Wie alles begann: Dr. Clare W. Graves Forschungsarbeit

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Die Theorie, die alles erklärt.
Journalist Nicholas Steed 1967
Die Autoren von „Gott 9.0“ beziehen sich in ihrem Buch auf das Modell „Spiral Dynamics“, das wiederum an die langjährigen Forschungsarbeit des Psychologen Dr. Clare W. Graves anknüpft.
Meiner Ansicht nach ist es daher sinnvoll, sich näher mit dieser zu befassen, wenn man die nachfolgenden Modelle richtig verstehen und einordnen können möchte.
Dr. Clare W. Graves wurde 1914 in New Richmond, Indiana, geboren und war von 1956 bis 1978 Psychologieprofessor am New Yorker Union College. Neben seiner Lehrtätigkeit war er als Berater für klinische Einrichtungen als auch für Industrie und Wirtschaft tätig.
Er arbeitete an einem Buch, in dem er seine Theorie und Forschungsergebnisse darlegen wollte, schaffte jedoch nicht, es bis zu seinem Tod 1986 zu vollenden. Das unveröffentlicht gebliebene Fragment wurde später von Christopher C. Cowan und Natasha Todorovic unter dem Titel „The Never Ending Quest“ herausgegeben.
Auslöser für seine Forschungsarbeit war, dass er seinen Studenten nicht sagen konnte, welche der verschiedenen Strömungen innerhalb der Psychologie Recht hatte:
  • Psychoanalytische im Anschluss an Sigmund Freud u.a.?
  • Behavioristische im Anschluss an B. F. Spinner und Ivan Pavlow u. a.?
  • Humanistische im Anschluss an A. Maslow u.a.?

Wie kam es dazu, dass es so unterschiedliche Konzepte und Vorstellungen darüber gab, was eine reife oder psychisch gesunde Persönlichkeit ausmachte?

Oder hatten sie am Ende alle Recht, aber jeder auf seine Weise? Mit dieser Frage ähnelt Graves Ken Wilbers Bemühen, ein Modell zu schaffen, innerhalb dessen jede Perspektive ihre eigene Berechtigung erhält.

Über neun Jahre hinweg führte er Studien zusammen mit und an seinen Studenten durch, um dieser Frage nachzugehen. Er ließ sie Aufsätze schreiben, ihre Standpunkte diskutieren, ggf. revidieren und die erhobenen Daten kategorisieren.

Um diese Daten zu verstehen, die in kein bisher vorhandenes Modell passten, verband er die Disziplinen Psychologie, Biologie, Soziologie und Systemtheorie miteinander und schuf seine eigene Theorie:

Er nannte diese Ebenentheorie der Persönlichkeitsentwicklung „Aufstrebendes, zyklisches Doppelhelix-Model der biopsychosozialen Systeme des erwachsenen Menschen“.

Er stellte fest, dass die Vorstellungen darüber, was einen reifen oder psychisch gesunden Menschen ausmache, sich nach einem ganz bestimmten Muster weiterentwickelten. Menschliche Entwicklung verstand er als Folge einer Wechselwirkung zwischen den Umweltbedingungen und den biologisch-psychischen Bewältigungsmechanismen.

Durch seine Studien gelangte er zu der Unterscheidung von insgesamt acht (oder neun) Ebenen. Die Weiterentwicklung von einer zu der anderen erfolgte nicht linear, sondern pendelte jeweils zwischen einer starken Ich- oder Innen- und einer starken Wir-oder Außen-Orientierung.

Also entweder: Ich passe mich der Umwelt an oder ich passe die Umwelt mir an – „Ich mach‘ mir die Welt Widdewidde wie sie mir gefällt“ (Pippi Langstrumpf)

Dadurch ergibt sich die Form einer sich aufwärts drehenden Spirale (und daher auch später der griffige Name „Spiral Dynamics“).

Übrigens: Für Graves bot das auch eine Erklärung dafür, warum wir Menschen zwei Gehirnhälften haben. Bei der Ich- oder Innen- Orientierung dominiert die linke, bei der Wir-oder Außen-Orientierung die rechte.

Mit jeder neuen Ebene erhöht sich die Komplexität und damit auch die Freiheit, unterschiedliche Wahlen zu treffen. Es ändern sich die Werte, der Umgang mit Problemen, die Art des Lernens.

Spirale

„In jeder Stufe der menschlichen Existenz ist der erwachsene Mensch auf der Suche nach dem heiligen Gral, der Art, wie er zu leben, wünscht. Auf der ersten Stufe sucht er nach automatischer körperlicher Befriedigung (1). Auf der zweiten Stufe sucht er eine sichere Art zu leben (2), und dies ist gefolgt, als nächstes, von der Suche nach Heldentum, Macht und Ruhm (3), einer Suche nach höchstem Frieden (4), einer Suche nach materieller Zufriedenheit (5), einer Suche nach liebevollen Beziehungen (6), einer Suche nach Selbstachtung (7) und einer Suche nach Frieden in einer unverständlichen Welt (8). Und wenn er merkt, dass er diesen Frieden nicht findet, wird er sich auf die Suche der neunten Stufe machen.”

Dr. Clare W. Graves, Übersetzung zitiert von http://www.graves-systeme.de

Zwischen der sechsten und der siebten Ebene entdeckte er einen qualitativen Sprung

Während es in den ersten sechs Ebenen (auch „Erster Rang“ oder „Erste Ordnung“ genannt, bei Wilber „First Tier“) um das Überleben des Organismus geht, gerät ab der siebten Ebenen (der „integralen“) das Überleben der Menschheit insgesamt ins Blickfeld, auch Zweite Ordnung/Second Tier. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie auf die Entwicklung über die vergangenen Stufe zurückschauen kann und lernt, die Berechtigung und den bleibenden Wert jeder einzelnen Ebene wertzuschätzen.

Die Entwicklung zu weiteren Stufe sah Graves prinzipiell nach oben hin offen.

In weiteren Artikeln werde ich euch die einzelnen Ebenen, wie sie von Graves, Spiral Dynamics und schließlich integralen christlichen Denkern beschrieben wurden, genauer vorstellen.

Quellen:

http://www.clarewgraves.com

https://www.sein-und-wirken.ch/spiraldynamics

Graves, Dr. Clare W. (2005): The Never Ending Quest. A treatise on an emergent cyclical conception of adult behavioral systems and their development. Hg. von Christopher C. Cowan and Natasha Todorovic, 2. Auflage, Santa Barbara, California: ECLECT Publishing.

Krumm, Rainer/Parstorfer, Benedikt, Clare W. Graves (2014): Sein Leben, sein Werk. Die Theorie menschlicher Entwicklung, Werdewelt Verlags- und Medienhaus: Mittenaar-Bicken.

Vom Autor des Buches stammt auch diese kurze mündliche Einführung, allerdings auf die Unternehmenswelt/Wirtschaft bezogen:

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