Jesus Leben als archetypische Heldenreise

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Wir kommen heute zu einem wichtigen Thema, meine ich. Ein Problem ist, dass viele Christen, was ihre Religion betrifft, am Ärgernis des Mythos stehen bleiben. Entweder sie verstehen ihn wörtlich – oder geben zumindest vor, dass sie dies täten, auch wenn es ihnen in Wirklichkeit nicht gelingt – oder sie wollen ihn ganz weghaben, „entmythologisieren“, weil sie nicht in der Lage sind, ihn richtig zu deuten. Ein Mythos gehört aber gedeutet. Wenn ich hier von Mythos spreche, meine ich damit jedoch nicht, dass es den historischen Jesus nicht gegeben hat oder dass dieser keinerlei Bedeutung über sein Leben hinaus hatte. Ich meine damit nur, dass in der Erzählung seines Lebens (und nicht nur in der Weitergabe seiner Lehre) großes Potential steckt.

In den orthodoxen Kirchen wird das Leben Jesus, das wir im Verlauf eines ganzen Kirchenjahres nachzeichnen, jeden Sonntag als ein Mysterienspiel uraufgeführt: Geburt – Leben – Tod – Auferstehung. Das hätte enormes Potential, wenn das orthodoxe Kirchenvolk in der Lage wäre, das, was ihnen vor Augen geführt wird, in Bezug auf ihr eigenes Leben zu deuten. Die meisten gehen aber auch hier leer aus, weil den Geistlichen  die Reife und das psychologische Wissen dazu fehlt.

Die meisten, die den Mythos nicht deuten können oder gar nicht als solchen erkennen, setzen ihre Hoffnung auf das historische Geschehen und Leben Jesu, das sie über Raum und Zeit hinweg erlöst haben soll. Dabei geschieht allerdings selten echte „Auflösung“, weil es die Menschen zu einer einseitig passiven Empfangshaltung verdammt und sie des Gefühls von Selbstwirksamkeit beraubt. Er fühlt sich im Tiefsten für überflüssig erklärt, da ja ein anderer alles bereits getan hat, was nötig sei.

Anstatt heilend zu wirken, kann ein solches Verständnis der Geschichte im Gegenteil zu tiefem Schmerz führen. Eine Leserin dieses Blog (danke für das Buch!) schreibt in ihrer Biografie:

Ich lernte, dass mein großer Bruder [Jesus, Anm.] mich so wahnsinnig arg lieb hat, dass er dafür verraten und verkauft wurde, gefoltert und ermordet. […] Die Krönung seines Lebens war der Tod, der mich zur Mörderin machte, an dem Tag, an dem ich geboren wurde. Ich konnte tun, was ich wollte. Ich gab meine ganze Liebe, meine ganze Leidenschaft. Ich versuchte, so gut zu sein wie er. So sanft, so bescheiden, so selbstlos. Eine Zeitlang ging das gut. Doch was auch immer ich versuchte: So unschuldig konnte ich gar nicht werden, dass das, was da vor unvorstellbar langer Zeit geschehen war, hätte widerrufen [werden] können.

Nina Senegal

Mit dieser Lesart hatte ich auch meine Probleme. Ich wollte in erster Linie mein eigenes Leben besser verstehen und eine heile, ganze Person werden. Dann das meiner Liebsten. Aber keiner in der Kirche hat mir je gesagt, dass genau das durch Jesus möglich wird und auch nicht erklärt, auf welche Weise. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir kollektiv bereits viel durch den christlichen Mythos gelernt haben, doch bis jetzt meist eher unbewusst.

Ein sehr wichtiger Schritt bei der spirituellen Entwicklung ist die Überwindung des „kleinen Egos“, unseres recht selbstsüchtigen, narzistischen und von allem anderen abgetrennten Bewusstseins und seine Integration in das, was der […] Ken Wilber „transpersonales Bewusstsein“ nennt. Das Bild der Mythen für diesen Schritt ist das von Tod und Auferstehung oder Wiedergeburt. Die Jahrtausende alten Geschichten von Ivanna, von Jesus oder vom Phönix aus der Asche beschreiben die Geschichte von der Notwendigkeit des Todes als Voraussetzung für wirkliches Leben. […]

Mythen sind nicht einfach Geschichten, die sich irgendjemand irgendwann einmal ausgedacht hat. Sie sind viel mehr. Sie wurden Menschen über Visionen gegeben, um ihnen wichtige Hinweise zur Heilung oder zu persönlichen und spirituellen Entwicklung zu geben.

Franz Mittermair

Das Muster der Heldenreise wurde erstmals von dem Mythologen Joseph Campbell (1904-1987) aufgedeckt, der zahlreiche Geschichten aus verschiedenen Kulturen miteinander verglich und auf eine allen gemeinsame Struktur hin untersuchte. Die Heldenreise liegt alten Mythen, aber auch modernen Büchern und Filmen zugrunde und dient in Therapien als Deutungshilfe für das eigene Leben. Dabei wird davon ausgegangen, dass wir in unserem Leben nicht eine, sondern einige derartiger Heldenreisen oder Zyklen durchlaufen, die uns im Bewusstsein wachsen lassen. Gleichzeitig kann die Heldenreise als auch Idealmodell eines menschlichen Lebens gelesen werden.

Wichtig erscheint mir noch darauf hinzuweisen, dass ein großer Fehler im Umgang mit Mythen darin besteht, sich nur mit einer der Figuren zu identifizieren (z.B. Jesus), obwohl nur alle Figuren zusammen das vollständige Bild der menschlichen Psyche bilden, also auch Maria, auch Herodes, auch der Teufel, auch die Pharisäer, auch Judas, auch Pilatus, auch Maria Magdalena usw. Bei allem handelt es sich um Projektionen des Inneren. Deshalb funktionieren vermutlich gute Predigten, weil wir in jeder Figur einen Teil von uns selbst entdecken können und dadurch die Chance bekommen, ihn zu re-integrieren.

  • 0. Zeugung und Geburt – Der Held ist eigentlich göttlicher Abstammung, die Eltern ziehen ihn nur groß – Advent – Maria „Jungfrau“, Jesus weiß um seinen himmlischen Vater
  • 1. Die normale Welt des Helden – Jesus Kindheit und Jugend in Nazaret
  • 2. Ruf zu seiner Lebensaufgabe – der Held wird aus seinem Alltag gerissen – Jesus wird bei der Hochzeit in Kana von seiner Mutter gedrängt, sein erstes Wunder zu wirken
  • 3. Weigerung „Meine Zeit ist noch nicht gekommen“
  • 4. Treffen auf einen Mentor, Zurücklassen der Familie  – Jesus trifft auf Johannes, den Täufer
  • 5. Die erste Schwelle – Die Taufe, darauf Rückzug und Kampf mit dem Dämon, dem Schatten in der Wüste – Jesus Wünsche nach Ruhm und Macht
  • 6. Bewährungsproben/Auftauchen von Feinden und Gefährten – die Hinrichtung seines Mentors, die Fragen der Schriftgelehrten, aber auch die Familie Jesu, die ihn zurückholen will etc., Jesus schließen sich Jünger an und verlassen ihn teilweise wieder
  • 7. Vordringen zur tiefsten Höhle/Schwellenhüter – Jünger wollen verhindern, dass er in Jerusalem in Gefahr gerät, Jesus hält das Passamahl mit ihnen – in den traditionellen Kirchen jede Woche als Ritual (Eucharistie/Abendmahl) zelebriert
  • 8. Schwerste/entscheidende Prüfung – Die Katastrophe/der Tiefpunkt  – der Tod [des Ego]/äußerte Ohnmacht/Passivität/auch „dunkle Nacht der Seele“ – Jesus wird im Garten Gethsemane verhaftet, alleingelassen, verraten, verlassen, verurteilt, am Kreuz hingerichtet und ins Grab gelegt
  • 9. Die Belohnung/Der heilige Gral – Jesus wird auferweckt
  • 10. Die Rückkehr – Jesus erscheint seinen Jüngern
  • 11. Die Auferstehung/Transformation – Die Himmelfahrt Jesu
  • 12. Die Rückkehr – Jesus Wiederkehr/Wiedergeburt

Das Neue Testament ist für mich eine Heldenreise par excellence, sind alle Elemente glasklar vorhanden, die ganzen Schritte, die Jesus durchlebt, das ist eine klare Heldenreise. Es gab viele Prüfungen und eine letzte große Prüfung. Und er ist ans Kreuz gegangen und hat sich der letzten großen Prüfung gestellt.

Gestalttherapeut Torsten Zilcher

Wie geht es euch damit Jesus einzelne Lebensstationen als idealtypisches archetypisches Muster zu deuten, dass damit auch jeden von uns zwangsläufig betrifft?

In welcher Phase der Heldenreise seht ihr euch momentan?

Hier bekommt ihr fundierte Infos zur Heldenreise:

Quellen:

Nina Senegal, Unter meinem weiten Himmel. Von einer, die auszog, das Fürchten zu verlernen, 2017.

Franz Mittermair, Neue Helden braucht das Land. Persönlichkeitsentwicklung und Heilung durch Rituelle Gestaltarbeit, 2011, S. 21 und S. 33.

Dietrich, Kirsten: Heldenreise zur Erlösung. URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/fantasy-als-religion-heldenreise-zur-erloesung.1278.de.html?dram:article_id=375268

Bild: Wikipedia Commons, Christus der Auferstehung, 1. Hälfte 17. Jhd., Spanien, Bodemuseum Berlin.

 

 

6 Kommentare

  1. Hmm, mir scheint „Heldenreise“ als eine Brille, mit der man die Evangelien lesen kann, plausibel. Aber wie das meine persönliche Beziehung zu Christus ändern sollte, sehe ich nicht. Ob damit der „Sprung in den Glauben“ leichter wird?

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    1. Lieber Gerd, danke für die Frage! Ich vermute, dass ich dir mit einer kurzen Antwort nicht gerecht werden kann. Von einem „Sprung in den Glauben“ halte ich nicht viel, der Erfahrung nach ist das doch meist eher ein „allmähliches (Hinein-)wachsen/reifen in den Glauben“, wobei ich „Glauben“ im Sinne von tiefmöglichstem Vertrauen in das Sein verstehe. Zu dem historischen und meiner Erfahrung nach immer noch gegenwärtigen Jesus selbst kann ich eine Beziehung aufbauen als zu einem Vorbild und Gefährten für tief und wahrhaftig gelebtes Menschsein und ihm durch meine ganz eigene Heldenreise nachfolgen. Die Betonung der Einzigartigkeit Jesu kann dazu führen, dass Menschen nicht in ihr Potential kommen bzw. sich schlicht überflüssig oder in Schuld stehend erleben. Liebe Grüße

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  2. Liebe Sandra, danke für deinen Block, den ich jetzt schon eine Weile verfolge, bisher ohne Kommentare. Auf das Leben Jesu als „Heldenreise“ muss ich unbedingt reagieren. Vor allem auf deine Einschätzung, dass der Mythos im Christentum auf heilende, transformierende Weise kaum gelehrt oder vermittelt wird.
    Ich bin seit ca 20 Jahren als evangelische Pastorin auf dem Weg der Exerzitien, die sehr zentral davon leben, Geschichten aus dem Leben Jesu, inklusive von Identifikationen per Imaginationen mit verschiedenen Gestalten zu praktizieren.
    Die Intensivform der 30-tätigen Exerzitien, die ich vor etlichen Jahren schon erleben durfte – lange bevor ich auf Wilber gestossen bin – macht genau diese „Heldenreise“ auf der Erfahrungsebene mit dem Leben Jesu und zwar u.a. zum Zwecke der Heilung auch der eigenen Geschichte.
    Die vier Wochen der großen Exerzitien gehen genau diesen Weg durch Geburtsgeschichte (inklusive der pränatalen Phase), Initiation (Taufe), Berufen, Leben und Verkündigung Jesu, Passion, Sterben, Auferstehung mit. Das eigenen Leben und das Leben Jesu werden dabei sozusagen wie zwei Folien aufeinander gelegt, dabei ereignet sich auf der Erfahrungsebene sehr tiefe Christus-Begegnung. Zwar sind schon etliche evangelische Christen z.B. schon mal mit Exerzitien im Alltag in Kontakt gekommen, aber die Intensivform wird evangelischerseits nach wie vor selten angeboten. Spezialisten sind da nach wie vor die Jesuiten.
    einen herzlichen Gruß Petra

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    1. Liebe Petra, vielen, vielen Dank, dass du deine Erfahrung und dein Wissen mit uns teilst! Von den Jesuiten weiß ich bisher tatsächlich zu wenig und finde es von daher hochinteressant und freue mich zu hören, dass diese Verbindung, über die ich erst vor kurzem gestoßen bin, bereits aktiv gelebt wird! Was für eine schöne Überraschung. Sei herzlich gegrüßt, Sandra

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      1. Der Mythos ist eher Literatur als reales Leben. Über Jesus – sofern er existiert hat – weiß man so gut wie nichts. Die Geschichte die wir kennen, ist vermutlich altägyptischen Ursprungs. Man hat sich einfach entschieden, einige Geschichten die im Umlauf waren, als echt anzuerkennen. Andere – die Apokryphen – hat man verworfen. Man hat ich also heraus gesucht, was am ehesten glaubwürdig erschien und nicht, was sicher der Wahrheit entsprach. Es sind nur Legenden. Wissenschaftler meinen, die Christen würden im Prinzip den alten Horus verehren.

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      2. Natürlich enthält die Bibel viele Legenden, darunter auch im Neuen Testament und sicherlich wurde die Deutung des Geschehens im Nachhinein auch mit Legenden oder Ideen in Verbindung gebracht, die damals im Umlauf waren, wie die ägyptischen. Jesus ganzes Leben aber als eine reine Legende anzusehen, und damit seine Historizität als solche anzuzweifeln, davon halte ich nichts. Es ist für mich weder plausibel (wie sollte man dann die Wirkungsgeschichte der Worte und Handlungen dieser einen Person erklären? Die ersten Schriften des Neuen Testaments wurden verfasst, als noch zahlreiche Augenzeugen am Leben waren etc.), noch entspricht diese Idee dem Stand der Wissenschaft in Theologie als auch Religionswissenschaft.

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