#gottinderkindheit – Biografiearbeit und Spiritualität

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Gemeinsame Suche nach Kindheits-Erinnerungen

Paul Smith verweist in seinem Buch „Is your God Big Enough, Close Enough, You Enough“ (245) auf eine Gallup-Umfrage in den USA, wonach sich seit den 60er Jahren die Zahl derer, die von einer spirituellen Erfahrung erzählten, fast verdoppelt habe – entweder, weil tatsächlich mehr Menschen eine solche hätten oder weil sich mehr Menschen so frei fühlten, davon zu berichten:

In response to a separate question, half of Americans (49%) say they have had “a religious or mystical experience – that is, a moment of religious or spiritual awakening (…) it represents a sharp increase over the past four decades. (…) Since then, the number has continued to increase to roughly half of the public in this decade.

Religious and Mystical Experiences, https://www.pewforum.org/2009/12/09/many-americans-mix-multiple-faiths/

Tja. Ich weiß noch, wie ich einmal versucht habe, von einer solchen „spirituellen, mystischen Erfahrung“ zu erzählen und mich dabei auf Video aufzunehmen: Es scheiterte kläglich. Ich erzählte die Sache ein, zwei, fünf, zig-Mal. Und ich fand das Ergebnis jedes Mal seicht, banal, peinlich, schlicht: ein Ding der Unmöglichkeit. Von spirituellen Erfahrungen so zu erzählen, dass sie nicht banal, kitschig oder gar unglaubwürdig klingen, ist wirklich eine hohe Kunst, die wohl keinem über Nacht erwächst.

Marion Küstenmacher hat es dennoch gewagt: In ihrem neuen Buch, „Mein Fliegender Teppich des Geistes. Wie sich aus Kindheitserfahrungen eine lebendige Spiritualität weben lässt“, 2021. Persönlich, sprachlich schillernd, intellektuell. Und ich – und zahlreich andere, mit denen ich gesprochen habe – sind ihr dankbar dafür. Denn indem sie sich selbst so „nackig“ gemacht hat, befreit sie auch uns dazu, es ihr gleich zu tun: Und zwar nicht nur, indem wir auf Suche nach den spirituellen Momenten unserer Kindheit gehen, sondern auch, indem wir anschließend mit anderen darüber sprechen.

Die Wirkungsweise ihres Buches lässt sich mit der eines öffentlichen Aufrufs in den sozialen Netzwerken vergleichen, dem sich andere anschließen, indem sie denselben Hashtag verwenden. In diesem Fall wäre das wohl #gottinderkindheit. Mit diesen Aufrufen ist häufig auch ein Tabubruch verbunden, irgendeine zurückgedrängte Meinung oder ein Protest. So verstehe ich auch Marion Küstenmachers Unterfangen. Denn in einer Gesellschaft wie der unsrigen so offen von spirituellen Erfahrungen zu schreiben, ist noch immer für viele ein Tabu. Nicht umsonst höre ich als Feedback auf unsere Online Plattform immer wieder sinngemäß: „Ich freue mich, mich mit anderen über „solche Dinge“ offen austauschen zu können, ohne für verrückt erklärt zu werden.“

Aber das Buch ist nicht nur ein Aufruf, es ist zugleich auch eine Art Anleitung, was bereits aus dem Untertitel anklingt. Dabei geht es um die Frage, wie wir an unsere spirituellen Momente der Kindheit später anknüpfen können, also Biografiearbeit mit dem Ziel, zu einer eigenen, authentischen Spiritualität zu finden. Diese Perspektive macht deutlich, dass es nicht um das Schwelgen in süßen Erinnerungen geht, die wir wie eine Trophäe an eine Errungenschaft festhalten. Nein, diese erinnerten Momente können wie verschütt gegangene Eingänge wirken, die uns erneut Zugang zu dem Göttlichen ermöglichen.

#gottinderkindheit

Mir kamen bei der Lektüre besonders drei Schlüssel-Momente aus der eigenen Kindheit in den Sinn:

  1. Ich schaue aus dem Fenster meines Kinderzimmers, bin ca. neun/zehn Jahre alt. Beim Anblick der in der Dunkelheit leuchtenden Straßenlaterne auf der gegenüberliegenden Straßenseite spüre ich der Frage nach: Wer bin ich eigentlich? Doch nicht irgendjemand beliebiges, ein Zufallsprodukt, das in ein paar Jahren wieder von der Bildfläche verschwinden wird? Das wäre irgendwie — In mir fühlt sich etwas so an, als bleibe es. Heute würde ich sagen: Auf diese Weise des Fragens habe ich schließlich den inneren Zeugen oder mein wahres Selbst entdeckt und finde ihn immer wieder neu.
  2. 1996, Montagabend. Ich liege auf dem Bett, auf das die Nachmittagssonne scheint. Die Erschöpfung der schlaflosen, qualvollen Nächte und Tage hinter mir ist so groß, dass ich endlich wieder einen Moment des Vergessens erleben darf, als ich beginne, vor mich hin zu dösen. Ich bin bereit, „einzuschlafen“. Das wäre ich auch, wenn ich nicht am selben Abend noch notoperiert worden wäre. Aber etwas hat diese Todesnähe grundlegend in meiner Beziehung zum Tod verändert: Bis heute fühle ich mich eher zu ihm hingezogen als zu etwas, das es gut mit mir meint.
  3. In der Grundschulzeit höre ich immer wieder ein Hörbuch: Die Ottifanten, „Ein seltsamer Weihnachtsbesuch“, von mir und meinem Bruder heißgeliebt – kein Wunder, gibt es doch darin auch den „Schwesterfant“ :-). Die Musik, die Stimmung und Motive rufen das erste Mal in mir so etwas wie ein „Gefühl für Transzendenz“ wach. HAHA! Meine religiöse Früherziehung durch Otto Waalkes! Lange im Unterbewusstsein verborgen, jetzt klar vor Augen.

Prima und knapp auf den Punkt gebracht hat das Buch auch der YouTuber Jörg Ubschat alias Theo:

Vielleicht mögt ihr euch dem Aufruf anschließen und ebenfalls berichten? #gottinderkindheit

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