Jesus – ein beliebter Außenseiter

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In jener Zeit erließ Kaiser Augustus den Befehl an alle Bewohner seines Weltreichs, sich ´in Steuerlisten` eintragen zu lassen. […] Sie brachte ihr erstes Kind, einen Sohn, zur Welt, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe; denn sie hatten keinen Platz in der Unterkunft bekommen. […]

Lukas 2, Neue Genfer Übersetzung

Das Thema „Ausschluss aus der Gesellschaft“ und „immer Fremdsein“ zieht Jesus Leben wie ein roter Faden:

  • Zunächst werden seine Eltern ausgeschlossen: Sie bekommen keine Unterkunft, in der Maria ihr Baby Jesus auf die Welt hätte bringen können. Also kommt Jesus draußen auf die Welt.
  • Dann bekommt Jesus Besuch: Von den Hirten auf dem Feld, Menschen, die ihr Leben draußen abseits der Stadt verbrachten. (Lk 2)
  • Und er bekommt Besuch von den Sterndeutern aus dem Osten, Menschen, die von weit her kamen und Fremde waren in Israel. (Mt 2)
  • Seine Eltern fliehen vor dem König Herodes mit dem kleinen Baby Jesus nach Ägypten. (Mt 2)
  • Als er beginnt, zu lehren, wird er in seiner Heimat abgelehnt. (Mk 6)
  • Er hat selbst kein festes Zuhause. (Lk 9)
  • Ihm wird die Gastfreundschaft verweigert. (Lk 9)
  • Er geht auf Menschen zu, die ihrerseits aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurden, die Randgruppen oder Marginalisierten: Auf Aussätzige, Prostituierte, den Zöllner Zachäus usw.
  • Seine Verwandten sind fest der Überzeugung, dass er den Verstand verloren hat. (Mk 3)
  • Er wird von seinen engsten Freunden verraten, verleugnet und verlassen. (Mt 26)
  • Er wird vor den Stadttoren gekreuzigt. (Mt 27)

Damit verkörpert er in besonderer Weise den Archetyp des Außenseiters.

Bei einem Außenseiter ist es wohl nie so, dass NUR einer „schuld“ ist: Die, die ihn aus der Gemeinschaft ausschließen oder der, der sich selbst aus der Gemeinschaft ausschließt. Beides hängt untrennbar miteinander zusammen. Und es ist auch nicht zwingend so, dass ein Außenseiter allein ist – er kann wiederum Teil einer kleineren Gemeinschaft sein, die sich um ihn herum bildet. So wie Jesus mit seinen Jüngern.

Und es gibt zwei Arten, wie mit Außenseitern umgegangen wird: Sie werden verachtet, verspottet oder bewundert und angehimmelt.

Mahatma Gandhi wird das schöne Zitat zugeschrieben:

Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.

Ich denke, was uns als Menschheit noch bevorsteht, dass wir lernen, mit diesen „Außenseitern“ mitzufühlen, sie wertzuschätzen und zu integrieren, statt sie entwerten oder gar ausmerzen zu wollen. Denn bei weitem nicht alles, was uns komisch oder verdächtig erscheint, ist falsch oder minderwertig – oft genug sind wir es, die noch noch reif genug sind, den anderen zu verstehen.

In dem Modell „Spiral Dynamics“ wechseln sich die eher auf das „Ich“ bezogenen Stufen mit den eher auf das „Wir“ bezogenen Stufen ab. Die „Ich“ Stufen sind also immer wieder notwendig für die Weiterentwicklung. Wer auf einer „Wir“ Stufe verharrt, stagniert – wer aber aus dieser ausbricht, riskiert Gefühle des Fremdseins, Ablehnung, Hass oder gar Verfolgung.

Sabine Bobert, Theologieprofessorin in Kiel, schreibt dazu:

Bereits im Jüngerkreis beginnt das christliche Experiment einer Existenzsuche jenseits bisheriger sozialer Zuschreibenden. Nachfolge Christi beeinhaltet immer auch das Experiment des sozialen Fremdseins, des sozialen Ausstiegs zugunsten einer radikalen Individualisierungserfahrung. […] Wer Individualisierung über ξενιτεία [griechisch für „soziales Fremdsein“] riskiert, erlangt eine zunehmende emotionale und kognitive Distanz gegenüber sozialen Zuschreibenden und Zwängen.

Jesus-Gebet und neue Mystik. Grundlagen einer christlichen Mystagogik, 2012.

Eine bekannte Methode, die „Ich“-Stufe zu vermeiden, ist, Jesus (oder andere Helden und Heilige) anzuhimmeln und einen Sockel zu stellen: ER war einmalig und einzigartig.

Natürlich war er das.

Aber ich glaube, er möchte, dass auch wir unsere Einzigartigkeit leben.

Allerdings ist es innerhalb unserer Gesellschaft keineswegs leicht, eine individuelle Persönlichkeit zu werden. Einmal, weil wir soziale Wesen sind. Einsamkeit und Isolation gehören nicht umsonst zu einer anerkannten Foltermethode. Und dann, weil echte Individualität Lebendigkeit, Bewegung und Wandel erzeugt – was bei anderen Irritation oder gar Angst auslösen kann und von den Profiteuren des Status quo, den Mächtigen der Welt, als potentielle Bedrohung wahrgenommen wird. Menschen, die dem System, in dem sie leben, so weit voraus sind, wie Jesus es war, sind auch immer Gefährder des Bestehenden. Zugleich sind sie jedoch damit auch Garant für Hoffnung auf einen Wandel in der Zukunft.

Der Ökumenische Rat der Kirchen formulierte 2013:

Der Heilige Geist ist bei uns als Begleiter, der allerdings nie von uns gebändigt oder „domestiziert“ ist. So überrascht der Geist uns immer wieder damit, wie Gott von Orten aus wirkt, die an den Rändern der Gesellschaft zu liegen scheinen, und durch Menschen, die in unseren Augen ausgeschlossen sind.

Gemeinsam für das Leben, Mission und Evangelisation in sich wandelnden Kontexten. Eine neue Erklärung des ÖRK zu Mission und Evangelisation

Der Trend geht mittlerweile auch in unseren Breitengraden weg vom Individuum zurück zum „Wir.“ Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen einem „Wir“- Gefühl der BLAUEN STUFE (Spiral Dynamics), dem „Wir“- Gefühl der GRÜNEN STUFE und dem „Wir“ von TÜRKIS. Diene ich dem großen Ganzen aus Untertanengehorsam (auch totalitäre Regime fordern den Einsatz für die „gute Sache“), aus einem Harmoniebedürfnis, Konfliktscheue und ideologischer Vereinnahmung oder aus einer selbst erwachsenen Erkenntnis und Überzeugung heraus? Habe ich vielleicht einfach nur Angst, dass meine Werte, Ideen oder Vorstellungen von der Mehrheitsmeinung (sei es in meiner Kultur, Herkunftsfamilie, Institution oder dem beruflichen Team) abweichen?

Es tut weh, anders zu sein. Ausgeschlossen, diskriminiert, abgestempelt, in eine Ecke gestellt zu werden. Oder gar bestraft zu werden oder wie ein Verbrecher behandelt zu werden für etwas, was man für richtig hält, weil man vom „Mainstream“ abweicht. Viele Menschen mussten bei uns in den vergangenen Jahren solche und ähnliche Erfahrungen machen, weil bestimmte Ansichten, Verhaltens- und Reaktionsweisen gesellschaftlich verabsolutiert wurden.

Die Pfarrerin und Bloggerin Cindy Picus entwickelt eine „Außenseiter-Theologie“. Sie schreibt:

Für mich bedeutet das, dass jeder gesalbt werden kann, um die Arbeit von Geächteten zu tun. Genau das ist es, was Jesus von uns wollte: nicht ihn anbeten, sondern tun, was er tat. Er lehrte uns durch seine Heilung und die Einbeziehung der Ausgegrenzten – Frauen, unheilbar Kranke, Tagelöhner ohne Papiere, Prostituierte und andere -, wie wir das Reich Gottes [sie schreibt „kin-dom“ ohne „g“, d.h. nicht „Königsherrschaft“, sondern eher „Verwandtschaft“] herbeiführen können.

https://www.kardialumina.com/blog/outlawtheology, eigene Übersetzung

Foto von cottonbro studio, Pexels

Wo sind deiner Wahrnehmung nach die Außenseiter in unserer Gesellschaft? Bist/Fühlst du dich selbst manchmal als eine/r solche/r? Wie fühlen sich integrale Christen innerhalb unserer traditionellen Gemeinden?

2 comments

  1. Danke für diesen Beitrag, über den ich noch genauer nachdenken muss. Gerade die Aufzählung der Bibelstellen, in denen Jesus als Außenseiter behandelt wird, finde ich sehr bemerkenswert.

    Wie passt das Ganze zu einer Mainstream-Kirche? Vielleicht werden wir irgendwann wieder Außenseiter. Aber Außenseiter zu sein, bedeutet nicht automatisch, dass man Recht hat.

    Viele Grüße

    Thomas Jakob

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