenszüge mich prägen. Viele Tests, Methoden, Therapien, Seelsorge und Beratungen haben mich weiter gebracht. Am meisten haben mich die geprägt, in denen ich mich über den Verstandeshorizont in die Erfahrungsebenen begeben habe. Allen voran die Erfahrung der Visionssuche.

Anlass war eine Lebenskrise. Es ging nicht mehr vorwärts noch rückwärts. Ich hatte alles verloren. Job, Orientierung, Glauben. Beziehung, Netzwerke. Alle Pläne waren nicht aufgegangen und ich war weit davon entfernt eine Antwort auf die Frage zu finden, wofür ich auf der Welt bin. Die Erfahrung dann an einer Visionssuche teilzunehmen, mich 14 Tage lang meinen Fragen zu widmen, vier Tage und vier Nächte davon allein in der Natur zu sein, zurückgeworfen nur auf mich, ohne Hilfsmittel.

Die Natur und ich. Gott und ich. Oder das was ich bis zu dem Zeitpunkt davon hielt. Die Natur als Buch vor mir, in dem ich begann zu lesen, meine Angst zu sehen, mich auszuhalten, meine Grenzen zu akzeptieren, meine Möglichkeiten zu wertschätzen. Wie eine Libelle, die als Larve einen Kokon spinnt, sich verpuppt, und sich alles in der Puppe auflöst was sie bisher war – bis auf die Imagozellen die das neue Herz bilden – und sich dann neu zusammensetzt zu einer neuen Gestalt: der Libelle. Vier Tage und vier Nächte Kokon spinnen. Ich kann nur sagen, das war das Beste was ich gemacht habe.

Die Auswirkungen habe ich erst im Verlauf des Jahres danach so richtig zu fassen bekommen. Und dann kam der Ruf von Menschen, die in mir etwas Neues gesehen haben, dass ich selbst solche Formate in der Natur anbieten solle. Und tatsächlich setzte sich durch meine Ausbildung zur Visionssucheleiterin ein Puzzleteil nach dem anderen zusammen. Viele lose Enden meiner Berufsentscheidungen, Lebensentwürfe, Konzepte fügten sich ganz neu zusammen in genau das, was ich heute mache: Menschen auf ihrer eigenen Entdeckungsreise in ihrem Leben begleiten. Am liebsten in der Natur. Das hat viele Facetten, die Naturritualarbeit ist eine davon. Die Fotografie kam von allein hinzu. Für beide Aufgaben brauch ich einen Blick für Menschen, wie sie sind. Dieser Blick ist mir geschenkt. Ich drück das gern auch im Foto aus. Lieber ist es mir allerdings, wenn Menschen sich im Spiegel der Natur selbst neu entdecken. Die Natur erlebe ich als unbestechlich, wahr und heilsam. Ich als spirituelle Person würde auch sagen: daher kommen göttliche Antworten auf meine Fragen.

Du bietest unter anderem Visionssuchen an. Als Beschreibung habe ich gefunden: „Vier Tage und Nächte allein in der Wildnis, fastend und ohne schützende und trennende Wände zwischen dir und der Natur.“ Was sind das für Menschen, die du sich auf so eine Herausforderung einlassen? Junge Familienmütter wie ich werden es wohl eher seltener sein…

Oh, das sind Menschen aus allen Lebensbereichen und Altersgruppen. Es sind Menschen an den Bruchstellen ihres Lebens: Trennung, Tod, Heirat, Geburt, Abschied, neuer Beruf, all das können Gründe sein. In jedem Fall geht eine tiefe Frage dem Ritual voraus, so etwas macht man nicht „einfach mal so“. Dazu kommen persönliche Reife und das Eingeständnis, dass die eigenen Systeme und Muster nicht mehr funktionieren. Ein Umbruch oder eine Krise kann jederzeit im Leben vorkommen, ob man 20 ist oder 80 oder gerade Eltern geworden ist.

Meistens kommen Menschen an den typischen Wendepunkten des Lebens rund um die 30 oder 45. Oder es stehen Lebensentscheidungen zum Thema Beruf, Beziehung, Elternschaft an, die geklärt werden wollen. So auch bei mir damals.

Die meisten von uns leben heute sehr abgeschirmt von der Natur, Alleinsein kommt selten vor und mit radikalem Fasten sind wir wenig vertraut. Warum gleich alles auf einmal?

Allein sein, fasten und in der Natur sein sind keine neuen Erfindungen. Es handelt sich dabei um eine alte spirituelle Übung,  die in allen Kulturen und Generationen vor uns gemacht worden sind. Kein Schutz und keinen Rückzug zu haben, auf sich geworfen sein, erleben die meisten Menschen bei einer Visionssuche zum ersten Mal.

Den meisten fällt da draußen weder die Natur, noch das Alleinsein, noch das Fasten wirklich schwer. Man ist einfach mit ganz anderen Dingen beschäftigt, weil man zum ersten Mal Zeit hat mit sich selbst. Um Alltägliches, wie „was werde ich essen, wie werde ich es zubereiten, wo kauf ich ein, wer wäscht ab, hat jemand angerufen, sind die Kinder in der Schule?“ dürfen für die Zeit der Visionssuche von anderen beantwortet werden. Du hast Zeit nur für deine Frage. Ich habe das als sehr erholsam und befreiend erlebt.

Die Vorbereitungszeit vor den vier Tagen und vier Nächten dient dazu, den Körper und die Seele auf das Alleinsein vorzubereiten, Nahrung zu reduzieren, Kontakt zu reduzieren. Wir schauen, was den Menschen dient und staunen was Körper und Psyche mit Leichtigkeit schaffen können. Man macht das Ritual ja nicht zum Selbstzweck, sondern vor allem für sich.

Es gibt das deutschsprachige Netzwerk der Visionssuche-Leiter: Wie beeinflusst dich dieses Netzwerk bei dem, was du machst?

Das Netzwerk ist eine geniale Austauschplattform. Die Mitglieder*innen des Netzwerkes kommen aus allen möglichen spirituellen und beruflichen Richtungen. Die Horizonte und Meinungen sind divers und dadurch inspirierend. Es hilft mir auch, Kunden an andere Netzwerker zu empfehlen, wenn ich selbst nicht weiterhelfen kann.

Es dient außerdem dazu, dass ich supervisorisch meine Arbeit anderen gegenüber mitteilen kann, korrigiert werden kann, inspiriert werden kann, Hilfe bekommen kann von Menschen, die schon länger Erfahrung haben.

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Ich musste bei der Idee, allein in die Wildnis zu gehen, an den Film „Antichrist“ von Lars von Trier denken, wo ein Paar sich in eine abgelegene Hütte im Wald begibt, um die Trauer ihres Sohnes zu verarbeiten und immer mehr in einen Albtraum und eine Gewaltorgie hineingerät. Ich muss zugeben, ich habe ihn nicht zu Ende geschaut… Kommt es bei derartigen Visionssuchen nicht an und wann dazu, dass bei jemandem plötzlich irgendwelche inneren Dämonen geweckt werden und es zur Überforderung mit dem Alleinsein kommt?

Eine Visionssuche ist eine existenzielle Erfahrung, die gewollt ist, so dass auch eine Begegnung mit „der dunklen Nacht der eigenen Seele“ möglich ist. Eine Visionssuche dient der Heilung, der Selbstliebe, dem Mitgefühl, der Innenschau und hat gleichzeitig Grenzen. Wer nicht therapeutisch ausgebildet ist, so wie ich, muss sich seiner eigenen Grenzen sehr bewusst sein. Ich kann beraterisch, wildnispädagogisch und biografisch arbeiten, aber eben nicht therapeutisch. Für mich ist es wichtig, im Vorfeld zu klären, was die Absicht der jeweiligen Personen sind, sich auf dieses Ritual einzulassen. Und manche nehme ich auch nicht mit. Manche Themen übersteigen meine Kompetenzen aber auch den Rahmen des Rituals. Manchmal ist es auch besser, von dem Ritual abzuraten, weil vielleicht wirklich erst mal eine Therapie nötig ist.

Natürlich gibt es auch Menschen, die Ängste haben allein im Wald. Das ist auch Thema in der Vorbereitungszeit vor den vier Tagen und vier Nächten allein. Da heißt es, sorgsam zu sein mit den Menschen, die Gefahrenquellen gut zu kennen und zu wissen, dass bei Gefahr oder Überforderung jeder und jede zurückkommen kann. Es gibt auch ein Sicherheitssystem, auf das jeder und jede zurückgreifen kann.

Die meisten werden, was ihre Angst betrifft, von eigenen Bildern, erzeugt aus Märchen, Mythen, Filmen, Erfahrungen etc. begleitet. Ich beispielsweise hatte in einem Ritual wahnsinnige Angst vor der Dunkelheit. Ich wurde von meiner Ritualleiterin gut darauf vorbereitet, wie ich mit den Ängsten umgehen kann, und welche neuen Muster und Methoden ich einüben kann, um mich dieser Angst zu stellen.

Das war hart, mein „Ego“ musste „sterben“, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich Vertrauen lernen kann und dass das Ritual, durch das so viele Menschen schon gegangen sind, mich trägt. Ich kann mir sicher sein, dass die Natur kein feindlicher Raum ist, sondern ich mich hingeben kann an die Natur, die mich schützt und deren Teil ich bin.

Welche Kurz- und Langzeitwirkungen dieses Rituals konntest du bei dir und anderen beobachten?

Ich muss zugeben, dass ich sehr selten mitbekomme, welche Langzeitwirkungen ein Ritual hat, weil ich die Leute maximal ein Jahr lang begleite. Da können meine um Jahrzehnte erfahreneren Kollegen sicher mehr dazu sagen. Aber durch das Buchprojekt und meine eigenen Erfahrungen ist in mir die Erkenntnis gereift, dass ein Naturritual ein einschneidendes Erlebnis ist. Viele machen zum ersten Mal durch ein Naturritual die Erfahrung, dass sie sich verbunden fühlen mit allem, was lebt. Und das ist eine Erfahrung, die Konsequenzen für jeden Lebensbereich haben kann. Auf spiritueller, ökologischer, beruflicher, beziehungstechnischer Ebene. Es ändert sich oft eine Haltung, etwas im Herzen. Manchmal entfaltet sich das nicht sofort nach dem Ritual und lässt ein bisschen auf sich warten oder zeigt sich mittelfristiger. Aber man kann sich sicher sein: es kommt.

Buch-Cover_GRUENE-WUNDER-ERLEBEN-ApeltIm Februar ist dein Buch „Grüne Wunder erleben“ erschienen. Herzlichen Glückwunsch dazu! Für wen hast du es geschrieben?

Danke! Ich habe das Buch auf Anregung des Verlages geschrieben und mir war klar, dass ich nichts Theoretisches über Naturrituale schreiben möchte. Dazu gibt es bereits erstklassige Literatur.

Ich wollte zeigen, wie Menschen spannende und tiefe Erfahrungen gemacht und Veränderungen erlebt haben. Und wie sie Gott – wie auch immer sie ihn nennen – getroffen haben. Ich habe versucht so nachvollziehbar wie möglich die Gründe und den Prozess zu schildern, auch die Konsequenzen daraus. So, wie es den Menschen möglich war, sich zu öffnen, denn es geht ja um sehr intime Erfahrungen.

Das Buch soll allen Menschen dienen, die selber auf der Suche nach solchen Erfahrungen sind und neue Formen von spirituellen Erfahrungen suchen. Es soll ermutigen und anregen, es ihnen gleich zu tun. Und es soll eine Verbindung schaffen, die Natur als heiligen Raum zu erfahren, der Gottesbegegnung ermöglicht.

Auf deiner Homepage schreibst du, dass deine christliche Werteorientierung ein Leitfaden in deiner Arbeit ist. Nenne drei Dinge, durch die dich Jesus inspiriert.

Jesus inspiriert mich zum Handeln – tun, was getan werden muss: Essen kochen, aufräumen, Leute einladen, Kleider verteilen, Tauschbörsen organisieren, Müll aufsammeln.

Jesus inspiriert mich zur Gemeinschaft und Liebe, zum gemeinsam unterwegs sein, zur Annahme und Fragen stellen.

Und er animiert mich zum Rückzug – er ging immer wieder in die Einsamkeit um sich „einzuordnen“.

Ich danke dir ganz herzlich für unser Gespräch!

Wenn du jetzt neugierig geworden bist, kannst du dich hier über Anne-Marias Apelts Arbeit informieren: www.lebensentdeckungsreisen.de

Ihr Buch bekommst du hier: https://www.adeo-verlag.de/index.php?id=details&sku=835217

Titelfoto: Roland Baege (mit freundlicher Genehmigung)

 

 

 

 

 

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