Spiritualität als Bücherregal

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Gastartikel von Jakob Possert


Unser Zugang zu Spiritualität ist nicht mehr so einfach wie er vielleicht einst war. Während der Bedarf nach und auch das Angebot an Spiritualität weiter steigt, schwindet die Orientierung. Während die über Generationen weitergegebenen Gewohnheiten nicht mehr vereinbar sind mit einem (post)modernen Weltbild, scheinen neue Zugänge oft wichtige Elemente für eine gesunde Spiritualität zu vernachlässigen – was unter anderem zu sektenähnlichen Phänomenen geführt hat.

Hinzu kommt, dass Aufgabenbereiche, welche Religionen früher erfüllt haben, wie etwa die Sinnfragen oder das Gemeinschaftsgefühl, viele Menschen nicht mehr nur noch innerhalb einer spirituellen Tradition erfüllt sehen – sie pflegen einen synkretistischen Zugang zu der Beantwortung spiritueller Bedürfnisse.

Für den offenen spirituellen Sucher des 21. Jahrhunderts, als auch für religiös verwurzelte Menschen, scheint also, als ob ein Rahmenmodell, welches Vergleichbarkeit und Orientierung zu essentiellen Elementen einer gesunden gelebten Spiritualität ermöglicht, höchst nützlich sein könnte.

Die Metapher, die hier hilfreich erscheint, ist die eines klassischen, gut bestückten Bücherregals. Jedes gute Bücherregal hat einen Atlas. Es ist nicht essentiell, wer diesen Atlas verfasst hat, solange es ein guter Atlas ist, welcher das Territorium gut abbildet. Ebenso hat jedes gute Bücherregal eine Einführung in die Philosophie. Ob es nun „Sophie’s Welt“ oder doch Karl Jasper’s „Kleine Schule des philosophischen Denkens“ istmacht keinen grundlegenden Unterschied.

In einer ähnlichen Art und Weise könnte man sich Spiritualität als Bücherregal vorstellen. Wichtig ist dabei nicht, wie verschiedene Menschen ihr Bücherregal bestücken, sondern, dass sie jeweils einen guten spirituellen Atlas und eine gut durchdachte Einführung in die Spiritualität haben.

Bücher sind hier natürlich nur eine Metapher für verschiedene Bereiche. Hier sind sieben dieser Kernbereiche, welche eine gesunde Spiritualität ausmachen und zu welcher verschiedene spirituelle Traditionen und andere Organisationen verschiedene Zugänge gefunden haben:

Die 7 Kernbereiche einer gesunden Spiritualität

1. Weg zur Erfahrung des Göttlichen

Auf welche Art und Weise tritt man mit dem Göttlichen in Verbindung? In der transzendentalen Meditation, durch den Tanz der Dervische oder durch das Studium verschiedener Texte?

2. Ort der Geborgenheit

Wo findet man innere Ruhe, wo spürt man Urvertrauen und fühlt sich vollkommen sicher? Ist das im Gebet, in dem man sich Gott anvertraut, beim gemeinschaftlichen Satsang-Singen oder am Gipfel eines Berges, wenn man über weite Täler hinaussieht?

 3. Körperschaft mit Wahrheitsanspruch

In welcher intellektuellen Gemeinschaft versichert man sich (zumindest mental), ob man nicht auf einem Holzweg ist? Sind das gewisse Bücher und deren verschiedene Interpretationen, eine religiöse Glaubenslehre oder ein Netzwerk aus spirituellen Mentoren, von denen man Ratschläge einholt?

4. Hoffnung und Lebensbejahung

Worauf vertraue ich zu hoffen und wo kann ich immer wieder ‚Ja‘ zum Leben sagen? In dem Glaube an die göttlichen Liebe, der Gewissheit des Fortbestehen des Lebens oder einer rationalen Überzeugung des Fortschritts im Sinne der Aufklärung von der Stephen Pinker schreibt?

5. Klarheit und innere Autorität

Wo ist die innere Entscheidungsinstanz auf Basis welcher ich die schwierigsten Fragen meines Lebens beantworte? Wie weiß ich, welche Art von Leben lebenswert ist? Bin ich geleitet durch eine höhere Instanz, versuche ich mein Leben im Sinne des effektiven Altruismus zu optimieren oder spüre ich immer wieder einen Raum der inneren Führung (inner guidance)?

6. Gemeinschaft und Verbundenheit

Wie kommen wir zusammen als verbundene und lebendige Menschen? Ist es bei der Agape nach einem Gottesdienst, ein christlich Integraler WeSpace nach Paul Smith oder ist es eine neue Art von Fitnessstudio, wie SoulCycle, welche Work-Out Sessions zu  gemeinschaftlichen, Körper und Seele bestärkendes transformierenden Erlebnissen gemacht haben?

7. Feier und Freude

Wie erfreuen wir uns der Existenz und sind dankbar am Leben zu sein? Ist es in einem Gottesdienst , bei einem Salsa Festival durch den Raum zu wirbeln oder bei einem Christian Music Konzert ausgelassen mitzusingen?

Diese Metapher des Bücherregals kann natürlich noch über diese sieben Aspekte ausgeführt werden. Diese ersten sieben waren erste Anregungen darüber nachzudenken wie man diese Bereich im eigenen Leben füllt und welche verschiedenen, mehr oder weniger vergleichbaren Zugänge dazu von mehreren Menschen praktiziert werden.

Ich lade herzlich dazu ein, dieses metaphorisch Rahmenmodell für die eigene Spiritualität weiter auszubauen und auch auf andere Aspekte des Lebens, wie eine gesunde Ernährung anzuwenden.  Für thematische Austausche und konstruktive Kritik bin ich sehr offen. Sollten im Zuge dessen schriftliche Werke zustande kommen würde ich mich sehr freuen wenn man diese mit mir teilen würde, um in weiterer Folge eine intersubjektive Datenbank zu gründen.


Jakob Possert

Jakob Possert versucht, Systemen Impulse zu geben, mehr Raum für Entfaltung zu ermöglichen. Seine Expertise ist die Theorie der menschlichen Entwicklung, welche er zum Beispiel in der Arbeit mit iconscious.org angewendet hat. Als praktizierender Kosmopolit schließen seine Lebens-Achsen San Francisco, Buenos Aires und London ein. Derzeit ist er als Grazer in Berlin. Ich freue mich, dass er bei „Integrales Christsein“ dabei ist!

Tiefer in seine Idee einsteigen (auf englisch) könnt ihr hier: https://gingkoapp.com/book-shelf-of-spirituality

Seine Homepage findet ihr hier: jpossert.com

Quellen: Foto von Gerhard Gellinger auf Pixabay, Privates Foto mit Genehmigung

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