„Warum wir aufhören sollten, die Kirche zu retten“ von Burkhard Hose

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Der Titel des Buches hat mich angesprochen, weil mich, ehrlich gesagt, mittlerweile alle Rettungsversuche der althergebrachten Institution Kirche einfach nur noch nerven und weil ich ja, wie der Autor, auf der Suche nach einer neuen Version des Christseins bin.

Für mich ging es beim Christentum noch nie um die Kirche, auch wenn ich eine Zeitlang als Pfarrerin in der Gefahr stand, diese – und auch mich – stark damit zu identifizieren. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es fällt, sich aus dieser Bindung wieder zu lösen, und zu verstehen, dass es sich bei dieser Auftrennung nicht um einen Verlust handeln muss.

Auch dem Autor, der konstatiert: „Diese Kirche ist kaputt. Sie ist tot. Ich stehe an ihrem Grab“, ist der Abschiedsschmerz und die Trauer, die er dabei empfindet, anzumerken. Er meint damit vor allem seine, die katholische Kirche, in der er Priester ist.

Das Büchlein ist eher klein und handlich und lässt sich schnell und einfach lesen.

Je länger ich aber das Buch las, desto mehr kam eine Frage in mir auf: Warum ist der Autor überhaupt noch Mitglied in der katholischen Kirche, ja, immer noch Priester und damit auch weiterhin ihr Repräsentant und damit weiterhin auch eine Stütze all dessen, was er mittlerweile nicht mehr für richtig hält?

Auf jeder Seite stellt er die Existenzberechtigung seiner Kirche als Institution – und damit auch seine Rolle selbst – in Frage. Und macht das richtig gut und bewusst provokativ. Hierfür ein paar wahllos herausgegriffene Beispiele:

  • Jeder Institution seien Überraschungen suspekt, denn sie führten zu Kontrollverlust und ließen sich schlecht verwalten. Jesus Botschaft liefe dem völlig entgegen: Das Kommen des Reiches Gottes sei ein überraschender Vorgang, der sich nicht regulieren ließe. Auch deshalb sei es zum Konflikt zwischen ihm und den religiösen Institutionen seiner Zeit gekommen.
  • Die ketzerische Frage, ob die „Priester eigentlich für die Eucharistie da [seien] oder […] die Eucharistie für die Priester und ihre Daseinsberechtigung?“ (55) Weil schließlich in seiner Kirche nur geweihte männliche Priester diese überhaupt durchführen dürfen – und diese mittlerweile so rar sind, dass man sie bereits aus dem Ausland importieren muss, Talent hin oder her.

Vielleicht wäre die Predigt das erste und auch leicht zu praktizierende Handlungsfeld einer tatsächlich umkehrenden Kirche, die sich nicht mehr darauf fixiert, wer etwas darf oder nicht darf [aufgrund von Ausbildung/Weihe/Geschlecht, Ergänzung d. Verf.], sondern die Frage nach echter Autorität stellt: Wer kann predigen und wer hat etwas zu sagen? (71)

(Ein Ansatz, der auch meiner, der Evangelischen Kirche gut täte. Das lässt sich aber wiederum so schlecht kontrollieren und verwalten…)

  • Bündnis mit innerer Beteiligung statt Mitgliedschaft und äußere Berechenbarkeit: Statt wie bisher darauf zu setzen, dass viele als feste Mitglieder regelmäßig ihren Mitgliedsbeitrag bezahlen, obwohl sie weder regelmäßig zur Kirche gingen noch sich engagierten, könnten Menschen zu bestimmten Projekten oder mit gemeinsamem Anliegen in einer Sache zusammenkommen.

Viel Wert legt der Autor auch auf die Bescheidenheit, sich die eigene Unwissenheit einzugestehen und jegliches Überlegenheitsgehabe und Moralisieren abzulegen:

Bischöfe, die beanspruchen, den Willen Gottes zu kennen, sind Auslaufmodelle, so hoffe ich. (134)

Der Autor ist sehr darum bemüht, alle seine Gedanken – die doch von der offiziellen katholischen Kirche nur als störend empfunden werden können – biblisch zu begründen, was ihm – was für ein Wunder 😉 – auch mühelos gelingt.

Vielleicht irritiert mich einfach, dass hier jemand versucht, auf etwas aufmerksam zu machen, was mir schon lange völlig klar war – dass da verdammt viel gar nicht mehr in Jesus Sinne ist, was so in Kirchen getrieben wird. Andererseits freut es mich natürlich: Endlich, endlich nennt einmal jemand all das beim Namen!

Leider beschleicht mich das Gefühl, dass die Spitze der katholischen Kirche sich auch von diesem Buch nicht aufrütteln lassen wird, denn tatsächlich würden sie sich damit den Ast absägen, auf dem sie sitzen.

In der Terminologie von Spiral Dynamics, würde ich sagen, dass hier jemand wegweisende GRÜNE Theologie betreibt: Wertschätzung des Pluralismus, Betonung des Mitgefühls, der Mitmenschlichkeit und des Inklusionsgedankens, Umweltbewusstsein und politisches Engagement.

Dabei weist er auf etwas beschämendes hin, nämlich dass gerade diese GRÜNEN Werte oft bereits besser außerhalb als innerhalb der Kirche praktiziert werden – eine Beobachtung, die ich ebenfalls immer wieder gemacht habe: Deshalb habe ich mich schon in meiner Jugendzeit bei den linken, atheistischen Pfadfindern pudelwohl gefühlt, weil ich da viel persönlichen, idealistischen und mutigen Einsatz für eine „bessere Welt“ miterleben durfte.

Der Autor neigt folgerichtig zu einer weiten Definition von Kirche: Überall dort, wo Jesu Liebe zu den Menschen gelebt würde, sei Kirche.

Das gefällt mir und dennoch bin ich mittlerweile der begründeten Ansicht, dass eine solche Kirche sich im Endeffekt selbst abschafft, und darüber vergisst, dass sie durchaus eine Existenzberechtigung besitzt, die über das reine Üben von Nächstenliebe hinausgeht: Ich sehe deren Zukunft in einer gemeinsam gelebten Mystik. Davon lese ich bei ihm leider so gut wie gar nichts.

Dagegen bietet das Buch einen tiefen Einblick in die sich gegenwärtig in der katholischen Kirche abspielenden Bewusstseinsprozesse, auf deren längerfristige Ergebnisse wir gespannt sein dürfen.

Hier kommt ihr selbst zum Buch:

Warum wir aufhören sollten, die Kirche zu retten – Für eine neue Vision von Christsein, Burkhard Hose,  Vier-Türme-Verlag 2019

https://www.vier-tuerme-verlag.de/buecher/lebenshilfe/miteinander-leben/2640/warum-wir-aufhoeren-sollten-die-kirche-zu-retten-fuer-eine-neue-vision-von-christsein

Dem Vier-Türme-Verlag danke ich recht herzlich für das Rezensionsexemplar!

6 Kommentare

  1. Liebe Sandra, ein sehr interessanter Hinweis auf eine Lektüre. Hier meine Gedanken dazu:
    Gefunden in: Yesekel Dror: Ist die Erde noch regierbar? Ein Bericht an den Club of Rome, Bertelsmann Verlag, München 1994, S. 26

    ….. „ Zu einer solchen Veränderung könnte es durch einen Schock oder eine größere Katastrophe kommen, zum Beispiel durch einen vernichtenden, durch Kernwaffen geführten Krieg, der nicht die ganze Menschheit auslöscht, oder als Folge eines moralischen Sprungs nach vorne, etwa durch eine neue überlegene Religion.“…..

    Es ist zwar völlig aus dem Zusammenhang gerissen, die Quintessenz bleibt aber erhalten, denn es geht um unsere ins Chaos versinkende Welt ganz allgemein.
    Dieser neuen Religion, welche eigentlich die alte ist, bist Du auf der Spur. Es ist gut zu hören, dass auch „dogmatische“ Katholiken dem auf der Spur sind. Das wiederum gibt mir die Hoffnung, dass wir zusammen einen Sprung in diese neue alte Religion, die uns Jesus mit all seinen Worten und Taten weist, wagen können, mehr und mehr verstehen und zu folgen bereit sind.
    Ob es nur die Mystik sein kann? Ich persönlich habe da Angst mich zu verlieren, komme wohl zu sehr aus dem Rationalen.

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    1. Liebe Eva, danke für deine Gedanken! Vielleicht noch zur Erläuterung, nicht dass du mich hier missverstehst: Das „nur“ Mystik meine ich nicht in dem Sinne, dass dadurch etwas anderes ausgeschlossen würde, sondern so, dass in ihr besonderer Beitrag liegt, der ausschließlich aus der christlichen/religiösen Tradition stammt und nicht aus zum Beispiel Politik, Geschichte, Philosophie, Naturwissenschaften etc. kommen kann. Einen schönen Abend wünsch ich dir!

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  2. Gut geschrieben, und tatsächlich auch alles gelesen! Eine Pfarrerin, die bloggt, coool! 😉 Das Thema spricht mich sehr an, da ich selbst gelegentlich zur Kirche gehe, als auch gerne Leute mit anderer Spiritualität kennenlerne und natürlich auch immer wieder an Ecken und Kanten stosse… 😉

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  3. Hallo Sandra,
    danke für Deinen Beitrag. Was mich wundert oder überrascht: Kein Blick auf andere Kirchenmodelle. Die gibt es ja auch, denn mir scheint, dass der Autor vor allem die negativen Folgen der Instituationalisierung des Glaubens kritisiert, z.B. das Amtsverständnis. In vielen Freikirchen gibt es ein anderes praktiziertes „Priestertum aller Gläubigen“, was z.B. heißt, dass diejeningen predigen, die das wollen (und können!). Natürlich gibt es bei Freikirchen andere institutionelle Probleme, keine Frage. Dennoch wird doch schon danach gesucht, Formen zu finden, die genau die Probleme und Grenzen der alten kirchlichen Traditionen aufheben. Und aus der Kirchengeschichte kann man doch auch beobachten, dass die Gegenbewegungen meist aus der Kritik des Bestehenden entstanden sind – bis sie selbst wieder so verkrustet oder unbeweglich waren, dass wieder Neues hermusste. Das scheint mir eine sehr prozesshafte Logik zu sein, so dass ich Hoffnung habe, dass sich neue, andere Formen von Gemeinschaft bilden werden, denn ohne Gemeinschaft geht es auch nicht – menschlich nicht und biblisch gesehen nicht.
    LG, Christiane

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    1. Liebe Christiane, ja, interessante Beobachtung, du hast Recht. Er scheint immer noch stark auf seine eigene Kirche konzentriert und arbeitet sich an dieser ab, was mir insofern verständlich ist, da er eben immer noch in ihr arbeitet. Deine Hoffnung teile ich! Liebe Grüße

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