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Ich brauche keine außergewöhnlichen Erfahrungen! Ich habe ja meinen Glauben.

Solche und ähnliche Statements höre ich immer wieder, auch als Rückmeldung auf das, worüber ich auf diesem Blog schreibe.

Braucht es wirklich keine Erfahrungen mehr? Ich möchte andersherum einmal fragen: Ja, wozu sind wir dann denn überhaupt auf der Welt, wenn nicht, um Erfahrungen zu machen? Egal, ob du einfach auf die Arbeit gehst und deine acht Stunden im Büro absitzt, oder ob du in einen Buchladen gehst und einen Roman kaufst und liest, ob du Zuhause vor dem Fernseher lümmelst oder in den Skiurlaub fährst – all das sind Erfahrungen, DEINE Erfahrungen, Erfahrungen, die ausschließlich und allein dir zuteil werden.

Wieso willst du dann ausgerechnet auf dem religiösen Gebiet keine eigenen Erfahrungen machen – du wolltest doch auch nicht, dass jemand anderes für dich die Reise nach Thailand unternimmt, wenn es dich selbst nach Thailand hinzieht?

Paul Smith schreibt in seinem Buch „Is your God Big Enough, Close Enough, You Enough“, dass wir Christen irgendwann begonnen hätten, die Bibel durch die Brille der späteren Lehren zu lesen statt durch die ursprünglichen spirituellen Erfahrungen, die hinter diesen ständen. Es existiere ein ungeschriebener Glaube bezüglich der spirituellen Erfahrungen, von denen die Bibel berichte, der ungefähr so laute: Die spirituellen Erfahrungen seien nur dazu gewesen, um die Lehre zu erhalten und jetzt, wo wir die Lehre besäßen, bräuchte es keine Erfahrungen mehr, denn diese würden uns nur verwirren in Bezug auf das, was wir bereits beschlossen hätten, zu glauben. Doch das sei eine falsche Schlussfolgerung.

Die spirituellen Erfahrungen gingen, weil es einfacher ist ein paar religiöse Ideen zu glauben als durch die innere Transformation zu gehen, die notwendig ist, um Zugang zu diesen tieferen Erfahrungen zu gewinnen. Es ist einfacher, zu hoffen, die „professionellen“ Christen wüssten alles, was wir zu wissen brauchen und werden es uns schon sagen.

Paul Smith, S. 227, in eigener Übersetzung aus dem Amerikanischen

Die Bibel könne deshalb nur richtig von Mystikern, die Gott selbst erfahren hätten, verstanden werden. Den traditionellen Umgang mit der Bibel vergleicht er mit einem Menschen, der im Restaurant vor der Speisekarte sitze und anstatt aus dieser eine Speise auszuwählen, zu bestellen und zu essen, die Speisekarte selbst aufisst.

Ja, das Ziel des spirituellen Lebens sind nicht nur die außergewöhnlichen Erfahrungen, das stimmt, sondern alle, ausnahmslos alle Erfahrungen, die wir machen und die Art und Weise, wie wir lernen, damit umzugehen: Der Weg ist da Ziel.

Aber es sind oft gerade die außergewöhnlichen, die uns tiefgreifend verändern können und damit auch unsere Umgebung. Wenn wir jemanden versuchen, mit Worten zu trösten, die wir selbst nur angelesen haben, sind wir niemandem eine Hilfe. Wenn uns aber selbst einmal z.B. durch eine Vision tiefer Trost zuteil wurde, können wir nie wieder sprechen wie davor.

Zahlreiche Menschen sind lebendiger Beweis dafür, dass ein Leben mit spiritueller Praxis, wie z.B. Gebet, Fasten, Rückzug etc. Menschen nicht unverwandelt lässt. Sie machen das alles nicht nur für sich alleine, sondern für die Menschen, denen sie durch ihr Vorbild damit dienen können.

Glaube im Sinne einer bloßen Überzeugung, hinter der keine eigene Erfahrung steht, die mitgeteilt werden könnte, um sich gegenseitig besser zu verstehen, sind Kampf- und Machtinstrumente, durch die Menschen bloß sich und andere einengen. Dazu zitiere ich ausnahmsweise einmal Friedrich Nietzsche, dessen „Antichrist“ zumindest streckenweise christlicher erscheint als die Kirche:

„Überzeugungen sind Gefängnisse… Ein Geist, der Großes will, der auch die Mittel dazu will, ist mit Notwendigkeit Skeptiker. Die Freiheit von jeder Art Überzeugungen gehört zur Stärke, das Frei-blicken-können… das Bedürfnis nach Glauben, nach irgend etwas Unbedingtem von Ja und Nein.. ist ein Bedürfnis von Schwäche.

Nietzsche, Der Antichrist, 40

Aus meiner Sicht gibt es nur einen Grund, der dahintersteht, wenn wir behaupten, wir „bräuchten“ das alles nicht: Angst. Angst, die eigene Erfahrung könne uns zweifeln lassen an dem, was wir so unbedingt für wahr halten wollen, woran wir uns festklammern, was uns unverzichtbar erscheint. Angst aber ist das Gegenteil von Liebe. Es ist Angst verkleidet als Demut. Falsche Demut also.

Das Loslassenkönnen von unseren Überzeugungen – und sei es nur für Momente – ist Voraussetzung dafür, dass wir  wirklich eigene und damit neue Erfahrungen machen können.

Neale Donald Walsch lässt in seinem Buch „Gespräche mit Gott“ DIESEN zu uns Menschen sagen:

Tatsächlich erachtet ihr den Wert der Erfahrung als dermaßen gering, daß ihr, wenn sich eure Erfahrung von Gott von dem unterscheidet, was ihr über Gott gehört habt, automatisch die Erfahrung abtut und euch an das Wort haltet – wo es doch umgekehrt sein sollte.

Was aber, wenn wir erkennen, dass wir ein Teil des Göttlichen sind, ja, dass Gott sich durch uns selbst erfahren möchte, ja, nur so überhaupt selbst erfahren kann – indem er sich aufteilt und sich so quasi in jedem seiner Teile von der Seite her beobachtet, kennenlernt und lieben lernt? Was, wenn Gott sich Immer und immer wieder neu erfahren will, um sich in sich selbst zu verlieben?

Was meint ihr dazu?

 

Bild von PublicDomain Pictures auf Pixabay

 

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