Die Memoiren des Judas

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Eine mögliche Deutung der Kreuzigung Jesu abseits der Sühnetheologie

In seinem noch unveröffentlichten Romanmanuskript geht Dr. Helmut Felzmann von der These aus, dass Jesus die Kreuzigung überlebt habe. Auf dieser Grundlage entwirft er einen fiktiven Dialog zweier Schüler von Paulus, die bei ihrer Missionsreise in Indien überraschend auf den echten Jesus treffen, der mittlerweile mit Maria eine Familie gegründet hat. Diese Begegnung lässt sie auf einen Schlag alles in Frage stellen, was sie meinten, von Jesus und seiner Botschaft zu verstehen: Denn wenn er immer noch lebt, kann sein Tod am Kreuz sie gar nicht erlöst haben – oder vielleicht doch?… Für die „Ich-Perspektive“ des Erzählers wählt der Autor ausgerechnet Judas, den [angeblichen?] Verräter.

Am Abend begann Barnabas das Gespräch gleich mit einer Frage: „Dass du dich selbst nicht als Opfer siehst, haben wir begriffen. Aber sage uns bitte, was ist dann DEINE Bedeutung der Kreuzigung? Diese Frage hast du uns noch immer nicht beantwortet. Warum hast du die Kreuzigung auf dich genommen? Du hättest doch untertauchen und ins sichere Ausland fliehen können. So wie du es später getan hast.“

Yeshua stimmte zu: „Richtig! Ich war mir dessen immer bewusst. Alles war meine freie Entscheidung. Meine Kreuzigung war kein Unfall! Aber was wäre die Alternative gewesen – fliehen und mir bei König Abgar ein schönes Leben machen?“

„Ich hätte das sicherlich getan“, warf ich ein.

„Als ich am Abend meiner Verhaftung im Garten Gethsemane gebetet habe, gab es einen Kampf in mir. Ich hatte schreckliche Angst. Ich wusste genau, was mich erwartete, denn ich hatte schon Kreuzigungen mit ansehen müssen. Dem Teil in mir, der sich mit meinem Körper identifizierte, ging es um die Sicherheit meines Leibes. Er wollte keine Schmerzen erleiden, er wollte vor allem nicht sterben. Dieser Teil sagte zu mir: ‚DU BIST WAHNSINNIG, WENN DU BLEIBST!‘ 

Der andere Teil aber, der aus der Tiefe meines Seins heraus sprach, sagte mir, dass jetzt die Bewährungsprobe gekommen sei für alles, was ich glaube und lehre: ‚FOLGE DER LIEBE UND NICHT DER ANGST!‘ Christus in uns denkt und lebt aus einer ewigen, göttlichen Perspektive heraus. Ich konnte den Leidensweg, der sich vor mir auftat, als eine persönliche Lernaufgabe annehmen. Genau deswegen war ich in dieses Leben getreten: Ich wollte das Höchste lernen, was man in diesem Leben lernen kann.“

Yeshua legte seinen rechten Zeigefinger vor seinen Mund, so als erbitte er sich Stille, um nachzudenken. Dann streckte er seinen Arm nach oben und zeigte in Richtung Himmel.  „Was ist das Höchste, das wir in diesem Leben lernen können? Geht es nicht darum zu erfahren und dann auch zu lehren, was es heißt, Sünde und Tod zu überwinden? Wir überwinden die Sünde nicht dadurch, dass wir unsere fleischliche Natur bekämpft oder unsere Selbstbezogenheit ans Kreuz nagelt, denn alles, wogegen wir ankämpfen, verstärken wir. Aber was bedeutet das: Die Überwindung von Sünde und Tod?

Solange wir die sichtbare zeitliche Welt für die einzige Wirklichkeit halten, sind wir dazu verurteilt, im Einflussbereich der Sünde zu leben. Denn der „Inhaber“ dieser Welt ist das kleine, zeitliche Ich, und das hat von wirklicher Liebe und damit von Gott keine Ahnung. Es kann nur in seiner Selbstbezogenheit denken und existieren. In dieser Welt verdanken wir unsere Existenz der Abspaltung vom Ganzen. Individualität ist nur auf der Grundlage von Getrenntheit möglich. Alleine durch unsere Existenz sind wir also etwas Getrenntes geworden: Getrennt voneinander, getrennt von der Welt und natürlich auch getrennt von Gott, den es in dieser Welt nicht geben kann. Wenn es in dieser Welt dennoch einen Gott gibt, dann nur einen, den sich Menschen ausgedacht haben. Wie soll es in einer solchen Welt auch Liebe geben, wo es ums Überleben geht, wo der Stärkste gewinnt. Die „Belohnung“ für eine solche Weltsicht ist der Tod, denn er muss dann wirklich sein. So gesehen hat Paulus recht, wenn er schreibt: „Der Tod ist der Sünde Sold.“ Wer in einer Welt lebt, in der die Existenz erst durch Trennung entsteht, hat keine andere Wahl als zu „sündigen“. Auch hier hat Paulus recht, seine Worte sagen die Wahrheit: ‚Die Menschen sind allzumal Sünder und ermangeln der Herrlichkeit, die sie vor Gott haben sollten.‘

Nein, die Sünde kann nur dadurch überwunden werden, dass das gesamte Denksystem des kleinen zeitlichen Ich VON GRUND AUF infrage gestellt wird. Das Geistige, Ewige ist die eigentliche Wirklichkeit, nur in ihr können wir die Einheit finden: mit uns selbst, mit allem Lebendigen und natürlich auch mit Gott, denn wir SIND in unserem wahren Kern ewiger Geist. Die Liebe scheint aus dem Unsichtbaren heraus. Nur dort kann die Überwindung der Sünde gelingen. Nur die Erkenntnis der Wahrheit macht frei. Durch die Überwindung der Sünde lernen wir auch, dass es den Tod nicht gibt. Es gibt das Ende unseres Körpers – gewiss. Aber wir selbst sind von unserer göttlichen Natur her unsterbliche, ewige Wesen, so wie Gott. Daher brauchen wir keine Angst vor dem Tod haben. Vor etwas, das es nicht gibt, muss man sich nicht fürchten. Jeder Mensch kann Sünde und Tod überwinden, ganz einfach dadurch, dass er die Wahrheit über sich selbst erkennt. Unsere Größe kommt von Gott. Jeder Mensch teilt sie im Grunde seiner Seele mit Ihm.  Alles hängt am Sehen!

Das bedeutet nicht, dass sich jeder Mensch kreuzigen lassen sollte, um diese Erfahrung zu machen. Der Inhalt des Lernens ist immer derselbe, die Form jedoch, in der dies geschieht, ist von Mensch zu Mensch sehr individuell. 

Leider gibt es die Überzeugung, Leiden und Selbstkasteiung trügen einen Gewinn in sich. Einige halten es für eine heilige Tugend, sich selbst in irgendeiner Weise zu quälen oder zu opfern. Das ist eins schlimme Verwirrung des Geistes. 

Ich habe den Ruf meines Vaters gehört. Hätte ich ihn verpasst oder gar abgelehnt, wäre mir mein Leben wie Sand durch die Finger geronnen. Obwohl ich im Garten Gethsemane Blut und Wasser schwitzte, war ich mir selbst und damit meinem Himmlischen Vater noch nie so nahe gewesen wie in dieser Stunde der Wahrheit. Wäre ich vor Angst geflohen, hätte ich mein Leben vergeudet. Aber weil ich ganz ausgerichtet war auf das göttliche Licht in mir, wäre es für mich unerträglich gewesen, es zu verschwenden. Je näher wir Gott, unserer Quelle, dem innersten Kern unseres Seins kommen, desto mehr zieht Er uns zu Sich. Umso mehr leben wir aus unserer wirklichen Identität heraus.“

Yeshua griff zu seinem Becher, führte ihn an die trockenen Lippen und benetzte sie, hielt aber inne. Er drehte ihn in seiner Hand und sagte nachdenklich: 

„Ich erkannte, dass es mir nicht mehr möglich war, den Kelch an mir vorüber gehen zu lassen. Ich hätte die Freiheit gehabt. Mein Himmlischer Vater hat das nie von mir verlangt. Aber ich habe es getan – aus Liebe zu mir selbst und zu Ihm. Nicht jeder wird das verstehen.“ In diesem Moment stand er auf, so wie er es damals bei unserem letzten Abendmahl getan hatte, nahm einen langen Zug aus seinem Becher, setzte ihn nicht ohne einen Laut ab und sagte mit kräftiger Stimme: „Der Lohn ist unermesslich. Ich durfte noch am Kreuz und im Grab Gott sehen. Dass ich die Kreuzigung überlebte und heute mit meiner Familie hier sein darf, ist ein Geschenk, eine Zugabe, die ich damals im Garten Gethsemane weder vorhersehen noch erwarten konnte.“

Langsam setzte er sich wieder auf seinen Stuhl aufrecht hin und fuhr mit entschiedener, beinahe eindringlicher Stimme fort, so als dulde das Gesagte keinen Widerspruch: „Dieser Gewinn geht jedoch weit über mein persönliches Leben hinaus. Alleine dadurch, dass ich diesen Weg gegangen bin, gibt es ihn. Jeder Mensch ist dazu eingeladen, selbst diesen Weg der Liebe und der inneren Nähe zu sich zu gehen, in welcher persönlichen Weise auch immer.“

Die Stimmung im Raum hatte fast etwas Feierliches bekommen. Yeshua strahlte einen Sieg aus, der etwas von einer Reinheit und Tiefe hatte, die kaum zu beschreiben ist. Licht schien durch seinen Körper zu fließen und von ihm auszugehen. Dies war das erste Mal, dass Yeshua so klar über die Bedeutung seines Leidens sprach. Mir standen Tränen in den Augen. Erst jetzt verstand ich das Rätsel. Es war, als hätte sich ein Knoten in meinem Denken gelöst, als wäre ein Damm gebrochen und es platzte aus mir heraus:

„Endlich kann ich den Sinn deines Leidens sehen! Ich konnte deinen Weg nie wirklich akzeptieren. Ich hielt deine Verurteilung und deine Kreuzigung damals für eine Art von Verrat. Ich sah sie als Treulosigkeit Gottes an, dir gegenüber und auch uns allen gegenüber, weil er uns nicht geschützt hatte. Er hätte einfach ein Machtwort sprechen können. Kaiphas hätte plötzlich tot umfallen können. Er hätte die Herzen der Mitglieder des Hohen Rates bewegen können, sodass sie für dich gestimmt hätten. Der Allmächtige hätte tausend Möglichkeiten gehabt, dieses Unheil abzuwenden. Nichts hat er getan, einfach nur zugeschaut. Auch du brachtest uns alle in eine schlimme Lage.

Jetzt kann ich sehen, wie unreif mein Denken damals war. 

Ich kann erkennen, wie kostbar jede Stunde unseres Lebens ist und wie schade es ist, wenn es vergeudet wird. Die Länge unseres irdischen Lebens ist nicht wichtig. Entscheidend ist allein, wie nahe wir uns selbst kommen und wie sehr wir uns selbst treu sind, als diejenigen, die wir seit Anbeginn waren und in Ewigkeit sein werden.“

Zum Autor: Dr. Helmut Felzmann wurde 1953 in Mün­chen ge­boren, ist verheiratet, Vater zweier Töch­ter.  Mit 19 erlebte er eine überraschende, tiefge­hende mys­tische Erfahrung. Seitdem interes­sieren ihn spi­rituelle Fragen und die geis­tigen Hinter­gründe des Lebens. Auf der Su­che nach Wahr­heit wurde er 1975 Mitglied einer christlic­hen Frei­kirche, die er nach 10 Jahren ent­täuscht verließ. Heilungs- und Selbsterfahrungsseminare deck­ten ein frühes Kindheitstrau­ma auf. Im Rah­men des Heilungspro­zesses beschloss er, selbst Traumathe­rapeut zu wer­den. Zuvor hatte er mit sei­ner Soft­ware für Schuh­händler weltlichen Erfolg als Marktführer in Eu­ropa. Als Autor liegt ihm die Entwick­lung ei­ner gesun­den Spiritualität jenseits von Reli­gion und materia­listischer Wissenschaft am Herzen: http://www.hfelzmann.de

3 Kommentare

  1. „Jeder Mensch kann Sünde und Tod überwinden, ganz einfach dadurch, dass er die Wahrheit über sich selbst erkennt.“ Ich könnte etwas sagen zu dem „ganz einfach“. Leider gibt es immer dieses Paradox. „Nah ist und schwer zu fassen der Gott.“ (Hölderlin) Es ist einfach, aber auch unheimlich kompliziert und schwierig, der Heilsweg ist komplex. Es gibt eine Strömung, die alles Komplizierte ausgeklammert hat, der Zen Weg (eigentlich kein „Weg“…..). Die Grundvoraussetzung dafür ist, dass man Menschen instruieren kann. Der Meister spricht, der Schüler folgt – ganz einfach. Nur kann man das mit dem modernen Zeitgeist nicht machen. Und so sehe ich Religion wie eine jede andere Ausbildung auch, bestehend aus Theorie und Praxis, lernen und üben, einen Weg beschreibend, möglichst bewusst im Gleichgewicht von Handeln und Warten. Und möge es auch einfach sein…

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