Die kommende zweite Aufklärung

und die Entdeckung des inneren Universums

Der integrale Philosoph Steven McIntosh vergleicht das kommende integrale Zeitalter mit dem Zeitalter der Aufklärung. Dafür hat er gute Gründe.

Die Aufklärung ist eine geistige Strömung im 17./18. Jahrhundert, mit der das moderne Bewusstsein wirkmächtig in Erscheinung trat. Ihre Quintessenz lässt sich wunderbar mit diesem Zitat ausdrücken:

Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Immanuel Kant

Die Ratio, die Vernunft, sollte den Menschen aus seiner Unmündigkeit befreien. Mit der Aufklärung verbinden sich zahlreiche Befreiungsbewegungen wie die Abschaffung der Sklaverei, der Monarchie, die Gleichstellung der Frau, die Deklarierung der Menschenrechte. Studien wie Spiral Dynamics, aber auch die World Values Study zeigen, dass sich weltweit immer mehr Menschen diesem Bewusstsein annähern.

Diese neue Epoche entspricht einer neuen kognitiven Fähigkeit. Der Entwicklungspsychologe Robert Kegan beschreibt das (zusammengefasst) so:

Das eigene Denken (Subjekt) wird zum Gegenstand (Objekt) der Reflexion.

Frans_Hals_-_Portret_van_René_Descartes
René Descartes: Nach Frans Hals – André Hatala [e.a.] (1997) De eeuw van Rembrandt, Bruxelles: Crédit communal de Belgique, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2774313
Der Philosoph René Descartes gilt allgemein als der Begründer des modernen Rationalismus. Jeder kennt sein berühmtestes Zitat:

Ich denke, also bin ich.

Er unterschied zwischen dem innere Ich und der äußeren Welt, dem subjektiven Geist und der (scheinbar) objektiven Materie. Dadurch legte er, zusammen mit vielen anderen Vordenkern, den Grundstein für die moderne Wissenschaften, aber auch für ein dualistisches Denken.

Die Welt wurde dabei als etwas Vorgegebenes gedacht, das so abgebildet werden könne, wie es sei. Ken Wilber nennt das auch den „Mythos vom Gegebenen.“ Doch schon Kant – der damit bereits als Vordenker der Postmoderne gelten kann – wies darauf hin, dass es diese scheinbar objektive Realität nicht gibt, weil alles von einem Beobachter unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert wird. Die Wirklichkeit ist damit immer, zumindest teilweise, ein Konstrukt. Und diese Konstruktion wird maßgeblich durch unsere Sprache und Kultur beeinflusst.

Steve McIntosh zufolge ist es genau diese Welt, die Welt der Kultur, der Sprache, der Werte und Weltsichten, die durch die integrale Philosophie völlig neu entdeckt wird.

Die integrale Philosophie mache heute etwas ähnliches wie Descartes damals, denn sie füge der subjektiven und objektiven Dimension eine dritte, die intersubjektive, hinzu.

Er nennt diese Dimension auch das „innere Universum“.

Während des äußere Universum beobachtet werden kann, ist das innere immer nur durch Interpretation zugänglich.

Diese Welt dehnt sich nach innen mindestens genauso weit aus wie das äußere Universum: Denn sie umfasst alle geteilten Bedeutungen zwischenmenschlicher Kommunikation wie „Hund“, „Liebe“, Theorien und Ideen, Notenwerte und Symbole etc., aber auch Gottesvorstellungen und Glaubensinhalte. Und sie wird jeden Tag, durch jedes Gespräch, jede Entdeckung, jede Begegnung, erweitert und vertieft.

Dieser Raum ist weder völlig subjektiv, noch völlig objektiv – er ist das Zwischenmenschliche, Geteilte.

Ich argumentiere dafür, dass ein neues, historisch bedeutendes, Level des Bewusstseins und der Kultur in unserer Zeit aufscheint, und dass dieses Aufscheinen einer neuen integralen Weltsicht in vielerlei Hinsicht das evolutionäre Äquivalent zu dem Aufscheinen der modernen Weltsicht während der als Aufklärung bekannten Epoche des 17. und 18. Jahrhunderts ist. Und ebenso wie das Aufkommen der Moderne die Welt für immer verändert hat, können wir ähnlichen […] Fortschritt von dem Aufkommen des integralen Bewusstseins erwarten.

Steve McIntosh, Integrales Bewusstsein und die Zukunft der Evolution, in eigener Übersetzung

Die Entdeckung und Wertschätzung dieses Raumes kann auch eine große Rolle spielen, wenn wir unseren Glauben reflektieren: Wo kommen all die Glaubenssätze, Vorstellungen, Zweifel und Gewissheiten her – aus uns selbst oder aus diesem geteilten Raum?

Alles in diesem Bereich ist ständigem Wandel unterworfen. Alles ist Co-Creation, gemeinsame Schöpfung, ununterbrochener Austausch von Subjekten, Begegnung von Gott und Mensch.

 

Bild von © Nevit Dilmen, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36752405

Autor: Sandra Hauser

Ich habe evangelische und orthodoxe Theologie in Tübingen, Minsk (Weißrussland) und Hamburg studiert und schreibe derzeit an meiner Doktorarbeit zum Thema "Die Rezeption integraler Theorie im Christentum".

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