Der Christ von morgen – ist er tatsächlich ein Mystiker?

Gepostet von

Gastartikel von Johannes Boldt

Einer fragte, was mystische Erfahrung sei. Ein Freund der Mystik antwortet ihm: „Es ist ein Zustand vollkommenen Glücks, da sich Zeit und Ewigkeit, Erde und Himmel berühren.“ „Und wie kann die Seele in diesen Zustand kommen?“, fragte jener weiter. Indem sie alles aufgibt, was sie von Gott trennt, und sich in seine geöffneten Arme fallen lässt.“ Da wurde jener traurig und sagte: „Das kann ich nicht tun, denn ich habe Angst, mich zu verlieren.“ Der Freund der Mystik antwortete: „Gerade darin liegt das Glück. Denn wer sich in Gott verliert, findet sich in IHM wieder.

Und so betont auch der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart (126o-1328) angesichts des Kindes in der Krippe.

„Wenn diese Geburt nicht in mir geschieht, was hilft es mir dann? Denn dass sie in mir geschehe, darin liegt alles.“

Ebenfalls unterstreicht Martin Luther in einer Predigt des Jahres 1538:

„Glaube du, dass Christus in Bethlehem geboren ist, aber sieh zu, dass du aus der Geschichte dir ein Gabe machst, das Christus dir geboren sei. Denn er ist die Quelle aller Wahrheit.“

Aus dieser göttlichen Quelle sollen wir als Christen leben, aus einer mystischen Spiritualität, aus einer intensiven Gottesbeziehung: Die Geburt Gottes in mir, Gott in mir wiederfinden.

Mystik – Intensivform das Glaubens

Mystik ist eigentlich – so könnte man sagen – die Intensivform von Religion. Die Sehnsucht nach mystischer Erfahrung, nach Gottesliebe und Einssein mit Gott findet man mehr oder weniger in allen Religionen. Mystik kann ganz unterschiedlich verstanden werden: außerordentliche Erfahrungen von Ganzheit und Sinn, unmittelbares Bewusstsein von göttlicher Gegenwart, Gefühl universaler Verbundenheit.

Aber entscheidend sind nicht zuerst Definitionen und Begriffe. Entscheidend ist die aufbrechende Sehnsucht nach dem Absoluten.

„Wo Sehnsucht und Verzweiflung sich paaren, da entsteht die Mystik“

F. Nietzsche

In unserer Erlebnisgesellschaft könnte dies bedeuten: In der Sehnsucht, ganz zu sein, spiegeln sich die vielfältigen Erfahrungen von Zerstreuung, Zersplitterung und Zerrüttung; in dem Wunsch nach Unmittelbarkeit zeigt sich das Ausmaß der neuen Unübersichtlichkeit und Anonymität; und im Hunger nach Events – bis hin zur „Erfahrungssucht“ – spiegelt sich das Leiden an abstrakten und verdinglichten Verhältnissen, an Dualismen auch zwischen Kopf und Bauch, Virtualität und Realität, Gedanken und Leben; und die Sehnsucht nach (Wieder-) Vereinigung, nach Einheit und Liebe spiegelt das Ausmaß struktureller Lieblosigkeiten (auch und im Zeichen ständiger Individualisierungsschübe) – vergl. Esoterikboom!! Dass derlei Sehnsuchtsbewegungen höchst marktförmig und „medienreligiös“ funktionieren, zeigt uns zudem die alles bestimmende Macht einer kapitalistischen und konsumistischen Lebensform: aber wie groß ist die Sehnsucht nach Gratuität, nach „umsonst“ und „unbezahlbar“?!1

Mystik als Intensivform von Religion hat somit immer zu tun mit der radikalen Frage nach dem wahren, dem glückenden Leben. So spricht auch das biblische Menschenbild deutlich davon, dass der Mensch für eine persönliche Beziehung zu Gott geschaffen wurde – in eine dialogische Beziehung – und nur darin seine Erfüllung findet. Damit kann aber auch die tiefste Sehnsucht des Menschen nicht durch eine Gesetzesreligion (sc. Dogmen), durch eine religiöse Institution (Kirchen) allein gestillt werden. Es gibt Menschen, Mystiker und dergleichen, die behaupten, unmittelbare persönliche Erfahrungen mit religiösen Realitäten gehabt zu haben…für solche Menschen sind religiöse Glaubensvorstellungen genauso unvermittelt selbstbeglaubigend wie die Erfahrung eines Zahnschmerzes.

Dies muss auch Jesus als Jude im Judentum seiner Zeit erfahren haben, indem seine eigene Gotteserfahrung ihn in Konfrontation zum „Gesetzesglauben“ brachte. Er lebte die konkrete Sehnsucht Gottes nach dem Menschen, das Reich Gottes unter den Menschen… und deshalb ist Jesus für mich ein Mystiker, einer der erfahren hat, der 40 Tage und wahrscheinlich viel länger in der Wüste war, mit tiefen mystischen Erfahrungen, der wie alle Mystiker auch Versuchungen widerstand wie „Ich nehme Dich mit auf die Zinne des Tempels, spring runter, und die Leute werden Dir folgen…!“

Er ist dann aufgetreten und hat versucht, das Reich Gottes zu verkünden. Das Reich Gottes ist nicht irgendein Reich, das kommt, sondern diese andere Bewusstseinsebene, die Jesus zum Beispiel dem Nikodemus aufzeigen möchte, wenn er sagt: Du musst wiedergeboren werden, das heißt in eine andere Ebene der Erfahrung hineinkommen, wenn du begreifen willst, wer und was du bist. Deshalb glaube ich, dass Jesus eine mystische Erfahrung hatte, die für sein Leben grundlegend war. Jesus war ein glaubender Mensch, wie wir glaubende Menschen sind. Und als glaubender Mensch betete Jesus (vgl. Lk 6,12; 9,18 etc.). Jesus hatte eine Spiritualität, die nichts zu tun hat mit jenen frommen Bildern in manchen Devotionalienläden. Kennzeichen für Jesu Spiritualität ist die Fähigkeit, Engagement mit Phasen des Gebets, der Meditation, der mystischen Versenkung in Einklang zu bringen. Für Jesus war Aktion nicht schon gleich Gebet. Jesus machte offensichtlich die Erfahrung, dass er sich oft zurückziehen musste, um mit dem Vater allein zu sein, um dann seinen Weg eines Menschen weiter zu gehen.

Ich und der Vater sind eins (Joh 10,30)

Jesus lebte also die Intensivform des Glaubens: In seiner Erfahrung als Sohn Gottes, was die Anrede Abba (mein lieber Papa) – übrigens ein authentisches Wort des historischen Jesus ist – verdeutlicht, wie nahe er Gott, seinem Vater, stand. Denn es drückt Vertrauen, Hingabe, Zärtlichkeit und vollkommenes Wohlbefinden aus, wie es Kinder zu ihren Eltern haben. Auch die Beziehung zum Vater ist ein bleibender Hintergrund von Jesu Wirken. Gerade das Johannesevangelium zeigt eine enorme Vater-Beziehung Jesu, was somit die Verbundenheit von allem mit allem begründet.

Und wenn „der Fromme, der Christ von morgen ein ́Mystiker ́ sein wird“, wie es einmal der kath. Theologe Karl RAHNER betonte, „einer, der etwas ́erfahren ́ hat, oder er wird nicht mehr sein, weil die Frömmigkeit von morgen nicht mehr durch die im Voraus zu einer personalen Erfahrung und Entscheidung einstimmige, selbstverständliche öffentliche Überzeugung und religiöse Sitte aller mitgetragen wird, die bisher übliche religiöse Erziehung also nur noch eine sehr sekundäre Dressur für das religiös Institutionelle sein kann.“ Dann verstehen wir, wie wichtig auch für jeden Christen eine mystische Beziehung zu Gott durch Jesus Christus für sein Glaubensleben ist und sein muss. Will heißen: Man kann als Christ in der Zukunft nur dann existieren, wenn der Glaube mehr ist als ein reines Bekenntnis, als eine Lehre, der man folgt. Er muss etwas sein, das wir fühlen, das mit unserem Innersten in lebendiger Resonanz steht. Diese Resonanz ist es, die mich begeistert. Sie ist bei den Mystikern über die Jahrhunderte immer wieder aufgebrochen, unter anderem eben als Sehnsucht. Um dies zu verstehen, müssen wir nach dem Mystiker unseres christlichen Glauben fragen: nach Jesus dem Christus. Seine mystische Gotteserfahrung ist der Kern unseres Christentums und somit entscheidend auch für unsere eigene christliche Spiritualität, für eine persönliche Festigung des eigenen Glaubens. Denn seine Beziehung zu Gott, den er, wie erwähnt, Vater nannte, wird mystisch verstanden. Gott, der Vater, ist für Jesus Selbsterfahrung und Gotteserfahrung, in die wir immer tiefer hineinwachsen können, um Gott und damit dem Menschen zu dienen.

Dadurch nämlich, dass Jesus Christus als der Auferstandene den Herzen der Gläubigen innewohnt, wird dieses Bild Gottes als bedingungslos liebender Vater für alle Gläubigen innerlich mystisch erfahrbar – anteilhabend am Gottesverhältnis Jesu und ganz im trinitarischen Leben Gottes – heilt den Menschen von all seinen Gebrechlichkeiten, die sich existenziell in Angst und Todes- verfallenheit äußern. Christliche Mystik ist also Beziehungsmystik: Anteilhabe am Beziehungsreichtum Gottes, am „Dreiklang der Wirklichkeit“ (Panikkar). In dieser Perspektive gilt es, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden. Besondere Erfahrungsworte christlicher Mystik sind deshalb Schönheit und Liebe, das Ja zur Schöpfung im Ganzen.

Jesus als Orientierung für unsere eigene mystische Spiritualität

Und so bin ich überzeugt, dass wir Jesus nur verstehen können, wenn wir ihn als Mystiker annehmen. Und dass wir als Christen nur Zukunft haben, wenn wir selbst mystisch sind. Dabei ist die Mystik Jesu nicht nur eine private Frömmigkeitshaltung. Sie ist eine Gabe und Aufgabe, die wir zutiefst verunsichert und verängstigt, oder gar unfähig sind, uns selbst zu finden und zu lieben, damit wir in seinem Namen glaubend Leben können wie es im Johannes- Evangelium heißt: Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen (Joh, 20,30-31).

Immer wieder haben sich deshalb christliche Mystiker und Mystikerinnen in den Leidenden Jesus versenkt (vgl. die Pietas des Mittelalters), um in mystischer Einigung ihm gleich zu werden (z. B. die Meister Eckhart, Johannes Tauler, die Devotio Moderna, Thomas a Kempis, Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz, Ignatius von Loyola, Martin Luther u.v.a.). Indem der Glaubende sich in das Mitleiden mit Christus findet, stößt er im innersten Kern auf die Barmherzigkeit Gottes selbst, die ihm in Jesus entgegen kommt.

Aber was bedeutet es nun für mich in der Nachfolge Jesu zu leben versuche, dass Jesus von mir als Mystiker begriffen werden will? Jesu als Mystiker zu begreifen heißt, aufzuhören, Nachfolge als moralischen Kraftakt zu verstehen, den Jesus verlangen würde. Er spricht im entscheidenden Moment dieser Nachfolge von UM-KEHR, metanoia, und zwar ein Um-denken wie es das Neue Testament verlangt. „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich.“ (Joh 14,6). Der Glutkern christlicher Mystik ist die Anteilhabe am Gottesverhältnis Jesu, das Leben also in seinem Geist.

Auf eine Formel gebracht lautet das Konzept Jesu so: sich von Gott lieben lassen, um tugendhaft zu leben – aber nicht umgekehrt: Tugend praktizieren, um Gott zu erfahren. Der Herr kommt uns stets mit seiner Liebe und seiner Gnade zuvor – bedingungslos! Gottes Liebe ist die einzige Liebe, die uns wirklich erfüllen kann. Deshalb steht im Zentrum der Spiritualität Jesu die LIEBE, die Liebe die er im liebenden Vater (Gott) erfahren hat, selbst in der tiefsten Erniedrigung des Kreuzes. Und so sollten wir Gott nicht lieben aus Angst vor der Hölle, oder um in den Himmel zu kommen, sondern Gott lieben als die einzige Wirklichkeit, ganz Mensch zu sein. In der Mystik wird Gott um seiner selbst willen geliebt. Durch Christus, den Bruder, kann es zur Einheit mit Gott kommen.

Jedoch ist diese Liebeserfahrung nur eine schwache Vorstufe zu den Erlebnissen christlicher und außerchristlicher Mystiker, welche in die ,,Unio mystica“, die „mystische Einheit“, hineingenommen werden; hinein in die allumfassende, alles durchdringende, heiligende und erhaltende ewige Liebe, hinein in das ewige Zentrum, hinein in Gott selbst, wie Teresa von Ávila es uns in diesem Gebet hinterließ:

„Sólo Dios basta“ – das Leit- und Lebensmotiv Teresas:

Gott spricht:
O Seele, suche dich in mir, und Seele, suche mich in dir.

Die Liebe hat in meinem Wesen Dich abgebildet treu und klar; kein Maler lässt so wunderbar, o Seele, deine Züge lesen.

Hat doch die Liebe dich erkoren Als meines Herzens schönste Zier: Bist du verirrt, bist du verloren,
o Seele, suche dich in mir.

In meines Herzens Tiefe trage
ich dein Porträt, so echt gemalt;
sähst du, wie es vor Leben strahlt, verstummte jede bange Frage.
Und wenn dein Sehnen mich nicht findet, dann such nicht dort und such nicht hier: Gedenk, was dich im Tiefsten bindet, und, Seele, suche mich in dir.

Du bist mein Haus und meine Bleibe, bist meine Heimat für und für;
ich klopfe stets an deine Tür,
dass dich kein Trachten von mir treibe. Und meinst du, ich sei fern von hier, dann ruf mich, und du wirst erfassen, dass ich dich keinen Schritt verlassen: und, Seele, suche mich in dir.

Teresa von Ávila

Der Autor Johannes Boldt ist Theologe, Referent für Religions- und Weltanschauungsfragen und Buchautor. Bei dem Artikel handelt es sich um ein von ihm 2019 gehaltenes Impulsreferat, das er mir freundlicherweise erlaubt hat, hier mit euch zu teilen.

5 Kommentare

  1. Johannes Bold hat sehr gut zusammengefasst, was ich auch in anderen Zusammenhängen schon so gelesen habe. Für mich kommt es inzwischen darauf an, mit Gleichgesinnten spirituelle Gruppen zu bilden, um sich gegenseitig in der Einübung von Spiritualität zu unterstützen und Angebote zu machen, die anderen helfen können diesen Weg zu entdecken.

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    1. Ja, lieber Volker, damit machst du etwas sehr wichtiges! Denn das gemeinsame Praktizieren ist noch viel wunderbarer als alleine in der stillen Kammer! Wir machen ja mit unserer neuen Online Plattform Integrales Christsein genau dasselbe. Sei lieb gegrüßt! Sandra

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  2. Es könnte schwierig werden, wenn man gleich für alle eine Mystik mit der Ausrichtung auf das höchste Ziel hinstellt, das wohl die wenigsten Menschen anvisieren können oder wollen. Der Nebensatz bei Rahner ist da umfassender (einer, der etwas ́erfahren ́ hat), denn Erfahrung kann auch bedeuten, von inneren Schwierigkeiten erlöst zu werden, und endlich mal voll und ganz, gut und freudig in dieser Welt leben zu können, ohne bereits ein Ziel zu verfolgen, das darüber hinausgeht.
    Einfallen tut mir dazu das „heilsame Leben“ aus buddhistischem Kontext, der Inner Engineering Kurs des zeitgenössischen Mystikers Sadhguru, oder einfach nur das „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken“.

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