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Ahnenverehrung und Christentum

Vor einigen Jahren verstarb mein Großvater. Wenig später hatte ich einen Traum. Meine Familie war unterwegs. Wir fuhren mit dem Auto, an das ein kleiner Sarg angebunden war, der über die Straße schleifte. Zielort war ein Grab in Tschechien, der alten Heimat meiner Großmutter väterlicherseits. In dem Sarg lag der Leichnam meines Großvaters mütterlicherseits. So kreuzte sich bei dieser abenteuerlichen Fahrt auf seltsame Weise unsere Ahnenreihe. Als wir eine Pause machten, stand der Leichnam wie ein Steh-auf-Männlein immer wieder aus dem Sarg auf, so oft wir auch versuchten, ihn zu verschließen. Meine Familie bat mich, das Problem zu lösen und gab mir einen Staubsauger in die Hand. Ich hatte keine Ahnung, was ich zu tun hatte.

Den Traum sehe ich noch immer vor mir, als hätte ich ihn gestern gehabt. Aber erst vor ca. drei Jahren nahm ich mir vor, mich dem Thema zu stellen. Seitdem ist so einiges in mir passiert dadurch.

Die Ahnen werden in unserer modernen westlichen Kultur eher selten geehrt – vielleicht noch Opa und Oma, wenn man sie denn gern hat.

In der spirituellen Szene scheint sich das jedoch derzeit zu ändern. So schreibt Jan Frerichs, moderner Mystiker in der Nachfolge des Hl. Franziskus:

Es brauchte 2 Eltern, 4 Grosseltern, 8 Urgrosseltern, 16 Ururgrosseltern, 32 Ururururgrosseltern, 64 Ururururgrosseltern. Das sind 128 Vorfahren in 7 Generationen über etwa 200 Jahre. 128 Mal geboren werden, lernen, lachen, weinen, ringen, genießen, hoffen, zweifeln, verzweifeln, sterben, neu beginnen, damit du geboren werden konntest.

barfuss-und-wild.de

Wie war das in biblischen Zeiten? Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass versucht wurde, den Toten- und Ahnenkult, der fester Bestandteil der sog. Familienreligion war, zu unterdrücken, um die staatliche Religion durchzusetzen. Blaues Mem gegen purpurnes Mem (siehe Spiral Dynamics) also.

Die priesterlichen und deuteronomistischen Ge- und Verbote, die bestimmte Praktiken im Umgang mit den Toten massiv kritisieren und unter Verbot stellen, erklären sich vornehmlich aus diesem theologischen Interesse.

https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/totenkult-israel/ch/2beff0d9067fe649d987991b4f35bf11/

So untersagt ein Gesetz in 5. Mose ausdrücklich die Befragung der Toten (Aufsuchen eines Mediums):

Wenn du in das Land kommst, das dir der Herr, dein Gott, geben wird, so sollst du nicht lernen, die Gräuel dieser Völker zu tun, dass nicht jemand unter dir gefunden werde, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lässt oder Wahrsagerei, Hellseherei, geheime Künste oder Zauberei treibt oder Bannungen oder Geisterbeschwörungen oder Zeichendeuterei vornimmt oder die Toten befragt.

5.Mose / Dtn. 18,10f.

Auch Jesus scheint dazu aufzufordern, mit dem Ahnenkult zu brechen: „Lass die Toten ihre Toten begraben (Lk 9, 60)“. Gleichzeitig wissen wir von der Verklärung in Lk 9, dass Jesus zumindest kein Problem damit hatte, mit Verstorbenen, wie Elia und Mose, zu kommunizieren und bei ihnen Rat und Ermutigung für die eigene Mission einzuholen.

Und die langen Ahnenregister im Matthäus- und Lukasevangelium bezeugen, dass die Vorfahren Jesu von den Autoren des Neuen Testamentes offensichtlich als sehr wichtig befunden wurden, um das Wirken und die Mission Jesu zu deuten.

Dennoch hängt die Zurückdrängung des „heidnischen“, ursprünglichen Ahnenkultes in unserer Kultur eng mit dem Vormarsch des Christentums zusammen, dass u.a. hier auch eine Konkurrenz zur Alleinverehrung Gottes sah.

Teilweise wurden jedoch die heidnischen Traditionen einfach mit den christlichen verbunden: So gehen russisch-orthodoxe Christen jährlich in der Zeit nach Ostern am Fest „Raduniza“ im Anschluss an einen Gottesdienst zu den Gräbern, um dort zu picknicken, mit den Vorfahren zu speisen und dieser zu gedenken. Im Festkalender ihrer Kirche sind außerdem drei weitere Tage im Kirchenjahr dem Totengedenken gewidmet, also weit häufiger als bei uns – bei den Evangelischen am Toten- oder Ewigkeitssonntag (erst im 19. Jahrhundert eingeführt) und bei den Katholiken an Allerheiligen und Allerseelen. Auch viele Katholiken besuchen an Allerseelen ihre Familiengräber, schmücken diese und beten für die Toten.

Offenbar spüren wir Menschen alle tief in uns unsere Verbundenheit mit den Ahnen und ahnen, dass deren Leben und Ergehen immer noch Einfluss auf uns nehmen kann.

In „Der Ahnenfaktor“ schreibt Peter Teuschel, deutscher Psychiater und Psychotherapeut, dass bei Naturvölkern oder in Afrika große Bewusstheit gegenüber dem Thema herrsche. Aber auch Sigmund Freud habe große Offenheit gegenüber transgenerational wirksamen seelischen Prozessen gezeigt.

Bei speziellen Therapieformen wie der Familienaufstellung nach Bert Hellinger, der lange als katholischer Priester in Südafrika lebte, wird gezielt mit „den Ahnen“ gearbeitet.

(…) Viele Familien leiden unter bestimmten Schicksalen, die von Generation zu Generation weitergetragen werden. Den Familienmitgliedern ist es oft nicht bewusst, dass in diesem Schicksal etwas wiederholt wird.  Dieses Familienschicksal wiederholt sich solange bis es bewusst wahrgenommen, aufgearbeitet und aufgelöst wird. Erst dann ist jeder Einzelne in der Lage seine Talente zu entfalten. (…)

http://margot-weber.de/ahnenverbindung.html

In meiner ersten Podcast-Folge habe ich mich mit Hubert Hagl zum Thema unterhalten: https://integrales-christsein-podcast.podigee.io/1-neue-episode

Durch die aktuellen Ereignisse werden bei mir und vielen anderen Ahnen-Themen noch einmal stärker getriggert. Es ist mir so, als passiere gerade genau das, was in meinem Traum angedeutet wurde: Die Ahnen stehen noch einmal auf. Und sie fragen mich, ob ich ihnen gut genug zugehört und meine Lektion gelernt habe, damit sich nicht alles wieder und wieder ereignen muss.

Mein Opa hat uns einiges an schriftlichen Erinnerungen hinterlassen, wofür ich ihm tief dankbar bin. Zu den Ereignissen am 1. September 1939, an die ich mich heute wieder erinnert fühle, schrieb er:

[…] aber der Mensch glaubt mehr an die Hoffnung, so dass am 1. Sept. alle geschockt waren, als am Vormittag durch Lautsprechermusik mit Trommelwirbel verkündet wurde, dass Polen in der vergangenen Nacht einen deutschen Rundfunksender besetzt hätten. Hitler habe als Antwort der deutschen Armee den Angriff auf Polen befohlen. Damit befindet sich Deutschland mit Polen im Kriegszustand.

Was habt ihr für Erfahrungen mit euren Ahnen gemacht? Welche Methoden haben euch ev. dabei geholfen? Was haltet ihr generell davon – sind Traumata so auflösbar? Oder sollten wir lieber die Finger lassen und die Toten tot sein lassen? Was können wir generell lernen von unseren Ahnen für die heutige Zeit?

Foto von Brett Sayles von Pexels

Weiterführende Quellen: https://www.mdr.de/religion/religion/allerheiligen-allerseelen-100.html

https://r-o-k.de/feiertage-und-fastenzeiten-im-2022/

https://www.evangelische-aspekte.de/transgenerationale-forschung-therapie/?fbclid=IwAR1GVIb7ycd0r2lbC2O1UCAdnlNiZz6Tr1eJSgocIVhG6NfshYYAqISoUpQ

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