Bewusstseinszustände

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„Zustände“ sind neben Stufen, Typen, Quadranten und Linien ein wesentliches Element der integralen Theorie Wilbers.

In jedem Quadrant gibt es entsprechende Zustände: Von Angstzuständen (oben links), Aggregatzuständen (oben rechts), politischen Zuständen wie Diktatur (unten rechts) zu geteilter Ekstase beim Sex (unten links).

Im Folgenden soll es um den oberen linken Quadranten gehen. Dabei ist aber wichtig, im Hinterkopf zu behalten, dass jedem dieser inneren Zustände ein bestimmter äußerer, messbarer Zustand (im rechten oberen Quadranten) entspricht, wie entsprechende Frequenzen des Gehirns durch ein EEG (Gamma, Beta, Alpha, Theta, Delta-Wellen). Außerdem hat jeder Zustand einen entsprechenden Körper (grobstofflich im Wachzustand, feinstofflich/subtil im Traumzustand, kausal im Tiefschlaf).

Einige kennen alle Menschen (z.B. Tiefschlaf), andere viele (z.B. Ekstase, Flow) und einige eher wenige (peak experiences, plötzliche Erleuchtung) oder sind schlicht wenig bekannt (Zeugenbewusstsein). Denn manchmal brauchen wir nur jemanden, der uns darauf hinweist, wie sich ein bestimmter Zustand anfühlt und was ihn auszeichnet, damit wir ihn bei uns wieder erkennen und gegebenenfalls reproduzieren können. Denn das Wissen um, Wahrnehmen und Hervorrufen bestimmter Zustände ist ein nie endender Lernprozess.

Der Unterschied in diesem Lernprozess und dem Lernprozess durch die Stufen dürfte vor allem darin liegen, dass es bei ersterem auf eine bewusste Entscheidung ankommt, während letzteres (zumindest bis zu einem gewissen Alter) weitgehend automatisch, so gut wie nicht steuerbar und häufig unbewusst abläuft.

Indem du diese Zeilen liest, hast du bereits jetzt oder schon sehr viel früher die Entscheidung getroffen, dich mit dem Thema zu beschäftigen und den Lernprozess damit in Gang gebracht 🙂

Zu weiteren Entscheidungen könnten in der Folge gehören, dass du dir vornimmst, über den Tag hinweg mehr darauf zu achten, in welchem Bewusstseinszustand du dich jeweils befindest. Oder dass du beginnst, in innerlichem Gebet oder Meditation in tiefere Zustände einzutauchen. Oder gar bestimmte Atemtechniken ausprobierst oder dir eigens für diese Zwecke produzierte Musik anhörst. Oder dich einmal fragst, welche Zustände du in deinem Leben bereits erlebt hast. Oder gar versuchst, dir diese Zustände so vertraut zu machen, dass du sie leicht und schnell bewusst hervorrufen kannst – zum Beispiel, um in bestimmten Momenten die nötige Ruhe zu bewahren oder dir bestimmte Fähigkeiten zu nutze zu machen… doch dazu gleich.

Welche Bewusstseinszustände fallen dir spontan ein? Wachen? Tagträumen? Luzides Träumen? Das Sich-Selbst-Vergessen bei einer Tätigkeit oder gar ein mit anderen geteilter Flow? Tiefe Versunkenheit im Gebet? Erhöhte Achtsamkeit? Erweitertes, verändertes oder gedämpftes Bewusstsein durch Drogen? Eine Nahtoderfahrung oder eine Vision? All das gehört dazu. Tatsächlich weist unser Bewusstsein ein unglaublich breites Spektrum an möglichen Zuständen auf, die wir vermutlich nicht nur viel zu selten, sondern so gut wie gar nicht nutzen.

Ja, nutzen. Denn wir können uns viel über diese Zustände anlesen – sie aber wirklich bei uns wahrzunehmen, gezielt hervorzurufen, zu lernen, sie mal spielerisch, mal gezielt einzusetzen, ist eine zweite Entscheidung, die bewusst getroffen werden muss und dann – durch Training über Jahre, Jahrzehnte hindurch zu Ergebnissen führt.

Oft verändern wir jedoch den Zustand unseres Bewusstseins, ohne uns wirklich klar zu machen, was wir tun und warum. Wir folgen einfach weitgehend unreflektiert dem, was sich bei uns Menschen seit Jahrtausenden von Jahren bewährt hat:

  • Ihr trefft euch mit einem Mann/Frau, und habt Interesse füreinander, aber keiner traut sich, bis der erste Alkohol getrunken ist.
  • Ihr müsst auf eine Prüfung lernen und greift zur Zigarette, um einen klaren Kopf zu bekommen.
  • Ihr habt eine Frage, bei der ihr nicht weiterkommt, weil euch irgendetwas blockiert und im Traum seht ihr plötzlich eine mögliche Lösung.
  • Ihr wollt mal so richtig viel aus dem Leben herausholen und schmeißt vor dem Gang in die Disko eine Pille ein.
  • Ihr habt Liebeskummer und hört tröstliche Musik, die euch hilft, euch auszuheulen und zu beruhigen.

So eine Veränderung des Bewusstseins kennen wir auch kollektiv, zB. bei einem Konzertbesuch oder beim gemeinsamen Schischa-Rauchen.

„Die Verantwortung für die Ermöglichung von Flow kann […] nicht nur einer Seite zugeschrieben werden – weder der Musik selbst, noch dem Orchester, noch dem Dirigenten und auch nicht dem Publikum. Letztendlich ist es ein Zusammenwirken vieler günstiger Umstände, insbesondere des eigenen inneren Engagements.“

Wolfgang Hattinger, Der Dirigent. Mythos, Macht, Merkwürdigkeiten, Kassel 2013, 247

Wenn Menschen zunehmend lernen, durch bestimmte, sorgfältig ausgewählte Methoden ihren Bewusstseinszustand absichtlich zu verändern, erlangen sie offenbar gänzlich neue Fähigkeiten, die sie für sich und andere nutzen können:

Bei der Erschaffung kreativer Werke, dem Finden von Visionen und Erkenntnissen, Entwickeln von Philosophie, bei Erfindungen, bei (Fern-)Heilung, Fernwahrnehmung (Remote Viewing), Prophetie, bei gegenseitiger Erbauung im hörenden Gebet etc.

Mal ist es wichtig, die Konzentration zu erhöhen, mal, Leichtigkeit zu erzeugen, mal wichtig ins Unterbewusste einzutauchen: Jedes Unterfangen erfordert einen anderen Zustand und damit auch eine andere Methode: z.B. das Auflösen von psychischen Themen Hypnose, spezielle Atemtechniken oder bewusstseinserweiternde Drogen, die Erbringung von Spitzenleistungen im Sport luzides Träumen, das Heilen ein tiefes Eintauchen in die Alpha-Frequenz etc.

José Silva, der Erfinder der „Silva Mind Control“-Methode schreibt über seine Erfindung:

Mind Control lehrt uns, wie wir unser Bewusstsein erweitern können und in der Lage sind, es gezielt einzusetzen. Die Bezeichnung „Bewusstseinskontrolle“ ist zutreffend, denn im Gegensatz zu Drogen oder zur Hypnose behält man die absolute Kontrolle über sich selbst.

José Silva/Philip Miele: Silva Mind Control. Die universelle Methode zur Steigerung der Kreativität und Leistungsfähigkeit des menschlichen Geistes, München 1977, 22.

Er lehrte seine Schüler eine bestimmte Geste der Hand mit einem Bewusstseinszustand derart zu verknüpfen, dass dieser durch Übung später allein durch diese Geste erreicht werden konnte. Interessanterweise handelt es sich dabei um das Zusammendrücken des Daumenkuppens, Zeige- und Mittelfingers, das wir in der christlichen Tradition vom Bekreuzigen und von Jesusikonen her kennen. (Wer es jetzt noch nicht regelmäßig tut, dem sei es hiermit ausdrücklich empfohlen, da es nebenbei auch das dritte Auge/Zirbeldrüse und die Herzgegend stimuliert ;-)).

In der Bibel spielen verschiedene Bewusstseinszustände eine entscheidende Rolle („wurden vom Heiligen Geist erfüllt“, „hatte eine Erscheinung“). Wenn wir die Texte aber nicht ausdrücklich damit in Verbindung bringen, müssen sie rätselhaft bleiben oder bringen uns gar in Verlegenheit.

  • Vision eines Engels von Maria, Lk 1, vor den Hirten, Lk 2
  • Engel im Traum von Josef und den Sterndeutern, Mt 2
  • Prophetie über Jesus durch Simeon und Hanna, Lk 2
  • Die Taufe und Versuchung Jesu, Lk 3 und 4
  • Fernwahrnehmung durch Jesus (wo die meisten Fische im See sind), Lk 5
  • Heilung durch Jesus, Lk 5 f., Fernheilung durch Jesus, Lk 7, Wiederauferweckung Toter, Lk 7 und 8, Exorzismus durch Jesus Lk 8
  • Heilung und Exorzismus durch die Jünger, Lk 9 und Lk 10
  • Die Verklärung Jesu vor dreien seiner Jünger, Lk 9
  • Ekstase bei Jesu, Lk 10, Prophetie durch Jesus, Lk 21
  • Das Pfingstereignis, Apostelgeschichte 1
  • Vision des Stephanus, Apostelgeschichte 8
  • Die Handauflegung und die Übermittlung des heiligen Geistes (erhöhtes Bewusstsein), Apostelgeschichte 8 u.a.
  • Die Bekehrung des Paulus, Apostelgeschichte 9
  • Die Vision des Kornelius und des Petrus, Apostelgeschichte 10
  • u.v.m.

Die Botschaft Jesu, die mit „meta-noiete“ im Griechischen beginnt (Mk 1,15), (häufig übersetzt mit „Tut Buße!“ oder „kehrt um!“, kann ebenso als „ändert euer(e) Bewusstsein(szustand)/Gesinnung“ oder „geht über euren Verstand (nous) hinaus (meta)“ übersetzt werden. So verstehen viele integrale Christen das „Reich Gottes“ als einen erhöhten Bewusstseinszustand, in dem die Einheitserfahrung zur Selbstverständlichkeit wird.

Nicht nur unsere spirituellen Erfahrungen bestimmen, wie wir diese und ähnliche Bibelstellen deuten, sondern auch unsere geistige Reife (spirituelle Intelligenz). Eine, wenn nicht gar DIE entscheidende Idee Wilbers, was die Spiritualität betrifft, ist das Wilber-Combs-Raster. Es bringt Zustände und Stufen zusammen und macht klar: Jeder Bewusstseinszustand und das darin erlebte wird je nach Entwicklungsgrad unterschiedlich interpretiert. Hier habe ich mehr dazu geschrieben: Eine Idee, die hilft, Rätsel zu lösen.

Wenn wir Religion – nicht im Sinne der Institution, sondern im Sinne der Weitergabe von bewährten Methoden zur Bewusstseinsvertiefung/erweiterung und damit Rückbindung an unsere Quelle verstehen und praktizieren wollen, führt an diesem Wissen kein Weg mehr vorbei. Jede „Religion der Zukunft [of Tomorrow]“, so meint Wilber in seinem gleichnamigen Werk, wird diese zwei Elemente zwingend miteinander verbinden: Persönliche geistige Reifung und vertiefte spirituelle Erfahrung – Aufwachsen und Aufwachen. Nikola Anandamli Ristic, spiritueller Lehrer und Autor von „Spirit X“, nennt es schlicht: „Mind and Spirit“.

Welche Wege kennt und nutzt ihr, um gezielt euer Bewusstsein zu verändern? Gibt es Wege, die ihr auch anderen empfehlen würdet oder welche, vor denen ihr lieber abratet? Teilt gerne eure Erfahrungen in den Kommentaren, damit wir alle davon profitieren können!

Bild Gerd Altmann, Pixabay

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