Die drei Merkmale des integralen Bewusstseins

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Liebe Eva, vor einiger Zeit haben wir unseren Dialog über Jean Gebser und das Christentum begonnen. Hier könnt ihr ihn nachlesen: Jean Gebser prophezeite das Kommen des integralen Bewusstseins.

Wir waren dabei stehengeblieben, dass die defiziente Phase der mentalen Struktur eingeläutet ist. Eine Bewußtseinsstruktur geht zu Ende und eine neue kündigt sich an. Gebser nennt es diaphan und integral. Was hat dazu den Auslöser gegeben?

Eva:

Um die Zeit, etwa ab dem 15. Jahrhundert brechen für den abendländischen Menschen vier bis dahin geltende Gewissheiten, die ihn in Frieden in der mentalen Struktur haben leben lassen, zusammen.

  1. Als erstes hat der Mensch jetzt seinen geozentrischen Mittelpunkt verloren. Heliozentrismus auf dem Weg zum heutigen Multilateralismus. Der Mensch lebt nicht mehr auf der Erde unter dem Himmelszelt. Entwurzelt schwebt er im All.
  2. Von Gauß entdeckt und von Riemann zuerst formuliert, betritt die Nicht-Euklidische-Geometrie die Weltbühne, womit die Menschheit den ersten Schritt in die 4. Dimension wagt.
  3. Dann entdeckten Forscher in realiter die Atome, die kleinsten Bausteine der Welt, so von Demokrit postuliert. Leider aber sind diese kleinsten Teilchen weiter spaltbar, ja lösen sich sogar in abstrakte Geometrien ganz auf. Wo bleibt der Mensch? Die Sicherheit der materiellen Existenz, die Sicherheit der atomaren Welt wird in Frage gestellt.
  4. Und dann zeigt die Physik, dass Gegensätze eigentlich komplementär sind, dass es gar keine Gegensätze gibt sondern nur unterschiedliche Perspektiven. Einstein formuliert seine Relativitätstheorie. Geschwindigkeiten, der Raum und die Zeit werden relativ, wir leben jetzt in einer vierdimensionalen Raumzeit, die keiner so richtig versteht.

All diese Dinge wurden in den letzten Jahrhunderten erforscht. Der Einzelne versteht fast nichts davon, haftet noch im mentalen Denken, meint, dass nur noch Rationalität heute ihre Gültigkeit hat. Es gilt nur, was meß- und zählbar ist, sonst ist es nicht wissenschaftlich.

Sandra:

Lass uns genauer die drei Stichworte bei Gebser, „Ichfreiheit, Raumfreiheit, Zeitfreiheit“, anschauen. Was meint er mit Zeitfreiheit?

Eva:

Ein paar Beispiele aus unser aller Leben, der auf den großen Zusammenhang hindeuten, wären:

  • Mutter-Neugeborenen/Kind-Verbindung, (raum– und zeitfrei)
  • Telepathien zwischen Menschen, die in irgendeiner Beziehung stehen, (raum- und zeitfrei)
  • Träume von Archetypen (ichfrei, zeitfrei, kollektive Unbewusste nach C G Jung)
  • Mathematik und Musik (ichfrei, teils auch abstrakt raumfrei, zeitfrei)
  • Scheinbar unabhängig voneinander, aber zeitgleich auftretende Erfindungen (wie zum Beispiel die Infinitesimalrechnung bei Leibnitz und Newton) usw. (kollektive Unbewusste nach C G Jung, morphogenetische Felder nach Sheldrake)

Sandra:

Ich möchte noch ergänzen: vorausgeträumte Ereignisse.

Eva:

Ja, auch das, sie sind zeitfrei.

Eva:

Seit 1289, nachdem die erste Kirchturmuhr der Welt in London installiert war, beschäftigt sich der westliche Mensch mit Ablauf der Zeit. Was ist Zeit, kann man sie definieren, was soll man sich darunter vorstellen. Unsere Vorstellung von Zeit änderte sich im Lauf der Epochen. Bis ins Mittelalter war die Zeitvorstellung kreisförmig, der Jahreskreis. Mit Beginn der Neuzeit hangelt sich die Zeit entlang des Zeitpfeils. Die Dauer wird jetzt in Momente zerlegt, gemessen in physikalisch definierten Abläufen. Einsteins Idee von der Raumzeit veränderte die Vorstellung noch einmal. Jetzt ist sie relativ zum Beobachter. Es gibt keine absolute Zeit. Gleichzeitig nimmt die Zeit auch eine Dimension an. Zeit ist ohne Raum auch nicht mehr denkbar. Vor dem Urknall gab es weder Raum noch Zeit. In diese Richtung vermute ich die Raum- und Zeitfreiheit.

Sandra:

Wenn es keine absolute Zeit gibt, wie du sagst, gibt es auch keine absolute Abfolge von Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft gibt, sondern immer auch ein gleichzeitiges Sein. Für unser Gehirn, das nur dreidimensional denkt, ist diese 4. Dimension der Zeit aber nicht fassbar. Schön fand ich die Formulierung von John A. Wheeler, die Zeit sei eine Erfindung, um zu verhindern, dass alles auf einmal geschieht.

Jean Gebser Epochenübersicht

Eva:

Das Wesen der Zeit zu verstehen nimmt in meinen Gedanken viel Zeit ein. Wie soll der integrale Mensch zeitfrei sein? Es beginnt damit zu verstehen, dass ohne Zeit nichts in der Realität bestehen kann. Ein Ton, Musik, Rhythmus, ja selbst ein Gedanke ist nur im zeitlichen Ablauf möglich. Nichts ist nur im Hier und Jetzt. Jedes Gespräch ist nur in der Zeitabfolge möglich. Jedes Bild zu betrachten ermöglicht nur die Zeit. Jede Erinnerung beinhaltet eine Zeitenfolge, die durchaus auch entgegen des Zeitpfeils verlaufen kann. Es geht nicht mehr um das Zählen der Stunden, sondern um die Intensität des Augenblicks, den ich in meiner gedanklichen Struktur in einen Zeitablauf einfüge, so wie A. Wheeler es beschrieb.

Ich erinnere mich an mein erstes großes Liebesgefühl. Die Zeit schien stehenzubleiben. Und doch schwebte dieses Gefühl in der Zeit. Heute noch, nach vielen Jahren kann ich dieses unendliche Glück immer wieder abrufen. Es ist somit zeitfrei, es ist heute in mir, es war gestern in mir und es wird immer in mir sein. Es ist die reale Qualität eines zeitfreien Erlebnisses. Ist das der Vorgeschmack von Zeitfreiheit?

Sandra:

Ja, ein schönes Beispiel, das sicherlich viele von uns ähnlich kennen. Kommen wir zum zweiten Punkt, der „Ichfreiheit“. Gebser schreibt, es gehe dabei um die Überwindung der Ichhaftigkeit, im Extremfall der Egozentrik. Das persönliche Ich tritt immer mehr in den Hintergrund. Höchst unangenehme, schmerzhafte Arbeit an uns selbst sei die Voraussetzung dafür. Ich sei dann wirklich frei von meinem Ich, wenn ich keine Angst mehr vor dem Tod oder der Zukunft hätte.

Eva:

Genau. Erst so kann ich jetzt von meinem ICH absehen, ohne es zu verlieren, stehe gleichzeitig außerhalb. Deshalb berührt mich der persönliche Tod oder die persönliche Zukunft nicht mehr angstbesetzt.

Sandra:

Dabei hilft mir wiederum die Vorstellung der Zeitfreiheit. Alles geschieht zeitgleich, alles ist bereits irgendwo da – und auch ich bin im Kern zeitlos. Mich hat da ein Satz von Gebser besonders berührt:

„Alles, was uns geschieht, sei es als Einzelnen oder als Menschheit, ist nichts anderes als eine Begegnung mit uns selber, mit Ereignissen, die uns entsprechen.“

257, Vorlesungen und Reden zu „Ursprung und Gegenwart“, Gesamtausgabe Band V/I, Novalis Verlag AG Schaffhausen, 2. Auflage 1999.

Eva:

Soweit bin ich selbst wohl noch nicht, kann es so nur annehmen! Ich verstehe es so, dass wir die Ichfreiheit nicht erreichen, wenn wir weiter als Ich im Moment leben. Im Integralen entsteht in mir eine Distanzierung von meinem subjektiven Ich hin zu einer Objektivierung. Dies kann man auch bei Ken Wilber nachlesen. Damit ordne ich mein subjektives Ich in die Reihe anderer subjektiver Ichs. Aus dem neuen Überblick heraus kann ich beliebig Perspektiven ändern, besser gesagt die ganze Wahrheit dahinter schauen.

Sandra:

Etwas, was ja bei meditativer Praxis bewusst geschult wird… Und wie meinst du, dürfen wir uns schließlich die sog. „Raumfreiheit“ vorstellen?

Eva:

Seit dem Sündenfall – Adam und Eva aßen vom Baum der Erkenntnis, Erkenntnis von Gut und Böse – lebt, denkt und handelt die Menschheit in Gegensätzen. Es sind nicht mehr die magisch-mythischen Polaritäten von Tag – Dämmerung – Nacht, schwarz – grau – weiß, Gott – Halbgott –  Mensch. Es sind die klaren Gegensätze, die die Welt zu dem gemacht haben, zu dem, was wir heute sind und wo wir heute stehen. Wir stehen in einem Raum, du dort, ich hier. Veranschaulichtes (Schauen ist räumlich) Denken ohne Gegensätze ist für uns nicht möglich. Descartes teilte die Welt in Geistes- und Naturwissenschaft. Schon die griechische Philosophie teilte die Welt in „falsch“ oder „richtig“. Tertium non datur, d.h. eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.

Unter den ersten Wissenschaften war es wieder die Physik, die zu neuen, vierdimendionalen Erkenntnissen kam. Es gibt auch ein „sowohl als auch“. Jetzt ist die Zeit reif zur Komplementarität. Sowohl als auch, zwei Seiten einer Medaille, Seele (psyche) und Körper (somatik), Teilchen und Welle, Materie und Energie (Atombombe). Die Struktur (in der Zeit verhaftet) anstelle des Systems (statisch, räumlich) oder der Substanz (statisch, räumlich) rückt in den Vordergrund. Materie im Mikrokosmos löst sich auf in abstrakte Symmetrien, Strukturen, die mit dem Verstand nicht mehr fassbar sind.

Sandra:

Hast du uns ein paar Beispiele dazu?

Eva:

Bei einer Wasserfontäne ist das Wasser die Substanz, die Form der Fontäne die wandelbare Struktur. Oder ein Beispiel von unserem Philosophielehrer: bei der Transsubstantiation (der Wandlung der Elemente beim Abendmahl, Anm.) bleibt die Substanz bestehen, die entstehende geistige Struktur wird für Rationalisten nicht mehr sichtbar hinzugefügt. Ein Beispiel mag auch der Attraktor und speziell der seltsame Attraktor in der Chaostheorie sein. In diese Struktur des Attraktors hinein bewegt sich alles Existente entlang des Zeitpfeils.

Sandra:

Das erinnert mich an Steve McIntosh, der vorschlägt, das „Schöne, Wahre und Gute“ oder auch das Göttliche als einen solchen Attraktor zu verstehen…

Eva:

Weitere Beispiele für die Raumfreiheit wären:

  • Die Morphogenetische Felder von Sheldrake
  • der Bauplan des Lebens in einer Eizelle
  • das Wesen der Elektrizität
  • die Archetypen von C.-G.Jung.

Sandra:

Das ist wirklich alles höchst spannend. Das nächste Mal, in unserer dritten und vorerst letzten Folge dieses Dialogs über Jean Gebser, wollen wir uns Jesu Worte mal gezielt auf diese drei Elemente hin genauer anschauen.

Eva:

Darauf freue ich mich, hoffe ich doch von Dir über Jesus einen tieferen Blick in die ganze Welt zu bekommen.

 

Bild von Michael Gaida auf Pixabay

2 Kommentare

  1. zum Thema Ichfreiheit, so wie ich sie verstehe: Wenn ich nichts bin, bin ich Alles … In Wirklichkeit hat es ein getrenntes Ich aber nie gegeben, es gibt nur All-Eins-Sein, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht …

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    1. Ja, Regina, Mystiker würden es wohl so ausdrücken 🙂 Eine stabile Erfahrung davon, d.h. über einzelne Gipfelerlebnisse hinausgehend, erscheint mir allerdings eher das Ende der Skala einer zunehmenden Ichfreiheit, oder?

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