Die Werkzeuge des Guten

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Diese Folge versteht sich als Fortsetzung zweier vorgehender Folgen: Das Böse – aus integraler Sicht und Die Werkzeuge des Bösen.

Ich versuche nun, den mithilfe der im letzten Artikel entdeckten „Werkzeuge des Bösen“ die „Werkzeuge des Guten“ aus der christlichen Tradition gegenüber zu stellen – im Bewusstsein, um welche komplexe Thematik es sich hier handelt, die ohnehin nur stichwortartig angerissen werden kann.

1. Binde dich an!

A und O jeder spirituellen Praxis ist die Ausrichtung and Anbindung an das Göttliche. Alles, was kultische Züge trägt, aber nicht Gott/dem Urgrund des Seins dient oder diesen verehrt, führt zu Entfremdung vom göttlichen Ursprung, aber auch von uns selbst und unseren Mitmenschen und -geschöpfen.

2. Lege das wahre Selbst frei!

Spirituelle christliche Praxis (Meditation, Gebet, Natur, Busse etc.) führt zur Wahrnehmung des wahren, göttlichen Selbst. Damit ist kein irgendwie höheres Selbst gemeint, das wir anstreben müssten. Sondern das natürliche Sein, das übrig bleibt, wenn wir alle unsere Masken, falschen Identitäten, Geschichten und Konstrukte ablegen.

3. Sei wahrhaftig und radikal ehrlich!

Legt die Waffen an, die Gott euch gibt, dann können euch die Schliche des Teufels nichts anhaben. Denn wir kämpfen nicht gegen Menschen. Wir kämpfen gegen unsichtbare Mächte und Gewalten, gegen die bösen Geister, die diese finstere Welt beherrschen. […] Seid also bereit! Legt die Wahrheit als Gürtel um und die Gerechtigkeit als Panzer an.

Paulus in Ephemer 6, 11-12.14, Neue Genfer Übersetzung

Zu dieser Wahrhaftigkeit gehört, dass wir unsere dunklen Seiten erkennen und anerkennen und uns nicht für besser halten, als wir sind: Ja, da war ich böse, ganz und gar nicht schön, unangenehm, hässlich. Das ist wohl mit „Buße üben“ gemeint. Darauf folgt die Umkehr oder der Vorsatz, es beim nächsten Mal anders zu machen.

Wenn wir uns all dieser Gefühle bewusst werden, die in unserer Trauer aufkommen, wenn wir uns der Gedankengänge bewusst werden, die wir lieber nicht denken würden, wenn wir uns unserer eigenen, weniger wünschenswerten Reaktionen bewusst werden, unserer Unwissenheit, unserer Schläfrigkeit, unserer faulen Intellektualität – was auch immer es ist, unsere […] Aufforderung und Herausforderung besteht darin, unerschrocken und bewusst zu wachsen und uns zu verändern.

Pastor Mark Hoelter, https://www.uua.org/files/documents/hoeltermark/choosing_enemies.pdf,

4. Werde wieder ganz!

Den zwei Gesichtern des Bösen, der Spaltung, setzt das Christentum die Idee der „Keuschheit“ gegenüber. Im Russischen wird dieses Wort mit „zelomudrie“ wiedergegeben, worin sowohl das Wort „unversehrt, ungeteilt“ als auch „Weisheit“ steckt. Mich erinnert das an das ganzheitliche Wissen unseres Herzens. Das Gegenteil von Keuschheit ist das, was uns entzweit, was in unserem Inneren im Widerstreit zueinander liegt, uns zerrissen fühlen lässt. Helfen kann ein klärendes (Beicht-)Gespräch, der Zuspruch der Sündenvergebung oder auch einfach eine Sitzung mit unserem „inneren Team“.

5. Mach Schattenarbeit!

Das grünen WMem begleitet als Schattenseite eine grenzenlose Naivität dem Bösen gegenüber. Indem es Hierarchien und Bewertungen gegenüber ablehnend ist, steht es in der Gefahr, keine notwendigen Unterscheidungen und Abgrenzungen mehr leisten zu können. Doch nicht jeder meint es gut mit uns – nicht einmal wir selbst. Als Christen rechnen wir mit dem Bösen in der Welt, bei anderen und vor allem in uns selbst.

„[C.G. Jung] war der Meinung, dass das Schicksal der Welt buchstäblich davon abhängt, dass wir die Schattenelemente in uns erkennen und sie in ein erweitertes Selbstverständnis integrieren, das sowohl unsere hellen als auch unsere dunklen Aspekte einschließt.“

Paul Levy, https://www.awakeninthedream.com/articles/carl-jung-imagination-evil, deutsche Übersetzung d. Vf.

6. Führe einen Exorzismus durch!

Traditionell spricht jede/r Christ/in bei der Taufe eine Absage an den Teufel. Manchmal genügt vielleicht ein energisch nach dem Teufel geworfenes Tintenfass ;-)), um uns von ihm zu distanzieren. Manchmal bedarf es aber auch eines ausführlichen Rituals oder Befreiungsgebetes, um sich von negativen Energien und/oder Wesenheiten abzugrenzen und deren Einflusssphäre zu entkommen. Die Moderne hat das Gefühl für solche Vorgänge verloren, das Integrale erspürt wieder, wo diese nötig und hilfreich sein könnten.

Eine andere Art von Exorzismus ist und war es, sich von den Götzenbildern oder Denkmälern von Menschen, die zu Götzen gemacht wurden (z.B. Lenin) zu befreien. Eine harmlosere Variante davon ist der Minimalismus, bei dem wir uns von allem trennen, was bei uns negative Assoziationen weckt.

7. Greife zu subversiven Mittel!

In dem Uralt-Streifen „Nosferatu – Die Symphonie des Grauens“ von F. W. Murnau opfert sich die Frau dem Vampir und lässt ihn – entgegen jeder Logik – freiwillig an ihrem Hals trinken, bis ihn die Sonnenstrahlen vernichten. In der Bergpredigt lädt Jesus seine Zuhörer ebenfalls dazu ein, solche zunächst widersinnig scheinenden Handlungen zu vollziehen:

Ich aber sage euch: Setzt euch nicht zur Wehr gegen den, der euch etwas Böses antut. Im Gegenteil: Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halt ihm auch die linke hin. Wenn einer mit dir vor Gericht gehen will, um zu erreichen, dass er dein Hemd bekommt, dann lass ihm auch den Mantel. […] Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen.

Neue Genfer Übersetzung, Matthäus 5, 39-40 und 44

Die Ausführungen des Theologen Walter Wink sind in diesem Zusammenhang sehr erhellend:

Die Rückhand war kein Schlag, um zu verletzen, sondern um zu beleidigen, zu demütigen, zu erniedrigen. Er wurde nicht einem Gleichen, sondern einem Unterlegenen verabreicht. […] Indem der Diener die Wange hinhält, macht er es dem Herrn unmöglich, die Rückhand erneut einzusetzen: Seine Nase ist im Weg. […] Dadurch, dass der „Unterlegene“ die Wange hinhält, sagt er: „Ich bin ein Mensch wie du. Ich weigere mich, weiter gedemütigt zu werden.“

https://mikemorrell.org/2022/06/troubling-the-waters-the-revolutionary-power-of-creative-love/, in eigener Übersetzung, Ausschnitt aus: Walter Wink, The Power that Be.

Vermutlich steckt hinter all dem die Einsicht in ein spirituelles Gesetz, das besagt, dass das, was wir bekämpfen, stärker wird. Oder auch: Das wir die Gefahr laufen, selbst zu dem Bösen zu werden, das wir bekämpfen. Eine wunderbare Illustration dieses Phänomens liefert der Film „Den Drachen töten“ von Mark Sacharow aus der Sowjetunion 1988. Lanzelot besiegt den Drachen, nur um darauf selbst allmählich unbewusst in die Rolle des Drachen zu schlüpfen.

Ein Pastor, Mark Hoelter, hielt am 12. September 2001 eine Predigt, in der er seine amerikanischen Mitbürger davor warnte, einen gewaltsamen Krieg gegen den Terrorismus aufzunehmen. Dabei zitierte er das Sprichwort „Wähle deine Feinde sorgfältig aus, denn du wirst werden wie sie (Choose your enemies carefully, for you become like them.“

8. Übe Systemkritik!

Angesichts der aktuellen Zeitlage wird wieder heftig diskutiert zwischen Pazifisten und Christen, die sich auf Luthers Zwei-Reiche-Lehre berufen. Darf oder muss ein Christ gar gewaltsamen Widerstand leisten? Gibt es einen „gerechten Krieg“, zum Beispiel aus der Notwehr heraus? Auch Ordnungsämter, Polizei, Gefängnisse lösen das Bewusstsein aus, dass wir in einer unvollkommenen Welt leben.

Das grüne Mem (Spiral Dynamics) erkennt erstmals die strukturelle Dimension der Sünde und des Bösen. Es braucht ein klares Bewusstsein für diese Dimension, damit sich an diesem Aspekt etwas verändern kann. Eine großes Problem liegt darin, dass jedes System nach Selbsterhaltung strebt und daher die Tendenz hat, sich alles einzuverleiben und für die eigenen Dienste einzuspannen, statt einem neuen, wenn auch besseren, System Platz zu machen. Solche kleineren Systeme sind auch unsere Gewohnheiten, die sog. „Komfort-Zone“. Wir sind derart an den Status quo gewöhnt, dass es uns sehr viel Energie kostet, 1. der Hässlichkeit der aktuellen Welt offen ins Gesicht zu sehen, diese 2. (auch im Angesicht der Mächtigen oder derer, die diese verdrängen) zu benennen und 3. alternative Visionen zu entwickeln und unser Handeln daran auszurichten.

Wir leben in einer Kultur, die blind für das spirituelle Leben ist. Sie ist spirituell ignorant, moralisch verwirrt, psychisch gestört und süchtig nach Gewalt, Unterhaltung und Konsum.

Wayne Teasdale, Das mystische Herz. Spirituelle Brücken bauen, 2004.

9. Lass dich nicht anstecken!

Wenn das Böse ansteckend ist, gilt es, sich nicht anstecken zu lassen. Leichter gesagt als getan 🙂 Marion Küstenmacher beschreibt in „Integrales Christentum“ Jesus als den „nicht-infektiöse[n] Mensch[en] schlechthin“. Er behalte die Negativität bei sich und transformiere diese mit Hilfe von Schattenarbeit. Jesus sei „ein maximaler Stützpunkt, der das gesamte Menschheitsfeld entlastet, entgiftet und „entsühnt“. Jedes Mal, wo wir uns entschließen, auf Gegenwehr, Rache, eine negative Reaktion zu verzichten, und stattdessen zu verzeihen, kann etwas heil werden. Das allerdings gelingt auf Dauer nicht aus dem Ego heraus, sondern nur dem wahren Selbst, das weiß, das es sich nicht selbst verteidigen und erhalten muss.

10. Glaube an die Überlegenheit des Guten (auch in dir selbst)!

Der christliche Glaube ist insofern zuversichtlich, als dass er von einem Happy End her denkt. Alle Mächte des Bösen müssen im zukünftigen Jerusalem draußen bleiben.

Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid und keine Schmerzen, und es werden keine Angstschreie mehr zu hören sein. Denn was früher war, ist vergangen.

Offenbarung 21, 3-4

Für die sehr begrenzte Schau menschlicher Wesen scheint das Böse mitunter keine Schranken zu kennen und ins Extreme zu gehen. Aber dieses Extreme selbst ist eine Grenze. Es gibt immer einen Einhalt, denn es gibt einen Moment, wo sich das Göttliche erhebt und sagt’ `Bis hierher und nicht weiter.’ Ob es die grossen Zerstörungen der Natur oder die Ungeheuerlichkeiten des Menschen sind, es gibt immer einen Augenblick, wenn das Göttliche eingreift und die Dinge daran hindert, weiterzugehen. 

Die Mutter, Gefährtin von Aurobindo

Quellen:

http://www.gebete.ch/index.php/gebete/gebete-a-e/befreiungsgebete

Bild von Pixabay, JudaM

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