Veranstaltungshinweis

Hallo ihr Lieben!

Vom 26. Mai bis zum 05. Mai 2019 wird es ein kostenloses Online-Symposium geben zum Thema „Wissenschaft und Spiritualität – die Welten verbinden.“

Es wird von der Zeitschrift Tattva Viveka organisiert, die ihr 25-jähriges Jubiläum feiert.

Die Veranstalter schreiben dazu:

[Wir] haben viele Wissenschaftler, Philosophen und spirituelle Praktiker versammelt, die zusammen das neue integrale Weltbild erforschen und weiterentwickeln. Die beiden Welten der rationalen Wissenschaft einerseits und der intuitiven Spiritualität andererseits bilden keinen Gegensatz mehr, sondern kommen zusammen und erheben unser Bewusstsein zum Wohle aller Lebewesen auf eine höhere Ebene.

Auch der Mitautor von „Gott 9.0 – Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird“ Tilmann Haberer wird einen Vortrag halten. Es sind aber auch andere zahlreiche spannende Referenten dabei wie Dr. Rupert Sheldrake (morphogenetische Felder), Prof. Dr. Gerald Hüther (Hirnforscher), Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Peter Dürr (Quantenphysiker), Mystikerinnen und Mystiker verschiedenster Traditionen und die unterschiedlichsten spirituellen Lehrerinnen und Lehrer.

Zu der Veranstaltung könnt ihr euch über folgenden Link anmelden:

https://wissenschaft-und-spiritualität.de

Ich hab es schon gemacht und bin mir sicher, dass es sich lohnt. Es gibt auch eine dazugehörige Facebook-Gruppe, in der ihr euch mit anderen zu den Themen austauschen könnt.

Integrales Glaubensbekenntnis gesucht

Zwei Fundstücke

In der Gemeinde, in die mein Mann und ich zum Gottesdienst gehen, wird fast jedes Mal das Apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen. Ich werde immer zögerlicher, es mitzusprechen, denn es ist schon lange nicht mehr Ausdruck meines Glaubens: „aufgefahren in den Himmel, sitzt zur Rechten Gottes“ klingt mythologisch, „geboren von einer Jungfrau“ dogmatisch und warum Pontius Pilatus die Ehre zuteil werden soll, jeden Sonntag erwähnt zu werden, erschließt sich mir auch nicht. Das Nizänische Glaubensbekenntnis ist aufgrund seiner starken Ähnlichkeit keine wirkliche Alternative. Allein die Art und Weise, wie monoton das Bekenntnis von anderen heruntergeleiert wird, zeigt mir, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht. Wer mich, weil ich diese ganz offensichtliche Wahrheit ausspreche, in die Häretiker-Ecke stellen will, darf das gerne tun – und sich anschließend selbst fragen, wie denn sein ganz persönliches Glaubensbekenntnis ausfallen würde, wenn er sich einmal erlauben würde, uneingeschränkt ehrlich gegenüber sich selbst zu sein. Auch ich habe in einer Ecke meines Herzens nicht aufgehört, diese(s) Glaubensbekenntnis(se) zu lieben – schon allein aufgrund ihrer unvergleichlich eingängigen Sprache und weil sie immerhin den Willen zum Ausdruck bringen, eine Gemeinschaft „im Glauben“ zu sein.

Dennoch bin ich auf der Suche nach einem Bekenntnis, das ein integraler Christ aus vollem Herzen mitsprechen könnte. Dabei habe ich mitunter diese zwei gefunden:

Das erste stammt von einer integralen Unity Church Gemeinde in den USA in Suquamish, Washington. Ich habe es für euch ins Deutsche übersetzt.

Wir glauben an den Gott, der wahrgenommen, aber niemals vom Verstand begriffen werden kann. Wir beteiligen uns an diesem Heiligen Mysterium durch die essenzielle Natur unseres Seins und unsere Beziehungen. Wir glauben, dass Gott sich offenbart hat und weiterhin im Lauf der Geschichte die Kraft des Lebens in Schöpfung, in Heilung und Beziehungen der Liebe offenbaren wird.

Wir glauben, dass das Göttliche uns lebt, atmet, denkt, wir ist. Wir verstehen unter „Sünde“, dass wir über unsere essenzielle göttliche Natur im Unwissen sind. Wir glauben, dass Jesus seine wahre Natur als der Christus, Sohn Gottes, verwirklicht hat. Wenn wir uns auf die Erkenntnis unserer wahren Natur zu bewegen, bewegen wir uns auf den Christus in uns selbst zu.

Wir wenden uns den heiligen Texten zu, darunter der Bibel, und erlauben der Schrift uns zu treffen und zu inspirieren, indem sie mit uns in Resonanz geht und unsere eigene Spiritualität herausfordert.

Wir glauben an den teilnahmsvollen Dienst an unserer Gemeinschaft und an der Welt und an die Vertiefung unserer inneren Verbindung mit dem Göttlichen als Richtschnur für unser Handeln.

Wir respektieren die Kraft des Heiligen Geistes, der in jeder Person unterschiedlich wirkt. Wir glauben, dass es innerhalb der christlichen Tradition viele Wege gibt, zu verstehen, zu leben und zu lobpreisen. Wir pflegen eine Kirchengemeinschaft, die Individuen auf jeder Etappe ihrer Glaubensreise willkommen heißt.

https://suquamishucc.org/about

Das zweite stammt von der Unity Church in Deutschland:

Gott ist Quelle und Schöpfer alles Seienden. Es gibt keine andere immerwährende Kraft. Gott ist gut und allgegenwärtig.

Wir sind geistige Wesen, nach Gottes Vorstellung geschaffen. Der Geist Gottes lebt in jedem Menschen, weshalb alle Menschen von Natur aus gut sind.

Wir erschaffen unsere Lebenserfahrung durch die Art und Weise unseres Denkens und Fühlens.

Bejahendes Gebet besitzt Kraft. Wir glauben daran, dass diese Kraft unsere Verbindung mit Gott stärkt.

Das Wissen um diese geistigen Prinzipien ist nicht ausreichend. Wir müssen sie leben.

UNITY-Akademie für
angewandtes Christentum e.V. (https://unitydeutschland.de)

Zu der Unity Church gerne ein anderes Mal mehr…

Was haltet ihr von diesen? Was wären eure Glaubensbekenntnisse?

Cynthia Bourgeault: Das Herz des Zentrierenden Gebets

Eine völlig andere Art der Wahrnehmung

Die spirituelle Lehrerin und Autorin Cynthia Bourgeault stellt in ihrem Buch die These auf, dass das Christentum mit dem Gebet der Sammlung (Zentrierendes Gebet) über eine kontemplative Praxis verfüge, die wie keine andere direkt in das nonduale Bewusstsein führe. Sie unterscheidet es von einer anderen Form christlicher Mediation – dem Mantrabeten.

Wenn ihr noch nicht wisst, was der Begriff „Nondualität“ meint, empfehle ich euch zuerst meinen Artikel dazu: Wie erfahre ich Nondualität? 

Wenn ihr mehr darüber wissen wollt, wie das Gebet der Sammlung praktisch geht, hier entlang.

Ihre Thesen sind in Kurzform:

  • Das Gebet der Sammlung trainiert das „Loslassen“ – unserer Gedanken, Gefühle, Erinnerungen etc. „Loslassen“ ist keine Einstellung, sondern eine Übung mit konkreten physiologischen Auswirkungen. Das Gebet sei kenosis in Reinform – Leerwerden, Entäußerung. Vorbild hierfür ist Jesus.

„Er entäußerte/erniedrigte (hier das Verb kenosein im Griechen, Leerwerden im Englischen) sich selbst“, Brief an die Philipper 2,8

  • „Nondualität“ ist eine andere Art der Wahrnehmung und Reaktion auf äußere Reize, die uns Menschen über unseren Körper zur Verfügung steht. Das Gehirn nehme war, indem es trenne und abstrahiere, das Herz dagegen empfände die Wirklichkeit mittels „holographischer Resonanz“. Vermutlich hätten das die östlichen christlichen Mystiker gemeint, die dazu rieten, das Denken vom Kopf in das Herz zu führen.
  • Der Autor der „Wolke des Nichtwissens“ behaupte sogar, es hebe den Ursprung der Sünde – die trennende Wahrnehmung – wieder auf.
  • Unsere Reaktion auf äußere Reize bestimmt, ob unser Reptiliengehirn (Kämpfe oder Fliehe-Modus) aktiviert wird oder unser Körper aus einem Zustand der Herz-Hirnkohärenz antwortet

Sie bezieht sich dabei besonders auf die neuesten Forschungen zum Herzen durch das Harth Math Institut in Boulder, Kalifornien. Dieses Institut wurde gegründet, um Menschen durch Übungen, Kurse und Geräte mit der Intelligenz ihres Herzens in Verbindung zu bringen. Ziel dabei sind u.a. Ausgeglichenheit, Gesundheit, Widerstandskraft und Kontakt mit der eigenen Intuition.

[Herzkohärenz] ist ein optimierter Zustand, in dem Herz, Geist und Emotionen geordnet und im Gleichklang sind. Auf Körperebene agieren Immun-, Hormon- und Nervensystem in einem Zustand energetischer Koordination.“

pixabay13Bei seinen Forschungen ist es zu einigen spannenden Ergebnissen gekommen:

  • Es gibt ein vom Kopfgehirn unabhängiges Herzgehirn (- so wie auch im Darm), das über ausgeprägte sensorische Fähigkeiten verfügt.
  • Die Herzfrequenz ist Schwankungen im Millisekundenbereich unterworfen – Herzfrequenzvariabilität (HFV) oder auch Herzratenvariabilität (HRV) genannt
  • Wer eine höhere HFV/HRV aufweist, kann besser mit belastenden Situationen umgehen, gibt nicht so schnell auf und hat eine größere Willenskraft
  • Das Herz ist das größte elektromagnetische Energiefeld des Menschen
  • Das Herz wertet extrem viel mehr Informationen aus als das Gehirn: Das Ergebnis erhalten wir als „Impuls“
  • Das Herz sendet mehr Informationen an das Gehirn weiter als umgekehrt

Mit dem von innen entwickelten Inner Balance Trainer kann jeder über sein Smartphone sein Herzschlagmuster beobachten. (Kostet 189 € )

Im Mittelpunkt der Übungen, die das Institut entwickelt hat, liegt die herzfokussierte Atmung (Atmung in das Herz hinein). Dies ist ein spannender Punkt, den diese Übung ist auch in der christlichen Spiritualität als äußerst wirkungsvoll bekannt (Name „Herzensgebet“!) weswegen häufig Anfängern sogar davon abgeraten (!) wird. (z.B. Sabine Bobert in „Mystik und Coaching, S. 135)

Cynthia Bourgeault verbindet diese Erkenntnisse über die Bedeutung des Herzens mit einer Kritik an der integralen Theorie. Ihrer Ansicht nach braucht es für die höheren Level- oder zustände der Spiritualität (3rdTier) das Zusammenwirken von Gehirn und Herz. Das Herz (auch als Organ!) sei bisher nicht genügend berücksichtigt worden – auch in der Meditationsforschung nicht. Eine interessante Erklärung hat sie ebenfalls: Die meisten Forschungen werden derzeit von Buddhisten durchgeführt, auf Initiative des Dalai Lama. Doch es seien bereits vielversprechende Forschungen im Gange, angeführt durch den Neurowissenschaftler und Psychologieprofessor Michael Spezio.

Hier könnt ihr mehr über die Autorin erfahren:

http://cynthiabourgeault.org

Ein Interview zu ihrem Buch findet ihr hier:

https://cac.org/heart-centering-prayer/

Auf YouTube gibt es eine Reihe Vorträge, in denen sie die Gebetspraxis und die Thesen ihres Buches vorstellt. Hier eines davon:

 

PORTRAIT: Sven Kosnick

Sven Kosnick ist Zen-Lehrer. Seine eigene Kirche kann damit nichts anfangen.

Es ist kurz vor halb acht und schon dunkel. Im Gemeindezentrum brennt noch Licht. Zwei Frauen warten vor einer Tür. In dem Raum findet heute wieder eine Zen-Einheit statt, so wie jeden Donnerstagabend seit 1995 auf der Diezenhalde in Böblingen. In diesem Jahr hat Sven Kosnick den Kurs ins Leben gerufen, als er dort Pfarrer war.

Sven Kosnick ist ein hochgewachsener, kräftiger Mann mit kurzen, dunkelblonden Haaren und einem strahlenden Lächeln. Er geht zielstrebig auf den Raum zu, begrüßt die Frauen vor der Tür, schließt auf und betritt hinter ihnen den Raum. Er legt eine Matte und ein Kissen auf den Boden und zündet ein Räucherstäbchen an. Die Teilnehmer, zwei Männer und vier Frauen, haben eine Decke und ein Kissen dabei und legen diese in einem Kreis auf den Boden. Der Raum hat hohe Wände und vermittelt ein Gefühl von Weite. Alle begrüßen sich mit „Namaste“, indem sie die Handinnenflächen zu einer Grußgeste zusammenlegen und sich voreinander verbeugen. Dann nehmen alle Platz, die meisten offenbar geübt im Lotus-Sitz. Es stehen an: Drei Sitzeinheiten von 25 Minuten und dazwischen eine Gehmeditation. Sven Kosnick hält einen kurzen Vortrag zur Meditation, dann fragt er die Teilnehmer reihum, wer Interesse an einem „Dokusan“ habe – damit ist ein Gespräch mit ihm unter vier Augen gemeint. Vier Leute melden sich. Während die anderen meditieren, verlässt er den Raum und wartet in der Kirche nebenan auf seine Schüler, die ihn der Reihe nach aufsuchen.

Sven Kosnick wurde 1963 in Bad Schwartau an der Ostsee geboren und wuchs auf der schwäbischen Alb auf. Kurz vor dem Abitur machte er seine erste spirituelle Erfahrung und durchlebt daraufhin eine intensive Such- und Lesephase. Schon damals stieß er auf das Thema „Zen-Meditation“. Viele Sätze hätten ihn direkt ins Mark getroffen. Im Herzen habe er erkannt: Das ist es.

Bei der Bundeswehr fiel seine Entscheidung, Theologie zu studieren. Sein Studium absolvierte er in Tübingen, eine Weile studierte er außerdem Sport. Doch die Theologie, die er an der Universität erlebte, ließ jedes Interesse an spiritueller Erfahrung vermissen. Was er fand war pure Rationalität.

Nach dem Vikariat 1991 arbeitet er weitere 9 Jahre als Pfarrer. Schnell stellt er fest: „Ich bin gerne Pfarrer, aber das, was ich als Pfarrer machen soll, reicht mir nicht.“ 2002 habe er an die Schule gewechselt, zuerst nach Nagold, dann nach Stuttgart, wo er heute lebt. Seine spirituelle Erfahrung präge auch seinen Religionsunterricht. Er unterrichte „gelb“, deute „türkis“ manchmal an. Damit bezieht er sich auf den Farbencode von „Spiral Dynamics“. Auf die Frage seiner Schüler, welche Religion die richtige sei, gebe er als Antwort: Die richtige sei die, die liebt.

„Manche wollen dann auch anfangen, zu meditieren.“

Wenn Sven Kosnick beginnt, frei zu reden, merkt man, dass er in Welten Zuhause ist, die vielen gänzlich fremd erscheinen. Er verwendet Worte wie „Satori“ (Erleuchtung), „Koan“ (Fragen eines Zen-Meisters, die zur Erleuchtung führen) oder den Farbencode von Spiral Dynamics mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der andere „Butterdose“ oder „Schlafen“ sagen.

„Du kannst nicht beschließen, Zen-Lehrer zu werden“

china-1177009Erste Erfahrungen mit Meditation machte Sven Kosnick während seines Studiums bei einem Kurs im Evangelischen Stift. Doch das Sitzen in der Stille war ihm nicht genug. Er sehnte sich nach einem erleuchteten Meister, einem Menschen, dem er abspürte, dass dieser ihm die Erfahrung vermitteln könne, weil er sie selbst gemacht habe.

Als er das erste Mal den katholischen Zen-Meister Pater Johannes Kopp traf, war für ihn sofort klar: „Wir gehören zusammen.“

Diesem sei es damals ähnlich ergangen. Sven Kosnick wurde sein Schüler und belegte einen Kurs nach dem anderen. Dadurch bewies er, dass es ihm ernst war, mit der Suche nach der Wahrheit. Denn Zen sei mehr als Sitzen in der Stille und die Beobachtung des eigenen Atems. Es gehe vielmehr darum, das eigene Wesen und das Wesen der Wirklichkeit selbst zu erkennen.

Dazu werde jedem Schüler von seinem Meister bestimmte Fragen oder Aufgaben aufgetragen, die ihm auf seinem Weg zum Erwachen helfen sollen. Diese seien häufig absichtlich widersinnig oder paradox formuliert, um die Grenzen der Rationalität zu sprengen. Als ein Beispiel hierfür nennt er die berühmte Aufforderung eines Zen-Meisters: „Zeig mir den Klang einer klatschenden Hand“. Durch Gespür erkenne der Meister, ob der Schüler die Antwort erkannt habe. Wenn ein Schüler auf diesem Weg die Erfahrung der Erleuchtung macht, liegt noch ein weiter Weg vor ihm, bis er reif genug sei, andere ebenfalls zu dieser Erfahrung zu führen. Im Fall von Sven Kosnick musste diese noch Jahrzehnte ausreifen, bis sein Lehrer sagte: Ich ernenne dich zum Zen-Lehrer. Das war bei ihm 2013 der Fall.

Seitdem gibt er selbst Kurse in Zen, darunter auch sogenannte „Sesshins“. Dabei handelt es sich um Trainingseinheiten in der Zen-Meditation, deren Länge über einige Tage hinweg allmählich gesteigert wird.

Sein Traum ist es, Leiter eines geistlichen Zentrums zu werden. Als Vorbild nennt er das Programm „Leben aus der Mitte“, das von Johannes Kopp gegründet wurde. Es ist in der katholischen Kirche angesiedelt. Es frustriert ihn, dass seine Kirche keinen Bedarf an einer solchen Einrichtung sieht. „Die katholische Kirche ist der evangelischen da weit voraus.“ Bezeichnend sei, dass ihn der katholische Bischof kenne, sein eigener, der evangelische, Frank Otfried July, aber nicht. Denn das Programm „Leben aus der Mitte“ ist im Bistum Essen beheimatet. Es ist weltweit das einzige seiner Art, das direkt von einem Bistum getragen wird.

Als ich ihn während der Meditation im Kirchenraum aufsuche, ist seine erste Frage: „Wie ist es dir ergangen?“ Im darauffolgenden Gespräch, das ein wenig einer Befragung ähnelt, bleibt er liebevoll, aber hartnäckig. Ich merke, dass seine Weise von „Buddha“ zu reden, mich zunächst irritiert, denn für ihn scheint „Christus“ und „Buddha“ relativ austauschbar: Beide erleuchtet, beide Menschen wie er und ich, reines Bewusstsein. Dann gibt er auch mir ein „Koan“ auf.

 

Unser Verständnis und Umgang mit der Bibel – heute, gestern und in Zukunft

Die Bibel als Buch wird immer unwichtiger, während das Leben mit und in Gott immer wichtiger wird

Das Verständnis der Bibel verändert sich: Im Laufe unseres Lebens und in der Geschichte der Menschheit. Das ist ein Fakt, der aus der Kirchengeschichte klar ersichtlich ist als auch bei einem einfachen Blick in unsere eigene Vergangenheit: Wie haben wir als Kind das Gleichnis vom verlorenen Sohn verstanden? Wie als Jugendliche? Wie heute?

Hier eine schematische Übersicht, wie sich der Umgang mit der Bibel im Lauf der Zeit verändert – als Orientierungsrahmen habe ich „Spiral Dynamics“ verwendet, weil dieser Umgang viel mit unseren eigenen Werten zu tun hat. Ich sage bewusst „Schema“. Es ist ein Modell, das hilfreich sein kann, doch wir müssen uns immer in Erinnerung rufen, dass es sich eher um „Wellen“ handelt, dass die Stufen nicht sauber abgrenzbar sind, ineinanderfließen und jeder Mensch je nach Situation zu verschiedenen Stufen tendiert.

Beige: Von einem Buch werde ich nicht satt, wenn ich gerade echten Hunger oder Durst habe. Oder glücklich, wenn mir körperliche Berührung fehlt. Zuerst müssen diese Bedürfnisse erfüllt sein. Doch wenn ich einen Unfall habe, freue ich mich über den Notfallseelsorger, der das „Vater unser“ oder den Psalm 23 mit mir betet.

Purpur: Als ein magisches Buch kann die Bibel mich vor Unheil schützen. Sie darf daher nicht verbrannt, weggeworfen (oder durch andere Bücher verdeckt) werden. Ein Schwur auf sie ist besonders machtvoll. Schlage ich sie spontan auf, werden ihre Sätze wie ein Orakelspruch für mich sein. (z.B. die alte Familien- oder Altarbibel)

Rot: Das Beten der sog. Feindpsalmen hilft dabei, Wut, Aggression und Zorn an Gott zu übergeben nach dem Motto „Vernichte meine Feinde!“ Beispiele vom „gerechten Zorn“ geben Kraft beim Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Allzu wörtlich genommen dienen ausgewählte Texte allerdings zur Rechtfertigung von Kreuzzügen, dem Kampf gegen Andersgläubige und der Verteidigung von Praktiken wie der Todesstrafe.

Blau: Die Bibel ist ein Gesetzesbuch und ihre Erzählungen historisch wahr. Am wichtigsten sind die Zehn Gebote und Gebote, die Jesus gab wie „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Diese Gesetze sind die Richtschnur für ein gutes und „richtiges“ Leben. Wer sie befolgt, wird im Jenseits (das nach dem Tod gedacht wird) mit dem Himmel belohnt. Wer sich nicht daran hält, den rächt Gott durch eine ewige Verdammnis in der Hölle. Eine leichte Abwandlung davon ist: Du musst das Gesetz nicht mehr erfüllen, sondern nur daran glauben, dass es Jesus für dich erfüllt hat. Glaubst du das nicht (oder weißt du nicht einmal davon) gleiche Konsequenz: ewige Höllenstrafe. Die Bibel wurde wortwörtlich von Gott diktiert oder zumindest in wesentlichen Teilen göttlich inspiriert. Es gibt nur eine richtige Interpretation, die es zu finden gilt (und der Pfarrer hilft dabei, wenn er rechtgläubig ist ;-)) Wer etwas nicht versteht, dann nur deshalb, weil Gott – und damit sein Wort – eben unbegreiflich ist.

Orange: Historisch-kritische Exegese. Die Bibel ist eine Sammlung zahlreicher religiöser Schriften von verschiedenen Autoren verschiedener Zeiten und Kontexte, die alle mit bedacht und erforscht werden müssen, wenn wir verstehen wollen, wie sie ursprünglich wohl einmal gemeint sind. Die biblischen Originalsprachen sind dabei wichtig, aber auch archäologisches Fachwissen, literarische Kenntnis von verschiedenen Genres etc. Im Extremfall verstehen wir alles als Legende oder bildhaft: Jesus ist nur auf dem Wasser gewandelt, weil… die Jünger einer optischen Täuschung unterlagen oder sie damit sagen wollten: Jesus konnte Dinge, die nur ein (Halb)Gott kann. Der Mythos wird nicht mehr wörtlich, sondern symbolisch verstanden. Doch Vorsicht! Wer es dabei übertreibt, schüttet das Kind mit dem Bad aus und es bleibt nur noch oberflächliches Blablabla übrig, das wir auch ohne Bibelgeschichte gewusst hätten.

Grün: Befreiungstheologische, kontextuelle, feministische, tiefenpsychologische Ansätze sind hier zu finden: Es gibt immer mehr verschiedene Methoden und Zugänge. Der eine sagt: In der Bibel ist wesentlich von Gerechtigkeit die Rede. Der andere: Es geht vor allem um Psychologie in Bildern. Und noch einer: Es geht primär um die Frage der eigenen Existenz. Während hier viele Wahrheiten entdeckt werden, wächst auch die Gefahr der Vereinnahmung von Texten für ein bestimmtes Thema. Der Text wird lebendig, indem er in Handlung überführt wird: Für den Kampf für die Menschenrechte. Für den Einsatz für Minderheiten, für Arme und Kranke. Für die Behandlung psychisch Kranker. Aber auch für die Bekräftigung vermeintlicher Wahrheiten in der Esoterik. Oder die sozialistische Revolution und und und.

Gelb: Habe ich hier versucht, in Ansätzen zu beschreiben. Der integral denkende Menschen ist zudem jederzeit frei, die Bibel von einer der vorhergehenden Stufen aus zu deuten – der einzige Unterschied liegt darin, dass er es bewusst statt unbewusst tut, weil er die verschiedenen Zugänge kennt und ihnen jeweils eine begrenzte Berechtigung zusprechen kann.

Türkis: Viele tiefen spirituellen Wahrheiten der Bibel haben sich durch eigene Gebetspraxis erschlossen und wurden immer wieder in der Begegnung mit Mitmenschen vertieft. Jetzt können eigene Visionen, geistliche Wahrheiten und Weisungen zu Papier gebracht werden: Die Bibel als Buch wird immer unwichtiger, während das Leben mit und in Gott immer wichtiger wird. Der sich seines Ursprungs und seiner Bestimmung vollbewusste Mystiker braucht keine Bibel mehr, er ist selbst zu einer wandelnden Bibel geworden, die mehr Menschen zum Glauben bringt als es das reine Lesen der Bibel je vermocht hätte.

 

Integral die Bibel lesen

Zeugnis und Beschleunigung der Entwicklung menschlichen Bewusstseins

Wie liest ein integraler Christ vermutlich die Bibel?

  • Zunächst wohl historisch-kritisch, der Aufklärung verpflichtet: Als eine Sammlung zahlreicher religiöser Schriften von verschiedenen Autoren verschiedener Zeiten und Kontexte. Dem Gedanken der menschlichen Freiheit verpflichtet, gehen wir davon aus, dass die Texte durchaus durch direkte Gotteserfahrungen oder -begegnungen inspiriert wurden, doch kein wortwörtliches Diktat eines höheren Wesens darstellen, dass dem Schreiber keine Wahl gelassen hätte, diese Erfahrungen auf ganz eigene, persönliche Weise zu verstehen und auszudrücken.
  • Weiter mit dem Bewusstsein, dass es viele mögliche angemessene und nicht die eine richtige Deutung für die Texte gibt.
  • Und schließlich: Mit dem Wissen um die Bewusstseinsstufen von Menschen und Kulturen, die diese Schriften beeinflusst haben. Mit Spiral Dynamics oder ähnlichen Modellen kommt – meinem Eindruck nach – eine völlig neue Dimension hinzu, die bisher in der Bibelauslegung zu wenig berücksichtigt wird.

Natürlich ist jedem, auch dem, der nicht mit der integralen Theorie oder der Bewusstseinsentwicklung des Menschen nicht vertraut ist, klar, dass es immer zwei Filter gibt, die unser Verstehen (jeglicher Texte) beeinflussen:

  1. Den Wahrnehmungsfilter derjenigen, die den Text ursprünglich verfasst haben
  2. Den Wahrnehmungsfilter derjenigen, die den Text heute lesen und zu verstehen suchen

Mit Wahrnehmungsfilter meine ich, dass jeder Mensch bewusst oder unbewusst ununterbrochen auswählt, was er wahrnimmt und wie er es wahrnimmt.

Jede Erfahrung wird durch das Vorverständnis desjenigen, der sie macht, wesentlich geprägt: Seine Persönlichkeit, seine Kultur, seine Vorerfahrungen, seine Art zu denken. Doch erst durch die moderne Entwicklungspsychologie sind wir uns über das Ausmaß bewusst geworden, in welchem sich das Denken verschiedener Menschen voneinander unterscheiden kann. Ein Mensch auf der Stufe Purpur (Code von Spiral Dynamics) kann die Erfahrung eines auf der Stufe Orange (auch bei bestem Willen!) nicht verstehen, nachvollziehen oder gar teilen, genauso umgekehrt. Nicht unbedingt, weil das eine komplexer oder simpler ist als das andere, sondern einfach, weil die Umgebungen und die Umstände, mit denen die Menschen zu tun haben, gänzlich andere sind. Unser Gehirn ist derart anders strukturiert, dass wir es nicht begreifen können, wie ein anderer Mensch so denken, fühlen und handeln kann.

Schauen wir uns das einmal konkret an einigen Beispielen aus der Bibel an:

Es ist völlig natürlich, wenn wir es befremdlich finden, dass Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte, ein ganzes Volk um einen goldenen Stier tanzt oder einen Sündenbock in die Wüste schickt. So etwas macht hier einfach niemand mehr: Unsere Werte und unser Gottesverständnis ist im Allgemeinen ein anderes. Zwischen dieser Art der Religiosität und der unseren liegen einfach zu viele Stufen.

Wenn wir etwas als primitiv, anstößig oder problematisch empfinden, ist das ein Zeichen dafür, dass unsere eigene Religiosität den Schwerpunkt auf einer anderen Bewusstseinsstufe (Mem) hat. Und wenn uns etwas unglaubwürdig, abgefahren oder unerreichbar erscheint, (oder auch, wie im Falle von Jesus meistens geschehen, als unwiederholbar und einzigartig) könnte das also ein Hinweis darauf sein, dass wir es mit einer höheren Bewusstseinsstufe zu tun haben, die sich uns noch nicht erschlossen hat. Zum Beispiel fand und finde ich die Pfingstgeschichte immer noch seltsam: Wie können die Jünger in fremden Sprachen sprechen, die sie nie gelernt haben? Warum hören sie ein Sausen, warum sind sie wie betrunken – was passiert da? Den meisten Menschen, mit denen ich darüber gesprochen habe, geht es ähnlich. Doch Menschen, die bereits selbst ähnliches erlebt haben, z.B. in einer charismatischen Gemeinde, verstehen solche Texte plötzlich gänzlich neu. Andere Beispiele wären die Verklärung Jesu, die Auferweckung des Lazarus oder Jesu Worte am Ende des Markusevangeliums (Mk 16,17f.):

In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen sprechen; wenn sie Schlangen anfassen oder ein tödliches Gift trinken, wird ihnen das nicht schaden; Kranke, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.

Ein Mystiker oder Heiler, der über eine oder mehrere dieser Gaben verfügt, wird den Text anders lesen als jemand, der keinen Zugang zu derlei Fähigkeiten hat. Und ein Mensch, der bereits eine Erfahrung des Einsseins mit Gott gemacht hat, versteht die Worte: „Ich und der Vater sind eins“ ebenfalls anders und neu.

Ohne eigene spirituelle Praxis und persönliche Kenntnis tieferer Bewusstseinszustände verlieren viele hochprofessionelle Bibelübersetzer und Exegeten das Gespür für die entscheidende mystische Tiefendimension der biblischen Texte.

(Marion Küstenmacher, Integrales Christentum, S. 279)

Wie gehen wir mit diesen Erkenntnissen um?

Zunächst lassen sie uns die Texte mit anderen Augen lesen:

  • Wir finden überall Stufen verschiedener Bewusstseinsstufen. Ja, jeder Text enthält verschiedene Schichten und Anknüpfungspunkte für jede Stufe: Deshalb können ein kleines Kind und eine alte Oma demselben Text jeweils etwas unterschiedliches abgewinnen. Und das ist doch toll so!
  • Wir werden sensibler gegenüber den Reaktionen, die ein Text in uns auslöst: Widerstand, Abscheu, Staunen oder Wut. Aus: „Wie kann so ein Satz nur in der Bibel stehen?“ wird zunächst neutral zu: „Dieser Satz zeugt von dieser oder jenen Stufe, die in diesem oder jenem Kontext angemessen war.“
  • Wir können fragen: Welche Sehnsucht steht hinter diesem Satz, dieser Erzählung? Welches Weltbild? Welche Werte? Gibt es dennoch eine Erkenntnis, die mir der Text vermitteln kann?
  • Ohne eigene authentische Gotteserfahrungen bleibt die Bibel ein durch und durch unverständliches und anstößiges Buch. Aus unsrer Erfahrung in Kontemplation und Aktion lesen wir die Bibel dagegen mit immer tiefer gehendem Verständnis.

Manchmal kann die Erkenntnis einfach sein: „Wie gut, dass ich heute anders denken kann und mir einige Worte Jesu dabei geholfen haben, das zu tun. Z.B. Jesus hat mir die Idee der Feindesliebe eingegeben und deshalb sind mir Erzählungen von Krieg und Gemetzel zuwider. Aber ich verstehe, dass der Autor in Umständen gelebt hat, in denen es primär um das Überleben des Stärkeren ging und dabei waren ihm seine Vorstellungen (zeitlich begrenzt) hilfreich.“

Wir können heute einfach nicht mehr annehmen, dass jedes Wort der Bibel von „Gott“ inspiriert worden ist. Im Buch Josua lesen wir, dass Gott befahl alle Menschen, auch alle Kinder, umzubringen. Die Autoren, die das schrieben, dachten sich von „Gott“ inspiriert, wir aber nicht mehr.

Wir müssen verstehen, dass die Geschichte der hebräischen Schriften, die Geschichte der Nachkommen Abrams, die Geschichte eines sich entwickelten Bewusstseins ist. Hier entwickelte sich etwas über viele Stufen. Manchmal gab es große Sprünge, meistens aber ging es sehr langsam voran.

(Markus Roll, deutscher integraler Theologe aus Berlin, https://www.santablacksheep.com/shop/)

Meine These ist:

Die Bibel ist eines der faszinierendsten Zeugnisse menschlicher Bewusstseinsentwicklung überhaupt – und gleichzeitig beschleunigte sie bei denen, die sie lasen, deren Bewusstseinsentwicklung.

Was meint ihr?

Neues Netzwerk für integrale Christen

Integral Christian Network

Guten Morgen allerseits! Paul Smith und Luke Healy haben zusammen eine neue Plattform gegründet, die dem Austausch zwischen integralen Christen dienen soll. Schaut doch mal vorbei und tragt euch als Interessenten ein, wenn ihr euch gerne auf Englisch mit Christen auf der ganzen Welt austauschen wollt: https://www.integralchristiannetwork.org

Das Netzwerk dient gezielt dem Austausch von Menschen, die mit den drei Gesichtern Gottes beten und dies gemeinsam tun wollen.

Bei dieser Gelegenheit gebe ich gerne schon einmal preis, dass ich gerade an einem Gebet- und Übungsbuch für integrale Christen im deutschsprachigen Raum arbeite, es dauert jedoch noch ein Weilchen bis zur Fertigstellung. Wer schon jetzt Interesse hat, es probe zu lesen, darf sich jedoch gerne bei mir melden 🙂