Eros und Agape, Verliebtheit und Ehe

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Gerade in der Mystik kommen sich Menschen und ihre Vorstellungen wieder nahe, die in gänzlich anderen Ländern, Kulturen, Religionen, Konfessionen und Zeiten leben.

Die folgenden Ausführungen des russischen Religionsphilosophen Nikolai Berdaev erinnern mich stark an Ken Wilbers Rede von Eros und Agabe, Aufstieg zum Göttlichen und Abstieg des Göttlichen – auch wenn die Vorstellungen sicherlich nicht ganz identisch sind… doch auch hier lässt sich ahnen, dass der Königsweg der Spiritualität in dem Zusammentreffen beider Richtungen verläuft: Ehe und nicht endende Verliebtheit, immerwährender Aufstieg und Abstieg…

„Es gibt eine offizielle kirchliche Mystik des Ostens und des Westens, die orthodoxe Mystik und die katholische Mystik. Der Unterschied in der Gestalt der mystischen Erfahrung erklärt sich durch den Unterschied der irdischen Wege des orthodoxen Ostens und des katholischen Westens. Es gibt einen tiefen Unterschied im ursprünglichen Verhältnis zu Gott und Christus. Für den katholischen Westen ist Christus ein Objekt. Er ist außerhalb der menschlichen Seele. Er ist Gegenstand des Strebens, Objekt der Verliebtheit und der Nachahmung. Deshalb ist die katholische religiöse Erfahrung ein Hinaufziehen des Menschen nach oben zu Gott. Die katholische Seele ist gotisch. In ihr verbindet sich Kälte mit Leidenschaft, mit Feuer. Die katholische Seele ist das konkrete, in den Evangelien beschriebene Bild Christi intim nahe, die Leiden Christi. Die katholische Seele ist leidenschaftlich verliebt in Christus, ahmt seine Leidenschaft nach, nimmt an ihrem Körper die Stigmata an. Die katholische Mystik ist durch und durch sinnlich, in ihr ist Qual und ohnmächtiges Verlangen, für sie ist die sinnliche Vorstellung der Weg. […]

Die katholische Seele ruft aus: Mein, mein Jesus, mein nächster, mein geliebter. In der katholischen Kirche, wie auch in der katholischen Seele, ist Kälte – Gott selbst kommt sicher nicht in die Kirche und in die Seele. Und die Seele reißt es leidenschaftlich sich quälend nach oben, zu ihrem Objekt, zu dem Gegenstand der Liebe. Die katholische Mystik ist romantisch, voll von romantischem Verlangen. In ihr gibt es keine Sättigung, sie kennt nicht die Ehe, sondern die Verliebtheit. Das katholische Verhältnis zu Gott wie zu einem Objekt, wie zu einem Gegenstand des Strebens erzeugt die äußere Dynamik des Katholizismus. Die katholische Erfahrung erzeugt eine Kultur, in der die Verliebtheit in Gott, ihr Verlangen ihren Abdruck hinterlässt. Die katholische Mystik ist hungrig. Im Katholizismus fließt die Energie über in Richtung geschichtlicher Tätigkeit, sie bleibt nicht innen, so wie Gott nicht im Herzen aufgenommen wird – das Herz strebt nach Gott auf dem Weg weltlicher Dynamik. Die katholische Erfahrung gebiert die Schönheit aus geistlichem Hunger und unbefriedigten religiösen Leidenschaften heraus.

Für den orthodoxen Osten ist Christus das Subjekt, er ist in der menschlichen Seele, die Seele nimmt Christus in sich auf, in die Tiefen ihres Herzens. In der orthodoxen Mystik ist Verliebtheit in Christus und seine Nachahmung unmöglich. Die orthodoxe Erfahrung ist ein sich der Länge nach vor Gott hinstrecken und nicht ein sich Hinaufziehen. Die orthodoxe Kirche, wie auch die Seele, ist so der Gotik entgegengesetzt. In der Orthodoxie gibt es keine Kälte, keine Leidenschaft. In der Orthodoxie ist es warm, sogar heiß. In der orthodoxen Mystik ist das konkrete, in den Evangelien beschriebene Bild Christi nicht so nahe. Die orthodoxe Mystik ist nicht sinnlich, sie hält die Sinnlichkeit für eine Verlockung, sie lehnt die Vorstellung als einen falschen Weg ab. In der Orthodoxie ist es nicht möglich zu sagen: Mein Jesus, nächster, geliebter. In die orthodoxe Kirche und in die orthodoxe Seele lässt sich Christus hinab und wärmt sie. Und es gibt keine quälende Leidenschaft in der orthodoxen Mystik. Die Orthodoxie ist nicht romantisch, sie ist realistisch, nüchtern. Ernüchterung ist der mystische Weg der Orthodoxie. Die Orthodoxie ist satt, geistlich gefüllt. Mystische orthodoxe Erfahrung ist die Ehe, nicht die Verliebtheit.“

Auszug aus: Der Sinn des Schaffens. Nikolai Berdaev. In eigener Übersetzung aus dem Russischen.

2 Kommentare

  1. Er beschreibt nicht die katholische Kirche, wie ich sie gelernt habe. Sätze wie „Gott selbst kommt sicher nicht in die Kirche und in die Seele.“ oder „Für den katholischen Westen ist Christus ein Objekt. Er ist außerhalb der menschlichen Seele.“ finde ich falsch. Ob dann die Beschreibung der Ost-Kirche stimmt, kann ich nicht abschätzen.

    Gefällt 1 Person

    1. Mmm, ich finde nicht, dass die Beschreibung ganz falsch ist, sie ist ja nicht absolut gemeint, sondern im Sinne einer Typologie oder Tendenz, die wie ich finde, tatsächlich bis in die Architektur der Kircheninnenräume (deshalb die Bildauswahl) sichtbar wird, zB. hohe Kirchtürme, die versuchen, bis in den Himmel zu ragen, Skulpturen von Heiligen, die von oben auf einen herabschauen (Eros) oder total vollgestopfte Kirchenräume mit Wandbildern, Ikonen, Lichtern, Pflanzen (Agape) bis hinein in die Liturgie, bei der man sich bei den Orthodoxen wie im heimischen Wohnzimmer fühlt, wenn die Kinder um einen herumtollen und ein ständiges Kommen und Gehen herrscht und bei den Katholiken ein Gesang uns in eine jenseitige Welt lockt, nach der wir uns sehnen… sicherlich kann es in diesem Sinne auch in katholischen Kirchen „Ehe“ und in orthodoxen Kirchen „Verliebtheit“ geben.

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