Transformative Spiritualität

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Ihr alle kennt die neuesten Ereignisse, ausgelöst durch den Schulstreik von Greta Thunberg. Die Europawahl hat aus meiner Sicht gezeigt, dass zumindest in Teilen Deutschlands das Bewusstsein für den Klimawandel und dessen drohende Konsequenzen zugenommen hat, befördert durch die „Friday for Future“- Bewegung und den Youtube-Kommentar von Rezo.

„Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ ist der Titel eines Gutachtens des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen aus dem Jahr 2011. Zu diesem trockenen Gutachten gibt es übrigens auch einen wunderbar lesbaren Comic. (s.u.)

Die Kirchen haben in Folge dieses Gutachtens den ökumenischen Prozess „Umkehr zum Leben – den Wandel gestalten“ ins Leben gerufen.

Die erste von zehn Thesen dazu lautete:

Seit Jahren wissen wir: Der menschengemachte Klimawandel ist die zentrale ökologische, soziale, wirtschaftliche und politische Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Die globale Erwärmung bedroht die gesamte Schöpfung. Sie untergräbt menschliche Sicherheit. Deshalb müssen wir unverzüglich alles tun, um den Klimawandel zu begrenzen.

Kurz nachdem 2013 der Taifun Haiyan die Philippinen verwüstete, sprach der Klimakommissar Yeb Sano auf der UN Klimakonferenz in Warschau. Seine eigene Familie sowie tausende von Menschen im Land waren von dem Unglück betroffen.

In seiner Rede erklärte er, dass er so lange in den Hungerstreik treten würde, bis die Klimakonferenz gezielte Maßnahmen beschließen würde, um den Klimawandel aufzuhalten. Viele Menschen aus aller Welt schlossen sich diesem Fasten an. Das sog. „Klimafasten“ wurde zu einer weltweiten Bewegung von Religionsgemeinschaften, Jugendverbänden und Umweltorganisationen.

Dennoch reagiert auch darauf ein Großteil der Kirchenmitglieder nicht, ja, schien davon nicht einmal Kenntnis zu nehmen. Es hatte mit dem Christsein, wie sie es verstanden, offensichtlich nichts zu tun.

Warum?

Weil die Kirche ihre verwandelnde Kraft zu großen Teilen eingebüßt hat.

Das Motto der 9. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Porto Alegre 2006 war:

Gott, in Deiner Gnade, verwandle die Welt

Papst Franziskus schrieb in seinem „Evangelii Gaudium“:

Ein authentischer Glaube – der niemals bequem und individualistisch ist – schließt immer den tiefen Wunsch ein, die Welt zu verändern.

Das Wort „Transformation“ ist ein modernes Wort für das, was die christliche Überlieferung mit „Buße“ meint. In dem griechischen Wort dafür, „metanoia“, meistens mit „Umkehr, Umdenken“ übersetzt, klingt mit „hinterher bedenken, erkennen, wahrnehmen“, d.h. von einer höheren Warte aus, einer Metaebene, einem „höheren Bewusstsein“. Und genau das ist der Punkt.

Wir brauchen eine „transformative Spiritualität“:

  • Eine Spiritualität, die sich mit dem Klimawandel und der kommenden Klimakrise auseinandersetzt.
  • Eine Spiritualität, die Menschen in ihrem Inneren verwandelt. Laut Ken Wilber erfüllt Religion zwei Funktionen: „Translation“ und „Transformation“.
    • Translation passiert z.B., wenn ein Pfarrer eine Predigt bei der Bestattung hält und den Hinterbliebenen hilft, durch tröstende Bilder und Deutungshilfen mit dem Verlust des Verstorbenen besser umzugehen.
    • Transformation passiert, wenn eine Religion Techniken lehrt, die uns helfen, uns spirituell weiter zu entwickeln, z.B. durch Gebete, das Singen, Fasten, Pilgern etc.

Um diese verwandelnde Kraft nicht nur sein zu wollen, sondern wirklich zu sein, müssen die Kirchen meines Erachtens weg von einer rein „translativen“ Funktion hin zu einer „transformativen“ Funktion. So kann sie Menschen hervorbringen, die nicht nur Systeme ändern wollen, sondern die allein durch ihr Sein, ihr Wesen und ihre Art und Weise zu leben zu inspirierenden und anziehenden Vorbildern für viele werden können.

Wo aber sind zwischen den Besuchern an einem normalen Sonntagmorgengottesdienst die weisen Ältesten, die uns etwas lehren könnten über den Umgang mit unseren Mitmenschen und unserer Umwelt?

Es braucht einen Wandel des Bewusstseins, um die große Transformation weltweit durchzusetzen.

Dieser Wandel wird nie mit rationalen Argumenten erfolgen. Die Wissenschaftler mahnen schon Jahrzehnte, aber es passiert vergleichsweise wenig.

Dieser Wandel gelingt nur, wenn eine größere Zahl Menschen sich kognitiv und spirituell weiter entwickelt und bereit ist, führende Rollen einzunehmen. Und zwar schnell. Und ein Mittel, das hier unterstützend helfen könnte, ist die Religion:

[…] die einzig grundlegende Aufgabe der Religion besteht darin, die Entwicklung des Bewusstseins zu beschleunigen. […]“

Jim Marion, Putting on the Mind of Christ, S. 42

Nicht, um Bewusstsein zu entwickeln. Das geht auch so, durch Versuch und Irrtum, aus Fehlern lernen, Erfahrungen sammeln… Aber dieses Schneckentempo können wir uns nicht mehr leisten, wenn die Menschheit überleben soll. Wir brauchen mehr weise und weltzentrische Menschen – und zwar schnell!!!

Gott sandte den Sohn, um nicht nur die Menschheit zu erlösen oder eine partielle Erlösung zu bringen. Das Evangelium ist vielmehr eine gute Nachricht für jeden Teil der Schöpfung und jeden Aspekt unseres Lebens und unserer Gesellschaft. Es ist daher entscheidend, Gottes Mission in einem kosmischen Sinne zu verstehen und zu bekräftigen, dass alles Leben, die ganze oikoumene, in Gottes Netzwerk des Lebens miteinander verbunden ist.

Gemeinsam für das Leben, Mission und Evangelisation in sich wandelnden Kontexten, Ökumenischer Rat der Kirchen 2012

 

Es wird also Zeit, dass die Religionen sich wieder auf diese grundlegende Aufgabe besinnen und die Menschen Techniken lehren, die zu einer solchen Beschleunigung ihren Beitrag leisten können, darunter vor allem ein dynamisches Gottesbild, Meditieren, Schattenarbeit, eine evolutionäre Lesart der Bibel, bewusstseinserweiternde Rituale und Kommunikationsformen.

Was meint ihr dazu?

 

Weiterführende Links:

https://www.wbgu.de/de/

http://www.umkehr-zum-leben.de

http://www.climatenetwork.org/fastfortheclimate

Comic: Die große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve? Hg. von Alexandra Hamann, Claudia Zea-Schmidt u. Reinhold Leinfelder, 2013.

Quelle Bild: NiklasPntk auf Pixabay

 

Ein Kommentar

  1. Christen sorgen sich um die Schöpfung und sind daher auch Klimaschützer – möchte man meinen. Aber z.B. in den USA ist das anders. Dort halten viele einen menschengemachten Klimawandel für unmöglich, weil nach ihrer Interpretation Gott und nicht der Mensch alles kontrolliert… Im Kampf gegen den Klimawandel sind daher Menschen, die anderen glaubhaft machen, dass zwischen ihrer Religion und Klimaschutz kein Widerspruch besteht, besonders wichtig.
    LG
    Urs

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