Das Auge des Herzens. Eine spirituelle Reise ins Reich des Imaginativen

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Das neue Buch von Cynthia Bourgeault

Wenn jemand, der nichts mit Spiritualität anfangen kann, „Das Auge des Herzens“ lesen würde, käme er höchstwahrscheinlich zum Schluss, dass es sich bei der Autorin um eine bemitleidenswerte Frau handeln muss, die in ihrem Leben immer Unglück in der Liebe zu Männern hatte und, um sich das nicht eingestehen zu müssen und die Gefühle von Enttäuschung und Wut zu durchleben, diese schmerzhafte Erkenntnis mit haufenweise Phantasiekonstrukten und wilden Spekulationen überdeckt.

Kurzum: Mir scheint, um mit dem Inhalt dieses Büchleins überhaupt etwas anfangen zu können, muss der Leser nicht nur dem Spirituellen gegenüber aufgeschlossen sein, er muss auch mindestens bis zu einer gewissen Tiefe selbst in die Thematik eingetaucht sein, um irgendwie eine Brücke schlagen zu können zwischen dem Erleben Cynthia Bourgeaults, ihren Reflexionen und dem eigenen Sein.

Cynthia selbst scheint eben genannten Verdacht selbst in Erwägung zu ziehen („einige von Ihnen werden […] der Meinung sein, ich hätte es nur geschrieben, um meine Trauer zu verarbeiten“) und kehrt ihn, ihrem Thema gemäß, ins Gegenteil um: „Diese Beziehung trat in mein Leben, um mir dieses Buch zu entlocken“ (9) Ohne das Erlebte wäre sie zumindest nie auf die Gedanken gekommen, die im Mittelpunkt des Buches stehen.

Diese zwei Themen sind im Buch eng miteinander verflochten: Bourgeaults Auseinandersetzung mit ihrem persönlichen Erleben, und die These einer imaginativen Kausalität, zu der ersteres als konkrete Illustration und literarische Hinführung dient.

Natürlich kennt Bourgeault die quälende Frage, ob es sich letztendlich doch nur um vertröstende Illusionen handelt, denen sie aufsitzt. Daher überschreibt sie das erste Kapitel mit einem Zitat:

„Obwohl einige Illusionen Konstrukte sind, sind nicht alle Konstrukte Illusionen.

Evan Thompson

Da ist einerseits ein Einsiedlermönch namens Rafe, von dem sie sich schon bald nach ihrem Kennenlernen wieder trennen muss, da er verstirbt. (Ausführlich beschrieben in „Love is stronger than death“ ) Und andererseits die nur einen Sommer währende Liebesgeschichte mit dem Griechen Kontsas, durch deren widrigen Verlauf sie Gewissheit darüber erlangt, dass ihre Verbindung zu Rafe tatsächlich, und nicht nur eingebildet, von einer tieferen Natur ist, die bis in das jenseitige Reich hineinragt und sie deshalb auch lange nach dessen Tod mit in die Pflicht nimmt. Die Rede ist von einer sog. „spirituellen Partnerschaft „im bewussten Kreis der Menschheit“ – dabei geht es darum, im Gespann von Diesseits und Jenseits durch rein geistige und damit für andere (nahezu) unsichtbare Arbeit zu dem Erhalt und der Weiterentwicklung der Menschheit beizutragen.

Die von ihr beschriebene Verbindung hat mich stark an Passagen aus der Biografie von Aurobindo und dessen Gefährtin, genannt „die Mutter“, erinnert:

„Als [Sri Aurobindo] gegangen war, gab es einen ganzen Bereich – vom gröbsten materiellen Teil der supramentalen Herabkunft bis hin zum Mentalen – der sichtbar seinen Körper verließ und in den meinen überging“, sagte Mutter, „und das war so konkret, dass ich die Kraft, die durch die Poren meiner Haut strömte, als Reibung spürte.“

Georges van Vrekhem, Über den Menschen hinaus. Leben und Werk von Sri Aurobindo und Mutter

Das „Auge des Herzens“ zeichnet sich durch eine vom Gehirn völlig unterschiedene, eigene Wahrnehmung der Welt aus. Kennzeichen davon sind: Symbole, Allegorien, Zeichen und Anspielungen im Außen, Visionen, Synchronizitäten und Fügungen, eine wie rückwärtsfließende Zeit. Mit diesem Auge liest Bourgault die Bibel. Mit dem Ergebnis, dass zwei Geschichten für sie in eins zusammen fallen: Die Geschichte von Jona und ihr eigenes, kurzes Abenteuer auf dem Schiff ihres Geliebten. Sie versteht plötzlich, dass sie ihrem Auftrag, der spirituellen Partnerschaft mit Rafe, nicht entfliehen kann und darf.

Die zentrale These der imaginativen Kausalität beschreibt Bourgeault mit dem Begriff des „Chiasmus“ (vom griechischen Buchstaben chi abgeleitet, der ein Kreuz bildet.) Zwei Ereignisse, die nicht durch eine normale Ursache-Wirkungs-Kette miteinander verbunden sind, sondern durch eine dritte Sache, die sich allein im Bewusstsein derer oder dessen erschließt, dem diese widerfahren. Ein anderer Begriff, der in diese Richtung geht, ist der der Synchronizität.

„Imaginativ“ sei keineswegs mit einer illusionären, unwirklichen Phantasie gleichzusetzen. Ganz im Gegenteil: Das Imaginative sei das subtile Zwischenreich zwischen dem Materiellen und Spirituellen (GEIST). Was in diesem Reich passiere, wirke sich schließlich auch direkt auf beide Welten aus.

Es ist ein Vorurteil des modernen Denkens, dass Ereignisse nur in der äußeren Welt geschähen.

Walter Wink

Zur Vertiefung des Verständnisses dieses Reiches und seiner Bedeutung bedient sie sich, wie auch in anderen Büchern, den Gedanken Teilhard de Chardins, Gurdjieffs, Jakob Böhmes und anderer Denker. Nicht einfach, möglicherweise bis ins Detail gänzlich unmöglich, ihr auf diesen spekulativen Höhenflügen zu folgen. Dahinter geht es wieder um die eine Frage: Was ist der spezielle Sinn, die Aufgabe, Funktion des Menschen innerhalb des großen Ganzen, das wir Kosmos nennen? Liegt er nicht wahrscheinlich genau in dieser imaginativen Arbeit durch Gebet, Aufmerksamkeit, Vorstellung und Liebe?

Zu einer der äußerst ungewöhnlichen und verstörenden Thesen im Buch gehört schließlich, dass der Mensch nicht mit einer fertigen Seele auf die Welt komme, sondern diese im Laufe des Lebens Stück für Stück aufbauen müsse:

…vielmehr ist die Seele die höchste Frucht unseres irdischen Aufenthalts, die im Siedefeuer unserer bewussten Arbeit und unseres absichtlichen Leidens verfeinert wurde.

Wie in dem Gleichnis vom Hochzeitsmal in Mt 22, wo einigen das passende Kleid (noch) zu fehlen scheint.

Definitiv eines dieser Bücher, die ich immer wieder zur Hand nehmen werde.

Ihr bekommt das Buch auf deutsch direkt beim Chalice Verlag: https://chalice-verlag.de/cynthia-bourgeault-das-auge-des-herzens-gurdjieff-teilhard-de-chardin/

Hier findet ihr auch ein interessantes aktuelles Interview mit ihr: https://chalice-verlag.de/cynthia-bourgeault-gebet-der-sammlung-reshad-feild-gurdjieff-sufismus/

Über die Wahrnehmung mit dem Herzen schreibe ich mehr in der Rezension zu Cynthia Bourgealts Buch „Das Herz im Gebet der Sammlung.“

3 Kommentare

  1. Ich habe mir irrtümlich dieses Buch zum Geburtstag gewünscht – eigentlich habe ich ein früheres Buch von Cynthia B. erwartet. Trotz der immer wieder mal kehrenden Impulsen es weg zu legen – „das ist ja abstrus“, „viel zu spekulativ“ – habe ich es ganz gelesen. Spannend fand ich Gurdjefss „Schöpfungsstrahl, das Gesetz der Drei und die in mir ankommende Ernsthaftigkeit dem mystischen Weg gegenüber beim Lesen. Vieles was sie mit Gurdjeffs Wortschöpfungen beschreibt, regt einerseits zu neuen Gedanken an, wirkt aber auch befremdlich. Etliches ist meines Erachtens sehr ähnlich wie die Begriffe der Bibel. Ich finde zum Beispiel, dass die Welten 96/48/24 ziemlich genau den Qualitäten fleischlicher/ seelischer-natürlicher / geistlicher Mensch entspricht. (z.B. 1. Kor. 2,14). Die Geschichte mit ihrem verstorbenen geistlichen Vater und Seelenverwandten Rafe als Geliebten aus dem Jenseits – nehme ich zur Kenntnis. – Ich habe bisher keine Erfahrungen mit solcher Art Unterstützung, möchte mich auch nichts gegenüber, verschliessen, das von Gott als Hilfe kommt. Die Rafe-Geschichte wirkt auf mich aber irgendwie eng und angestrengt.- Ich versteh’s wahrscheinlich nicht.

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