Askese – wie, weshalb, warum.

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Jesus und seine Jünger waren Asketen

Was verbindet ihr mit dem Wort „Askese“? Fotos von abgemagerten Indern, die auf Nägelbrettern sitzen? Sich blutig geißelnde Mönche? Harte Holzbetten ohne Kissen? Unterdrückung von „bösen“ Gedanken und Gelüsten?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich Jesus Askese unterworfen hat. Wir lesen im Neuen Testament, dass er seine Familie verließ, (wahrscheinlich) ehelos lebte, dass er zeitweise fastete; dass er und seine Jünger auf ein festen Wohnsitz verzichtete; dass er ihnen zu Besitzverzicht riet usw.

Manche vermuten, dass Jesus paranormale Fähigkeiten (Heilung, Materialisieren, Telepathie, Fernwahrnehmung usw.) sich dadurch erklären lassen, dass er Praktiken übte, die starke Parallelen mit den Praktiken aus dem Raja Yoga aufweisen. Bekannt dafür ist das Buch „The Yoga of Jesus: Understanding the Hidden Teachings of the Gospels“ von Paramahansa Yogananda.

Von der Askese zum Tantra

Auf früheren seelischen Evolutionsstufen war die Askese, die Selbstunterdrückung, das Negieren der Gefühle und Bedürfnisse anscheinend nötig, um höhere Seelenqualitäten des Menschen zu generieren. Aber das Gesetz unserer Zeit ist das Ganzheitliche, Tantrische, eine höhere, aber auch schwierigere Stufe als die asketische.

Dr. Martin Spiegel, Der Weg der Gefühle. Aus dem Kopf, aus dem Herzen oder aus dem Bauch? Tattva Viveka 56, 8-14.

Cyprian Consiglio überschreibt ein Kapitel seines Buches „Spirit, Soul, Body. Toward an Integral Christian Spirituality“ mit „A new ascetism“ (Eine neue Askese)“. Der Antrieb zu dieser neuen Askese sei nicht mehr in dem Hass gegenüber dem Körper begründet, sondern in dessen Wertschätzung sowie in der Liebe zur Mutter Erde. Es gehe nicht darum, unsere Leidenschaften zu unterdrücken, sondern sie umzuwandeln. Dabei beruft er sich u.a. auf die tantrische Bewegung in Indien, die den Körper als notwendiges Werkzeug für die spirituelle Erfahrung in den Mittelpunkt gestellt habe: Nur inkarnierte Wesen könnten die Erfahrung der Erleuchtung machen. Consiglio schlägt daher vor, statt ab und zu ganz zu fasten, sich besser die ganze Zeit gesund und bewusst zu ernähren oder, statt sich körperlich zu züchtigen, joggen zu gehen.

In der Idee einer integralen Lebenspraxis scheint dies weitergeführt zu werden.

Die Theologieprofessorin Sabine Bobert erläutert:

Askese […] meint schlichtweg „Training“, wie dies bereits Paulus in 1. Kor 9,24-27 im Hinblick auf seinen eigenen spirituellen Trainingsweg formuliert und der christlichen Gemeinde in Korinth ebenfalls nahelegt. Für die antiken Philosophen hing Selbsterkenntnis […] mit einer Reinigung des menschlichen Geistes zusammen sowie mit einem Kontrollgewinn über eigene Gefühle und Begierden, die die Wahrnehmung sowie ein objektives Urteil trüben können.

Jesus-Gebet und neue Mystik. Grundlagen einer christlichen Mystagogik, 2012.

Siegfried Essen unterscheidet in seinem Buch „Selbstliebe als Lebenskunst“ zwischen einer Disziplin aus Selbstliebe und einer Disziplin aus Selbstverachtung:

Meditiere oder bete ich zum Beispiel aus und in Liebe zum Leben, zur Erde, auf der ich sitze, stehe oder gehe, in Liebe zu meinem Körper und in Dankbarkeit für jeden Atemzug, oder meditiere ich aus Selbstzweifel, Angst oder Ehrgeiz, um mich einem vermeintlichen Ziel näherzubringen?

Selbstliebe als Lebenskunst. Ein systemisch-spiritueller Übungsweg. 2021, 80

Gesunde und pathologische Askese

Der Wiener Psychiater Raphael Bonelli geht in einem Vortrag (das Video habe ich euch unten eingebunden) der Frage nach, worin der Sinn und Zweck von Askese besteht und versucht zwischen gesunden und pathologischen Formen zu unterscheiden.

Während in Sigmund Freuds Modell von Über-Ich, Ich und Es der Mensch selbst unfrei sei, betone ein Modell, das die Dreiteilung in Vernunft, Wille, Emotion oder auch Kopf, Herz, Bauch vornimmt, die Entscheidungsfreiheit des Menschen. Askese vergrößere diese Freiheit, indem sie

  • den Kopf ordne
  • das Herz stärke
  • den Bauch kultiviere.

Dadurch führe sie zu

  • innerer Ordnung
  • Kooperationsfähigkeit
  • und Selbsttranszendenz.

Welche Assoziationen habt ihr zu dem Wort „Askese“ oder „Tantra“? War euch der Gedanke neu, beides zusammenzuführen? Vielleicht habt ihr aber auch weitere Lese- aber auch Praxistips für uns, die uns helfen, dieses Thema zu vertiefen? Wie immer. bin ich auf euer Feedback/eure Kommentare gespannt!

Bild von ambroo auf Pixabay

2 comments

  1. Hallo Sandra

    vielleicht ist die Askese von Schädlichem, Ungesunden, Unvernünftigem, Unempathischem, Lieblosen wichtiger als die Askese von irdischen Dingen und Abhängigkeiten. Kann es nicht sein, das der Verzicht auf das Böse, Ungerechte, Unbarmherzige die Herzen wieder durch und mit Wahrheit öffnet und die Möglichkeit eröffnet, damit sich das Gute zum Wohle und Wohlgefallen aller entfalten kann? Kann das sein?

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