Die Transformation – Funktion des Messias

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Wir leben in einer Phase des Wandels, des Umbruchs, der Transformation. Darin sind sich mittlerweile fast alle einig, auch wenn die Meinungen und Einschätzungen, in welche Richtung es mit der Menschheit weitergehen wird oder soll, sehr weit auseinander liegen.

In einer integralen Online-Gruppe waren sich die Teilnehmer einig: So schnell wie möglich hin nach Türkis 🙂 (also noch eine Stufe höher als die integrale nach Spiral Dynamics).

Nun: Ich muss gestehen, ich würde mich auch freuen, wenn wir jetzt einfach mal kollektiv wenigstens auf die integrale Stufe (muss ja nicht gleich Türkis sein) übergehen könnten :-)) Aber realistisch gesehen, ist das derzeit äußerst unwahrscheinlich. Dafür ist der geschätzte Prozentsatz der Menschen, die ihren Schwerpunkt in diesem Bewusstsein haben, noch viel zu gering (zwischen 1 und 5 %). Und leider gibt es auch Faktoren, die dem entgegenwirken.

Das erste Problem dabei ist, dass die Bereitschaft zur Veränderung und Bewusstseinserweiterung extrem unterschiedlich ausgeprägt ist.

Marion Küstenmacher beschreibt das, in Aufnahme der Forschungsergebnisse von Prof. Dr. Clare Graves, anschaulich mit einer Wandertruppe: Da gibt es die Visionäre, die vorpreschen, die mutigen Vorreiter, die nachfolgen, die aktiven Unterstützer, die abwartenden Skeptiker, die passiven Bremser und schließlich die Reaktionäre, die gar aktiv blockierten:

Wie die Bremser wehren sie sich mit aller Macht, weil sie im alten Denken zentrale Rollen spielen und am meisten zu verlieren haben. […] Im Neuen Testament werden sie von der herrschenden Priesterkaste und den Schriftgelehrten verkörpert. […] Jesus […] nannte sie verblendete Führer, blinde Narren, Heuchler, übertünchte Gräber, Schlangen und Otternbrut, die das Himmelreich vor den Menschen zuschließen.

Marion Küstenmacher, Integrales Christentum. Einübung in eine neue spirituelle Intelligenz, 2018.

Das zweite Problem, über das in integralen Kreisen eher weniger gesprochen wird, ist also, dass jedem Bewusstsein nicht nur ein entsprechendes Kollektivbewusstsein entspricht, das sich erst herausbilden muss, sondern jedes Bewusstsein sich auch nach und nach passende Strukturen, Systeme und Gesellschaftsschichten miterschafft. Diese müssen, wenn sich ein neues, kollektives Bewusstsein Bahn bricht, in einem meist langwierigen und chaotisch verlaufenden Prozess verworfen und durch neue ersetzt werden (man denke nur an das Zeitalter der Aufklärung). Warum das so schwer ist, lässt sich leicht durch die Beobachtung erklären, dass Systeme dem Drang unterliegen, sich selbst zu erhalten.

Jeder externe oder interne Impuls, der diese Existenz des Systems gefährden könnte, falls er nicht unmittelbar blockiert oder ausgestoßen werden kann, wird deshalb notwendigerweise inkorporiert, zu einem Teil gemacht, integriert, und trägt dann zur wachsenden Komplexität des Systems bei.

Consious Evolution Kollektiv: Das Guruparadox. Integrale Hierarchiekompetenz und Gemeinschaftsbildung, 2019.

Es sind also nicht nur Einzelpersonen, die sich einem Wandel widersetzen, sondern ein ganzes System mit allem, was daran hängt: Macht- und Besitzverteilung, Ordnung und Gestalt, herrschende Moral etc. und nicht zuletzt die ungeheure Kraft der Trägheit.

Echter Wandel geht also nur in allen vier Quadranten zugleich: Innen und außen, individuell als auch kollektiv. System- und Gesellschaftskritik gehört m.E. daher zwingend dazu, wenn wir von einer integralen Weltengemeinschaft träumen.

In solchen chaotischen Phasen des Übergangs, wie wir sie heute erleben, kommt es regelmäßig zu Weltuntergangsprophetien. (Auf YouTube findet ihr derzeit genug Predigten, die beweisen, dass bald „die Zeit“ gekommen ist.)

[…] die heutigen Angstorgien, Weltuntergangsphantasien und Massenpsychosen dürften parallele Erscheinungen der gleichen Art sein, wie es jene der Renaissance waren.

Jean Gebser, Ursprung und Gegenwart, 1. Teil: Die Fundamente der aperspektivischen Welt, S. 200

Hier lohnt sich eine Beschäftigung mit dem biblischen Zeugnis aus einer integralen Perspektive. Hier verstehen wir Apokalypsen eher als Mythen, dh. Geschichten, die zeitlose Wahrheiten über den Wandel von einer alten zu einer neuen Welt, der immer wieder stattfindet, transportieren.

Der integrale Theologe Doug King vertritt hier eine ganz eigene, m.E. erhellende Sichtweise. Er sieht die Funktion des Messias (Christus) in der Transformation. Ziel sei dabei, dass Mensch seine Identität nicht mehr aus der Form, sondern aus dem Formlosen bezieht. Die Apokalypse liest er folglich auch als Übergang zwischen der einen und der anderen Wahrnehmung. Siehe auch meinen früheren Artikel hierzu: Zeitenwende statt Weltuntergang.

In einem neueren Vortrag, den ich euch unten verlinke, vertieft er nun dieses Thema.

Ich versuche, euch im Folgenden den Inhalt zusammenzufassen. Ich muss zugeben, dass sich mir durch seine Art Theologie zu treiben, vieles in der Bibel noch einmal gänzlich neu erschließt. King vermag es, Dinge äußerst prägnant auf den Punkt zu bringen und auf einer Meta-Ebene zusammenzuführen, dass ich regelmäßig sog. „Aha“-Momente erlebe, wenn ich ihm zuhöre.

Das Thema der Transformation stellt King durch eine Grafik dar: Zwei Kreise, die sich überlappen: Der eine Kreis steht dabei für die Form, der zweite für das Formlose, dazwischen findet die Transformation statt. Eine Welt kommt zu einem Ende, eine Form vergeht, und eine neue, noch ungeformte, kommt zum Vorschein und manifestiert sich.

Bei der Form gehe es, so King, um Rolle und Funktion, bei dem Formlosen um die Identität. In einem Bewusstsein erster Ordnung (auch „First Tier“ in Spiral Dynamics) werde die eigene Identität stets von Rollen und Funktionen abgeleitet, im Bewusstsein der zweiten Ordnung hingegen über das Göttliche. Ersteres baue Grenzen auf und spalte, letzteres vereine – da Christen und Muslime, zugleich: Alle Brüder und Schwestern, alle göttliches Bewusstsein.

Das Kreuz Jesus stehe für die Aufgabe der Form – durch den Tod. Es ist als Übergang Geburts- und Sterbevorgang zugleich. Der alte, im Bewusstsein der Trennung lebende Adam stirbt, der neue, erwachte Adam, wird geboren. Sein Christologie ist demnach identisch mit der Eschatologie: Eine Zeit kommt zu einem Ende, eine neue bricht an. Die paulinischen Termini hierfür sei die Welt „des Fleisches“ und die „Welt des Geistes“. Bei der Form gibt es Anhaftung, im Formlosen wird alle Anhaften aufgegeben.

Aber eins muss ich euch sagen, Brüder und Schwestern: Die Zeit ist knapp, und daher gilt nun: Ein verheirateter Mann soll so leben, als hätte er keine Frau. Wer weint, soll sich nicht von der Trauer überwältigen lassen. Wer sich freut, soll sich nicht in der Freude verlieren. Wer etwas kauft, soll es nicht festhalten wollen. Und wer die Dinge dieser Welt benutzt, soll gut auf sie verzichten können. Denn die Welt in ihrer jetzigen Gestalt vergeht.

1. Korinther 7, 29-31

In Jesus sieht King den Vorläufer, der seine Identität aus dem Formlosen ableite, worin ihm nach und nach das Kollektiv (die Kirche) folge: die Bewohner des himmlischen Jerusalem.

Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde.Denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen.

Offenbarung 21,1

Drei Dinge, die uns als Christen gerade in dunklen Zeiten hoffnungsfroh stimmen können, sind aus meiner Sicht:

  • Wir können schon heute, hier und jetzt, Bewohner des himmlischen Jerusalem werden, indem wir unsere Identifikation mit der Form (Ego) gegen eine Identifikation mit dem Formlosen, Göttlichen (Selbst) austauschen. Das hilft uns auch, einen gewissen Abstand gegenüber dem Zeitgeschehen zu wahren.
  • Wir glauben an eine Macht, die ein Happy End „gewährleistet“. Es ist viel, aber nicht alles offen. Liebe wird sich am Ende immer als stärker als die Angst erweisen.
  • Wir dürfen annehmen, dass die spirituelle Welt (Engel, Heilige, Jesus) uns begleitet und hilfreich interveniert.

Cynthia Bourgeault begründet diese Hoffnung in ihrem, vor kurzem auch auf deutsch erschienen Buch „Das Auge des Herzens“ so: Der bewusste Kreis (spirituelle Helfer aus der jenseitigen Welt) greife immer dann ein, wenn Zeiten „eines planetarischen Notstands“ an der „Schwelle eines erneuten evolutionären Bewusstseinssprungs“ herrschten. Das sei jetzt der Fall.

Wir stehen am Beginn von etwas, was von vielen als das „zweite axiale Erwachen“ (in Anlehnung an den Begriff der „Achsenzeit“ von Karl Jaspers, Anm.) bezeichnet wird und einen kollektiven Quantensprung zur nächsten Ebene der bewussten Evolution ankündigt. […]

S. 147

Weil in der derzeitigen ökologischen Krise die Frage im Raum stände, ob die Menschheit kurz davor stehe, sich selbst und viele andere auszulöschen, sei das Einschreiten „nicht bloß eine Möglichkeit, sondern eine faktische Gewissheit.“ Denn nur die integrale Stufe befähige die Menschen dazu, „vom Ganzen her zu denken.“

Für mich bedeutet dies vor allem, dass wir Hilfe und Weisheit von der anderen Seite brauchen werden, eine Kraft und eine Klarheit, die weit über unser eigenes menschliches Vermögen hinausgehen. Mit anderen Worten: Wir haben es mit einer GROSSEN Krise oder einer großen Schwelle zu tun, die einen deutlich höheren Beitrag von dem erfordert, was Jakob Böhme »Beweglichkeit und Majestät« nannte: also die spirituelle Einwirkung aus Welten, die höher sind, als die unsrige. Hoffentlich kann dies zu einer Trendwende führen und diese Krise in eine neue Bewusstseinsschwelle verwandeln (vielleicht hin zum lang erwarteten Anbruch des Integralen?). Aber ich zögere, ganz so weit zu gehen.

Cynthia Bourgeault, https://chalice-verlag.de/cynthia-bourgeault-gebet-der-sammlung-reshad-feild-gurdjieff-sufismus/

Vortrag von Doug King mit dem Titel „Theologie ohne Mauern. Teil 3. Christologie als Trans-Form“:

Ein Lesetipp bzgl. des derzeitigen kollektiven „Steckenbleibens“. Der Psychotherapeut Joseph Dillard wirft einen kritischen Blick auf die integrale Szene: https://one-mind.net/blinde-flecken-im-integralen-aqal-weltbild/

Uuuff. Da habe ich jetzt viel zusammengeschrieben :-)) Was meint ihr zu all dem? Was für Gedanken und Ideen verbindet ihr mit dem Thema „Transformation“ oder „Wandel“?

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