Frühpubertäre Gedanken über Gott

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Vor einiger Zeit hat mich die Neugier gepackt: Hat sich mein Denken wirklich über genau die Stufen entwickelt, die Piaget, Wilber und andere beschreiben? Decken sich deren Theorien mit meiner eigenen Erfahrung?

Also habe ich mal ein bisschen in meinen Tagebüchern geschnuppert…

Die Seiten aus der Grundschulzeit entlocken mir auch heute immer wieder ein Schmunzeln. So viel „Quatsch“ steht da! Und doch erinnere ich mich deutlich, dass es mir damals ganz ernst damit war. Zum Beispiel finden sich da Listen und Tabellen meiner Mitschüler und Lehrer, wo ich jeden genau beurteile und in zwei Klassen einteile: „Die/der ist doof“ und „Die/der ist sehr nett.“ Daneben passende, zugegebenermaßen nicht besonders schmeichelhafte Karikaturen 🙂

Ein Kind in der Grundschule befindet sich in der konkret opelrationalen Phase (auch mythische genannt). Es erkennt, dass es durch seine Gedanken oder Worte die Welt nicht kontrollieren kann. Es nimmt aber an, dass ein Gott oder andere Mächte das können und versucht so, seine Welt durch Gebete und Rituale zu manipulieren. Es lernt, sich in andere hineinzuversetzen. Die Identität verschiebt sich von einer egozentrischen zu einer ethnozentrischen Sichtweise – statt dem „Ich“ steht die „Gruppe“ im Mittelpunkt des Denkens. Das verlangt Anpassung und eine Rollenidentität. Durch soziale Urteile entstehen erste innere Glaubenssätze wie „Mich mag keiner“, „Ich bin beliebt“, „Ich bin un/sportlich“, „Ich bin klug/dumm“ etc.

Und wirklich bin ich die meiste Zeit mit der Frage beschäftigt, wer aus der Klasse mich mag, ob ich beliebt bin, wie die Jungs mich finden.

Im Gymnasium taucht vermehrt meine Perspektive bei Urteilen auf: „Ich finde den/die doof, der/die ist mir sympathisch.“

Tatsächlich liegt der Übergang von einem konkret operational zu einem formal operationalen Denken nach Piaget ungefähr bei elf Jahren, dann, wenn ein Kind in unserem Kulturkreis von der Grundschule in die weiterführende Schule wechselt.

Passend dazu findet bei mir mit elf Jahren ein Bruch mit dem magischen Denken statt. Auslöser ist Liebeskummer…

Zu Neujahr, also um Punkt 12 Uhr Mitternacht wünsche ich mir etwas. Hoffentlich geht der Wunsch in Erfüllung. Ich wünsche mir Paul [Name geändert] als Freund. Genauso muss er lauten und nicht anders… Wenn ich es nur so richtig glaube, dann muss es doch klappen.

Und wenige Wochen später (ihr dürft mitlachen 😉

Mein Neujahrswunsch? Nie wieder verlass ich mich noch auf Wünsche! Ich bin todtraurig…

Mit zwölf Jahren notiere ich:

Ich merke, wie ich mich verändere: Sowohl äußerlich als auch innerlich. Ich bin ernster, selbstständiger und nachdenklicher geworden.

In der Spiritualität verfolge ich einen pragmatischen Ansatz:

Ob es Gott nun gibt oder nicht, spielt doch keine Rolle… Solange es hilft, ist es egal, ob er existiert oder nicht.

Weil  viele Gebete nicht erhört werden, zweifle ich zunehmend an dem Sinn von Gebet:

Draußen wackeln die bunten Äste im Wind und lassen die ersten Blätter fallen. Es ist Herbst. Es ist alles vorbei. Das ganze Hoffen, das abendliche Beten. Es gibt keinen Gott, der mir zugehört hat. Es gibt nur diese harte und schöne Welt.

Gleichzeitig spüre ich das Transzendente bereits in meinem Inneren:

Mal denkt man, der Vergänglichkeit ins Auge sehen zu müssen und der Begriff Ewigkeit schmilzt (…) und mal fühlt sich ganz klein, mal spürt man die Ewigkeit so tief in sich drinnen, die raus möchte, dass man fast platzen könnte.

Mit vierzehn verändert sich mein Glaube stark: Einmal durch eigene spirituelle Erfahrungen und einmal durch den Konfirmationsunterricht, den ich besuche.

Das erste Mal erfahre ich gänzlich neuartige Gefühle wie die der Dankbarkeit und Zuneigung zu Gott oder dem Transzendenten:

Gestern abend, als ich vom Konfi heimkam, war ich erfüllt von der Liebe zu Gott. Es war, als hätte ich es das erste Mal empfunden. Gott nicht zu lieben, bedeutet, sich eines herrlichen Gefühls zu entziehen.

Es beginnt das erste rationale Hinterfragen von Glaubensinhalten und ich formuliere mein erstes Glaubensbekenntnis:

Ich glaube an einen Gott, der gut und böse ist, weil man beides nicht trennen kann. Ich glaube an einen Gott, der alles auf dieser Welt lenkt, weil ohne eine lenkende Kraft diese Welt nicht so sein könnte, wie sie ist. Ich glaube an einen Gott, der jeden überallhin begleitet und weiß, wie es mit jedem weitergeht.

Dabei aufkommende Zweifel machen mir Angst:

Mir wurde bewusst, dass ich, umso mehr ich über (Gott) nachdenke, umso mehr meine Vorstellung von ihm verunsichere. Und ich deshalb lieber damit aufhören will. Geht es denn wirklich nicht: Einfach glauben, ohne zu denken und zu zweifeln?

Könnt ihr euch erinnern oder rekonstruieren, wie sich euer Denken und euer Glaube entwickelt hat?

 

4 Kommentare

  1. Ich kann mich nicht so genau erinnern, habe auch damals kein Tagebuch geführt. Ich erinnere mich aber, als Kind festgestellt zu haben, dass Gott offenbar doch nicht alles direkt sieht und bestraft und dass Gebete nicht direkt helfen. Woran ich mich gern erinnere, ist eine Art mystischer Moment bei meiner Einsegnung im Konfirmationsgottesdienst. Dann die Lektüre von Bertrand Russels „Warum ich kein Christ bin“ mit ca. 16, wonach der Ofen erst einmal für lange Zeit aus war. Erst mit Ü50 habe ich wieder die Kurve bekommen, obwohl ich die ganze Zeit formal Kirchenmitglied geblieben bin.

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