Eine Gemeinde auf dem Weg zum Integralen

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Besuch auf Wangerooge

Allein durch die Hinfahrt wird deutlich: Das hier ist ein spezieller Ort, der nach ganz eigenen Regeln funktioniert. Um die Insel zu erreichen, müssen wir, die ganze Familie, als erstes etwas zurücklassen, nämlich unser Auto. Wangerooge ist nämlich autofrei. Unseren zweiten Sohn, fünf Monate, stört das nicht, ganz im Gegenteil, er schläft viel lieber in der Trage weiter. Von Harlesiel geht es weiter eine Stunde lang mit dem Schiff und anschließend noch zwanzig Minuten mit der Inselbahn durch das Naturschutzgebiet Weltnaturerbe Wattenmeer. Die Abfahrtszeiten müssen sich an die Gezeiten anpassen und sind von Tag zu Tag unterschiedlich. Wir starten am späten Nachmittag und als wir schließlich am Bahnhof in der Mitte der Insel ankommen dämmert es bereits.

Auf dem Schiff erzählt eine ältere Frau, die bereits das zweite Mal Urlaub auf Wangerooge macht, einem kirchenfernen Ehepaar begeistert von der evangelischen Kirchengemeinde, die „ja ganz anders sei“. Kaum sind wir ausgestiegen und der Menge hinterhergetrottet, die sich in den kleinen Ort ergießt, sehen wir auch schon den Kirchturm und gleich daneben einen der Leuchttürme der Insel. Eine geradezu symbolische Nähe, will mir scheinen.

Der Pfarrer begrüßt uns an der Türe des Pfarrhauses, die nicht abgeschlossen wird. Wohl ein Zeichen der niedrigen Kriminalitätsrate, aber auch eines besonderen Geistes der Insel. Hier gibt es keine Wälder oder Berge, die Grenzen schaffen, nur das weite, offene Meer. Der „Freigeist“ und die „Weltoffenheit“ ist es, die von den Besuchern der Gemeinde geschätzt wird. So schreibt ein Paar aus dem Mitarbeiterkreis:

„Eure Aufgeschlossenheit gegenüber jeglicher spirituellen Richtung ist eine absolute Bereicherung für uns und die Insel.“

Die Gemeinde verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz auf kognitiver, emotionaler, spiritueller, musischer und physischen Ebene, der viele Menschen erreicht und offensichtlich auch spendenfreudig macht:

Den Gebäuden sieht man auf Anhieb an, dass hier viel Geld geflossen ist: Die Kurpastorenwohnung, in der wir als Familie über die Nacht einquartiert sind, ist in frisch renoviertem Zustand und hervorragend ausgestattet.

Das Außengelände ist gepflegt, es gibt einen großen Garten, das Gemeindehaus ist gerade umfassend renoviert worden. Darin befindet sich unter anderem auch der „Raum der Stille“, in dem die Diakonin Frau von Pentz fast täglich zur Vipassana Meditation einlädt – sie nennt es „Sitzen in der Stille“. In der spirituellen Bibliothek stehen neben „Gott 9.0“ Bücher von Osho und Eckardt Tolles „Jetzt“.

Die Kirche selbst ist schlicht, die Wände und die gewölbte Decke sind hellgelb. Es gibt keine Bilder oder Skulpturen, nur die Kirchenfenster sind bunt. Diese Fenster, die nach dem Krieg vollständig ausgewechselt werden mussten, nehmen das Motiv des Wassers auf und zeigen Jesus am Jordan und See Genezareth. Irgendwann sei ihm, so der Pfarrer Günther Raschen, der Name „das blaue kloster“ zugefallen.

Während unseres Gesprächs am Mittag zeigen der Pfarrer und die Diakonin durch das Rundfenster des Gemeindehauses nach draußen, wo sich gerade, vom Bahnhof her kommend, eine Menge neu Angekommener in den Ort ergießt. Es handele sich bei der Gemeinde um eine absolute Sondersituation, die mit dem Festland nicht vergleichbar sei. Klassisch Kirche könne man hier nicht durchziehen: Das Leben auf der Insel werde vorwiegend durch den Tourismus bestimmt.

Die Ortsgemeinde selbst sei zahlenmäßig überschaubar, momentan 430 Mitglieder, stark überaltert. Bei Veranstaltungen komme eine bunte Mischung zusammen. Es gäbe, so Pfarrer, Raschen, keine Deutungshoheit durch einen Kirchengemeinderat, wie er das in normalen Gemeinden kenne. Was den Gästen gefalle, sei das Kriterium. Daraus entstehe die Herausforderung, integraler oder integrativer zu denken. Mit den Menschen entwickelten sich auch die Angebote weiter.

In das „Integrale“ seien sie eher hineingewachsen, meint Diakonin Frau Pentz, weil alle Form sich als brüchig erwiesen habe. Gemeinsam sei ihnen das Bewusstsein der absoluten Unverfügbarkeit von allem, was sei. In der daraus resultierenden Grundhaltung von Offenheit fielen ihnen dann irgendwelche Bücher oder Menschen zu. Dabei sei auch das Integrale nur eine Zwischenstufe.Anfangen habe das Ganze, als der Pfarrer sie vor zwanzig Jahren fragte, ob sie Konfirmandenunterricht mit ihm zusammen machen wolle. „Und ich dachte: Nur unter der Voraussetzung, dass es ums Erwachsensein geht.‘ Dadurch sind wir dann auf Richard Rohr gestoßen.“ Das Buch Gott 9.0 sei ihr von einem Teilnehmer ihrer Meditationen angetragen worden. Dadurch sei auch der Konfirmandenunterricht bereichert worden.

Da haben wir uns auch mit dem Modell Gott 9.0 beschäftigt und zusammen die Stufen angeschaut – bis hin zur Pubertät, wo sie ja gerade so drin sind, um ihnen zu zeigen: Die Gottesvorstellungen ändern sich. Die ersten Götter sind vielleicht die Eltern, Wesen, die von oben herab runtergucken auf einen (…) Ich hatte den Eindruck, dass die Konfirmanden da ganz gut mitgehen konnten und verstanden haben, dass das sich Leben immer in Transformation befindet.“

Günther Raschen

Für die Konfirmanden sei, so die Diakonin, eine tolle Entdeckung gewesen, diese ersten Stufen miteinander zu teilen und über Dinge miteinander zu sprechen, die sie bis dahin als völlig intim erlebt hätten.

„Also z.B.: Ich hatte so einen inneren Freund, Stufe Zwei, oder die Wut der Trotzphase, also teilen zu können, für was man sich auch schämt oder sich schämt, weil man da jetzt rausgewachsen ist und dann einfach sagen kann, nein, das ist immer noch ein Teil von mir, und dass ich jetzt, in der Pubertät, alles in Frage stelle, ist total richtig. Ich bin nicht in einer schwierigen, sondern super wichtigen und richtigen Phase.“

Tina von Pentz

Die Gemeinde sehen die beiden als eine Akteurin unter vielen anderen Gruppierungen, die sie als Partner wahrnehmen und ansprechen. Die Vorstellung vom guten Hirten oder das Konzept, dass die Gemeinde ein besonderer heiliger Ort, sei überkommen.

Aus der besonderen Situation seien eigene Formate erwachsen: Im Gottesdienst gibt es nur eine einfache Liturgie. Der Psalm, meist nach einer Übertragung des Zen-Lehrers Arndt Büssing, wird ausgeteilt, und einzelne sprechen Passagen, die sie ansprechen, ohne Absprache in den Raum. Es gibt viel Musik, Gesang und auch meditative Momente.

In der sogenannten „blauen stunde“ wird versucht, die Texte des kommenden Sonntags in eigene Lebenserfahrungen so zu übertragen, dass sie Menschen jedes Hintergrundes berühren. In den „KlangNächten gibt es vor allem Musik und Poesie.

Seit ein paar Jahren gibt es zudem das „Konzept des Mitwirkens“, aus dem heraus sich eine ganz neue Art der Gemeinde auf Zeit entwickelt habe. Einige Menschen dürfen eine gewisse Zeit frei wohnen und brächten im Gegenzug ihre Begabungen in Form von Angeboten ein. Was als Experiment begann, ist nun zu einem Grundkonzept der Gemeinde geworden.

„Die Idee kam auf“, so die Diakonin Frau von Pentz, „weil die Putzfrau die Arbeit nicht mehr schaffen konnte und ich dachte, wir gewähren jemandem Aufenthalt und der putzt hier ein bisschen. Dann bekamen wir heraus, dass diese „Putzfrauen“ auch noch ganz andere Dinge konnten…“

Gemeinsam übten sie einfache Achtsamkeit-Meditation, QiGong, Yoga, Kum Nye  und ähnliches, das gemeinsame Praktizieren und Gespräch verbinde die Teilnehmer jenseits von konfessionellen Schranken und Auseinandersetzungen. Eine Mitwirkende gestaltete ein Labyrinth, das nun für viele Menschen Anziehungspunkt sei, bei dem sie sich nicht gleich kirchlich vereinnahmt fühlten. Menschen wollten, so Frau von Pentz, heute nicht mehr bepredigt werden und Antworten auf Fragen bekommen, die sie nicht gestellt hätten, sie seien auf der Suche nach Räumen, die eine tiefe Frage in ihnen berühre.

„Die Stadt kann ebenfalls ein Ort sein wie hier, wenn sie sich als offenes Kunstwerk gestaltet und nicht als verlorene Restgemeinde.“

Da der derzeitige Pfarrer sich nächstes Jahr in den Ruhestand verabschiedet, ist die Gemeinde derzeit mit der Ausarbeitung eines Konzeptes beschäftigt, das, so hoffen sie, eine/n potentielle/n Nachfolger/in begeistern und anziehen wird, der bereit wäre, auf dem eingeschlagenen Weg zusammen weiter zu gehen.

Ob ihre Art und Weise ein Weg für andere Gemeinden auf dem Festland sein könnte, wagen beide nicht zu beurteilen. Sie hätten jedoch zusammen die Erfahrung gemacht, dass es besser sei, wenn man sich auf Neues einlassen könne und keine allzu festen festgefügte Vorstellungen davon habe, wo es langgehen solle – daran sei schon so mancher gescheitert und habe die Insel enttäuscht oder gar verbittert verlassen.  Es gehe vielmehr um Lernen, Kennenlernen, sich einlassen können.

Kurz vor der Abreise gehe ich in dem Labyrinth aus Gras spazieren. Mein dreijähriger Sohn tollt und hüpft um mich herum. Es hängen ein paar Erläuterungen und Impulse aus, unaufdringlich, leise lockend zum kurzen Verweilen und Innehalten.

Homepage: https://www.kirche-am-meer-wangerooge.de

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