Erkenntnisse aus dem Einheitsbewusstsein

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Vor einiger Zeit hatte ich euch über Gipfelerfahrungen, sog. „Peak States“ geschrieben. Solche meist eher seltenen Erfahrungen kommen und gehen. Wohl die wenigsten Menschen fühlen sich derzeit dauerhaft und immer „eins mit allem“.

Sinnvoller erscheint mir deshalb der pragmatische Ansatz des Mönchs David Steindl-Rast:

Gipfelerlebnisse gehen vorüber und verblassen in der Erinnerung; das lässt sich nicht aufhalten. Wir haben dann aber die Wahl: Wir können das Erfahrene vergessen, oder wir können danach handeln, und das heißt, gläubig leben.

Steindl-Rast, Credo, S. 29

Steindl-Rast sieht in Gipfelerlebnissen das, was allen Religionen zugrunde liegt. Aus ihnen erwüchsen Ritual und Moral. Ein erstes Ritual wäre z.B. regelmäßig die Parkbank aufzusuchen, wo ich ein solches Gipfelerlebnis hatte, mich daran zurückzuerinnern und vielleicht eine Kerze anzuzünden oder mich zu verneigen. Moralität wäre, Konsequenzen aus dem zu ziehen, was mir in diesen Momenten aufgegangen ist. (Siehe dazu auch Video unten)

In einem Live-Video zu Pfingstsonntag erzählte der integrale Coach und Speaker Veit Lindau von der Idee, Ausnahmen zur Norm zu machen. Warum sollten wir akzeptieren, dass besondere Zustände, wie zum Beispiel die Ekstase bei Verliebtsein, einfach wieder vorbei gehen? Warum sollten wir uns nicht fragen, was wir da genau erlebt haben und von wir uns wünschen, dass es immer da wäre und wie wir das leben könnten?

Auch die Pfingserfahrung der Jünger war eine Ausnahme, ein besonderer Bewusstseinszustand. Und auch der ging wieder vorbei. Dennoch haben die Jünger daraus so wichtige Dinge mitgenommen, dass sie ihr Erlebnis weiter erzählten und es schließlich verschriftlicht wurde.

Und ja, weil solche Erfahrungen eigentlich nicht angemessen verschriftlicht werden können, weil es sich um etwas transrationales handelt, etwas, dass unseren Verstand und damit unsere Sprache übersteigt, klingt wohl auch die Pfingstgeschichte in den Ohren der meisten Zuhörer seltsam. So seltsam, dass ich oft in unseren Kirchen das Gefühl habe, dass dieser Text nicht nur kichernde, pubertierende Konfirmanden, sondern auch die Pfarrer in Verlegenheit bringt, zumindest jene, denen es nicht gelingt, diesen mit ihren eigenen Gipfelerlebnissen in Verbindung zu bringen.

Ich habe deshalb lange überlegt und gezögert, ob ich über mein Erlebnis letzten Jahres schreiben soll. Manche meinen ja, man solle nur erzählen, wenn man gefragt werde (also, wenn man bereits die Ausstrahlung des Heiligen hat :-)). Oder dass ein solches Erzählen automatisch zu einem Vergleichen und Wettstreiten führen müsste,  nach dem Motto „besser, tiefer, höher“.

Ich glaube nicht, dass dem so ist. Im Gegenteil glaube ich, dass unsere Welt viel freundlicher, glücklicher und authentischer wäre, wenn wir endlich diese heiligen Geschichten miteinander teilen würden, in denen sich das Göttliche uns persönlich auf die eine oder andere Weise offenbart hat – denn dazu sind wir ja Individuen, dass jeder von uns seine ganz einzigartigen Erfahrungen machen darf.

„Ich nahm wahr, wie alles voller Energie war, der Himmel, die Bäume, Sträucher, die Luft. Die Bäume sendeten Zuneigung aus und schienen mir ihre Arme auszustrecken. Früher fand ich es befremdlich und lustig, dass irgendwelche Menschen Bäume umarmten. Doch in diesem Moment übermannte mich der Wunsch, genau das zu tun: Alle Bäume, rechts und links des Weges, nacheinander zu umarmen. Ich umarmte also den ersten Bäume und empfand dabei eine ungeheure Intimität zwischen uns.

Die ganze Welt und ich waren eins. Die Menschen, die mir entgegen kamen und ich waren alle Teil eines zusammenhängenden Ganzen. Die ganze Welt war ein Film, in dem jeder Schauspieler seine Rolle zugewiesen bekam, der eine die des „Helden“, der andere die des „Bösewichts“ und zusammen erst webten sie die ungeheure Tiefe und Schönheit der Welt. Jeder war wichtig.

Als mich ein junger Fremder ansprach, antwortete ich ihm, als sei er mein kleiner Bruder. Ich war in einem Rausch des Glücks und im Frieden mit allem. Alle Menschen schienen mir so eng vertraut wie Verwandte, wie Oma, Opa, Onkel und Tanten. Und, was mich am meisten überraschte, es störte mich nichts mehr an ihnen. Sie waren perfekt, so wie sie waren. Doch nach einiger Zeit bemerkte ich, dass mir dieser Zustand unheimlich war. Zu ungewohnt. Etwas in mir begann sich danach zu sehen, andere Menschen wieder komisch zu finden oder irgendetwas an ihnen zu entdecken, was den üblichen inneren Widerstand oder Abneigung in mir auslöste. Als ich am nächsten Tag auf die Straße ging und den ersten Fremden begegnete, spürte ich eine große Erleichterung, als ich merkte, dass ich sie wieder wahrnahm wie zuvor.“

Obwohl ich die universelle Liebe, die ich in diesen Stunden fühlen konnte, nicht dauerhaft festhalten konnte, bin ich mir dadurch doch sicher geworden, dass sie möglich ist und das Gebot der Nächstenliebe keine Pflichtübung, sondern reine Selbstverständlichkeit werden könnte, die aus einem tieferen Sehen entspringt.

So schreibt es auch Mellen-Thomas Benedict in seinem ausführlichen Bericht seiner Nahtod-Erfahrung:

So zeigte mir das Licht also die Matrix des Hohen Selbstes. Und es wurde mir sehr klar, dass alle Hohen Selbste e i n Wesen sind, alle menschlichen Wesen sind miteinander verbunden, so dass sie e i n Wesen bilden, wir sind in der Tat e i n Wesen, verschiedene Aspekte des einen Wesens. […] Wir haben ein Gitternetz um den Planeten herum, in dem alle Hohen Selbste verbunden sind. Dies ist wie eine große Gesellschaft, eine subtile Energieebene um uns herum, die Geistebene könnte man sagen. Nach ein paar Minuten bat ich um weitere Erklärungen. […] Da verwandelte sich das Licht in das Schönste, was ich je gesehen hatte: ein Mandala menschlicher Seelen auf dem Planeten. […] Ich erkannte in diesem grandiosen Mandala, wie schön wir alle in unserem Wesen, unserem Kern sind. […] Auf allen Ebenen, hohen oder niedrigen, in welcher Form auch immer, sind wir die schönsten Geschöpfe. Ich war erstaunt, dass es in keiner Seele Böses gab. Ich fragte: „Wie kann das sein?“ Die Antwort war, dass keine Seele an sich böse sei. Die schrecklichen Erfahrungen, die Menschen machten, konnten sie dazu bringen, Böses zu tun, aber ihre Seelen waren nicht böse.

Ist das nicht eine wundervolle Botschaft? Ich möchte uns alle ermutigen, offen über unsere Gipfelerlebnisse und religiösen Visionen zu sprechen. Nur so kann es doch überhaupt gelingen, diese Ausnahmen zur Regel zu machen und diese Erkenntnisse in unseren Alltag zu integrieren.

David Steindl-Rast (auf Englisch) über Abraham Maslow, den Ursprung der Religion in Gipfel- oder mystischen Erfahrungen und integrale Spiritualität (ab Min 5:06)

Bild: TheDigitalArtist, Pixabay

3 Kommentare

  1. Danke für’s Teilen, liebe Sandra. Vor ziemlich langer Zeit hatte ich ganz ähnliche Erfahrungen, wie Du sie hier so treffend beschreibst. Anstatt der Bäume hätte ich am liebsten die Kühe auf der Weide umarmt, aber sie waren eingezäunt 😉

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  2. Obwohl solche Gipfelerfahrungen natürlich vorrübergehen, haben sie einen wichtigen Stellenwert, weil alles eine Spur in unserer Psyche hinterlässt. Eine solche starke Erfahrung hinterlässt in uns die insgeheime Gewissheit, dass höhere Zustände überhaupt möglich sind. Daher bedienen sich zB Meister dieses Mittels, und rufen etwas im Schüler hervor wenn er sich in einem Tief befindet, um ihn wieder aufzurichten.

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  3. Abraham H. Maslow, der ja eigentlich wegen seiner Bedürfnispyramide viel bekannter ist hat hierüber ein Buch geschrieben, das es auch auf deutsch gibt:
    „Jeder Mensch ist ein Mystiker“
    mit einer schönen Einführung von David Steindl-Rast

    Vielen Dank für den Blog, ich finde ihn interessant und anregend!

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