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Was trennt die Kirchen im 21. Jahrhundert?

Das größte Hindernis zwischen den verschiedenen Kirchen sind heute mehr noch als dogmatische, die Glaubenslehre betreffend Fragen, die ethisch-moralischen.

„Eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts besteht in der Spaltung, die zwischen – und innerhalb den Kirchen in Bezug auf moralische Fragen besteht.“

Ökumenischer Rat der Kirchen, Kommission für Glauben und Kirchenverfassung, 2013, S.1, eigene Übersetzung

Heute gibt es – neben immer noch stark konfessionell geprägten Stellungnahmen einzelner Theologen oder Kirchen – auch eine ganze Vielzahl an ökumenischen Stellungnahmen zu ethischen Themen.

Man denke da nur an die Dokumente, die im Zusammenhang mit der 10. Vollversammlung des Ökumenischen Rates in Busan, Südkorea, erstellt und herausgegeben wurden sowie z.B. an die regelmäßigen gemeinsamen Stellungnahmen von der Evangelischen Kirche und der Bischofskonferenz in Deutschland.

Dennoch steht der Dialog zwischen Ost- und Westkirchen in sozialethischen Fragen erst am Anfang. Ansätze einer Diskussion gab im Anschluss an das Erscheinen der Sozialkonzeption der Russisch-Orthodoxen Kirche im August 2000.

Mit diesem Dokument legte das erste Mal eine Ostkirche ein sozialethisches Dokument vor, denn Ethik als selbständige wissenschaftliche Disziplin ist der orthodoxen Kirche eher fremd – Stellungnahmen zu ethischen Problemen suchen sie nach wie vor bei Kirchenvätern.

„Mit diesem Dokument ist neben die katholische und die evangelische Sozialethik ein dritter, eigenständiger sozialethischer Argumentationstypus getreten.“

(Uertz, 77)

„Wert- und Normsysteme bzw. offizielle lehramtliche Soziallehren gehören nicht zur Tradition der orthodoxen Kirche.“

(Papaderos, 58)

Das hängt auch mit einer prinzipiellen Abneigung gegenüber starren Systemen zusammen. Gleichzeitig ist die Forderung populär, dass sich die Westkirchen ebenfalls auf das patristische Erbe, die Kirchenväter, zurückbesinnen sollten, um eine Wiedervereinigung möglich zu machen.

Sowohl die Orthodoxen in ihrer Rezeption der westlichen Theologie wie auch umgekehrt die westlichen Theologen in ihren Studien der Orthodoxie neigen dazu, die Position der jeweils anderen Konfession defizitorientiert zu betrachten:

Wo begeht der andere einen schwerwiegenden Denkfehler? Oder: Wo begeht er eine gefährliche Häresie?

Das Misstrauen gegenüber dem Westen geht oft mit einer generellen Ablehnung der Moderne einher. Ein Beispiel dafür ist die Seite „Antimodernismus. Orthodoxe Missionarische Enzylopädie“. Unter dem Motiv der Verteidigung der Orthodoxie innerhalb der Kirche werden zahlreiche Denker, die den Dialog mit dem Westen aufgenommen haben, mit dem Stichwort „Modernist“ abqualifiziert bzw. beschimpft.

Für die Vorurteile, die im Westen dem Osten gegenüber herrschen, bezeichnend war für mich die Antwort der GEKE auf das Dokument der Russisch Orthodoxen Kirche „Grundlagen der Lehre der Russischen Orthodoxen Kirche über Würde, Freiheit und Rechte des Menschen“, aber auch die Diskussion über dieses Papier unter uns Teilnehmern auf dem Jungen Forum Orthodoxie 2013.

Ich war damals – durch meinen Aufenthalt im Osten – schon aus dem starren Entweder-Oder-Denken ausgebrochen, hatte mich in die andere Seite eingefühlt und eingedacht und fragte mich insgeheim bereits (ein wenig wilberianisch): Was hindert uns daran, zu erkennen, dass beide Seiten, auf ihre Weise, recht haben?

Was dem einen „selbst-verständlich“ erschien, war dem anderen „un-verständlich“.

„Warum streiten wir uns in den Kirchen und der ökumenischen Bewegung immer wieder über ethische Fragen? Und wie kommen wir trotz und mit diesen Gesprächen zu mehr Einheit statt einander zu zerfleischen?“

Martin Franke

Das waren Fragestellungen des Ökumenischen Gesprächs über die „Moralische Urteilsbildung in den Kirchen“ auf der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 2013 in Busan. Diesem Gespräch lag eine Studie zugrunde: „Moral Discernment in the Churches“ von der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des ÖRK aus dem Jahre 2013. Sie ging der Frage nach, warum christliche Kirchen in ethischen Diskussionen zu unterschiedlichen Standpunkten kommen:

„Der Text dieser Studie legt seinen Fokus nicht auf moralische Fragen per se, sondern eher auf den Prozess der Urteilsfindung. Das ist eine notwendige Voraussetzung für einen ökumenischen Dialog über bestimmte moralische Fragen. Mit diesem Ziel macht diese Studie die Quellen ausfindig, welche die Kirchen bei der moralischen Urteilsfindung verwenden und benennt einige der ursächlichen Faktoren für die Uneinigkeit innerhalb und zwischen den Kirchen über moralische Fragen quasi als ein Vorwort zu einem ökumenische Dialog, der die Einheit sucht.“

(Ökumenischer Rat der Kirchen, 2013, 2, eigene Übersetzung)

Die Studie stellt fest, dass alle Kirchen die Bibel als Quelle verwenden, deren Gebrauch und Verständnis sich aber stark unterscheide. Ebenso bezögen sich alle Kirchen in irgendeiner Weise auf die Tradition und bei der konkreten Urteilsfindung euch auf andere zusätzliche Quellen:

„Alle erkennen die Wichtigkeit der menschlichen Vernunft und des kritischen Denkens, des Bewusstseins als Erfahrung und der geteilten Weisheit der Menschheit.“ (56f.)

Diese dekriptive Studie zeigt also auf, was allen bereits durch die Erfahrung bewusst sein dürfte (4 u. 57):

Nicht die Bibel allein oder „die Heilige Dreieinigkeit, die Bibel und die Heilige Tradition“ allein spielen eine Rolle bei der Urteilsfindung der Kirchen, auch wenn sie von diesen hoch geschätzt werden. Auch die Erkenntnisse der Naturwissenschaften, der Medizin, der Humanwissenschaften und anderer Disziplinen fließen in konkrete Überlegungen mit ein.

Darunter fallen – ohne Zweifel – auch die Philosophen. Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Philosophien und Weltanschauungen hat in der Theologie über alle Zeiten hinweg immer wieder zu neuen Impulsen geführt.

Die Herausgeber des Sammelbandes „Perspektiven ökumenischer Sozialethik “ schreiben in ihrer Einleitung:

„Während im Westen die säkularen Werte der Aufklärung – und ihre Attacken gegen das Christentum – die zentrale intellektuelle Herausforderung für Theologie und Ethik darstellten, waren dies in der orthodoxen Welt der Islam und der Marxismus.“

(Gabriel, Körtner, Papaderos, 13)

Deshalb braucht es heute Philosophen wie Ken Wilber, die in ihren Theorien darum bemüht sind, Ost und West, Prä-, Rational und Transnational, miteinander zu verbinden und zu versöhnen. Allein das theoretische Wissen und das Anerkennen der Existenz verschiedener Bewusstseinsstufen und Stufen in der Wertentwicklung würden hier einige Fragen beantworten, wenn nicht gar hinfällig machen. Und für eine erneuerte, gemeinsame Sozialethik böte sie auch genügend Stoff…

Leider ist eine derzeitige breite Rezeption dieses Philosophen und seiner Theorie aus verschiedenen Gründen extrem unwahrscheinlich, was wiederum damit zu tun hat, dass die Kirchen ihren Schwerpunkt immer noch in einem magischen, traditionellen oder modernen Bewusstseinsfeld haben, was sie daran hindert, für derlei Ideen und Konzepte offen zu sein. Irgendwie verzwickt!!

Einzige Möglichkeit zur Verständigung erscheint mir die Einführung der Kategorie des Transrationalen und das gemeinsame Erlebnis desselben.

Wir im Westen würden dann ganz von allein wieder mehr die Kirchenväter lesen und im Osten könnte die Unterscheidung von Prä- und Transrational helfen, die Angst vor dem Rationalen, der Moderne, zu verlieren und sie als notwendige Stufe zu akzeptieren und zu umarmen.

Was meint ihr dazu?

Quellen: Antimodernimus: https://antimodern.wordpress.com

Gabriel, Ingeborg/Papaderos, Alexandros K./Körtner, Ulrich H.J.: Einleitung. In: Perspektiven ökumenischer Sozialethik. Der Auftrag der Kirchen im größeren Europa, Mainz, 2006. Auszüge daraus unter URL: http://alexandros.papaderos.org/Documents/Publications/416-AP-Aspekte_Orthodoxer_Sozialethik.pdf

Franke, Martin: Verstehen statt verwerfen. Ökumenisches Gespräch IV zur moralischen Urteilsbildung. 12. November 2013. URL: http://korea2013wcc.wordpress.com/2013/11/12/verstehen-statt-verwerfen-okumenisches-gesprach-iv-zur-moralischen-urteilsbildung/

Moral Discernment in the Churches. A Study Document. Faith and Order Paper No. 215. World Council of Churches, 2013. URL: http://www.oikoumene.org/en/resources/documents/wcc-commissions/faith-and-order-commission/i-unity-the-church-and-its-mission/moral-discernment-in-the-churches-a-study-document

Uertz, Prof. Dr. Rudolf/ Schmidt, Dr. Lars Peter: Einführung. In: Uertz, Prof. Dr. Rudolf/ Schmidt, Dr. Lars Peter (Hg.): Beginn einer neuen Ära? Die Sozialdoktrin  der Russisch-Orthodoxen Kirche vom August 2000 im interkulturellen Dialog. Konrad-Adenauer-Stiftung, 2004, 7-8.

Uertz, Prof. Dr. Rudolf: Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat in der Sozialdoktrin – eine politikwissenschaftliche Betrachtung. In: Uertz, Prof. Dr. Rudolf/ Schmidt, Dr. Lars Peter (Hg.): Beginn einer neuen Ära? Die Sozialdoktrin  der Russisch-Orthodoxen Kirche vom August 2000 im interkulturellen Dialog. Konrad-Adenauer-Stiftung, 2004, 77-96.

Bildquelle:
Viktor Hanacek, https://picjumbo.com/old-church-and-castle-agains-cloudy-sky/
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