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Politische Spiritualität in einem Zeitalter der Öko-Apokalypse

Ein Buch von James Perkinson

In ein paar Jahrzehnten wird es vielleicht niemanden mehr geben, der überhaupt noch etwas liest.

Mit diesem Satz endet das Buch. Es ist nicht gerade ein optimistisches Buch.

James Perkinson ist US-Amerikaner und Professor für Ethik und Systematische Theologie in Detroit, Michigan. Sein Anliegen ist es, zu verstehen, wie die weiße Vormachtstellung, als Folge kolonialer christlicher Praktiken, in den westlichen Mainstream Kulturen weiter reproduziert wird. Außerdem untersucht er, wie die kreativen Formen des kulturellen Widerstands, die von marginalisierten Gruppen und indigenen Völkern entwickelt wurden, heute das Christentum kritisch herausfordern können. Hier erfahrt ihr mehr über ihn: https://www.etseminary.edu/james-perkinson

Der Autor hält es für gut möglich, dass unsere westliche Zivilisation bald zu einem Ende kommt. Das Ende des Erdöls, Klimawandel, Artensterben und Überbevölkerung – all das stürme unerbittlich auf uns zu wie die apokalyptischen Reiter.

Der Mensch sei vollständig entfremdet und schirme sich von seiner Umwelt durch Immer mehr künstliche Schichten ab. Als nächstes folge der „Cyborg“, die Verschmelzung des Menschen mit der Maschine. Während der Mensch in der Kopernikanischen Wende gelernt habe, wo der Platz der Erde innerhalb des Planetensystems sei, nämlich nicht in der Mitte!, stehe ihm noch bevor, einzusehen, dass der Mensch nicht einmal die Mitte der Erde sei. Das Konzept des Menschen, als Herrscher über alle anderen Lebensformen sei ein ideologisches Konstrukt, dass durch eine bestimmte Form der Landwirtschaft geprägt worden sei. Dabei gehe es um Kontrolle, Unterwerfung und Homogenisierung. Diese anthropozentrische Sichtweise sieht er als das Grundübel, das für die heutigen Krisen verantwortlich sei.

Das Christentum sei im ersten Jahrhundert in Palästina unter römischer Besatzung enstanden und spiegele die bäuerlichen Kämpfe gegen großstädtische Formen der Ausbeutung im galiläischen Hinterland wider. Ausgehend von dem Senfkorn- Gleichnis stellt er die Frage: Was, wenn es dem Senf nicht darum ginge, ihm alles gleich zu machen, sondern wilde Vielfalt zu ermöglichen. „Was, wenn „Gott“ Senf ist und „das Reich“ ein ganzer Planet mit blühenden Wäldern?“

Schon die Geschichte von Kain und Abel lege Zeugnis ab von einem grundlegenden Konflikt zweier verschiedener Lebensweisen: Der des Nomaden, Jäger- und Sammlers und der des Sesshaften, Bauern und Viehzüchters. Es gehe dabei auch um die Beziehung des Menschen zu anderen Lebensformen. Sei dieser primär die von Domestizierung, Produktion und Konsum oder von Verwandtschaft und wechselseitiger Beziehung?

Er plädiert, wie viele andere christlich integrale Autoren ebenso, dafür, alle Lebensformen als Inkarnationen des Göttlichen zu begreifen (und nicht nur einen männlichen, weißen Menschen namens Jesus) und mit diesen in eine tiefe Kommunikation einzutreten.

Die Krise unserer Zeit hat dazu geführt, dass meine Frau und ich seit mehr als einem Jahrzehnt die Idee hegen, dass die indigenen Völker auf der ganzen Welt meistens Recht hatten. Im menschlichen Leben geht es nicht um irgendeinen Phantasmus namens Fortschritt, sondern um ein schönes und edles Leben im Einklang mit vierbeinigen, geflügelten und flossigen Verwandten sowie mit Flüssen und Bergen, Böden und Bäumen, Gräsern und Insekten, Winden und Wellen und Jahreszeiten, in einer lokalen Symbiose der Gegenseitigkeit. 

S. 3

Leider konnte ich dem Buch keine Vision entnehmen, wie wir wieder zu diesem Verhältnis finden wollen, ohne alle (auch unsere geistigen) Errungenschaften der Prä-, Moderne und Postmoderne über Bord zu werfen. Wieder das alte steinzeitliche „Fressen-und-Gefressen-Werden“ in Fellgewändern finde ich keine prickelnde Alternative… daher frage ich mich:

Ist die Zivilisation wirklich nur falsch? Oder ist gerade dieser Weg der totalen Entfremdung, den wir gehen, bedeutender Teil der Geschichte dieses Planeten? Sollte unsere Zivilisation wirklich keinen Mehrwert bieten, auch für unsere Umgebung? Ja, natürlich momentan sieht es schlimm aus. Wir beuten Pflanzen und Tiere aus, lösen ein Artensterben aus, wir schirmen uns immer mehr von allem ab, was uns an Natur erinnern könnte, leben zunehmend in digitalen Welten und vermüllen alles mit den Überresten kaputter Technik. Aber stimmt nicht ebenso, dass der Planet Erde erst in Gestalt eines Menschen auf sich herabblicken konnte, vom All aus? Dass erst durch lustige Zeichnungen, Plastiknachahmungen und Begegnungen im Aquarium die Idee „Tintenfisch“ entsteht und beständig weitervertieft wird? Dass auch Pflanzen gerne Mozart-Musik hören?… Ich weiß es nicht.

Zum Buch: Perkinson, J. W. (2015).  Political Spirituality in an Age of Eco-Apocalypse: Essays in Communication and Struggle Across Species, Cultures, and Religions. New York: Palgrave Macmillan Press.

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