Natur und Menschenseele

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Immer schon war ich auf der Suche nach Vorbildern, nach weisen Menschen, die mir etwas vorleben und ausstrahlen, was mich anzieht. Ich glaube, dass sind die meisten von uns, zumindest in jungen Jahren, wenn wir noch nach externen Autoritäten suchen.

Doch schon in der Schulzeit musste ich immer wieder feststellen, dass meine Lehrer mir keine Vorbilder waren, außer im Sinne des Anti-Vorbilds, Menschen, von denen ich lernen durfte, wie ich auf gar keinen Fall einmal werden will:

Bitte, bitte, Gott, lass mich nie, nie, NIEMALS so werden wie Frau Ente oder Herr Frosch (Namen geändert ;-)!! Okay, ich bin auch typenabhängig ziemlich kritisch gegenüber Autoritäten, aber…

warum gibt es so wenig Weise in unserer Gesellschaft?

Das habe ich mich die letzten Jahre immer öfter gefragt. Ich bin enttäuscht, ja, von den älteren, vor allem den Alten, den Rentnern mit viel Zeit und (genug) Geld. Jeden Tag treffen sich bei uns direkt vor der Tür, wo sich ein Café einer Bäckerei befindet, einige „Klicken“ von älteren Herren und Damen und sie quatschen, quatschen, quatschen, wie ich das in der Pubertät gemacht habe, manchmal den halben Tag lang und das fast täglich.

Vor kurzem habe ich mir auf einen Tip hin (danke, Anne-Maria!) den riesigen Wälzer von Bill Plotkin, Natur und Menschenseele, aus der Bibliothek ausgeliehen. Dieses Buch hat mir dabei geholfen, meine diesbezügliche Enttäuschung besser zu verstehen.

Bill Plotkin ist ein Tiefenpsychologe, Wildnispädagoge und Gründer des Animas Valley Institute, bei dem es darum geht, durch die Begegnung mit der Natur in das Gespräch mit der eigenen Seele zu kommen und zu reifen. Wahre Reife ist für ihn in der transpersonalen Erfahrung verwurzelt, einer mystischen Naturerfahrung, die heute nur noch selten stattfindet.

Er hat mit seinem Lebensrad ein Bild für eine idealtypisch verlaufende menschliche Entwicklung (d.h. gerade nicht die durchschnittliche) geschaffen. Als Vorbild dazu diente ihm die Natur mit ihren Zyklen. Doch die derzeitige Wirklichkeit und dieses Ideal klaffen weit auseinander: Es ist bezeichnend, dass der Autor lediglich zwei Personen finden konnte, die als Beispiele für die Beschreibung der letzten Phase acht überhaupt in Frage kamen.Lebensrad Plotkin

Das Buch hat mir geholfen, zu verstehen:

  • Tatsächlich ist unsere momentane Gesellschaft gar nicht darauf ausgerichtet, Weise oder reife Individuen hervorbringen zu wollen, ganz im Gegenteil.

Die [Erziehung] erschafft eine Umgebung, in der gesunde, natürliche Fähigkeiten unterdrückt und untergraben werden – (Staunen, Vorstellungskraft, unabhängiges Denken, Liebe zum Lernen, Tiefenwahrnehmung, lebhaftes Spüren etc.) [Sie] bereitet das Kind darauf vor, sich im egozentrischen Wirtschaftssystem seinen Lebensunterhalt zu verdienen und formt es im Zuge dessen zu einem Instrument der Steigerung des Bruttoinlandsproduktes oder der nationalen Militärmacht […]

  • Wollten wir wieder zahlreiche Weise und nicht nur an Jahren ältere Menschen, müsste sich unsere Gesellschaft von Grund auf umwandeln. Er stellt dem jetzigen System, das er die „egozentrische, industrielle Wachstumsgesellschaft“ nennt, die Vision einer „seelenzentrierten, lebenserhaltenden Gemeinschaft“ gegenüber.
  • Ein solcher Wandel fände bereits in Ansätzen in allen Gebieten der Gesellschaft statt.

Wird das einundzwanzigste Jahrhundert das große Ende oder die große Wende sein? […] Es liegt bei uns…

  • Es ist offenbar kein Irrtum, wenn mir viele ältere wie Pubertierende vorkommen. Plotkin behauptet, wahre Ältestenschaft gebe es so gut wie gar nicht mehr. Bereits der Übergang von der Phase 3 zur Phase 4 verlange, das Zuhause zu verlassen, die „jugendliche Identität“ aufzugeben, Abhängigkeiten aufzugeben, „die heilige Wunde“ zu erforschen, mit der „Vergangenheit Frieden“ zu schließen und zu lernen, „Authentizität über soziale Akzeptanz“ zu stellen. Mir scheint, dass viele Menschen diese Entwicklungsaufgaben noch vor, und nicht hinter sich haben. Auch ich stecke da noch mitten drin.

Was ich in seinem Werk vermisst habe, war die Verknüpfung oder ein Vergleich mit anderen, ähnlichen derartigen Modellen wie z.B. der vor kurzem erwähnten Heldenreise.

Ach, falls sich jetzt wieder jemand fragt: Was hat das ganze mit Jesus oder der Bibel zu tun? Ich finde, dass Jesus Leben, als er geboren wurde, als er aufwuchs und reifer wurde, als er seine Familie verlassen, in der Wüste mit seinem Dämon gekämpft, Menschen geheilt hat, Schüler um sich gesammelt, sich schließlich im Gespräch mit Mose und Elija auf einem Berg, später dann im Garten Gethsemane auf die Festnahme, Folter und seine Hinrichtung innerlich vorbereitet hat, um seine Lebensaufgabe zu erfüllen… dass das alles erstaunlich gut in dieses idealtypisch verlaufende Lebensrad passt. Aber vielleicht idealisiere ich auch Jesus zu sehr, wer weiß 😉

Hier findet ihr weitere Informationen zu dem Institut:

https://animas.org/about-us/our-organization/what-we-do/

Quelle: Bill Plotkin, Natur und Menschenseele. Das Lebensrad und die Mysterien eines seelenzentrierten Erwachsenenseins, 2010.

Kennt jemand von euch das Modell oder hat gar Erfahrungen damit gemacht?

2 Kommentare

    1. Oh, ja, im Visier… Wenn da nicht so viel im Visier wäre, du solltest dir mal meine Liste „Was ich schon immer mal lesen wollte“ anschauen, haha 😉 Aber ist ein guter Tip und wird aufgenommen. Herzliche Grüße nach Essen

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