Die Thomas Akten und das Perlenlied

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Über das Thomasevangelium habe ich bereits geschrieben. Zu weiteren Schriftstücken rund um den Jünger Thomas gehören die Thomas-Akten und das Perlenlied.

Die apokryhen syrischen Thomas-Akten stammen vermutlich vom Anfang des 3. Jahrhunderts. Sie schildern Thomas Leben nach Jesu Auferstehung. Dieser sei ihm erschienen und habe ihn aufgefordert, nach Indien zu reisen, um als Architekt dem dortigen König einen Palast zu zeichnen. Eventuell erlitt Thomas das Martyrium in Mailapur (heute ein Wallfahrtsort), indem er von Lanzen durchbohrt wurde – es gibt allerdings auch davon abweichende Versionen, also nichts gesichertes.

In Indien gibt es verschiedene Kirchen, die sich auf Thomas zurückführen, die sog. Thomaschristen. Die Schriften waren außerdem im Manichäismus, einer synkretistische Lehre eines Persers Mani (3. Jhd.), populär.

Unter den Thomas-Akten findet sich auch das sog. Perlenlied. Der Protagonist wächst behütet in einem Königreich auf und wird schließlich hinausgeschickt, mit dem Auftrag einem Drachen eine Perle zu entwenden und herzubringen. Dazu muss er sich jedoch zunächst seiner prächtigen Gewänder entledigen und in die Welt hinabsteigen. Nach einiger Zeit vergisst er dort seine Herkunft und seinen Auftrag. Durch einen Brief des Königs wieder wachgerüttelt, führt er seine Mission aus, findet wieder zurück und tritt das Erbe an.

Zur tieferen Deutung mag es erhellend sein, sich mit der symbolischen Bedeutung des Drachens und der Perle im Osten auseinanderzusetzen. So steht der Drache dort für Glück, Frieden und Göttlichkeit. Er wird häufig mit einer Kugel bzw. Perle abgebildet, über deren Bedeutung Unklarheit besteht: Mal steht sie für Weisheit, mal für Unsterblichkeit.

Das Perlenlied weist gewisse Ähnlichkeiten mit dem Gleichnis des verlorenen Sohnes aus Lukas 15 auf.

„Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere sagte zu ihm: ›Vater, gib mir den Anteil am Erbe, der mir zusteht!‹ Da teilte der Vater das Vermögen unter die beiden auf. Wenige Tage später hatte der jüngere Sohn seinen ganzen Anteil verkauft und zog mit dem Erlös in ein fernes Land. Dort lebte er in Saus und Braus und brachte sein Vermögen durch. […]“ (Lukas 15,11ff., Neue Genfer Übersetzung)

Die von uns Theologen im Religionsunterricht üblicherweise angebotene Deutung ist die, dass Jesus in ihr das Bild eines gütigen Gottes zeichnet, der dem Sohn, der für uns alle steht, aus Liebe alle seine Schuld und seine Verirrungen vergibt. Die Schuld besteht dabei in erster Linie darin, dass er sich von seinem Vater angewandt und ihn verlassen hat, um schließlich zu erkennen, wie abhängig er von diesem in Wahrheit ist.

Das passt natürlich prima zur lutherischen Rechtfertigungslehre und drückt sicherlich eine bleibend gültige Wahrheit aus, die ich hier nicht bestreiten will.

Durch den Vergleich habe ich diese Geschichte jetzt jedoch noch einmal mit ganz anderen Augen sehen gelernt. In der neuen Deutung

  • geht es um die spirituelle Reise jeder Menschenseele, die sich auf dieser Welt inkarniert – Involution und Evolution
  • jede Seele begibt sich zunächst auf den Weg der Selbstfindung und Entfremdung von ihrem Ursprung – analog zur Vertreibung aus dem Paradies
  • jede Seele durchläuft bei der Inkarnation eine Art Selbsterniedrigungsprozess – auch als „Kenosis“ (v. griechisch Leerwerden, Entäußerung) genannt im Anschluss an diese Stelle über Christus:

Von göttlicher Gestalt war er. Aber er hielt nicht daran fest, Gott gleich zu sein – so wie ein Dieb an seiner Beute. Sondern er legte die göttliche Gestalt ab und nahm die eines Knechtes an. Er wurde in allem den Menschen gleich. (Brief an die Philipper 2,6f., Basis Bibel Übersetzung)

  • dabei kommt irgendwann der Moment, in dem die Seele sich verloren fühlt und zurück auf ihren göttlichen Ursprung besinnt
  • Jede Seele hat einen individuellen Auftrag, den sie zumindest zeitweise vergisst oder verschläft

Die größte Sünde des Menschen ist es, zu vergessen, dass wir Königskinder sind.

Dorothee Sölle, Mystik und Widerstand

Hier könnt ihr das Perlenlied nachlesen:

http://12koerbe.de/euangeleion/perle.htm

Hier ein Video von Prof. Sabine Bobert zum Thema:

Bildquelle: https://www.publicdomainpictures.net/de/view-image.php?image=263039&picture=drachen-perle-hintergrund

2 Kommentare

  1. Die Gleichnisse sind ähnlich, aber unterschiedlich akzentuiert. Mir liegt das Perlenlied, das ich noch nicht kannte, näher. Beim „verlorenen Sohn“ liegt die Betonung beim Vater, der durch sein unterschiedsloses Erbarmen für die göttliche Gerechtigkeit steht (nach der wir in den Seligpreisungen hungern und dürsten sollen), wogegen der zornige Bruder die Gerechtigkeit der Welt verkörpert.
    Im Perlenlied steht der Ausgegangene, die individualisierte (mit Körper, Gedanken und Gefühlen identifizierte) Seele im Vordergrund. Es findet sich die (gnostische) Zweiteilung der Aspekte Welt und östliches Königreich, menschlich und göttlich (Jesus und Christus).
    „Ich vergaß, daß ich ein Königssohn war, und diente ihrem König.“ Das ist der König der Welt, dessen Sklave er nun geworden ist, die „schwere Speise“ zieht ihn nach unten ins Körperliche, das „Essen ihrer Nahrung“ ist der Kontakt mit den Sinnesobjekten. Durch diese Identifikation fällt er in den „Schlaf“ der Unwissenheit (ind. maya) über seine wahre göttliche Natur.
    Dann gibt es hier das Element eines Mittlers, einer Führung, die es beim „verlorenen Sohn“ nicht gibt. Dieser Brief, der ihn erweckt, wird sogar noch personal: „Und meinen Brief, meinen Erwecker, fand ich auf dem Wege vor mir; wie er mich durch seine Stimme geweckt hatte, so führte er mich nun mit seinem Lichte.“ Und auch interessant, die essentielle Natur dieses brieflichen Meisters erzeugt eine ebensolche Antwort beim Verlorengegangenen: „Ganz so wie in meinem Herzen aufgezeichnet, waren die Worte meines Briefes geschrieben.“
    Das Herz (ind. buddhi) ist aber nur eine Widerspiegelung der Seele, er muss die direkte Erkenntnis erst noch erlangen, die wohl in der Perle symbolisiert ist. Es geht hier um Selbsterkenntnis, die im traditionellen Christentum verpönt ist, da geht es um die Abhängigkeit von Gott, und eigene Bestrebungen werden mit einem Selbsterlösungswillen gebrandmarkt. Im Perlenlied heißt es jedoch nach der Berührung des Meisters: „Ich entsann mich, daß ich ein Königssohn sei und daß meine Freiheit nach Verwirklichung dränge.“
    Um an diese Perle zu kommen beschwört er den „laut schnaubenden Drachen“, der mir hier aber nicht für Glück zu stehen scheint, sondern für die alles verschlingenden Begierden, möglicherweise in enger Verbindung mit dem „schmutzigen und unsauberen Gewand“, dass er nach dem Ergreifen der Perle auszieht. (In der Vedanta-Literatur wird der Rat gegeben, die Begierden mit dem Wiederholen von Gottes Namen zu besänftigen)
    Sich seines göttlichen Selbst nun vollbewusst geworden, tritt er die Heimreise an, um sich auch der Einheit mit Gott bewusst zu werden, dass in dem „strahlenden Gewand“ symbolisiert wird, dem ein „Siegel des Königs aufgedrückt war“. Seine göttliche Seele und Gott sind wie ein „Spiegelbild“.
    Von Schuld kann hier gar keine Rede sein, aus einem unergründlichen Plan musste dieser Fall geschehen, und auch der Aufstieg ist unausweichlich, wie Paulus sagt: „Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.“
    – Naja, manchmal will man halt Rätsel lösen… Ich hab von Gnosis nicht viel Ahnung, hab aber alle Symbole gedeutet 🙂
    In Wikipedia heißt es zu den Thomas Akten noch, „Interessant ist auch eine Predigt, die Jesus in Gestalt des Thomas einem frischgetrauten, königlichen Hochzeitspaar über die Schädlichkeit des Kinderbekommens hält.“ Wie lautet da wohl die Argumentation?

    Liken

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