Unser innerer Mann, unsere innere Frau

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Das Verhältnis von Frau und Mann

Werfen wir einen Blick auf die Geschichten der Bibel, die von unserem Ursprung handeln, können wir entdecken, dass schon diese frühen Texte Spuren der Erkenntnis enthalten, dass wir alle, Frau und Mann oder Trans usw., immer den gegengeschlechtlichen Pol in uns tragen und es sich lohnt beiden Qualitäten, männlichen wie weiblichen, in uns Aufmerksamkeit zu schenken.

In der ersten Erzählung wird der Mensch als Mann und Frau geschaffen und ist gerade so, in dieser Zweiheit, das Bild Gottes: „als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie“ (Genesis 1,27).

In der zweiten Erzählung werden Mann und Frau nacheinander geschaffen, die Frau aus einer Rippe des Mannes geformt. Die Dramaturgie des Textes betont gerade nicht das Nacheinander und damit eine niedrigere Stellung der Frau, sondern die Notwendigkeit für Adam, ein gleichwertiges Gegenüber zu haben, das ihn ergänzt – weil ihm sonst etwas fehlt: „Für den Menschen aber fand er kein Gegenüber, das ihm entsprach.“ (Genesis 2,20)

Der Psychologe Carl Gustav Jung entdeckte, dass wir Menschen während wir aufwachsen bestimmte Persönlichkeitszüge abspalten oder verdrängen. Dazu gehören auch männliche bzw. weibliche Aspekte, insofern sich Jungs üblicherweise nach und nach mit ihrem Vater oder anderen männlichen Bezugspersonen im näheren Umfeld und umgekehrt Mädchen mit ihrer Mutter oder anderen weiblichen Bezugspersonen identifizieren und deren Eigenschaften übernehmen.

Als „Anima“ bezeichnete Jung den (verdrängten) weiblichen Anteil in der Psyche des Mannes, als „Animus“ den (verdrängten) männlichen Anteil in der Psyche der Frau. Da sie im Bereich des Unbewussten schlummern, führen sie zu Projektionen auf das jeweils gegengeschlechtliche Gegenüber nach dem Motto: „Männer sind so, Frauen sind so…“

Die 5 Stufen der Anima/Animus Entwicklung

Im Laufe des Lebens werden diese unterdrückten oder abgespaltenen Aspekte jedoch normalerweise stückweise wieder eingebunden. Bei dieser Entwicklung werden üblicherweise fünf Stufen unterschieden:

  1. Stufe: Die Frau als Mutter/Der Mann als der Fremde

    • Der Mann ist ein „Muttersöhnchen“, der sich völlig abhängig von der Versorgung und Bewunderung der Mutter oder einer anderen Frau macht. Er ist impotent, unselbstständig und erreicht seine Ziele nicht.
    • Die Frau misstraut Männern, fürchtet und hasst sie, während das Fremde an ihnen sie zugleich anzieht: Gerne lockt sie ihn an und wenn er zu nahe herankommt, flieht sie vor ihm.
  2. Stufe: Die Frau als Objekt/Der Mann als Vatergestalt

    • Die Frau dient dem Mann ausschließlich dazu, seine Bedürfnisse nach Sex, Bestätigung und Selbstdarstellung zu befriedigen.
    • Die Frau macht ihr Selbstwertgefühl von der Bestätigung eines Mannes abhängig und versucht, dessen Erwartungen zu entsprechen: Dafür passt sie sich an, lässt sich benutzen oder ausbeuten.
  3. Stufe: Die Frau als Gattin/Der Mann als Held

    • Der Mann wünscht sich eine Frau, die in die Rolle einer treuen, sie unterstützenden Ehefrau schlüpft und sich um das Zuhause und die Kinder kümmert. Dafür geht er auch gerne Kompromisse ein.
    • Sie wünscht sich einen Mann, der sie ritterlich umwirbt und ihre Bedürfnisse nach Sicherheit, Stabilität und gesellschaftlichem Status stillt. Gleichzeitig beginnt sie, selbstständig zu denken und eigene Meinungen zu entwickeln.
  4. Stufe: Die Frau/Der Mann als Unabhängige

    • Die Frau macht sich emotional und finanziell von ihrem Mann unabhängig und trennt sich auch häufig von ihm. Auslöser sind häufig der Auszug der Kinder oder eine Affäre, aber auch die Entdeckung des unbewussten männlichen Teils in ihr.
    • Der Mann stürzt ihn in eine Krise, die ihn zur Auseinandersetzung mit seinem eigenen Inneren und seiner Gefühlswelt zwingt. Er gewinnt eine differenzierte Sicht auf das andere Geschlecht.
  5. Stufe: Die Frau/Der Mann als gegensätzlicher, aber gleichwertiger Partner

    • Beide erkennen den Sinn, den eine Beziehung für ihr persönliches Wachstum, ihre Spiritualität und emotionale Heilung hat und hören auf, gegeneinander zu konkurrieren. In dieser Phase geht es um Ko-Kreation und darum, gemeinsam anderen zu dienen.

Jesus als Beispiel für die fünfte Stufe?

Einige sehen Jesus lieber als eine androgyne Gestalt denn als einen Mann. Tatsächlich hat Jesus viele der als typisch weiblich geltenden Qualitäten gelebt: Mitgefühl, Hingabe, Passivität, Verletzlichkeit – die männlichen deshalb aber nicht weniger: Das Geistige, Kämpferische, Zielstrebende, Starke. Außerdem begegnete er Frauen wie Männern immer auf Augenhöhe. Alles Indizien dafür, dass bei ihm Anima und Animus gut integriert waren.

Nebenbei finde ich es lustig, dass Menschen aus der Generation meiner Großmutter es schrecklich unschicklich für einen Mann hielten, wenn er sich lange Haare wachsen ließ (was sich mein Bruder da alles anhören musste!), bei Jesus selbst hat es aber niemanden gestört 😉

Im Thomas-Evangelium finden wir Worte von Jesus, die möglicherweise auf den Prozess hinweisen: Im Logion 114 meint er, er werde Frauen anleiten, um sie „männlich zu machen, damit sie zu einem lebendigen Geist wird, der euch Männern gleicht.“ Ich vermute, dass es ihm dabei darum ging, Frauen überhaupt erst für den geistigen Bereich zu öffnen, der ihnen in der damaligen Gesellschaft nahezu gänzlich verschlossen war. Über den Nachholbedarf der Männer finden wir weniger, allerdings spricht er in Logion 22 von der Notwendigkeit, „das Weibliche und Männliche zu einem einzigen“ zu machen.

Meine Erfahrung ist, dass wir tatsächlich ein unbewusstes Bild von DEM/DER Frau in uns tragen: Ein Ergebnis aus all den Erfahrungen, die wir und unsere Vorfahren mit dem jeweils anderen Geschlecht gemacht haben. Seitdem ich vollbewusst mit diesem Mann in mir in Kommunikation gegangen bin, gingen mir viele Lichter auf.

Für jede und jeden, der das Thema gerne noch vertiefen möchte, empfehle ich dieses Video des jungen YouTubers und Psychologen Chris Durden sowie zwei unten angegebene Bücher, die mir als Quelle gedient haben.

Wie geht es euch damit? Könnt ihr euch in einer bestimmten Phase wieder erkennen? Kennt ihr euren persönlichen Animus, eure persönliche Anima?

Leseempfehlung:

Veit und Andrea Lindau: Königin und Samurai. Wenn Frau und Mann erwachen, Kailash-Verlag 2018.

Martin Ucik: Sex, Bestimmung, Liebe. Ein integraler Ratgeber, Phänomen-Verlag 2019.

2 Kommentare

  1. Wenn wir Gottes Wort ernst nehmen, dann finden wir im hebräischen Text von Gen. 1 die Antwort. Da steht in 1.Mos 1,27 dass Gott den Menschen nach SEINEM Bild, nämlich männlich (zâkâr) und weiblich (ne qêbâh) erschuf (nicht als Mann und Frau). Also ist auch Gott männlich und weiblich in einem (daher oft der Begriff „Gott“ ohne Artikel).

    Der Begriff „Mann“ (‚ı̂ysh) und „Frau“ (‚ishshâh) kommt erst im 2. Kapitel um den Vers 23, als Gott aus der Seite des bis dahin noch männlichen und weiblichen Adams die „Frau“ entnahm und die beiden dann wieder ein Fleisch wurden …

    Liken

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