Die Stufen unseres Bewusstseins

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Für manche wird das, worüber ich jetzt schreibe, ein alter Hut sein, dann lest einfach darüber hinweg. Es wird im Folgenden darum gehen, noch einmal ganz grundsätzlich das Thema „Stufen“ oder „Ebenen“ anzuschauen – woher stammt dieses Konzept, worin besteht seine Berechtigung, was genau ist damit gemeint und so fort.

Angemalt

Wenn ihr dieses Bild anschaut, was fällt euch da auf? Richtig, es sieht so aus, als hätte jemand komische Kleckse darauf gemacht. In Wirklichkeit hat hier mein Sohn, als er ca. zweieinhalb Jahre alt war, versucht, das Bild anzumalen. Auf seine Weise. Zwei Jahre später sieht das vermutlich schon ganz anders aus 🙂

 

Dieses Beispiel zeigt, dass sich im Laufe der Zeit das Denkens an sich verändert – das Gehirn eines dreijährigen tickt anders als das eines achtzehnjährigen.

Viel Wissen darüber, wie genau und in welcher Abfolge sich das Denken verändert, haben wir der Entwicklungspsychologie zu verdanken. Sie ist ein verhältnismäßig junger Zweig in der Wissenschaft und doch können uns ihre Erkenntnisse nicht nur helfen, die Entwicklung unserer Kinder und Enkel besser zu verstehen und bessere Pädagogen zu werden, sondern uns allgemein besser in andere Menschen hineinzuversetzen, eigene Denkmuster zu erkennen und zu überprüfen.

Wir wissen heute, dass wir uns ein darüber hinaus ein Leben lang in verschiedenen Bereichen weiterentwickeln: wie zum Beispiel bestimmte Intelligenzen entwickeln (mathematische, sprachliche, etc.) oder Kompetenzen, die ein Mensch sich im Laufe der Zeit aneignet, wie Sportlichkeit, Musikalität, Einfühlungsvermögen und so weiter.

Die integrale Theorie spricht hier von „Linien“ der Entwicklung, weil diese parallel zueinander verlaufen: Nicht jeder, der gut in Mathe ist, ist auch automatisch gut in Rechtschreibung und außergewöhnlich begabte Musiker nicht unbedingt die umgänglichsten Menschen.

Es kann Angst machen, das eigene Denken – und damit auch den Glauben, und unsere Weltanschauung – dynamisch zu verstehen: Das heißt, als prinzipiell begrenzt, erschütterbar, ausweitungsfähig, zur Weiterentwicklung, Vertiefung und zum Wachstum bestimmt.

Genau das ist aber der Fall: Studien haben gezeigt, dass sich die Werte, die Weltanschauung und Religiosität oder Spiritualität eines Menschen im Laufe seines Lebens – aber auch der Menschheit insgesamt über die Jahrtausende hinweg – nachweislich nach einem ähnlichen Muster entwickeln. Ein Pionier dieser Entdeckung war der amerikanische Psychologieprofessor Dr. Clare Graves, über den ihr euch hier genauer informieren könnt.

Schon lange werden die Erkenntnisse von Entwicklungspsychologen wie Jean Piaget, Lawrence Kohlberg oder James Fowler von der Praktischen Theologie rezipiert, um sie  für den Religionsunterricht oder die Seelsorge fruchtbar zu machen. Die „Stufen des Glaubens“ – so heißt das Standardwerk von James Fowler dazu.

Der Blick auf die Entwicklung des Glaubens jenseits des Erwachsenenalters wird jedoch auffallend häufig vernachlässigt – was damit zu tun haben könnte, dass es vielen Lehrenden schwer fallen dürfte, ihr Denken, und auch ihren eigenen Glauben als lediglich vorläufig und vorübergehend zu verstehen und mit der Möglichkeit, eines noch tieferen Verständnisses und höheren Bewusstsein als des eigenen, zu rechnen.

Deshalb ist es wichtig, zu verstehen, dass auf diesem Weg nichts wesentliches und gutes verloren gehen muss, sondern all dies integriert und bewahrt werden kann. Bilder wie das einer russischen Matroschka, Stapelbechern (siehe oben) oder das von Baumringen können das veranschaulichen:

In der großen Matroschka lebt immer noch die kleine Matroschka weiter – in der Psychologie häufig das „innere Kind“ genannt. Das ist jedoch mehr als eine Schicht: Da ist auch noch der „innere Jugendliche“, die „innere junge Erwachsene“ und so weiter.

Wir sprechen deshalb von „integralem Christentum“, weil hier Menschen das erste Mal lernen, ihr Denken und ihren Glauben als einen offenen, unabgeschlossenen Prozess zu verstehen, aber auch die verschiedenen Schichten oder Phasen ihres Lebens wertzuschätzen. Ein integraler Christ erlebt sich selbst prinzipiell zum Wachstum und zur inneren Reifung angelegt. Er verliert daher nach und nach die Angst, seinen Glauben zu verraten oder von ihm abzufallen.

Denn bei dem Wachstum gilt:

  • Alle Stufen bauen aufeinander auf. Die erste Stufe ist der innerste Kern von allem.
  • Keine Stufe kann übersprungen werden.
  • Jede Stufe ist wichtig und leistet ihren spezifischen Beitrag. Nichts wesentliches, bedeutsames, hilfreiches, wahres etc. geht verloren, wenn wir reifen.
  • Jeder Mensch kann zu jeder Zeit auf jede der vorhergehende Stufen zurückgreifen.
  • Dadurch jedoch, dass er sich weiterentwickelt, bekommt er mehr Möglichkeiten, Erlebtes zu deuten oder damit umzugehen, was seine Freiheit erhöht, aber auch seine Toleranz. Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, ihnen mit Verständnis zu begegnen und weiterzuhelfen, nimmt zu.

Ein Bild, das heute die Mehrzahl der Entwicklungsforscher verwendet, ist das der Spirale. Am treffendsten erscheint dabei die Fibunacci Spirale – die aussieht wie ein Schneckenhaus oder ein Nautilus. An ihr lässt sich nicht nur das zeigen, was bereits an den Baumringen oder Matroschkas sichtbar wird, nämlich die Ineinanderverschachtelung der Ebenen, sondern darüber hinaus, dass sich das Wachstum nach oben hin beschleunigt, dass also die Phasen, in denen ein Mensch oder die Menschheit ingesamt auf einer Ebene verweilt, sich zunehmend verkürzen:

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Mehr über die konkreten Stufen oder Schichten, die unsere Werte und unser Glaube im Laufe des Lebens durchlaufen kann, erfahrt ihr, wenn ihr unten auf die jeweilige Farbe/Bezeichnung der Stufen klickt. (Links folgen, wenn die Artikel online sind)

Beige/Archaisch

Purpur/Magisch

Rot/Kriegerisch

Blau/Traditionell

Orange/Modern

Grün/Postmodern

Gelb/Integral

Türkis/Holistisch

Koralle

 

Fremde Bilderquellen:

Matroschka: CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69402

Baumringe von Darren Lewis, https://www.publicdomainpictures.net/de/view-image.php?image=20094&picture=baum-ringe-des-lebens
Bild von Nautilus von Eileen Catasus Chapman auf Pixabay

Ein Kommentar

  1. Liebe Sandra,

    vielen Dank für deine einprägsame Zusammenfassung der spirituellen Stufen-Entwicklung! Gleich kam mir die kreative Idee, die Matroschkas, die ich vor längerer Zeit unbemalt erworben habe, nun in den Farben der Entwicklungsstufen zu bemalen – das wird gut, denke ich 🙂
    Im Augenblick lese ich das inspirierende Buch „Integral Christianity – The Spirit’s Call to Evolve“ von Paul Smith. Leider ist es bisher nur auf Englisch erschienen und Marion Küstenmacher hat denselben Titel „Integrales Christentum“ für ihr Werk verwendet. Das Buch von Smith bietet praktische Hinweise, wie ein christliches Leben auf den Stufen bis Gelb aussehen kann. Das ist sehr erhellend: sozusagen wird ein Fallbeispiel anhand der umterschiedlichen Weltsichten beschrieben. Außerdem verwendet der Autor den Begriff „religious cafeteria“ für die wahllose Aneinanderreihung spiritueller Sichten/Praktiken mancher Suchender. Er warnt davor mit u.a. der Begründung, dass es bei (christlicher) Evolution darum ginge, die „Sturheit“ des eigenen Egos zu durchbrechen und nicht beliebig seinen Tendenzen zur „Unterhaltung“ zu folgen. Dann käme man nämlich überall an – nur nicht auf einer höheren Stufe! Dieses Buch sollte es meiner Meinung nach auch auf Deutsch geben, denn ich sehe es als Meilenstein meiner bisherigen spirituellen Lektüre an. Also sehr empfehlenswert!

    Mit besten Grüßen
    Beate Holzhäuer

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