DER Schlüssel zum Geheimnis des Christentums?

Gepostet von

Das Gesetz der Drei auf die Trinitätslehre angewandt

Rezension zu Cynthia Bourgeault „Die Heilige Dreifaltigkeit und das Gesetz der Drei. Der Schlüssel zum Geheimnis des Christentums“, Chalice Verlag 2020

„Das Gesetz der Drei“ stammt von Georges I. Gurdjieff. Ebenso das „Gesetz der Sieben“. Beides zusammen kombiniert ergeben das Enneagramm, das wichtigste Symbole seines Werkes, mit dem wir häufig fälschlicherweise ausschließlich ein Modell für Persönlichkeitstypen assoziieren, obwohl es dabei um weit mehr geht, eher zeitlose Welt-Prinzipien. Gurdjieff war ein Mystiker, Autor, Choreograf und Komponist und Gründer des sog. Vierten Weges. In diesen eingeweiht sind vermutlich weltweit nur wenige. Cynthia Bourgeault gehört dazu.

[…] Der Vierte Weg muss gelebt, erfahren werden, nicht einfach gedacht oder geglaubt. Die von Gurdjieff übermittelten Ideen beinhalten Wissen einer höheren Ebene, welches wir im Leben umsetzen müssen, um es zu verstehen. 

Jeanne de Salzmann, Schülerin, https://chalice-verlag.de/gurdjieff-jeanne-de-salzmann-der-vierte-weg/

Die meisten integralen Autoren, die ich bisher kennen gelernt habe, übertragen die Idee der drei Gesichter Gottes von Ken WIlber auf die Trinitätslehre von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Teilweise mit spannenden Ergebnissen, wie man z.B. bei Paul Smith sehen kann. Cynthia Bourgeault wählt einen anderen Weg. Auch ihre Ergebnisse werfen neues Licht auf dieses alte christliches Traditionsgut. Also kein Entweder-oder. Scheinbar geht es so – oder so. In beiden Fällen verwandelt sich die alte, in unseren Kirchen meist als lästiges, inhaltsloses Überbleibsel behandelte Lehre in einen Schlüssel, der uns neue Welten aufschließt und unsere Spiritualität von Grund verändern kann. Denn schlussendlich kommt es ja weniger auf die Lehre an sich, sondern auf ihre Anwendbarkeit im Alltag an.

Cynthia Bourgeault nennt das „Gesetz der Drei“ „die verborgene Antriebswelle“ und „das Geheimnis“ des Christentums. Kurz gefasst besagt es:

Bei allem, was neu entsteht (Emergenz) sind drei Kräfte am Werk: eine bejahende, eine verneinende und eine versöhnende – das Verflechten dieser bringt ein viertes in einer neuen Dimension hervor.

Die Anwendung des Gesetzes erfordere vor allem Offenheit für das Neue. Am Ende etwas heraus, was überrasche, zufrieden stelle und elegant wirke.

Den besten Zugang zur dritten Kraft erhalten wir durch eine wachsame, flexible Präsenz, die es vermag, die Spannung von Gegensätzen auszuhalten.

S. 65

Cynthia Bourgeault sieht das „Gesetz der Drei“ im Gegensatz zur im Abendland gängigen Synthese aus These und Antithese: Aus zweien entsteht ein drittes. Letzteres zählt sie zu einer „binären Metaphysik“, wohingegen das „Gesetz der Drei“ eine ternäre Metaphysik stütze. Im Zuge dessen kritisiert sie auch Ken Wilbers Rezeption der „Philosophie perennis“, in deren Mittelpunkt die Vorstellung der „Emanation“ der Gottheit stehe. Diese „Kette“ bezeichnet sie als „kosmologische Rotverschiebung“: Die spirituelle Welt werde analog der physikalischen gedacht, wonach sich das Universum nach dem Urknall immer mehr ausweite und von seiner Quelle entferne. Heißt: Gott ist immer weiter weg.

Dieser klassischen Metaphysik mit ihrer Vorstellung einer Leiter oder Kette stellt sie die Vorstellung eines Gottes gegenüber, der bei allem Neuentstehenden gleichermaßen beteiligt ist. Als Vergleich wählt sie dazu u.a. den Faden, der sowohl ober- als auch unterhalb des Stoffes verläuft und die Naht bildet.

Damit ist sie jedoch gar nicht so weit von Wilber entfernt, wie sie glaubt, zumindest nicht dem aktuellen. Denn dieser rückt seit „Integrale Spiritualität“ immer mehr von der klassischen Metaphysik ab und ändert im Zuge dessen auch seinen Materiebegriff: Im Anschluss an Teilhard de Chardin versteht er Materie als die Außenseite, Bewusstsein als die Innenseite der Welt. Damit steht das Göttliche ebenfalls an keiner gedachten Leiterspitze, sondern liegt allen Manifestationen auf jeder Leitersprosse gleichermaßen zugrunde. So wie der Faden im obigen Bild eben bei allem mit dabei ist.

Cynthia Bourgeault ist sich selbstverständlich bewusst, wie provokant das klingt: „DER Schlüssel zu DEM Geheimnis des Christentums.“ Als ob jemand jetzt plötzlich 2000 Jahre nach Jesu es endlich geschnallt hätte. Oder jemand das 2000 Jahre lang unter Verschluss gehaltene Wissen ausgeplaudert hätte. Aber wer weiß…

„[Wir] erfuhren […] auch, dass das Gesetz der Drei seine Ursprünge tief in den mündlichen Überlieferungen der orthodoxen Kirche des Ostens hat“

S. 16

Dass der Zusammenhang jedoch geschichtlich schwer zu begründen ist, gibt sie selbst zu. Um dennoch eine Brücke zwischen der christlichen Tradition und dem „Gesetz der Drei“ zu bauen, beruft sie sich, nach einer ausführlichen Darstellung des Gesetzes, im zweiten Teil ihres Buches auf Jakob Böhmes Kosmologie, die in eine ähnliche Richtung zu weisen scheint.

Im dritten Teil des Buches gelangt sie schließlich durch die Anwendung des Gesetzes der Drei auf christliches Traditionsgut zu sieben verschiedenen Triaden, die jeweils auf eine bestimmte, gesetzesmäße Art miteinander verwoben sind (z.B. Herz Gottes, Einheit, Wahrnehmung) Dadurch haben wir es plötzlich mit mehreren Trinitäten zu tun, die alle auf ihre Weise Sinn machen und einem bestimmten Zeitabschnitt zugeordnet werden können: Der Zeit vor dem Urknall, Jesu Lebzeit und der Endpunkt aller Zeit. Dadurch entwirft sie ein dynamisches Modell, das schließlich uns – die heute lebenden Menschen- und unsere Bestimmung – mit einschließt und Sinnperspektiven aufzuzeigen vermag.

Die Reise in die Zeit, in die Form und in die Zwänge ist auch eine Reise von der Potenzialität zur Verwirklichung und eine „Befreiung ins Sein“ von Eigenschaften (wie Liebe und Großzügigkeit), die als reine Möglichkeit nicht existieren können, sondern nur als verwirklichtes Handeln.

S. 230

Das führt jedoch zu einigen Besonderheiten, durch die von vielen anderen integralen Theologen abweicht: Zum Beispiel beharrt sie auf der Singularität Jesu und weist diesem auch als Mensch eine zentrale Rolle innerhalb der Menschheitsgeschichte zu.

Ich muss gestehen, dieses Buch ist eine harte Nuss. Entweder der Leser gibt nach wenigen Seiten ermüdet und angestrengt auf, oder es packt ihn ein leidenschaftlicher Ehrgeiz, das angedeutete „Geheimnis“ zu knacken und mit Cynthia Bourgeault an der Seite hinter die Kulissen der Welt zu blicken. Dieses Unterfangen jedoch könnte sich als endlos erweisen. Es ähnelt, so scheint mir, eher als sei es eine Art Köder, der Appetit auf mehr macht: Auf ein noch tieferes, erfahrungsgetränktes Verständnis dessen, wovon hier die Rede ist, und die praktische Anwendung des neu Gelernten. Ich kann jedenfalls nicht behaupten, alles auch nur im Ansatz be“griffen“ zu haben.

Zugeben muss ich auch, dass mir ihre Spekulationen manchmal ein Stück zu originell, gekünstelt und seltsam anmuten: So ihre Deutung zu Jesu Geburt, mit der sie das Dogma von der Jungfräulichkeit Marias durch Metaphysik neu untermauert. Oder ihre Ausführungen zum Filioque, durch die sie sich unweigerlich in Opposition zur gesamten ostkirchlichen Tradition begibt.

Fazit: Kein Buch für jeden. Aber ein Must-Have für alle Cynthia Bourgeault- und Gurdjieff-Fans und alle, die lernen wollen, wie sich die Trinitätslehre dynamischer fassen lässt und zu einem roten Faden wird, der sich von uns auf das tägliche Leben anwenden lässt.

Hier könnt ihr mehr zu George Gurdjeff und seiner Schule lesen: https://gurdjieffclub.com/de/princzipy-raboty/

Der Chalice Verlag führt zahlreiche weitere Titel zu seinem Werk: https://chalice-verlag.de/gurdjieff-vierter-weg-buecher-videos-texte/

Bild von Janet Flanner-Solita, Wikipedia Commons

2 Kommentare

  1. Ich finds allgemein interessant, wie viele kleine Sachen es hier so gibt, Theosophen, Gralsbotschaft, Baha’u’llah, usw., alle mit eigenen Vereinen, Häusern, Vorstehern… und eben auch die Gurdjieff Schule. Von denen hab ich mir mal kostenlose Bücher zuschicken lassen, konnte aber mit seinen Klassifizierungen nichts anfangen. Er selbst war ein tamas-Meister (wenn man ihn überhaupt als einen bezeichnen kann), der seine europäischen Schüler ordentlich gequält hat. Das ist zumindest alles, was ich rausgelesen habe. „An den Früchten werdet ihr sie erkennen“, aber was für gute Früchte er hervorgebracht hat ist mir unklar. Gut fand ich den alten schwarz-weiß Film über ihn „Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen“, weil atmosphärisch in dieser Erzählung irgendwie rauskommt, wie ungreifbar geheimnisvoll die innere Suche sein kann (und früher musste man ja auch viel mehr dafür aufwenden). Ansonsten kann ich nix mit ihm anfangen.

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  2. Bekanntlich wollte Hegel die Dreieinigkeit verstehen und kam deshalb auf die Einheit von These-Anithese-Synthese. Nun weiß ich nicht, ob das, was Gurdjieff sagte, wirklich anders ist. Wie gut man aber mit dem Gedanken Hegels alles erklären kann, wird viell. auch aus meiner neuesten Arbeit deutlich (für viele viell. genauso schwer zu verstehen, wie Gurdjieff): https://www.academia.edu/47776276/Ursprung_und_Ziel_Wie_die_Evolution_weitergeht_

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