Worum es bei Religion eigentlich geht

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Ein paar Gedanken zum Verhältnis von Religion und Spiritualität

Gastartikel von Anne Pumperla

1. Spiritualität vs. Religion

Mein erster Punkt ist, dass diese Frage nach dem Verhältnis von Religion und Spiritualität keine abstrakte, religionsphilosophische Frage ist (nicht nur jedenfalls), sondern es ist selbst eine spirituelle Frage, sprich, eine persönliche, existentielle Frage:

Denn je nachdem, wie wir diese Frage beantworten, hat sie Einfluss auf unsere persönliche Spiritualität und unseren Glauben.

Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen niemals einen Zugang zu ihrer eigenen Spiritualität finden, einfach nur, weil sie mit Religion nichts anfangen können. 

Das ist auf so vielen Ebenen unglaublich traurig, wenn nicht fatal, weil ich überzeugt davon bin, dass unsere Spiritualität etwas ist, was wir alle in uns haben, was uns alle miteinander verbindet und was wir alle letzten Endes dringend brauchen.

2. Was ist Spiritualität?

Spiritualität ist – mit einer Formulierung von Richard Rohr – die Bereitschaft, dieses Leben wirklich zu erfahren, “uns unseren Erfahrungen wirklich von Anfang bis zum Ende auszusetzen.”

Und das bedeutet, dass für eine solche echte Spiritualität nichts vorausgesetzt ist: Keine Zugehörigkeit zu irgendeiner Religion, keine Zustimmung zu irgendwelchen Überzeugungen oder Dogmen. Das Einzige was es braucht ist extrem viel Mut und die Bereitschaft, ganz da zu sein, mit ganzem Herzen zu leben und zu lieben.

3. Wie kommt hier jetzt die Religion ins Spiel?

Religion ist – nach meiner persönlichen Definition – eine Methode, Mittel zum Zweck. Zu welchem Zweck? Zu genau diesem Zweck der eigenen, persönlichen Spiritualität, zum Zweck eines spirituellen Lebens, eines Lebens in Tiefe, Fülle und Sinn. 

“In der Tiefe jeder lebenden Religion gibt es einen Punkt, an dem die Religion als solche ihre Wichtigkeit verliert und das, worauf sie hinweist, durch ihre Partikularität hindurchbricht.”

Paul Tillich

Bedeutet: Es geht überhaupt gar nicht um Religion, sondern es geht um den Punkt der Tiefe, es geht um etwas Universales, das wir alle in uns haben, das in allem und jedem ist, und zu dem es verschiedene konkrete Wege und Methoden gibt.

Die eigentliche Aufgabe von Religion ist es in diesem Sinne, uns dabei zu helfen, unseren eigenen spirituellen Weg zu gehen und das bedeutet, uns unserer eigenen persönlichen Erfahrung des Lebens vorbehaltlos, kompromisslos und mutig auszusetzen.

“Die Hauptaufgabe der Religion besteht darin, dich hellwach, achtsam und bewusst zu halten. Dann wirst du das erkennen, was immer du zu erkennen hast. Wenn du ganz da bist, wirst du das Dasein erkennen. So einfach ist das und so schwierig.”

Richard Rohr

Das heißt, das, worum es bei Religion eigentlich geht, das, was die eigentliche Aufgabe von Religion ist, brauchen wir alle so dringend. Denn wir alle brauchen diese Erinnerungen an unser Herz, an den heiligen Geist, daran, dass wir spirituelle Wesen sind und uns nicht in der materiellen Welt verlieren sollen, wir alle brauchen diese Inspiration und Ermutigung und Möglichkeiten zum üben und zum wachsen, wir brauchen Rituale, Tools, einen Austausch und die permanente Erinnerung daran, dass wir eins sind. Und zwar viel mehr eins, als wir das mit unserem Verstand jemals ganz erfassen könnten.

Das heißt, Religionen – wenn sie spirituell sein wollen – müssen also per se ihre eigenen Grenzen immer sprengen. 

Um von Gott handeln zu können, muß sich die Religion daher im Namen des Gottes, den sie bejaht, immer selbst verneinen.” 

Paul Tillich

Und aus diesem Grund muss Religion – wenn es dabei um Spiritualität gehen soll – immer sagen: Es ist egal, welcher Religion du angehörst oder mit welcher Methode oder Praxis du dich mit deinem Herzen, mit deiner inneren Göttlichkeit, deiner Liebe und Lebendigkeit und deinem Mitgefühl verbindest. Mit deinem Menschsein aus ganzem Herzen.

Gerade bei Religion sollte es deshalb auch garnicht um Trennung gehen, also um diese ganzen Fragen danach, wer jetzt eigentlich dazu gehört und wer nicht oder wer Recht hat, welche Religion die Wahre ist und so weiter, sondern bei Religion sollte es ausschließlich darum gehen, dass wir alle eins sind. Dass wir alle miteinander verbunden sind. 

Dass die unterschiedlichen Namen, die wir für Gott haben, die unterschiedlichen Rituale, die wir haben, um uns mit unserer Göttlichkeit zu verbinden, die unterschiedlichen religiösen Sprachen, die wir sprechen, so unfassbar nebensächlich sind im Gegensatz zu dem, worum es dabei geht!

Es ist egal, ob oder welche Methode du dazu verwendest, ob du knieend betest oder spazieren oder Salsa tanzen gehst. Mach das! Wenn es dein Herz weiter werden lässt, wenn es dich mit deiner göttlichen Quelle verbindet, dann mach das so viel du nur kannst.

Unsere Gastautorin ist Anne Pumperla. Sie ist Achtsamkeitstrainerin, Theologin, promovierte zum Thema Interreligiöser Dialog, arbeitet derzeit als Vikarin der Nordkirche, und hat einen eigenen Podcast mit dem Titel „Unchurching. Eine andere Art von Gottesdienst„. Ihr findet ihn auf ihrer Seite ganzda.de oder bei itunes und spotify. In ihrem Artikel schreibt sie über eines ihrer absoluten Herzensthemen, das Verhältnis von Religionen und Spiritualität.

3 Kommentare

  1. Hallo Eduard,
    danke, eine schöne Frage. Lädt an sich schon zur Meditation ein, dem mal nachzugehen. Für mich ist das Herz das Innen, das deinen Kern ausmacht, das so sehr wie möglich du selbst bist… und dann noch tiefer in dir… Wenn du meditierst, ist das Herz dieser Raum in dir, der immer noch tiefer und noch näher bei dir ist und in den du immer tiefer einsinken kannst. Ansonsten gibt es eine schöne Beschreibung bei Richard Rohr, Ganz Da, Seiten 108ff.
    Liebe Grüße von Anne

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  2. Also bei mir war es so, als ich die Statuen von Jesus und Maria gesehen habe mit dem Herz in der Brustmitte, da dachte ich, das wäre symbolisch für die Barmherzigkeit Gottes, oder eben künstlerische Symmetrie… Als ich mal bei einem Zen-Meister war, hat der mich desöfteren genau an dieser Stelle „angeschossen“, und da wurde mir auf einmal klar, dass dieses Herz eine Realität ist. (Mancher denkt dabei vielleicht auch an die indische Systematik, Herz-Chakra oder Vishnu-Granthi.) Das bedeutet nicht, dass es sich immer angenehm anfühlt… wenn von „Heilung“ die Rede ist, dann bezieht sie sich mit Sicherheit auch und gerade auf diese Stelle.
    Und auch sonst scheint dieses spirituelle Herz eine große Bedeutung zu haben. Im Katechismus heißt es zB: „Das Herz betet“ (2562). In der indischen Literatur gibt es dahingehend vielfältige Zuweisungen: dort ist der Sitz der individualisierten Seele, der psychischen Gedankenkraft, des reinen Willens (und somit der Liebe); so dass alle Aspekte des Gebots „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft“ allesamt auf das spirituelle Herz verwiesen werden könnten.
    Der Zen-Meister meinte noch, dass wenn man wissen will, wer man eigentlich ist, und was man eigentlich will, das aus dem Herzen kommt, und nicht aus dem Kopf.

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