Zeitenwende statt Weltuntergang

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Was, wenn es in der biblischen Apokalyptik weniger um das Ende der Welt als vielmehr das Ende der Welt, wie wir sie kennen, geht?

Diese Frage stellt Doug King in seiner Einführung in seine integrale Theologie.

Schon sein Vater, Max King, beschäftigte sich mit Fragen der Eschatologie und Apokalyptik. Dieser sorgte für Aufsehen und reichlich Diskussionsstoff, als er in seinem 1971 erschienenen Buch „The Spirit of Prophecy“ die These aufstellte, dass alle Prophezeiungen des Neuen Testaments mit der Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. bereits in Erfüllung gegangen seien. Man nennt diese theologische Richtung auch Präterismus.

Zusammen mit seinen Söhnen baute Max King die Organisation „Presence International“ auf.

Ich hatte diese Woche das erste Mal Kontakt mit Markus Mosimann aus der Schweiz, dem Vertreter der Organisation für den europäischen Raum, der mir einen kleinen Einblick in die Geschichte und Tätigkeit dieser Organisation gewährt hat. Heute, so berichtete er mir, sähe die Organisation ihre Funktion hauptsächlich darin, eine integrale Lesart der Bibel zu entwickeln und zu vermitteln.

Von Doug King gibt es derzeit nur einen englischsprachigen Online-Kurs, aber er selbst hat mir verraten, dass er bereits an einem Buch zum Thema sitzt. Auf dieses bin ich persönlich sehr gespannt, denn Doug King verknüpft den biblischen Narrativ mit Elementen der integralen Theorie von Ken Wilber, Spiral Dynamics und Steve McIntosh, und das auf eine ganz eigene Weise.

Doug King bedient sich dabei z.B. den Begriffen First Tier und Second Tier. Wir erinnern uns: Spiral Dynamics unterscheidet damit zwei Ränge, von denen der erste Rang sich bereits mit sechs Stufen in der Menschheit entfaltet hat: Von archaisch, über magisch, kriegerisch, traditionell, moderne bis zu postmodern. „Integral“, die siebte Stufe, unterscheidet sich von allen vorhergehenden Ebenen dadurch, dass sie als erste dazu fähig ist, die gesamten vorhergehenden Stufen zu überblicken und wertzuschätzen – deshalb wird sie auch „Second TIER“ genannt. Spiral Dynamics sprechen hier von einem Übergang zu einer neuen Ordnung, innerhalb derer sich die Motive der vorhergehenden Stufen in komplexerer Form zu wiederholen scheinen.

Spiral Dynamics

Doug King definiert nun den Unterschied zwischen den ersten sechs Stufen und den nachfolgenden so: Während das First Tier-Denken sich mit einer Form identifiziere, sei das Second-Tier-Denken die Formlosigkeit. Im First Tier-Denken sähe der Mensch sich von Gott getrennt, im Second-Tier-Denken eins mit Gott. Dadurch werde die Identifikation mit einer bestimmen Form überwunden: Der Mensch identifiziert sich nicht mehr z.B. über sein Christ-Sein, was ja in Abgrenzung zu anderen erfolgt, sondern er identifiziert sich in der Tiefe mit der einen Menschheit, die eins mit Gott ist. Ziel ist damit auch die Überwindung der Religion.

Die biblischen Erzählungen beginnen mit Adam, der für das Archaische steht und gehen weiter über Abraham, Mose hin zu Jesus durch alle sechs Stufen von First Tier. Jesus Aufgabe (und damit auch der Kirche) sei die der Transformation von der alten Ordnung, dem alten Bund (First Tier) in die neue Ordnung, dem neuen Bund (Second Tier), in der Gott „alles in allem“ (1 Kor 15,28) ist. Dieser Übergang beginnt um 30 – 70 n.Chr.: Die Auferstehung Jesu und die Zerstörung des Jerusalemer Tempels machen es möglich: Seit Jesus steht jedem die Erleuchtung offen und durch Jesus wird alles miteinander versöhnt.

Gerade dort, wo zu ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht Gottes Volk!, werden sie Söhne und Töchter des lebendigen Gottes genannt werden.

Römer 9,31, Neue Genfer Übersetzung

Der Tod kam durch einen Menschen in die Welt; entsprechend kommt es nun auch durch einen Menschen zur Auferstehung der Toten. Genauso, wie wir alle sterben müssen, weil wir von Adam abstammen, werden wir alle lebendig gemacht werden, weil wir zu Christus gehören.

Erster Korinterbrief 15,21f. Neue Genfer Übersetzung

Jesus wäre demnach nicht nur der erste integralen Denker, sondern überhaupt erst die Ermöglichung des Integralen.

Mit ihrem Standpunkt zur Eschatologie berühren Max King und seine Söhne einen wunden Punkt der modernen Theologie. Zahlreiche Forscher haben bereits danach gefragt, wie man mit diesen Passagen umgehen soll, in denen Jesus vom nahenden Weltuntergang spricht, der dann gar nicht eingetreten ist.

Manche sagen, Jesus war eben auch ein Mensch und als Mensch konnte er sich irren. Er sei eben auch Kind seiner Zeit gewesen und habe sich von seiner Umwelt anstecken lassen. Aber wie kann Jesus dann noch in irgendeiner Weise verlässliche Autorität sein, wenn er sich in so einer gewaltigen Sache derart geirrt haben sollte? Macht ihn das nicht unglaubwürdig?

Also, was, wenn Jesus gar nicht die Welt als solche meinte, sondern nur eine alte Welt im Gegensatz zu einer neuen Welt? Denn die alte Welt bricht ja tatsächlich in jedem Menschenleben zusammen, wenn ein Mensch seine Identifikationen mit seiner Biografie, seinen Verdiensten, seinem Volk, seiner Religion etc. allmählich der Identifikation mit seinem göttlichen Bewusstsein weichen lässt.

Die Rede von „einem neuen Himmel“ und „einer neuen Erde“ erfahren eine neue Deutung, wenn wir sie im Sinne einer neuen Epoche, eines neuen Zeitalters sehen statt diese Worte in ein fernes Jenseits zu verlagern. Vermutlich ist das der Punkt, der diese Deutung auch zu einer sehr umstrittenen macht.

Die Homepage von Presence, den Link zu ihrem Online-Kurs in Integraler Theologie und neue Podcastfolgen findet ihr hier: https://www.presence.tv

Wie geht es euch mit dieser Interpretation?

Titelbild: Bild von Brigitte Werner auf Pixabay

Ein Kommentar

  1. Die Idee von King und Söhne erscheint mir nicht nur sehr konsistent sondern macht auch Sinn um Religion mit ins 21. Jahrhundert zu nehmen.
    Der Zugang zu meinen sehr ähnlichen Gedanken speist sich aus der Einstein´schen Relativitätstheorie. Danach ist die Welt mehr als unsere dreidimensionale Realität. Sie ist integral, auch im Sinne von Spiral Dynamics und Vorstellung von Holons in Holons. Zudem hilft die Entwicklungspsychologie, die „wissenschaftlich“ die gleichen Entwicklungsstufen beim Kind vorfindet. Dies auf die Gesellschaft zu übertragen scheint mir legitim.
    Die von und über Jesus berichteten Texte in der Bibel weisen alle in die integrale Richtung, zumindest meine ich als theologischer Laie so etwas zu erkennen.
    Die Zerstörung des Tempels im Jahre 70 brachte in der Tat die große Erneuerung und das jüngste Gericht vor dem Sprung ins Integrale.
    Der Tempel war das Zentrum des jüdischen Glaubens. Gott war Gegenüber. Nach der Zerstörung ist Gott überall, auch in jedem Menschen. Jesus war in seinem Kulturkreis wohl der Erste, der einen integralen Zugang hatte. Insofern ist er die Tür, die zu Gott führt und immer gegenwärtig, wenn man den Sprung ins Integrale wagt.
    Durch diesen Zugang, jeder Mensch erlebt seine eigene Erleuchtung, wird aus dem Glauben Wissen. Wissen ist Erkenntnis.
    King et al liefern einen Beitrag zur Vereinigung von Äußerem Universum (objektive Wissenschaft) und Innerem Universum (Subjektives Empfinden). Alles weitere hierzu findet man in den vier Quadranten von Wilber.
    Die Erkenntnis im Integralen, dem Holon, indem alles Frühere enthalten ist, wird Religion und Philosophie als das erkennen, was wesentlich ist: der Weg in die integrale Welt.
    Das Christentum ist nicht jenseits gewandt sondern das Paradies ist gegenwärtig, wenn der Sprung ins Integrale gelingt.

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