Karsamstag – ein Bifurkationspunkt

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Karsamstag ist für mich Symbol für eine Krise, das Ende von etwas Altem und der Beginn von etwas Neuem. Doch das Neue zeigt sich noch nicht: Seine Gestalt ist ungewiss. Nur eines ist sicher: Es ist im Kommen.

Angesichts den aktuellen Ereignissen haben heute wohl viele das Gefühl, ebenfalls in einer solchen krisenhaften Lage zu sein, deren Ausgang niemand vorhersehen kann. Ich sah in der Meditation dazu nur eine weiße Fläche, den leeren weiten Himmel, die vielen offenen Möglichkeiten.

Karsamstag ist der kritische Punkt, der über alles entscheidet. Was machen die Jünger bloß am Karsamstag? Denken sie über Selbstmord nach, wie es ihnen Judas vorgemacht hat? Denken sie darüber nach, in ihr altes Leben zurückzukehren und alles wieder so zu machen wie früher? Oder befinden sie sich in Schockstarre? Können die Frauen nicht mehr aufhören zu weinen? Oder sitzen sie gemeinsam im Gebet?

Jesus ist gestorben. Die Jünger fragen sich vielleicht: War das alles Quatsch, was der erzählt hat? Waren unsere ganzen Hoffnungen, unsere Euphorie, unsere „Aha“-Erlebnisse alles Täuschungen, wirre Ideen, auf die wir reingefallen sind, weil sie sich einfach zu toll angehört hatten, um wahr zu sein?

Krisenzeiten

Der Karsamstag steht für mich für die Krisenzeiten in unserem Leben. Ich meine nicht das umgangssprachliche „Ich krieg die Krise“, sondern echte Umbruchphasen in unserem Leben. Diese finden ungefähr alle sieben Jahre statt.

Eine Erklärung dazu, die auch Ken Wilber erwähnt, ist die Chakren-Lehre. Sie besagt, dass in jedem Lebensabschnitt immer eine Chakra ganz besonders im Vordergrund steht: Zwischen eins und sieben die Wurzel-Chakra, zwischen sieben und vierzehn und so weiter. Ab dem 50. Lebensjahr wiederholt sich der Zyklus wieder.

Denkt mal kurz an Umbruchphasen in eurem Leben. Wann fanden die statt – passt das bei euch hin? Bei mir selbst war ich erstaunt, wie gut das passte.

Die Phasen einer Krise

Ilya Prigogine entwickelte eine Theorie von energetisch offenen Systemen, für die er 1977 den Nobelpreis für Chemie erhielt.

Der Mensch zum Beispiel ist so ein „offenes System“. Wir Menschen nehmen Energie unseres Umfeldes in Form von Luft, Wasser, Nahrung, Informationen etc. auf und geben Energie in Form von Kohlendioxid, Körperflüssigkeiten und Ausscheidungen, Gedanken, Handlungen etc. wieder an unser Umfeld ab. Als ein solches „offenes System“ sind wir nichts festes, sondern fließendes.

Weil wir uns in ständiger Entwicklung befinden, geraten wir ab und zu in tiefe Krisen. Diese verlaufen zyklisch. Entwicklungsforscher haben zur Beschreibung dieser Zyklen verschiedene Phasenmodelle erfunden.

Der Psychologieprofessor Clare W. Graves, auf den Spiral Dynamics zurückgeht, ging davon aus, dass sich bei der Transformation von einer Entwicklungsebene auf die nächste Phasen der relativen Stabilität mit Phasen der Destabilisierung/Verunsicherung abwechseln. Er formulierte fünf typische Phasen der Transformation, die von Cowan und Beck aufgegriffen wurden:

  • Phase: Alpha. Es herrscht der Eindruck von Gleichgewicht und Stabilität.
  • Phase: Beta. Probleme und damit einhergehender Zweifel treten auf. Häufig wird der Versuch unternommen, das Alpha-System zu stärken oder anzupassen, was die Lage nur verschlimmert.
  • Phase: Gamma-Falle. Das Problem wird nicht mehr geleugnet, sondern anerkannt. Weil noch keine Lösung in Sicht ist, entsteht Wut und Hoffnungslosigkeit.
  • Phase: Delta-Aufschwung. Die Überwindung von Hindernissen setzt Energie frei.
  • Phase: Alpha. Es entsteht erneut ein Zustand von Gleichgewicht und Stabilität.

An dem sog. Bifurkationspunkt entscheidet sich, ob ein System auseinanderbricht, sich zurück entwickelt (z.B. Erwachsener zum Kleinkind) oder sich auf einer höheren Ebene neu organisiert. Mit jeder neuen Ebene nimmt ein System an Komplexität, Tiefe und Flexibilität zu. Das gilt sowohl individuell als auch kollektiv.

Dieser Prozess, den wir auch mit einer Wiedergeburt vergleichen können, wiederholt sich immer wieder, mal in kleinerem, mal größerem Umfang. Jede Krise ist dabei ein Phasenübergang von einer alten zu einer neuen Phase.

Wir könnten diese Phase im Anschluss an die christliche Tradition, allen voran Johannes vom Kreuz, auch „dunkle Nächte“ nennen.

Das Kirchenjahr als Modell

Der integrale Theologe Tom Trester u.a. deuten das liturgische Jahr als eine idealtypische Reise durch die Wellen/Ebenen der Entwicklung:

  • Alpha. Maria Empfängnis: Eine neue Erkenntnis wächst heran.
  • Beta: An Weihnachten gehen einem die Augen auf und man denkt: „Jetzt habe ich es!“ Ein neues Verstehen setzt ein.
  • Gamma: Es wird Zeit, sich dem Schatten dieses neuen Verstehens zu stellen und bis in die Tiefe zu erleben, was es in der Erfahrung bedeutet. Karfreitag, die dunkle Nacht, die Krise, setzt ein. Es kommt zu einem Punkt, an dem nur noch Ohnmacht und Hingabe übrig bleiben.
  • Delta-Aufschwung. An Ostern wird Jesus wieder auferweckt: Von dieser Ebene bekommt alles eine neue Qualität.
  • Alpha. Pfingsten steht für den Integrationsprozess und die Verbreitung der neuen Ebene/Erkenntnis.

Wie lange so eine Krise – Gamma-Phase – andauert, scheint allerdings extrem unterschiedlich. Im Gespräch stellte ich fest, dass ich offenbar nicht die einzige bin, die häufiger das Gefühl hatte: Noch schlimmer kann es nicht kommen! und dann kommt es sogar noch ein Stück und noch ein Stück und…

Erst im Nachhinein erkennen wir, wann dieser Bifurkationspunkt stattgefunden hat und vielleicht auch, worin er bestand. Aber den Ausgang bestimmt jeder mit, der daran beteiligt ist.

Ein wenig Optimismus kann da sicherlich nicht schaden.  Mehr dazu hier:

https://akademieintegra.wordpress.com/2013/07/02/lob-des-optimismus-geschichte-einer-lebenskunst/

Aus aktuellem Anlass weise ich darauf hin, dass der Mystiker, Zen-Meister und integraler Denker Willigis Jäger am 20. März verstorben ist. Hier könnt ihr ihm Online gedenken: https://www.gedenkseiten.de/willigis-jaeger/kerzen/anzuenden/

Quellen:

https://sein-und-wirken.ch/spiraldynamics#title_e2_11_

Beck, Dr. Don Edward/Cowan, Christopher C. (2017, 8. Auflage) Spiral Dynamics – Leadership, Werte und Wandel: Eine Landkarte für Business und Gesellschaft im 21. Jahrhundert, Bielefeld: J. Kamphausen.

Tresher, Tom: Reverent irreverence. Integral Church for the 21st Century. From Cradle to Christ Consciousness, Integral Publishers: Pacific Grove 2009.

Veit Lindau, Werde Verrückt, Praxisbuch. https://veitlindau.com/werde-verrueckt-praxisbuch/

Foto: Woman walking at the cliff, Flora Westbrook von Pexels

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