Evolutionäre Spiritualität

Die menschliche Geschichte ist die Fortsetzung der biologischen Evolution. In und durch uns entwickelt sich das Universum weiter: Diese Richtung hängt von uns ab.

Die sog. evolutionäre Spiritualität führt zwei Dinge zusammen, die viele für unvereinbar halten.

In Umfragen stimmen viele der Aussage „Wissenschaft macht Religion in meinem Leben überflüssig“ zu. Gleichzeitig bestreitet mehr als ein Drittel der Deutschen die Evolutionstheorie. (Daten von http://www.fowid.de)

In meinem Leben haben beide Themen immer eine große Rolle gespielt. Und auch ich glaubte lange, dass ich eines von beidem zugunsten des anderen aufgeben müsste.

Als ich zehn war, hatte ich mir während einer Exkursion ins Naturkundemuseum von meinem Taschengeld eine Broschüre zum Thema „Entstehung der Arten“ gekauft, anschließend deren Inhalte verinnerlicht und beschlossen: Ich wollte Biologin und Evolutionsforscherin werden.

In der neunten Klasse machte ich mich zur Außenseiterin, indem ich die These vertrat, dass wir, da wir von den Affen abstammen, biologisch gesehen Tiere sind. Einstimmige Meinung der Klasse (naturwissenschaftlicher Zug) war damals, dass Menschen keine Tiere seien und wir von Adam und Eva abstammen. Mich nannten sie natürlich – wie auch sonst – „Affe.“ (Und ausgerechnet ich habe dann Theologie studiert 😉 🙂

Ich liebe die Evolutionstheorie immer noch. Ich finde es immer noch spannend, dass auf dieser Erde früher einmal riesige und winzige Dinosaurier herum hüpften und es noch keine Menschen gab, die all das hätten beobachten können.

„Evolution“ ist ein grundlegender Begriff innerhalb der integralen Theorie. Ken Wilbers bahnbrechendes Werk „Sex, Ecology, Spirituality“ von 1995 verbindet bereits im Titel beide Themen.

Der wohl wichtigste Begriff bei Ken Wilber ist Evolution bzw. Entwicklung. Vom Urknall ausgehend, hat sich unser Universum zu immer komplexeren und gleichzeitig bewußteren Strukturen entwickelt. Die Zunahme von Komplexität und Bewusstheit scheint – unabhängig von einigen Sackgassen – ein Gesetz der Evolution zu sein. Diese Entwicklung erfolgt Wilber zufolge nicht ungerichtet und quantitativ, sondern gerichtet und über qualitativ deutlich voneinander unterscheidbaren „Entwicklungsebenen.“

(Weinreich, Integrale Psychotherapie, S. 2)

Der Gedanke, dass die Welt und der Geist sich in einem gigantischen Entwicklungsprozess befindet, wurde bereits von den idealistischen Philosophen Hegel und Schelling vertreten und ausführlich beschrieben, bevor die Biologen Lamarck und Darwin ihre Theorien zur Entwicklung des Lebens auf unserer Erde vorlegten und damit einer materialistischen Weltanschauung den Weg bereiteten.

Denn es gab einen kleinen, aber feinen Unterschied, der sich auswirkte:

Die Philosophien der Idealisten nahmen an, dass die Entwicklung des Lebens und des menschlichen Geistes eine Richtung hat und ein Ziel anstrebt. Die Thesen Darwins zur natürlichen Auslese (und die heutige Weiterentwicklung davon) erwecken jedoch den Anschein, als gäbe es gerade das nicht: Ein bestimmtes Ziel. Alles scheint dem puren Zufall anheim gegeben, auch das menschliche Bewusstsein.

Gerade deshalb kam es zu einer starken Ablehnung der biologischen Evolutionstheorie, die bis heute reicht. Für manche traditionellen oder fundamentalistischen Christen reicht allein die Erwähnung des Begriffs „Evolution“, um Aggression und Gegenangriffe zu ernten. Weltweit sind der Kreatonismus (Gott hat alles genauso geschaffen, wie es heute ist) und Intelligent Design (Ein Schöpfer ist bei der Evolution beständig mit am Werk) die bekannten Alternativen.

Die Alternativen tendieren dazu, die Biologie und ihre Forschung nicht ernst zu nehmen oder völlig auszublenden.

Auf der anderen Seite stehen die Biologen, die damit ringen, ihr altes Gottesbild gehen zu lassen. Berühmtes Beispiel ist Jaques Monod, der in Zufall und Notwendigkeit folgendes Fazit aus seinen Forschungen in der Biologie zieht:

Wenn er [der Mensch] diese Botschaft in ihrer Bedeutung aufnimmt, dann muß [er] endlich aus seinem tausendjährigen Traum erwachen und seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, daß er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.

Jaques Monod

Wenn wir nun aber das feste Bestreben haben, die Ergebnisse der Naturwissenschaft ernst zu nehmen und gleichzeitig unsere Spiritualität nicht preisgeben wollen, was dann?

Dann müssen wir zunächst die Theorie einer genaueren und völlig unvoreingenommenen Betrachtung unterziehen. Genau das haben Ken Wilber und Steve McIntosh und viele andere Denker bereits gemacht.

Muss die Akzeptanz der Evolutionslehre wirklich bedeuten, dass wir in einer sinnentleerten, absurden Welt leben?

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:McIntosh72Wiki.jpg

Steve McIntosh betont, dass es bei der integralen Theorie nicht darum ginge, den Erkenntnissen der Naturwissenschaft zu widersprechen, sondern auf deren Wissen aufzubauen. Wenn einige Wissenschaftler aus ihrer Forschung den Schluss zögen, dass die Evolution völlig sinnlos und richtungslos sei, und es keinerlei Fortschritt gäbe, überschreite die Wissenschaft ihren Bereich: Sie kann diese Sinnlosigkeit nicht mit ihren Methoden beweisen.

Was durch die Evolutionsforschung erkennbar wird:

  • Alles wird zunehmend komplexer.
  • Alles strebt, während es sich ausdifferenziert, nach einer immer größer werdenden Einheit. Der Mensch stellt so eine komplexe große Einheit dar, die wiederum viele komplexe Systeme als Untereinheiten (z.B. Organe, Zellen) in sich beherbergt.
  • Alles strebt zu immer größerer Bewusstheit. Der Mensch stellt durch seine Selbstbewusstwerdung eine weitere wichtige Etappe der Evolution dar: Von der „Biosphäre“ zur „Noosphäre“.

Im Anschluss an Teilhard de Chardin unterscheiden Ken Wilber und Steve McIntosh zwischen der Physiosphäre, der Biosphäre und der Noosphäre: Unbelebte Materie, Leben, bewusstes Leben.

Dadurch, dass der Mensch zur Selbstreflexion fähig wurde, also über sich selbst und sein Denken nachzudenken, wurde eine neue Art und Weise der Evolution möglich. Das menschliche Gehirn hat sich kaum mehr verändert, während sich das menschliche Bewusstsein und mit ihm die menschliche Kultur in rasantem Tempo weiterentwickelt hat. Heute sind wir maßgebliche Mitgestalter der Evolution, indem wir unseren Grad an Bewusstheit erhöhen und uns, anstatt uns rein an unsere Umgebung anzupassen, diese aktiv so gestalten, dass sie unsere jeweiligen Idealen nahe kommt. Spätestens jetzt ist sie kein Zufall mehr, sondern wesentlich durch uns Menschen mitbestimmt.

Doch auch davor erfolgte die Evolution für Steve McIntosh nicht blind und richtungslos, sondern wurde bereits durch eine Art Eros von der Zukunft her mitbestimmt. Nicht im Sinne einer bereits im Vorhinein festgelegten Ordnung, sondern durch die Anziehungskraft der absoluten Idee des Guten, Wahren und Schönen. Für ihn ist

universe is not a purposeless accident and […] evolution is definitely going somewhere. (das Universum kein sinnloser Unfall und geht definitiv in eine bestimmte Richtung.) 

Steve McIntosh, Integral Consciousness, S. 214
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alfred_North_Whitehead._Photograph._Wellcome_V0027330_(cropped).jpg

Er knüpft damit an die Gedanken von Alfred North Whitehead, dem Gründer der Prozessphilosophie, an. Dieser war ein maßgeblicher Vordenker der integralen Theologie. Sein Gott ist sowohl außerhalb als auch innerhalb der Welt. Und als Gott innerhalb der Welt ist er wie alles am Werden, im Prozess. Er wirkt nicht durch Gewalt auf die Welt ein, sondern durch sanfte Überredung durch Liebe (gentle persuasion through love). Durch die Annäherung an das Gute, das Wahre und das Schöne strebt die Welt immer größerer Perfektion entgegen.

Auch bei Ken Wilber ist das Weltganze als eine beständige dialektisch fortschreitende Entwicklung und Integration zu einer immer größer werdenden Einheit gedacht: Eine Spirale, die immer größere konzentrische Kreise formt. Diese Entwicklung kommt – da sie sich in Raum und Zeit ereignet – nie an ein Ziel. Die Himmelsleiter zum Göttlichen, zur endgültigen Perfektion und Vollendung, reicht über eine unendlich große Anzahl Stufen in den Himmel. Sie nähert sich dem Göttlichen an, doch sie kommt nie an ein Ende.

(Hier widerspricht er Teilhard de Chardin, der noch einen Omega-Punkt, ein bestimmbares Endziel für die Geschichte annahm)

Wir haben Gott bereits in unserem traditionellen Glauben als unendlich, unbegrenzt bekannt – aber haben wir ihn auch wirklich so geglaubt? Oder wurde es uns schwindelig bei der Vorstellung, ja unheimlich, ängstlich? Und so haben wir ihm zwei Aufgaben zugewiesen: Die Schöpfung und das jüngste Gericht. Dieser Gott war zwar unendlich, aber irgendwo jenseits, nicht inmitten dieser Welt, nicht inmitten ihrer Tiefe, Vielfältigkeit und Möglichkeiten.

Im Anschluss an Teilhard de Chardin unterscheidet die integrale Theorie bei jeder Sache eine Innen- und eine Außenperspektive oder – dimension. Ideen und Materie, das Unsichtbare und das Sichtbare sind zwei Seiten der einen Wirklichkeit.

Sehr lange entsprach der Entwicklung der Außenseite eine dazugehörige Innenseite: So z.B. (vereinfacht) bei unserem Gehirnwachstum: dem Reptiliengehirn unsere Instinkte und Reflexe, dem Säugetiergehirn eine zunehmend komplexe Gefühlswelt, dem Großhirn unsere Sprachentwicklung und Reflexionsfähigkeit. Doch seit langem gibt es keine großen Veränderungen mehr in unserer Biologie.

Was sich weiter entwickelte, war und ist unser Bewusstsein und damit unsere Kultur und unsere Geschichte. Die menschliche Geschichte ist die Fortsetzung der biologischen Evolution. In und durch uns entwickelt sich das Universum weiter: Diese Richtung hängt von uns ab. Lassen wir uns zur Liebe – zum Guten, Wahren und Schönen – überreden. Gott reicht uns von der Zukunft her die Hand. In was für einer Welt willst du leben? Lebe sie!

 

Modul GEIST: Wie erfahre ich Nondualität?

Der Begriff „Nondualität“ (im Englischen „Nonduality“) ist bisher im Deutschen kaum geläufig. Innerhalb der integralen Szene findet er jedoch ständig Verwendung, wenn es um spirituelle Erfahrung geht. Am tiefsten ist der Begriff in der Advaita-Tradition im Hinduismus verwurzelt.

Mit „Nondualität“ ist eine spezifische spirituelle Erfahrung gemeint, die jeder Mensch machen kann. Es ist keine außergewöhnliche, sondern alltägliche Erfahrung, der wir allerdings normalerweise keinerlei Bedeutung zumessen. Es ist die natürlichste und zugleich die tiefste Form der Mystik. Durch diese Erfahrungen kann uns klar werden, dass es nur eine Göttliche Realität gibt und dass keine fundamentale, wesenhaften Trennung zwischen Gott und Welt, Gott und Seele, Seele und Welt, oder Seele und Seele existiert.

Jeder Mensch macht die Erfahrung ständig, auch wenn er sich ihr nicht bewusst ist. Es ist die erste Erfahrung überhaupt, die Ur-Erfahrung, die Erfahrung, die aller anderer Erfahrung voraus geht. Bei dieser Erfahrung nehme ich wahr, ohne zu bewerten oder einzuordnen, was ich sehe: Ich bin eins mit dem, was ich wahrnehme.

Alles wird mir durch mein Bewusstsein vermittelt, kommt an diesem nicht vorbei: Ach die sogenannte objektive Realität. Alles, was ist, ist in mir, spielt sich in mir ab, taucht in mir auf. Die ganze Welt, die Bäume, die Straße, die Menschen sind zunächst nämlich nicht außen, sondern innen. Für den einen oder anderen mag das falsch klingen. Wir sind es gewohnt, uns und die Außenwelt als getrennt zu betrachten. Als zwei Dinge. Es ist ein tiefer Glaube, der allem, was wir tun, üblicherweise zugrunde liegt.

Beobachtet euch einmal dabei, wie ihr zum Beispiel einen Baum, eine Blume oder ein Haus anschaut, egal, was, sucht euch raus, was gerade vor eurer Nase ist.

Schon während ihr das tut, spaltet ihr euch auf in jemand, das wahrnimmt, und jemand der euch, den Wahrnehmenden, der den Gegenstand wahrnimmt. Als ob ihr zwei wärt.

Und jetzt fragt euch, wer ihr von den beiden seid. Die eine Erfahrung davon: „Der Beobachter“ ist primär, die zweite – ihr beobachtet euch quasi wie von außen – ist bereits ein Konstrukt des Gehirns. Weitere Konstrukte wären Kategorisierungen, Bewertungen, Überlegungen.

Der Konstruktivisten haben darauf aufmerksam gemacht, dass sich die Wirklichkeit und der Beobachter dieser nicht trennen lassen. Indem wir etwas wahrnehmen, verändern wir es bereits in unserem Kopf. Wir interpretieren ständig, bewusst oder unbewusst, was wir sehen, hören, riechen, schmecken etc.

Interpretieren in diesem Sinn heißt jedoch „trennen“: Die Welt und ich, der andere Mensch und ich, das Göttliche und ich. Ich und meine Gefühle. Wir sind das Subjekt und das/der/die andere ist das Objekt. Ich sehe meine Oma. Ich spüre den Regen. Da steht ein Baum. Das ist die dualistische Wahrnehmung.

Das Gegenteil davon ist die nondualistische. Wir nehmen einfach nur wahr, dass wir wahrnehmen. Es gibt kein außen und innen. Subjekt und Objekt fallen in eins. Die Gedanken stehen still. Ich bin einfach nur und alles ist in mir. Die nondualistische Wahrnehmung ist eine Einheitserfahrung. Wir „haben“ nicht Bewusstsein, wir sind bewusst. Das Bewusstsein selbst kann kein objektiver Gegenstand meiner Wahrnehmung werden. Sobald ich versuche, es dazu zu machen, erfahre ich, wer ich im tiefsten eigentlich bin: nämlich dieses Bewusstsein, das wahrnimmt. Diese Erfahrung kann das Ergebnis einer Selbsterforschung sein, was wir im tiefsten unter „Ich“ verstehen: Was ist dieses „Ich“, das bei jeder Erfahrung, die wir machen, gleich bleibt? Bin ich bewusst? (Siehe auch: Übung zur Erleuchtung).

Die Erfahrung kann uns aber auch geschenkt werden: In dem Erlebnis von Schönheit oder Liebe oder wenn eine Tätigkeit uns in einen tiefen Flow versetzt. Subjekt und Objekt verschmelzen.

Niemand erklärt so verständlich und einleuchtend, was mit dem Begriff „Nondualität“ gemeint ist wie Rupert Spira. Er hält weltweit Seminare, in denen er die nichtdualistische Weltsicht vermittelt.

Das passende Buch dazu: Rupert Spira, Bewusstsein ist alles: Über die Natur unserer Erfahrung, 2011.

Ergänzung: Für den deutschsprachigen Raum wurde ich auf Vincenzo aufmerksam gemacht, der es ebenfalls wunderbar versteht, zu erklären, um was es geht. Danke, Regina!

Aus einer nondualistischen Weltsicht folgt eine entsprechende Ethik: Wenn du und ich nicht getrennt sind, sondern eigentlich eins, weil jeder gleichermaßen diese Erfahrung macht, pures Bewusstsein zu sein, ist Jesu Regel: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ nicht mehr ein Gebot, dem ich Folge leisten sollte, sondern ein Verhalten, dass ganz natürlich der neuen Wahrnehmung der Wirklichkeit entspringt: Rassenideologie, ethnisches Denken, ja jede Form von herablassender Arroganz lassen sich nicht mehr aufrechterhalten, wenn ich im Anderen mich selbst sehe, wenn durch die Augen des anderen das selbe Bewusstsein scheint, durch das auch ich wahrnehme.

Hauptquelle: https://www.enlightened-spirituality.org/nondual-spirituality.html

integral church berlin

Christian Schmill ruft auf seinem Blog dazu auf, eine integrale Kirche in Berlin zu gründen und liefert dazu einiges an Hintergrundmaterial. Reinschnuppern lohnt sich.

[ Aus dieser Seite meines Blogs soll die Internet-Plattform eines neuen Projekts in Berlin werden. – Alle dürfen mitmachen! – Aber bitte hinten anstellen. 😉 ] integral church berlin einfach – gemeinsam – leben ( integral-church.berlin – icb – community für integrale spiritualität in berlin und dem rest welt ) […]

über integral church berlin — schmillblog

Bekannte Vertreter eines integralen Christentums

Diese Liste ist ein vorläufiges Ergebnis meiner Recherchen und wird im Laufe der Zeit vermutlich noch mehrmals erweitert und ergänzt werden. Für hilfreiche Hinweise bin ich dankbar! Und nun: Viel Spaß beim Entdecken! 🙂

Cynthia Bourgeault

Eine moderne Mystikerin und Geistliche, Autorin, internationale Retreat-Leiterin und Dozentin am Zentrum für Aktion und Kontemplation. (cac.org) Eine Schülerin von Thomas Keating.

http://cynthiabourgeault.org

Cyprian Consiglio Cam

Ein Musiker, Mönch, spiritueller Lehrer und Autor.

http://www.cyprianconsiglio.com

Leslie Harshberger

Eine Beraterin, Coach und Lehrerin. Sie gibt Kurse auf der Plattform Integral Life von Ken Wilber.

http://lesliehershberger.com

Tilmann Haberer

Schrieb zusammen mit Marion und Werner Tiki Küstenmacher das Buch „Gott 9.0. Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird“ und bloggt als Pfarrer auf:

http://Tilmannhaberer.wordpress.com

Thomas Keating

Ein Mönch, Priester und Mitbegründer einer Gebetsform, dem Gebet der Sammlung (Centering Prayer).

https://www.contemplativeoutreach.org/fr-thomas-keating

Doug King

Ein Autor, Redner und Präsident von „Presence international“, einer Denkfabrik integraler Theologie. Er gibt seinen Kurs hier gratis:

http://www.presence.tv/integral-theology/

Marion Küstenmacher

Autorin und Couch für spirituelle Persönlichkeitsentwicklung. Schrieb zusammen mit ihrem Mann Werner Tiki Küstenmacher und Tilmann Haberer das Buch „Gott 9.0. Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird“. 2018 erschienen ihr neues Buch: „Integrales Christentum. Einübung in eine neue spirituelle Intelligenz.“

http://gott90.de

Jim Marion

Mystiker, ehemaliger Mönch und Rechtsanwalt. Schrieb das Buch „Der Weg zum Christus-Bewusstsein. Eine Landkarte für spirituelles Wachstum in die Tiefe der Seele“.

Richard Rohr

Franziskanermönch, Prediger und Bestsellerautor. Gründete eine Organisation für spirituelle Männlichkeit „M.A.L.E“ und baute ein Zentrum für Aktion und Kontemplation auf.

https://cac.org

Bruce Sanguin

Pastor der Unierten Kirche in Kanada und Autor verschiedener Bücher, sein neuestes „The Way of the Wind: The Path and Practice of Evolutionary Christian Mysticism“.

http://brucesanguin.com

Paul Smith

Pastor und Autor. Verwandelte als Pastor eine baptistische Gemeinde in eine integrale. Schrieb die Bücher „Integral Christianity: The Spirit’s Call To Evolve!“ und „Is your God Big Enough, Close Enough, You Enough? Jesus and the Three Faces of God.“

http://www.revpaulsmith.com

David Steindl-Rast

Benediktinermönch, Autor und Vortragsredner. Gründer einer Dankbarkeitsbewegung.

http://archive.gratefulness.org/index.htm

Wayne Teasdale

Ein katholischer Mönch, Autor und Lehrer. „Gründer der interspirituellen Bewegung“ (Ken Wilber).

http://communityofthemysticheart.org

Tom Tresher

Priester, Autor und Gründer einer integralen Kirchengemeinde. Er schrieb darüber in seinem Buch: „Reverent irreverence. Integral Church for the 21st Century. From Cradle to Christ Consciousness“.

Nicholas Vesey

Priester einer progressiven Gemeinde. Schrieb das Buch „Developing Consciousness: A Roadmap of the Journey to Enlightenment“.

https://www.aspenchapel.org

Integrale Gemeinden:

http://suquamishucc.org

https://integralchurch.wordpress.com/about/

 

Was ist das Problem?

Tilmann Haberer erklärt uns in seiner Predigt, was integrale Christen unter dem Begriff „Sünde“ verstehen können.

Großstadtpredigten

Erschaffung AdamsNach „Was ist Gott?“ und „Was ist der Mensch?“ kommt nun „Was ist das Problem?“
Predigt, gehalten am 21. Oktober in St. Markus

Was ist das Problem?

Liebe Gemeinde, manche wissen es ja: Im August habe ich eine Mini-Predigtreihe gehalten aus zwei Predigten. Die Titel: „Was ist Gott?“ und „Was ist der Mensch?“

Und jetzt also: „Was ist das Problem?“

Ich will ganz kurz die Kernaussagen meiner August-Predigten noch einmal aufgreifen. Gott, so glaube ich, ist kein höheres Wesen, das irgendwo in einem Jenseits thront. Gott ist vielmehr die Tiefe des Lebens, das Geheimnis der Welt, das Sein selbst. Und der Mensch? Wir Menschen sind Gottes Kinder, das heißt, in der Tiefe unseres Seins sind wir eins mit Gott.

Wenn das stimmt, wenn wir wirklich eins sind mit Gott, was ist dann das Problem? Dann sollte uns doch nichts auf der Welt irgendetwas anhaben können, nichts sollte uns Angst machen…

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Integral und Christ – passt das überhaupt zusammen?

Ein „Integrales Christentum“ – geht das überhaupt? Ist nicht „Christentum“ nur ein Teil und damit gerade nicht „integral“, also nicht allumfassend, alle einschließend?, so lese ich manchmal. Der Begriff wäre dann ein unsinniges Oxymoron. Die Tendenz innerhalb der integralen Szene ist tatsächlich groß, sich bereits auf einem höheren transreligiösen oder interspirituellen Level zu wähnen und alle religiösen Traditionen als Vorstufen anzusehen, die es zu überwinden gilt. Doch Vorsicht!

Anselm Grün warnt in seinem Buch „Mystik. Den inneren Reichtum entdecken“ vor einem solchen Denken:

In der Sprache der Psychologie nennt man dies nach C.G. Jung die „Gefahr der Inflation.“ Man bläht sich mit großen Bildern auf, hält sich also für einen Mystiker und denkt, man bräuchte sich nicht mehr mit den christlichen Dogmen und Glaubenssätzen auseinanderzusetzen, weil man über jeder konkreten Religion steht. Für die wahren Mystiker und Mystikerinnen war Demut immer ein wichtiges Kennzeichen sowie die Bereitschaft, die eignen Erfahrungen in Einklang mit der kirchlichen Lehre zu bringen. (S. 13)

„Integral“ bedeutet auch, unsere Herkunft und spirituelle Heimat zu umarmen und zu integrieren. Ein religiöser Einheitsbrei oder eine Art Über-Religion ist gerade nicht integral, da dadurch der Reichtum, die Besonderheiten und die einzigartigen Zugänge und Wahrheiten jeder einzelnen Tradition verloren gehen würden. Ziel des integralen Ansatzes ist es aber, Einheit in einer bestehenden Vielfalt, die also solche wertgeschätzt wird, zu erreichen.

Der Dalai Lama findet dafür folgendes Bild:

… Vielfalt kann dazu beitragen, dass alle glücklich sind. Wenn wir nur Brot haben, bleiben die Reisesser hungrig. Mit einer großen Auswahl an Nahrungsmitteln können wir die unterschiedlichen Bedürfnisse und Geschmäcker aller Menschen befriedigen. […] Welcher religiösen Tradition wir folgen, wird bei den meisten von uns vom familiären Hintergrund bestimmt, es hängt davon ab, wo wir geboren wurden und aufwuchsen. Und ich bin der Meinung, dass es in den meisten Fällen besser ist, nichts daran zu ändern. (S. 8f., Vorwort zu dem Buch von Wayne Teasdale, Das mystische Herz)

Der Priester Wayne Teasdale selbst beschreibt Interspiritualität so:

Nicht Buddhismus anstelle von Christentum oder Christentum anstelle von Islam, sondern Christentum plus Buddhismus, Islam plus Christentum.“ Wir lehnen unsere eigene Tradition nicht ab, sondern bauen auf diesem Fundament auf.

Wer sich als integraler Christ bezeichnet, sieht sich gleichzeitig tief in seiner eigenen spirituellen christlichen Tradition verwurzelt und kann sie gerade darum mithilfe der integralen Landkarte für andere neu beleuchten und verständlich machen. Es geht bei diesem Prozess nicht um die Preisgabe von Inhalten, sondern um deren immer tieferes Verstehen und Übersetzen in gegenwärtige Lebensverhältnisse und Denkstrukturen.

Paul Smith drückt dieses Unterfangen so aus:

Niemand muss seine traditionelle Religion aufgeben. Sie [die Christen] brauchen nur eine neuere Version davon.

(aus: Is Your God Big Enough, Close Enough, You Enough, Übersetzung des Verfassers, S. 359)

Was sagt ihr dazu?

Wiedergeburt denken

Ist der Reinkarnationsgedanke urchristlicher Glaube – und wenn ja, inwiefern?

Immer wieder höre ich den Vorwurf, die Kirche habe die Lehre von der Wiedergeburt unterdrückt und verboten, obwohl dies ein urchristlicher Glaube sei.

Ein derzeit prominenter Vertreter dieser These ist Franz Alt. In seinem Buch „Was Jesus wirklich gesagt hat“ bezieht er sich dazu auf die Rückübersetzung von bekannten Sprüchen Jesu aus dem Griechisch der Bibel in Jesu Muttersprache, das Aramäische, nachzulesen bei: Günther Schwarz: „Worte des Rabbi Jeschu: Eine Wiederherstellung.“

Ein Film zu den Hintergründen des Buches seht ihr hier:

Das Jesu Wort aus Johannes 3,3

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

lautet bei Schwarz:

Wenn jemand nicht wiederholt geboren wird, so kann er nicht wieder eingelassen werden in das Königtum Gottes.

Für Franz Alt bedeutet das:

Wiedergeburt heißt, dass es keinen Tod gibt, sondern Verwandlung, Reinkarnation und Erneuerung. […] Damit ist die Wiedergeburt eine große Entwicklungschance […] (Franz Alt, Was Jesus wirklich gesagt hat, S.136)

Wirklich viel Belege kann er für seine Interpretation allerdings auch nicht anführen.

Unsere Kirchen lehren offiziell alle: Auferstehung ja, Wiedergeburt nein.

Häufig lese ich Sätze wie:

Der christliche Glaube an die Auferstehung der Toten und die Vorstellung von Karma und Reinkarnation schließen sich gegenseitig aus.

Andere werfen der Kirche vor:

553 n. Chr. wurde die Wiedergeburt von 165 Kirchenleuten verdammt. Zuvor war sie ein Fundament christlicher Lehre (z.B. https://www.zeitenschrift.com/artikel/reinkarnation-die-grosste-luge-der-kirche)

Wer hat denn jetzt Recht? Oder haben wieder „alle Recht“, zumindest teilweise (Motto Ken Wilbers)?

Warum ich persönlich angefangen habe, über Wiedergeburt nachzudenken:

Zunächst ganz einfach: Weil es viele Menschen weltweit gibt, die davon überzeugt sind, auch Christen, obwohl es nicht offiziell gelehrt wird. Haben sie alle schlicht unrecht, fantasieren sich etwas zusammen?

Sind die Wahrheiten, die unseren östlichen und westlichen Religionen zu Grunde liegen also doch so gegensätzlich, so unvereinbar, dass nur eine der beiden Traditionen Recht haben kann?

Irgendwann tauchte in mir die Frage auf, ob nicht ein liebender Gott jedem Menschen eine zweite Chance einräumen würde – wenn ein Mensch sein Leben also ziemlich „verbockt“ oder in den „Sand gesetzt hat“, warum sollte der dann nicht eine zweite Chance bekommen können, ein zweites, drittes oder auch viertes „besseres“ Leben zu führen? Es spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, ob ich glaube, dass Gott jemanden nach einem kurzen vermurksten Leben bis in alle Ewigkeit bestraft oder ihn begnadigt. Denn eine Begnadigung ist sicherlich nicht befriedigend für jemanden, der selbst einsieht und spürt, dass er seine einzige Chance verspielt hat.

Es geht also auch um die Frage: Wie oft würde ein Mensch wohl leben wollen, wenn er es immer wieder probieren dürfte? Unendlich oft – oder würde er nach dem fünften Mal sagen: „So, jetzt bin ich zufrieden mit dem Ergebnis?“

Und dann war da die Sinnfrage. Die Frage nach dem Sinn meines Lebens, dem Sinn von menschlicher Geschichte überhaupt, von Leben in Raum und Zeit, von einem in eine unbekannte Zukunft gelebten Leben, das abgelöst wird von einem anderen Leben und wieder einem Leben und…

Mich wundert es immer noch, dass diese Frage so wenig Christen zu beunruhigen scheint. Da heißt es: „Jesus ist für uns gestorben, damit wir gerettet werden.“

Da bleibt doch immer noch die drängende Frage, wozu wir eigentlich gerettet sind? Dieser Glaube – „ich war verloren, jetzt bin ich gerettet, Halleluja!“ – sagt überhaupt nichts darüber aus, wozu ich und die anderen eigentlich da sind, wozu wir Finger, Füße und Zehen haben und Erfahrungen machen. Der scheinbar zentrale Glaubensinhalt – der manchmal wirkt, als hätte Gott nur einen Fehler in seiner Schöpfung nachträglich ausgebügelt – blendet die Sinnfrage gänzlich aus!

Anders bei der integralen oder evolutionären Spiritualität, die sagt, dass wir Menschen wesentlich dazu da sind, Erfahrungen zu sammeln und dadurch zu wachsen, sowohl als einzelner als auch als Menschheit insgesamt. Doch gerade diese Idee wirft die Frage auf, was es dem Steinzeitmädchen Lisa bringen soll, wenn die Oma Luise ihre Lehre aus den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs zieht?!

Und dann scheint es so willkürlich oder ungerecht, dass der eine auf der Südhalbkugel geboren wird, im ärmsten Viertel, dazu bestimmt, sein Leben auf der Müllhalde zu verbringen und jämmerlich an Vergiftung zu sterben, während ein anderer in einer gut betuchten Familie aufwächst, eine Firma erbt und jedes Jahr Urlaub in einem anderen Land der Erde machen kann, weil ihm das so großen Spaß macht. Warum stecke ich in einem gesunden Körper, mein Vater in einem kranken?

Wäre es da nicht eine verführerisch einfache Erklärung, Wiedergeburt und die Auswirkung von schlechtem Karma anzunehmen? Dann könnten wir sagen: Selbst schuld – du hast einfach was falsch gemacht in deinem letzten Leben, das hast du jetzt davon, viel Spaß.

Manche sehen die Welt als eine Art Schulungsort. Mit jedem neuen Leben könnten wir zeigen, dass wir aus alten Fehlern gelernt haben. Jedes Leben hält seine Entwicklungsaufgabe für uns bereit. Aber wo bleibt da die Gnade, die sagt: Schwamm drüber?

Franz Alt nennt die Vorstellung von der Wiedergeburt eine „Entwicklungschance“. Doch hört sich das nicht an wie ein „Entwicklung-Zwang“?:

„an unseren Fehlern müssen wir schon selbst arbeiten. […] Die Reinkarnation nimmt uns in die Pflicht. Diese Chance haben wir mehrfach […] Wir sind hier, um zu lernen. Entweder wir wollen lernen. Oder wir müssen leiden.“ (Was Jesus wirklich gesagt hat, S.136f.)

Seiner Beschreibung nach muss sich der Mensch erst würdig erweisen, durch die schmale Pforte zu kommen, sonst muss er „noch mal“. Als ob einer nach zig immer moralisch einwandfreieren und immer spirituelleren Leben plötzlich den Zustand erreicht hätte, ins Reich Gottes einzugehen. Legt Gott etwa ein Maßband an: Du darfst, du noch nicht?

Wenn die Welt ein Schulungsort wäre, müssten wir dann nicht immer und immer wieder leben? Da ist diese – in meinen Augen – Horrorvorstellung einer ewigen Wiederkehr, des sogenannten Samsara, der ewige Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt. Noch schlimmer: Einer Wiederkehr abhängig von einem irgendwie gearteten Karma-Konto. Warst du böse, wirst du ein Schuhputzer oder noch schlimmer: Eine Stechmücke. Benimmst du dich als Stechmücke dann schön anständig, schaffst du es vielleicht wieder bis zum Elefanten und so weiter. Allzuleicht lässt sich eine solche Lehre dazu missbrauchen, bestehende Ungerechtigkeit in Stein zu meißeln und Menschen für eigene Zwecke zu manipulieren. Und philosophisch überzeugen kann sie auch nicht, da überhaupt nicht klar ist, was es überhaupt genau ist, was von dem Wechsel von Kuh zu Mücke wiedergeboren wird.

Hier ein interessantes Video eines jungen You-Tubers, der auf den manipulativen Charakter und logischen Ungereimtheiten der Reinkarnationslehre innerhalb des hinduistischen Kastensystems eingeht. Er lädt dazu ein, Reinkarnation als etwas anzusehen, was jeden Tag stattfindet: Wir seien jeden Tag eine neue Person.

Manche dehnen diese Geschichte wenigstens etwas aus, damit sie nicht so unbarmherzig klingt. Sie erzählen von vielen Himmeln, einer ganzen Himmel-Hierarchie, eine Art Fortsetzung von verschiedenen Bewusstseinsebenen. Wer nach dem Tod den ersten Himmel für den einzigen hält, bleibt da so lange, bis er die Fühler nach noch höheren Welten ausstreckt und so weiter und so fort. Und wer noch einmal leben will, lebt nochmal. Evolution ins unendliche Eins-Sein-mit-Gott. Damit hätte zumindest jeder Mensch die Chance, sich in seinem Tempo zu entwickeln, ganz unabhängig davon, in welchem Zustand er stirbt: Als Säugling, als verbitterter Greis oder mitten im Leben stehend.

Warum eigentlich ist Wiedergeburt so ein schwieriges und umstrittenes Thema?

Weil es so schwer ist, sie zu DENKEN. Wer oder was wieder geboren oder wandert weiter von einem Körper in den nächsten? Wer könnte dieses „Ich“ sein, dass in Schulung geht? Oder das freiwillig entscheidet, noch einmal auf die Welt zu kommen?

Haben wir uns nicht bereits damit befasst, dass das Ego und all seine Identifikationen, Name, Aussehen, Biografie etc. durch meditative Praxis schwächer wird und unter Umständen ganz verschwindet – und zurück bleibt allein das Gefühl des „(Ich) Bin/Es ist“? Was kann denn dann noch wandern?

Viele fügen zwischen „Ego/Mind“ und „wahrem Selbst/GEIST“ noch die „Seele“ als Zwischenkategorie ein. Das wäre dann so etwas wie die individualisierte Form Gottes. Die „Seele“ gehört in den Bereich der „subtilen Energien.“ Deshalb spricht man ja auch von „Seelenwanderung.“ Die Seele wandert so lange in ihrem subtilen Körper herum, bis sie sich wieder mit einem grobstofflichen Körper vereint und wieder geboren wird.

So auch Ken Wilber. Er stellte sich die Frage: Wie könnte Reinkarnation gedacht werden, damit sie möglich wäre? (Unabhängig davon, ob es sie nun gibt oder nicht), nachzulesen in dem 2004 erschienenen „Auszug G“ aus dem zweiten Band seiner Kosmos Trilogie, Ken Wilber, Excerpt G: Toward A Comprehensive Theory of Subtle Energies. http://www.integralworld.net/de/excerpt-G-de.html.

Auf die Erklärung will ich hier nicht genauer eingehen, weil das ohne den Kontext des Textes zu verwirrend wäre.

Eine ganz andere Erklärung der Reinkarnation habe ich bei Walter Russell gefunden, einem amerikanischen Universalgenie, der erzählt, dass er in seinem Leben in regelmäßigen Abständen Offenbarungen von Gott erhielt. Egal, was man von dieser Geschichte halten mag, seine Erläuterungen finde ich zumindest bedenkenswert, weil sie noch einmal andere, wichtige Aspekte für das Thema liefern. (Zu Russell gerne an anderer Stelle mehr, denn ich habe entdeckt, dass sein Denken viele integrale Momente aufweist)

In seinem Buch „Die Botschaft der Göttlichen Iliade“ stellt er fest:

Das große Hindernis zum Verständnis der Reinkarnation ist der verbreitete Glaube, dass unsere Individualität und Persönlichkeit getrennt von allem anderen seien, während in Wirklichkeit jeder einzelne ein Teil aller anderen ist. (S. 256)

Er erklärt diese Verbundenheit aller mit allen auf zweierlei Wegen:

Körper wiederholen sich durch den Samen, aber der Geist wiederholt sich durch den Geist. (S. 250)

Mit „Samen“ meint er die Erbinformation, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, wir verorten diese heute üblicherweise in der DNA. Auf diese Weise reinkarnieren wir Eltern uns beispielsweise in unserem Sohn. (Und oh ja, da ist durchaus etwas dran! :-)) (Aber auch die Großeltern, Urgroßeltern und so weiter)

Mit „Geist“ ist gemeint, dass, wenn ein Mensch (zum Beispiel du) sich für den Geist eines anderen Menschen öffnet (zum Beispiel, wenn du Mozart hörst oder Nietzsche liest), du in diesem Moment eins mit diesem Geist wirst: Du machst Mozarts Musik zu einem Teil von dir. Reinkarnation funktioniert hier auf dem Wege der Inspiration, der Weitergabe von Gedanken, Wissen, Wünschen, Gefühlen.

Unsere (scheinbar existierende) Individualität ist nichts anderes als das Ergebnis des Zusammenwirkens aller mit allen und allem mit allem:

Jede ihrer Gedanken hing mit anderen Menschen zusammen, lebenden oder toten, mit ihrer unmittelbaren Umgebung oder mit der Natur insgesamt. Ihre Mutter, ihr Vater, Brüder und Schwestern, Freunde und Lehrer formten die ersten Grundlagen ihrer Gedanken. Diese Menschen wurden ein Teil von ihnen, indem sie ein Teil ihrer Gedanken wurden. […] Wenn sie siebzig geworden sind, werden die großen Denker der Welt ebenfalls ein Teil von Ihnen geworden sein, indem sie ihr Wissen mit Ihnen teilen. […] In dem Ausmaß, wie Jesus ein Teil Ihres Denkens wird, lebt er in Ihnen als ein Teil von Ihnen, so wie er in all jenen lebt, deren Denken mit seinem eins geworden ist. […] Behalten Sie immer im Bewusstsein, dass es nicht zwei voneinander getrennte Menschen auf der Erde gibt. Es gibt nur einen – denn jeder ist eine Erweiterung des anderen. (S. 253 f.)

Das, was andere „Karma“ nennen, erklärt er mit einem einen einfachen Ursache-Wirkungszusammenhang. Ungleichgewicht an der einen Stelle bringt Ungleichgewicht an einer anderen hervor:

der Mensch erleidet die Wirkungen seiner Gesetzesbrüche, individuell und kollektiv, in Form zerbrochener Freundschaften, verlorener Gesundheit, geschäftlicher Misserfolge, häuslichen Auseinandersetzungen, Feindseligkeiten und zahllose andere schlimme Auswirkungen, die aus seinen eigenen Schöpfungen folgen. (S. 66)

Was bringt es also Steinzeitmädchen Lisa, wenn die Oma Luise ihre Lehre aus den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs zieht? Ganz einfach: Wenn Lisa stirbt und in die geistige Welt zurückkehrt, kann sie auf alle Erfahrungen der gesamten Menschheit in Vergangenheit und Zukunft zurückgreifen, sie ist nicht mehr nur Lisa, sie ist eins mit allen Menschen.

Wie denkt ihr darüber? Glaubt ihr auch als Christen an Wiedergeburt und wenn ja, wie stellt ihr euch diese vor?