Die WeSpace Gruppe

Gebetstreffen speziell für integrale Christen

Paul Smith schlägt für das von ihm gegründete Netzwerk integraler Christen eine bestimmte gemeinsame Praxis vor: Die WeSpace Gruppe. Sie eignet sich für 5-7 Personen und wurde von ihm selbst entwickelt und praktiziert. Derzeit läuft über seine Plattform eine weltweite Vernetzung derartiger Gruppen.

Ich stelle euch heute hier den Ablauf vor.

Die Treffen gliedern sich in drei verschiedene Phasen: Check-In, Co-Meditation und Sharing.

In der ersten Phase, dem Check-In, geht es um 30 Min. Zeit für den persönlichen Austausch der Teilnehmer untereinander.

In der zweiten Phase, der Co-Meditation, geht es um gemeinsames Sitzen in der Stille.

Diese Phase gliedert sich wiederum in drei Unterphasen:

A: Jeder meditiert auf seine eigene Weise, Anfänger wie Fortgeschrittene.

B: Das Gewahrsein der Teilnehmer richtet sich auf das Energiefeld der Gemeinschaft.

C: Das Gewahrsein der Teilnehmer richtet sich reihum jeweils für einige Minuten auf eine der anwesenden Personen.

In der dritten Phase, dem Sharing, kann jeder seine in der Stille gemachten Erfahrungen mit den anderen teilen.

Das, was Paul Smith beschreibt, ist im Grunde eine Art intensiver Energiearbeit. Mit den einzelnen Teilen versucht er uralte Praktiken wieder neu ins Bewusstsein und ins Leben zu rufen.

Für Teil A schlägt er verschiedene Möglichkeiten vor: Eine eher Gehirn- oder eher Herz- oder auch Darmzentrierte Meditation – entsprechend der drei (nachgewiesener) Orte verschiedener Intelligenzen in unserem Körper. Erstere arbeitet mit dem Geist, z.B. durch die Selbst-Erforschung: Wer bin ich? oder das Mantrabeten, die Herzmeditation arbeitet mit gezielter Herzatmung und die Darmmeditation ist verbunden mit der Baumatmung und einer Konzentration auf den Boden und die Füße.

Diese drei verschiedenen Formen (Gehirn, Herz, Darm) ordnet er den drei Gesichtern Gottes zu:

  1. Mit dem Gehirn denken wir über Gott nach.
  2. Mit dem Herz treten wir zu Gott in Beziehung.
  3. Mit dem Darm ruhen wir in Gott selbst.

Bei Teil C handelt es sich um die Energieübertragung von Person zu Person, durch Anblicken, Berühren oder das Hören. (Englisch: Transmission) Durch diese kann der Schüler von seinem Lehrer in einen höheren Bewusstseinszustand versetzt werden. Jesus übertrug den Heiligen Geist – seinen höheren Bewusstseinszustand – auf seine Jünger, indem er ihnen seinen Atem zu bläst:

Und er hauchte sie an und sagte: „Empfangt den Heiligen Geist!“

Johannesevangelium 20,22, Neue Genfer Übersetzung

Uns ist vielleicht noch am ehesten die Praxis der Handauflegung (v.a. im Zusammenhang mit der apostolischen Sukzession) ein Begriff:

[Hananias] legte Saulus die Hände auf und sagte: „Saul, mein Bruder! Der Herr selbst – Jesus, der dir auf deiner Reise hierher erschienen ist – hat mich geschickt. Er möchte, dass du wieder sehen kannst und mit dem Heiligen Geist erfüllt wirst.

Apostelgeschichte 9,17, Neue Genfer Übersetzung

Und als Paulus ihnen dann die Hände auflegte, kam der Heilige Geist auf sie herab

Apostelgeschichte 19,6, Neue Genfer Übersetzung

Paul Smith erklärt dieses Phänomen durch das elektromagnetische Feld, das von unserem Herzen ausgeht. Wenn wir also gezielt Energie übertragen wollen, gelte es zunächst, durch unsere Konzentration auf die Herzgegend selbst in einen harmonischen Zustand der Liebe, des Mitgefühls und der Dankbarkeit zu kommen und darauf diesen Zustand gezielt anderen zu „senden.“

Neben der Energieübertragung ist in Phase C auch Gelegenheit dazu, unsere Gabe des prophetischen Redens zu trainieren. Gibt uns Gott ein Wort, ein Gefühl, eine Intuition bezüglich einer Person ein? Dann ist im anschließenden Sharing Gelegenheit dazu, darüber zu sprechen.

In Phase C richtet sich unser Gewahrsein außerdem nicht nur auf physisch anwesende Personen, sondern auch auf geistige Wesen und anwesende Geist-Führer, Heilige oder Engel.

Weitere Details wird Paul Smith uns in den nächsten Monaten verraten 🙂

Abschließend zwei Fragen an euch in die Runde:

  • Hätte jemand von euch Interesse ein solches Gebetstreffen bei sich ins Leben zu rufen?
  • Und: Wie können wir integrale Christen uns besser vernetzen, um derartige oder ähnliche Treffen überhaupt erst möglich zu machen? In letzter Zeit geht in mir öfter die Frage herum, wie es in Zeiten der neuen Datenschutzverordnung gelingen kann, dass wir einander finden. Ich würde sehr gerne meinen Teil dazu beitragen. Habt ihr Ideen? Christian Schmill und ich laden euch alle herzlich in die Facebook Gruppe „Forum Integrales Christentum Berlin“ ein, doch wir wissen, bei weitem nicht jeder ist auf Facebook aktiv.

 

Quelle: www.integralchristiannetwork.org

Titelbild: Free photo 95624553 © Publicdomainphotos – Dreamstime.com

MODUL GEIST: Kampf den negativen Gedanken!

… oder vielleicht doch eher: Her damit!?

Hallo! Am Freitagabend musste ich ins Krankenhaus. Ich war dabei, meinen Sohn ins Bett zu bringen, und wollte den Vorhang zuziehen. Das klemmte ein bisschen und schon brach unsere Gardinenstange ab und sauste auf meinen Mund, der wie wild zu bluten begann. Ich habe es wesentlich weniger ruhig angenommen, als ich mir erhofft hatte – brach in Panik aus und rief um Hilfe. Mein Mann rief also den Notarzt an, weil er bei der Menge Blut ebenfalls nicht sicher war, was genau bei mir kaputt war. Erst als ich wusste: Es ist nur die Oberlippe gerissen, wurde ich wieder ruhig. Der Chirurg nähte sie dann mit zwei Stichen wieder zu. Da mein Nervensystem extrem schmerzempfindlich ist, war ich froh, dass es mir gelang, dabei einfach zu meditieren.

Ihr habt sicherlich auch schon zigfach den Rat gehört: „Denk was schönes!“ Denn es sind meist gar nicht die Schmerzen an sich, sondern unsere Gedanken und Deutungen, die den Schmerz begleiten, die etwas wirklich furchtbar werden lassen. In Panik ist der Schmerz riesengroß – alle Wahrnehmung ist ausschließlich darauf fokussiert, das gerade etwas ganz schreckliches passiert und auf den Wunsch: „Ich will das nicht! Holt mich hier raus!“

Ohne abwertende, ängstliche Gedanken wird Schmerz erträglich(er).

Unsere Gedanken zu beobachten, wie wir es während einer Meditation tun, hat deshalb auch im Alltagsleben extrem viele Vorteile.

Ihr wisst aus eigener Erfahrung, dass der Gedanke „Alle Menschen sind in ihrem Kern wunderschön“ und der Gedanke „Alle Muslime sind gewalttätig“ sich nicht nur krass von ihrem Inhalt her unterscheiden, sondern auch gänzlich gegensätzliche Gefühle in uns auslösen: Euphorie und Liebe oder Hass und Angst.

Früher hatte ich häufig depressive Phasen und keine Ahnung, wie ich da wieder herauskommen könnte. Heute frage ich mich, was hast du gedacht, kurz bevor du so traurig oder hoffnungslos geworden bist? Und ich mir fällt eigentlich immer ein, dass irgendein querer, verallgemeinernder Gedanke der Auslöser war, wie „mein Leben ist doof“, „alles ist ungerecht“, „mich mag niemand“, „ich bin komisch“.

Wir wissen heute, dass unsere Gedanken Folgen haben: Unser Körper schüttet in Reaktion auf diese verschiedene Hormone aus: Entweder Glückshormone oder Stresshormone. Und letztere können auf Dauer Krankheiten (mit)verursachen.

Vor einigen Jahren überkam mich in einem Konzert die Idee: Was würde mit mir passieren, wenn ich nur noch heilsame Gedanken denken würde? Danke, dass… Ich bin gespannt, was… Mal schauen, was… Schöne Gedanken sammeln wie „Ich liebe das Leben“, „Alle Menschen sind meine Geschwister!“

Was für eine Vision: Mit positiven Gedanken den negativen den Kampf ansagen!

Schließlich sind die negativen ja an allem schuld:

Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. All dies Böse kommt von innen heraus und macht den Menschen unrein.

Jesus (Mk 7,21, Neue Genfer Übersetzung)

Doch ab jetzt nur noch „positiv denken“? Klappt vermutlich weder auf Anhieb noch auf Dauer. Dann stapeln wir nur positive Affirmationen obendrauf, wissen aber nicht, was sich darunter befindet – denn die meisten unserer Gedanken – unsere tiefliegenden Programme und Überzeugungen – sind uns gar nicht bewusst. Die negativen Gedanken bleiben erhalten. Alles, was wir damit machen, ist: Wir drängen sie fort, packen sie weg, noch tiefer ins Unbewusste, und geben ihnen dadurch noch mehr Macht.

Also Vorsicht! Durch ein „Mist! Schon wieder negativ gedacht!“ vermehren wir nur unsere Gedanken und verkrampfen uns, statt loszulassen und zu entspannen.

Es wäre also verkehrt, während dem Meditieren krampfhaft darauf acht zu geben, dass wir bloß nichts schlimmes denken. Wir nehmen einfach wahr, was aufsteigt: Auch die „bösen“, unangenehmen Gedanken.

Das eigene Denken zu beobachten, heißt, es nicht zu bewachen und auch nicht zu bewerten. So verstehe ich heute den Rat, dem Bösen nicht zu widerstehen: (Matthäus 5,39) Alles Böse, gegen das wir uns wehren, wird stärker und böser. Beim Gebet geht um Hingabe, ums Annehmen und Loslassen negativer wie auch positiver Gefühle.

Die Nebenwirkung: Die positiven Gedanken und Gefühle werden dabei ganz automatisch mehr. Warum?

Durch reines Beobachten distanzieren wir uns von unseren Gedanken – wir nehmen sie als Objekte außerhalb von uns wahr statt völlig mit ihnen verschmolzen zu sein (Metakognition). Dadurch verlieren diese nach und nach die Macht, uns unglücklich zu machen.

Dazu äußert sich wunderbar Eckhardt Tolle mit „Küss den Frosch“:

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht?

MODUL GEIST: Vier Tage und vier Nächte allein in die Natur

Interview mit der Autorin und Wildnispädagogin Anne-Maria Apelt

Anne-Maria Apelt ist Wildnispädagogin, Fotografin und Visionssucheleiterin. Privat lebt sie in Essen an der Ruhr und ist verheiratet. Vor kurzem ist ihr erstes Buch erschienen.

Liebe Anne-Maria,

Wenn ich das richtig verstanden habe, so hast du dich selbstständig gemacht und auf Naturrituale und Portraitfotografie spezialisiert. Du nennst das, was du anbietest, „Lebensentdeckungsreisen“. Wie kamst du selbst zu diesem Thema?

Eine meiner Hauptfragen meines Lebens war immer, wofür ich auf der Welt bin und mein tiefster Wunsch ist bis heute, gemeinsam mit Menschen Antworten auf diese Frage zu bekommen. Was der Sinn und die Bestimmung meines Lebens sein könnte und ist, welche Gaben, Charakter und Wesenszüge mich prägen. Viele Tests, Methoden, Therapien, Seelsorge und Beratungen haben mich weiter gebracht. Am meisten haben mich die geprägt, in denen ich mich über den Verstandeshorizont in die Erfahrungsebenen begeben habe. Allen voran die Erfahrung der Visionssuche.

Anlass war eine Lebenskrise. Es ging nicht mehr vorwärts noch rückwärts. Ich hatte alles verloren. Job, Orientierung, Glauben. Beziehung, Netzwerke. Alle Pläne waren nicht aufgegangen und ich war weit davon entfernt eine Antwort auf die Frage zu finden, wofür ich auf der Welt bin. Die Erfahrung dann an einer Visionssuche teilzunehmen, mich 14 Tage lang meinen Fragen zu widmen, vier Tage und vier Nächte davon allein in der Natur zu sein, zurückgeworfen nur auf mich, ohne Hilfsmittel.

Die Natur und ich. Gott und ich. Oder das was ich bis zu dem Zeitpunkt davon hielt. Die Natur als Buch vor mir, in dem ich begann zu lesen, meine Angst zu sehen, mich auszuhalten, meine Grenzen zu akzeptieren, meine Möglichkeiten zu wertschätzen. Wie eine Libelle, die als Larve einen Kokon spinnt, sich verpuppt, und sich alles in der Puppe auflöst was sie bisher war – bis auf die Imagozellen die das neue Herz bilden – und sich dann neu zusammensetzt zu einer neuen Gestalt: der Libelle. Vier Tage und vier Nächte Kokon spinnen. Ich kann nur sagen, das war das Beste was ich gemacht habe.

Die Auswirkungen habe ich erst im Verlauf des Jahres danach so richtig zu fassen bekommen. Und dann kam der Ruf von Menschen, die in mir etwas Neues gesehen haben, dass ich selbst solche Formate in der Natur anbieten solle. Und tatsächlich setzte sich durch meine Ausbildung zur Visionssucheleiterin ein Puzzleteil nach dem anderen zusammen. Viele lose Enden meiner Berufsentscheidungen, Lebensentwürfe, Konzepte fügten sich ganz neu zusammen in genau das, was ich heute mache: Menschen auf ihrer eigenen Entdeckungsreise in ihrem Leben begleiten. Am liebsten in der Natur. Das hat viele Facetten, die Naturritualarbeit ist eine davon. Die Fotografie kam von allein hinzu. Für beide Aufgaben brauch ich einen Blick für Menschen, wie sie sind. Dieser Blick ist mir geschenkt. Ich drück das gern auch im Foto aus. Lieber ist es mir allerdings, wenn Menschen sich im Spiegel der Natur selbst neu entdecken. Die Natur erlebe ich als unbestechlich, wahr und heilsam. Ich als spirituelle Person würde auch sagen: daher kommen göttliche Antworten auf meine Fragen.

Du bietest unter anderem Visionssuchen an. Als Beschreibung habe ich gefunden: „Vier Tage und Nächte allein in der Wildnis, fastend und ohne schützende und trennende Wände zwischen dir und der Natur.“ Was sind das für Menschen, die du sich auf so eine Herausforderung einlassen? Junge Familienmütter wie ich werden es wohl eher seltener sein…

Oh, das sind Menschen aus allen Lebensbereichen und Altersgruppen. Es sind Menschen an den Bruchstellen ihres Lebens: Trennung, Tod, Heirat, Geburt, Abschied, neuer Beruf, all das können Gründe sein. In jedem Fall geht eine tiefe Frage dem Ritual voraus, so etwas macht man nicht „einfach mal so“. Dazu kommen persönliche Reife und das Eingeständnis, dass die eigenen Systeme und Muster nicht mehr funktionieren. Ein Umbruch oder eine Krise kann jederzeit im Leben vorkommen, ob man 20 ist oder 80 oder gerade Eltern geworden ist.

Meistens kommen Menschen an den typischen Wendepunkten des Lebens rund um die 30 oder 45. Oder es stehen Lebensentscheidungen zum Thema Beruf, Beziehung, Elternschaft an, die geklärt werden wollen. So auch bei mir damals.

Die meisten von uns leben heute sehr abgeschirmt von der Natur, Alleinsein kommt selten vor und mit radikalem Fasten sind wir wenig vertraut. Warum gleich alles auf einmal?

Allein sein, fasten und in der Natur sein sind keine neuen Erfindungen. Es handelt sich dabei um eine alte spirituelle Übung,  die in allen Kulturen und Generationen vor uns gemacht worden sind. Kein Schutz und keinen Rückzug zu haben, auf sich geworfen sein, erleben die meisten Menschen bei einer Visionssuche zum ersten Mal.

Den meisten fällt da draußen weder die Natur, noch das Alleinsein, noch das Fasten wirklich schwer. Man ist einfach mit ganz anderen Dingen beschäftigt, weil man zum ersten Mal Zeit hat mit sich selbst. Um Alltägliches, wie „was werde ich essen, wie werde ich es zubereiten, wo kauf ich ein, wer wäscht ab, hat jemand angerufen, sind die Kinder in der Schule?“ dürfen für die Zeit der Visionssuche von anderen beantwortet werden. Du hast Zeit nur für deine Frage. Ich habe das als sehr erholsam und befreiend erlebt.

Die Vorbereitungszeit vor den vier Tagen und vier Nächten dient dazu, den Körper und die Seele auf das Alleinsein vorzubereiten, Nahrung zu reduzieren, Kontakt zu reduzieren. Wir schauen, was den Menschen dient und staunen was Körper und Psyche mit Leichtigkeit schaffen können. Man macht das Ritual ja nicht zum Selbstzweck, sondern vor allem für sich.

Es gibt das deutschsprachige Netzwerk der Visionssuche-Leiter: Wie beeinflusst dich dieses Netzwerk bei dem, was du machst?

Das Netzwerk ist eine geniale Austauschplattform. Die Mitglieder*innen des Netzwerkes kommen aus allen möglichen spirituellen und beruflichen Richtungen. Die Horizonte und Meinungen sind divers und dadurch inspirierend. Es hilft mir auch, Kunden an andere Netzwerker zu empfehlen, wenn ich selbst nicht weiterhelfen kann.

Es dient außerdem dazu, dass ich supervisorisch meine Arbeit anderen gegenüber mitteilen kann, korrigiert werden kann, inspiriert werden kann, Hilfe bekommen kann von Menschen, die schon länger Erfahrung haben.

Pixabay15

Ich musste bei der Idee, allein in die Wildnis zu gehen, an den Film „Antichrist“ von Lars von Trier denken, wo ein Paar sich in eine abgelegene Hütte im Wald begibt, um die Trauer ihres Sohnes zu verarbeiten und immer mehr in einen Albtraum und eine Gewaltorgie hineingerät. Ich muss zugeben, ich habe ihn nicht zu Ende geschaut… Kommt es bei derartigen Visionssuchen nicht an und wann dazu, dass bei jemandem plötzlich irgendwelche inneren Dämonen geweckt werden und es zur Überforderung mit dem Alleinsein kommt?

Eine Visionssuche ist eine existenzielle Erfahrung, die gewollt ist, so dass auch eine Begegnung mit „der dunklen Nacht der eigenen Seele“ möglich ist. Eine Visionssuche dient der Heilung, der Selbstliebe, dem Mitgefühl, der Innenschau und hat gleichzeitig Grenzen. Wer nicht therapeutisch ausgebildet ist, so wie ich, muss sich seiner eigenen Grenzen sehr bewusst sein. Ich kann beraterisch, wildnispädagogisch und biografisch arbeiten, aber eben nicht therapeutisch. Für mich ist es wichtig, im Vorfeld zu klären, was die Absicht der jeweiligen Personen sind, sich auf dieses Ritual einzulassen. Und manche nehme ich auch nicht mit. Manche Themen übersteigen meine Kompetenzen aber auch den Rahmen des Rituals. Manchmal ist es auch besser, von dem Ritual abzuraten, weil vielleicht wirklich erst mal eine Therapie nötig ist.

Natürlich gibt es auch Menschen, die Ängste haben allein im Wald. Das ist auch Thema in der Vorbereitungszeit vor den vier Tagen und vier Nächten allein. Da heißt es, sorgsam zu sein mit den Menschen, die Gefahrenquellen gut zu kennen und zu wissen, dass bei Gefahr oder Überforderung jeder und jede zurückkommen kann. Es gibt auch ein Sicherheitssystem, auf das jeder und jede zurückgreifen kann.

Die meisten werden, was ihre Angst betrifft, von eigenen Bildern, erzeugt aus Märchen, Mythen, Filmen, Erfahrungen etc. begleitet. Ich beispielsweise hatte in einem Ritual wahnsinnige Angst vor der Dunkelheit. Ich wurde von meiner Ritualleiterin gut darauf vorbereitet, wie ich mit den Ängsten umgehen kann, und welche neuen Muster und Methoden ich einüben kann, um mich dieser Angst zu stellen.

Das war hart, mein „Ego“ musste „sterben“, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich Vertrauen lernen kann und dass das Ritual, durch das so viele Menschen schon gegangen sind, mich trägt. Ich kann mir sicher sein, dass die Natur kein feindlicher Raum ist, sondern ich mich hingeben kann an die Natur, die mich schützt und deren Teil ich bin.

Welche Kurz- und Langzeitwirkungen dieses Rituals konntest du bei dir und anderen beobachten?

Ich muss zugeben, dass ich sehr selten mitbekomme, welche Langzeitwirkungen ein Ritual hat, weil ich die Leute maximal ein Jahr lang begleite. Da können meine um Jahrzehnte erfahreneren Kollegen sicher mehr dazu sagen. Aber durch das Buchprojekt und meine eigenen Erfahrungen ist in mir die Erkenntnis gereift, dass ein Naturritual ein einschneidendes Erlebnis ist. Viele machen zum ersten Mal durch ein Naturritual die Erfahrung, dass sie sich verbunden fühlen mit allem, was lebt. Und das ist eine Erfahrung, die Konsequenzen für jeden Lebensbereich haben kann. Auf spiritueller, ökologischer, beruflicher, beziehungstechnischer Ebene. Es ändert sich oft eine Haltung, etwas im Herzen. Manchmal entfaltet sich das nicht sofort nach dem Ritual und lässt ein bisschen auf sich warten oder zeigt sich mittelfristiger. Aber man kann sich sicher sein: es kommt.

Buch-Cover_GRUENE-WUNDER-ERLEBEN-ApeltIm Februar ist dein Buch „Grüne Wunder erleben“ erschienen. Herzlichen Glückwunsch dazu! Für wen hast du es geschrieben?

Danke! Ich habe das Buch auf Anregung des Verlages geschrieben und mir war klar, dass ich nichts Theoretisches über Naturrituale schreiben möchte. Dazu gibt es bereits erstklassige Literatur.

Ich wollte zeigen, wie Menschen spannende und tiefe Erfahrungen gemacht und Veränderungen erlebt haben. Und wie sie Gott – wie auch immer sie ihn nennen – getroffen haben. Ich habe versucht so nachvollziehbar wie möglich die Gründe und den Prozess zu schildern, auch die Konsequenzen daraus. So, wie es den Menschen möglich war, sich zu öffnen, denn es geht ja um sehr intime Erfahrungen.

Das Buch soll allen Menschen dienen, die selber auf der Suche nach solchen Erfahrungen sind und neue Formen von spirituellen Erfahrungen suchen. Es soll ermutigen und anregen, es ihnen gleich zu tun. Und es soll eine Verbindung schaffen, die Natur als heiligen Raum zu erfahren, der Gottesbegegnung ermöglicht.

Auf deiner Homepage schreibst du, dass deine christliche Werteorientierung ein Leitfaden in deiner Arbeit ist. Nenne drei Dinge, durch die dich Jesus inspiriert.

Jesus inspiriert mich zum Handeln – tun, was getan werden muss: Essen kochen, aufräumen, Leute einladen, Kleider verteilen, Tauschbörsen organisieren, Müll aufsammeln.

Jesus inspiriert mich zur Gemeinschaft und Liebe, zum gemeinsam unterwegs sein, zur Annahme und Fragen stellen.

Und er animiert mich zum Rückzug – er ging immer wieder in die Einsamkeit um sich „einzuordnen“.

Ich danke dir ganz herzlich für unser Gespräch!

Wenn du jetzt neugierig geworden bist, kannst du dich hier über Anne-Marias Apelts Arbeit informieren: www.lebensentdeckungsreisen.de

Ihr Buch bekommst du hier: https://www.adeo-verlag.de/index.php?id=details&sku=835217

Titelfoto: Roland Baege (mit freundlicher Genehmigung)

 

 

 

 

 

Die negativen Folgen von Meditation

Begleiterscheinung spirituelle Krise

Ja, ihr habt richtig gelesen!

Eine Freundin von mir hat vor einiger Zeit eine Ausbildung zur Yogalehrerin gemacht. Wenn von Meditation oder Yoga die Rede ist, dann wird häufig von den positiven Folgen gesprochen für die Gesundheit, die Fitness und für die Konzentrationsfähigkeit. Das Meditation aber eigentlich immer auch noch andere Folgen nach sich zieht, darüber wird weniger gesprochen. Und deshalb überraschte es meine Freundin, wie müde und anstrengend die Ausbildung sie manchmal machte. Manchmal kamen auch starke Gefühle hoch…

Durch regelmäßige Praxis können Themen aus dem Unbewussten nach oben kommen oder neue Ängste und Krisen entstehen. Das ist nicht nur unerwartet anstrengend, ermüdend, sondern kann mitunter sogar gefährlich für unsere psychische Gesundheit werden.

Extrembeispiel ist die „dunkle Nacht der Seele.“ Das ist der Titel einer Schrift von Johannes vom Kreuz, einem spanischen Mystiker im 16. Jahrhundert. Wikipedia schreibt: „In der psychologischen und populärpsychologischen Literatur wird „die dunkle Nacht der Seele“ auch als Metapher für die Depression verwendet.“ Und das kommt nicht von ungefähr.

Der Psychoanalytiker Roberto Assagioli thematisiert für den sehr weit fortgeschrittenen mystischen Verwandlungsprozess einen „mystischen Tod“, den er ähnlich charakterisiert wie Johannes vom Kreuz die „dunkle Nacht des Geistes“ und auf den er sich auch direkt in seinen Beschreibungen bezieht. Diese Phase ist durch intensive Leiden und durch Symptome gekennzeichnet, die einer starken Depression ähneln. Es handle sich um eine „seltsame und schreckliche Erfahrung“, die „allem Anschein zum Trotz kein pathologischer Zustand [ist]; sie hat spirituelle Hintergründe und einen großen spirituellen Wert“.

(Sabine Bobert, Transformierte Sicht auf Mystik)

Roberto Assagioli verglich den Transformationsprozess, dem ein Mensch sich auf dem spirituellen Weg unterwirft, mit den Erfahrungen des Reisenden in Dante Alighieris „Göttliche Komödie.“

Wenn ihr dieses Werk kennt, so wisst ihr, dass Dante darin zuerst eine Reise in die Hölle beschreibt, bevor er allmählich in das Paradies aufsteigt. Es geht also zuerst runter – und nicht hoch! Ganz anders also, als man naiv erwarten könnte: „Jetzt meditiere ich viel, dann geht es mir stetig besser…“

Spirituelle Krisen sind normale Begleiterscheinungen einer ernsthaften Praxis. Die „dunkle Nacht der Seele“ ist dabei nur das Extrembeispiel.

„Vor der dunklen Nacht der Seele […] ist man nichts anderes als ein Klumpen Eisen, der während des Tranformationsprozesses ins Feuer geworfen wird, wieder und wieder erhitzt, wieder und wieder beschlagen, jahrelang, mit größter Wucht und größter Sorgfalt, sodass am Ende, wenn alles gut geht, ein scharfes, glänzendes Schwert entsteht.“

Tanja Braid auf ihrem Blog neoterisches-bewusstsein.com

Der transpersonale Psychologe Stanislav Grof, der u.a. auch ein Buch über spirituelle Krisen geschrieben hat, wies als einer der ersten darauf hin, dass es sich bei einigen Erfahrungen und ungewöhnlichen Bewusstseinszuständen, die von der klassischen Psychiatrie als eine Geisteskrankheit diagnostiziert und behandelt wurden, in Wirklichkeit um Krisen handelt, die mit der persönlichen Transformation auf einem spirituellen Pfad zusammenhängen – die Psychose müsse also von einem mystischen Zustand unterschieden werden.

Zu den möglichen Symptomen einer spirituellen Krise gehören alle möglichen körperlichen Symptome, innere Unruhe, die Unfähigkeit, Erlebnisse mit dem bisherigen Weltbild in Einklang zu bringen, Ängste, depressive Zustände, aber auch parapsychologische Phänomene, Probleme, Spiritualität und Alltagsleben unter einen Hut zu bringen u.v.m.

„Spirituellen Krisen können zum einen in der spirituellen Praxis selbst auftauchen (unsachgemäße Anleitung oder ungenügende innere Vorbereitung und psychische Stabilität des Betroffenen), zum anderen können sie auch durch spontane spirituelle Erlebnisse entstehen (z.B. paranormale Erlebnisse, Nahtodeserfahrungen oder plötzliches Erwachen der „Kundalinienergie“, die die Betroffenen in ihr Weltbild nicht einordnen können.)

(Netzwerk für spirituelle Entwicklung und Krisen, http://www.senev.de)

Ken Wilber weist nachdrücklich und mehrfach darauf hin, dass zu einer integralen Lebenspraxis unbedingt auch Schattenarbeit gehört. Meditation könne den Schatten sogar noch verstärken. Deshalb hätte auch fortgeschrittene Meditierende oft viele Schattenanteile, die nicht verschwänden. (z.B. Integrale Spiritualität, S. 182)

Zwei Gründe, den Weg nicht allein zu gehen, sondern in Begleitung.

In der orthodoxen Kirche ist der Brauch, sich einen geistlichen Vater zu suchen, wesentlich weiter verbreitet als in der evangelischen oder katholischen Kirche – so jedenfalls mein Eindruck. Ich glaube jedoch, dass, je mehr Christen sich auf den Weg der Mystik begeben und eine ernsthafte Transformation ihres Lebens anstreben, der Bedarf nach professioneller geistlicher Begleitung zunehmen wird. Nicht nach Seelsorge im klassischen Sinn, sondern nach Begleitung durch eine Person, die dazu fähig ist, spirituelle Krisen zu erkennen, einzuordnen und ggf. rechtzeitig an einen geeigneten Therapeuten zu verweisen.

Eine Idee, die ich deshalb vor kurzem hatte, war, hier auch Menschen vorzustellen, die ihr kontaktieren könnt, wenn ihr euch eine geistliche Begleitung oder einen spirituellen Coach wünscht. Was haltet ihr davon?

Hier noch ein paar interessante Quellen für euch:

Die Bloggerin Tanja Braid über die „dunkle Nacht“ und Kundalini und hilfreichen Literaturtipps:

https://www.neoterisches-bewusstsein.com/dunkle-nacht-der-seele-kundalini/

Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross teilt in ihrem Buch „Über den Tod und das Leben danach“ ihre persönliche Erfahrungen der „Dunklen Nacht der Seele“ und in Folge darauf des Einheitsbewusstseins mit dem Göttlichen, die sie nach der Teilnahme an einem wissenschaftlichen Experiment über außenkörperliche Erfahrungen hatte. Ihr könnt sie euch auf YouTube anhören. Sie beginnt ab 2 h 15 Min.

Wenn ihr Hilfe braucht:

Netzwerk für spirituelle Entwicklung und Krisen, http://www.senev.de

Verein zur Förderung und Entwicklung ambulanter Krisenbegleitung: http://www.frei-raum-berlin.de/index.php

Christlich integrale Lebenspraxis – ganz konkret

Ein übergreifendes Training auf unserer Lebensmatte

Viele von euch haben Interesse an der integralen Lebenspraxis und fragen sich, was das ist, wie das konkret aussehen könnte. In meinem Artikel Integrale Lebenspraxis habe ich darüber geschrieben, was der Sinn einer solchen Praxis sein könnte. Heute möchte ich mit euch ganz praktisch in das Thema einsteigen.

Das Prinzip ist ganz einfach: Es gibt vier Kernmodule, fünf Hilfsmodule und zig frei wählbare weitere Module. Du wählst aus jedem Modul mindestens eine Übung, die du ab da regelmäßig durchführst. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Viel, von dem, das wirst du gleich merken, machst du ohnehin schon jeden Tag oder jede Woche, nur dass du bis jetzt nicht auf die Idee gekommen wärst, es als „Praxis“ zu bezeichnen.

Der Sinn der integralen Lebenspraxis besteht nicht darin, dass du dein Leben von einem Tag auf den anderen völlig umkrempelst und versuchst, alles ganz anders zu machen – sondern darin, deinen Lebensstil nach und nach etwas integraler, also ganzheitlicher, zu machen – zu einem übergreifenden Training deines Körpers, deines Geists, deiner Spiritualität und Persönlichkeit. Deshalb darf sie sich auch immer wieder ändern und deinen Bedürfnissen und Lebensumständen anpassen.

Die vier Kernmodule (Bereiche, in denen Übungen gemacht werden) sind:

  • KÖRPER-MODUL (da geht es um Übungen für deine drei Körper – den grobstofflichen (Sport, Ernährung), den subtilen (Yoga, Qi Gong), und den kausalen (Meditation, Gewahrsein)
  • SCHATTEN-MODUL (Arbeit mit deinem unterdrückten Unbewussten, z.B. im Rahmen einer Therapie oder Traumarbeit)
  • VERSTAND-MODUL (da beschäftigst du dich mit der integralen Theorie und treibst sonstige intellektuelle Studien, liest z.B. Fachbücher)
  • GEIST-MODUL (da gehst du einer spirituellen, meditativen Praxis nach)

Die fünf Hilfsmodule sind

  • Ethik (Reflexion über, Engagement)
  • Sexualität (in Verbindung mit Spiritualität, z.B. tantrischer Sex)
  • Arbeit (unser[e] Beruf[ung])
  • Emotionen (negative umwandeln in positive, Umgang damit lernen)
  • Beziehungen (z.B. bewusste Partnerschaft, bewusste Elternschaft)

Frei wählbare Module könnten z.B. sein

  • Geld (Beschäftigung mit unserem Verhältnis zu, Umgang damit)
  • Kreativität
  • Dienen
  • Natur
  • Willenskraft (Selbstdisziplin)

Jetzt wählst du aus jedem MODUL mindestens eine oder auch zwei Übungen (je nach deiner Zeit, deinen Lebensumständen und Schwerpunkten, die du setzen willst). Das, was du ohnehin schon machst, kommt natürlich auch rein. Du merkst dann recht schnell, welches Gebiet du bisher in deinem Leben etwas vernachlässigt hast und wo du bereits gut aufgestellt bist.

Im Folgenden stelle ich euch einfach mal meine derzeitige ILP vor.MODUL Körper

Wie ihr seht, bin ich (kindheitsbedingt) kein Fan von „richtigem Sport“ und versuche die Bewegung möglichst in das zu integrieren, was ich ohnehin tun muss.

MODUL Schatten

Hier seht ihr, dass ich durch die ILP erkannt habe, dass ich gerne mal freiwillig eine Therapie oder ein längeres Seminar machen würde. Im Moment ist leider kein Geld dafür da, bleibt aber im Hinterkopf.

MODUL Verstand

Hier seht ihr, dass ich – wie es manche nennen – etwas „verkopft“ bin. Zum Glück sieht man auch so etwas durch das Aufstellen einer ILP sehr gut und kann dann gegensteuern, wenn etwas zu extrem wird. Und hier noch das GEIST-MODUL:

MODUL Geist

Jetzt könnt ihr bei euch schauen:

  • Geht ihr einer Sportart nach? Ernährt ihr euch bewusst? usw.
  • Schreibt ihr Tagebuch, arbeitet mit eurem inneren Kind oder macht eine Maltherapie? usw.
  • Lest ihr Bücher von Ken Wilber oder andere Fachbücher zu Themen, die euer Denken weiten? usw.
  • Pflegt ihr eine christliche Meditation oder betet ihr regelmäßig, allein oder gemeinsam mit anderen? usw.
  • Und dann ergänzt bei jedem MODUL, wo ihr noch gar nichts macht, eine Übung und versucht, sie in euren Alltag einzubauen. Und: Fertig ist eure ILP!

Hier könnt ihr ein PDF herunterladen, mit dessen Hilfe ihr eure ganz persönliche Integrale Lebenspraxis planen könnt. Ich wünsche euch viel Spaß damit und würde mich total freuen, von euren Erfahrungen damit zu hören!

Der ILP-Planer für euch:

ILP Planer

PORTRAIT: Sven Kosnick

Sven Kosnick ist Zen-Lehrer. Seine eigene Kirche kann damit nichts anfangen.

Es ist kurz vor halb acht und schon dunkel. Im Gemeindezentrum brennt noch Licht. Zwei Frauen warten vor einer Tür. In dem Raum findet heute wieder eine Zen-Einheit statt, so wie jeden Donnerstagabend seit 1995 auf der Diezenhalde in Böblingen. In diesem Jahr hat Sven Kosnick den Kurs ins Leben gerufen, als er dort Pfarrer war.

Sven Kosnick ist ein hochgewachsener, kräftiger Mann mit kurzen, dunkelblonden Haaren und einem strahlenden Lächeln. Er geht zielstrebig auf den Raum zu, begrüßt die Frauen vor der Tür, schließt auf und betritt hinter ihnen den Raum. Er legt eine Matte und ein Kissen auf den Boden und zündet ein Räucherstäbchen an. Die Teilnehmer, zwei Männer und vier Frauen, haben eine Decke und ein Kissen dabei und legen diese in einem Kreis auf den Boden. Der Raum hat hohe Wände und vermittelt ein Gefühl von Weite. Alle begrüßen sich mit „Namaste“, indem sie die Handinnenflächen zu einer Grußgeste zusammenlegen und sich voreinander verbeugen. Dann nehmen alle Platz, die meisten offenbar geübt im Lotus-Sitz. Es stehen an: Drei Sitzeinheiten von 25 Minuten und dazwischen eine Gehmeditation. Sven Kosnick hält einen kurzen Vortrag zur Meditation, dann fragt er die Teilnehmer reihum, wer Interesse an einem „Dokusan“ habe – damit ist ein Gespräch mit ihm unter vier Augen gemeint. Vier Leute melden sich. Während die anderen meditieren, verlässt er den Raum und wartet in der Kirche nebenan auf seine Schüler, die ihn der Reihe nach aufsuchen.

Sven Kosnick wurde 1963 in Bad Schwartau an der Ostsee geboren und wuchs auf der schwäbischen Alb auf. Kurz vor dem Abitur machte er seine erste spirituelle Erfahrung und durchlebt daraufhin eine intensive Such- und Lesephase. Schon damals stieß er auf das Thema „Zen-Meditation“. Viele Sätze hätten ihn direkt ins Mark getroffen. Im Herzen habe er erkannt: Das ist es.

Bei der Bundeswehr fiel seine Entscheidung, Theologie zu studieren. Sein Studium absolvierte er in Tübingen, eine Weile studierte er außerdem Sport. Doch die Theologie, die er an der Universität erlebte, ließ jedes Interesse an spiritueller Erfahrung vermissen. Was er fand war pure Rationalität.

Nach dem Vikariat 1991 arbeitet er weitere 9 Jahre als Pfarrer. Schnell stellt er fest: „Ich bin gerne Pfarrer, aber das, was ich als Pfarrer machen soll, reicht mir nicht.“ 2002 habe er an die Schule gewechselt, zuerst nach Nagold, dann nach Stuttgart, wo er heute lebt. Seine spirituelle Erfahrung präge auch seinen Religionsunterricht. Er unterrichte „gelb“, deute „türkis“ manchmal an. Damit bezieht er sich auf den Farbencode von „Spiral Dynamics“. Auf die Frage seiner Schüler, welche Religion die richtige sei, gebe er als Antwort: Die richtige sei die, die liebt.

„Manche wollen dann auch anfangen, zu meditieren.“

Wenn Sven Kosnick beginnt, frei zu reden, merkt man, dass er in Welten Zuhause ist, die vielen gänzlich fremd erscheinen. Er verwendet Worte wie „Satori“ (Erleuchtung), „Koan“ (Fragen eines Zen-Meisters, die zur Erleuchtung führen) oder den Farbencode von Spiral Dynamics mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der andere „Butterdose“ oder „Schlafen“ sagen.

„Du kannst nicht beschließen, Zen-Lehrer zu werden“

china-1177009Erste Erfahrungen mit Meditation machte Sven Kosnick während seines Studiums bei einem Kurs im Evangelischen Stift. Doch das Sitzen in der Stille war ihm nicht genug. Er sehnte sich nach einem erleuchteten Meister, einem Menschen, dem er abspürte, dass dieser ihm die Erfahrung vermitteln könne, weil er sie selbst gemacht habe.

Als er das erste Mal den katholischen Zen-Meister Pater Johannes Kopp traf, war für ihn sofort klar: „Wir gehören zusammen.“

Diesem sei es damals ähnlich ergangen. Sven Kosnick wurde sein Schüler und belegte einen Kurs nach dem anderen. Dadurch bewies er, dass es ihm ernst war, mit der Suche nach der Wahrheit. Denn Zen sei mehr als Sitzen in der Stille und die Beobachtung des eigenen Atems. Es gehe vielmehr darum, das eigene Wesen und das Wesen der Wirklichkeit selbst zu erkennen.

Dazu werde jedem Schüler von seinem Meister bestimmte Fragen oder Aufgaben aufgetragen, die ihm auf seinem Weg zum Erwachen helfen sollen. Diese seien häufig absichtlich widersinnig oder paradox formuliert, um die Grenzen der Rationalität zu sprengen. Als ein Beispiel hierfür nennt er die berühmte Aufforderung eines Zen-Meisters: „Zeig mir den Klang einer klatschenden Hand“. Durch Gespür erkenne der Meister, ob der Schüler die Antwort erkannt habe. Wenn ein Schüler auf diesem Weg die Erfahrung der Erleuchtung macht, liegt noch ein weiter Weg vor ihm, bis er reif genug sei, andere ebenfalls zu dieser Erfahrung zu führen. Im Fall von Sven Kosnick musste diese noch Jahrzehnte ausreifen, bis sein Lehrer sagte: Ich ernenne dich zum Zen-Lehrer. Das war bei ihm 2013 der Fall.

Seitdem gibt er selbst Kurse in Zen, darunter auch sogenannte „Sesshins“. Dabei handelt es sich um Trainingseinheiten in der Zen-Meditation, deren Länge über einige Tage hinweg allmählich gesteigert wird.

Sein Traum ist es, Leiter eines geistlichen Zentrums zu werden. Als Vorbild nennt er das Programm „Leben aus der Mitte“, das von Johannes Kopp gegründet wurde. Es ist in der katholischen Kirche angesiedelt. Es frustriert ihn, dass seine Kirche keinen Bedarf an einer solchen Einrichtung sieht. „Die katholische Kirche ist der evangelischen da weit voraus.“ Bezeichnend sei, dass ihn der katholische Bischof kenne, sein eigener, der evangelische, Frank Otfried July, aber nicht. Denn das Programm „Leben aus der Mitte“ ist im Bistum Essen beheimatet. Es ist weltweit das einzige seiner Art, das direkt von einem Bistum getragen wird.

Als ich ihn während der Meditation im Kirchenraum aufsuche, ist seine erste Frage: „Wie ist es dir ergangen?“ Im darauffolgenden Gespräch, das ein wenig einer Befragung ähnelt, bleibt er liebevoll, aber hartnäckig. Ich merke, dass seine Weise von „Buddha“ zu reden, mich zunächst irritiert, denn für ihn scheint „Christus“ und „Buddha“ relativ austauschbar: Beide erleuchtet, beide Menschen wie er und ich, reines Bewusstsein. Dann gibt er auch mir ein „Koan“ auf.

 

Integral die Bibel lesen

Zeugnis und Beschleunigung der Entwicklung menschlichen Bewusstseins

Wie liest ein integraler Christ vermutlich die Bibel?

  • Zunächst wohl historisch-kritisch, der Aufklärung verpflichtet: Als eine Sammlung zahlreicher religiöser Schriften von verschiedenen Autoren verschiedener Zeiten und Kontexte. Dem Gedanken der menschlichen Freiheit verpflichtet, gehen wir davon aus, dass die Texte durchaus durch direkte Gotteserfahrungen oder -begegnungen inspiriert wurden, doch kein wortwörtliches Diktat eines höheren Wesens darstellen, dass dem Schreiber keine Wahl gelassen hätte, diese Erfahrungen auf ganz eigene, persönliche Weise zu verstehen und auszudrücken.
  • Weiter mit dem Bewusstsein, dass es viele mögliche angemessene und nicht die eine richtige Deutung für die Texte gibt.
  • Und schließlich: Mit dem Wissen um die Bewusstseinsstufen von Menschen und Kulturen, die diese Schriften beeinflusst haben. Mit Spiral Dynamics oder ähnlichen Modellen kommt – meinem Eindruck nach – eine völlig neue Dimension hinzu, die bisher in der Bibelauslegung zu wenig berücksichtigt wird.

Natürlich ist jedem, auch dem, der nicht mit der integralen Theorie oder der Bewusstseinsentwicklung des Menschen nicht vertraut ist, klar, dass es immer zwei Filter gibt, die unser Verstehen (jeglicher Texte) beeinflussen:

  1. Den Wahrnehmungsfilter derjenigen, die den Text ursprünglich verfasst haben
  2. Den Wahrnehmungsfilter derjenigen, die den Text heute lesen und zu verstehen suchen

Mit Wahrnehmungsfilter meine ich, dass jeder Mensch bewusst oder unbewusst ununterbrochen auswählt, was er wahrnimmt und wie er es wahrnimmt.

Jede Erfahrung wird durch das Vorverständnis desjenigen, der sie macht, wesentlich geprägt: Seine Persönlichkeit, seine Kultur, seine Vorerfahrungen, seine Art zu denken. Doch erst durch die moderne Entwicklungspsychologie sind wir uns über das Ausmaß bewusst geworden, in welchem sich das Denken verschiedener Menschen voneinander unterscheiden kann. Ein Mensch auf der Stufe Purpur (Code von Spiral Dynamics) kann die Erfahrung eines auf der Stufe Orange (auch bei bestem Willen!) nicht verstehen, nachvollziehen oder gar teilen, genauso umgekehrt. Nicht unbedingt, weil das eine komplexer oder simpler ist als das andere, sondern einfach, weil die Umgebungen und die Umstände, mit denen die Menschen zu tun haben, gänzlich andere sind. Unser Gehirn ist derart anders strukturiert, dass wir es nicht begreifen können, wie ein anderer Mensch so denken, fühlen und handeln kann.

Schauen wir uns das einmal konkret an einigen Beispielen aus der Bibel an:

Es ist völlig natürlich, wenn wir es befremdlich finden, dass Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte, ein ganzes Volk um einen goldenen Stier tanzt oder einen Sündenbock in die Wüste schickt. So etwas macht hier einfach niemand mehr: Unsere Werte und unser Gottesverständnis ist im Allgemeinen ein anderes. Zwischen dieser Art der Religiosität und der unseren liegen einfach zu viele Stufen.

Wenn wir etwas als primitiv, anstößig oder problematisch empfinden, ist das ein Zeichen dafür, dass unsere eigene Religiosität den Schwerpunkt auf einer anderen Bewusstseinsstufe (Mem) hat. Und wenn uns etwas unglaubwürdig, abgefahren oder unerreichbar erscheint, (oder auch, wie im Falle von Jesus meistens geschehen, als unwiederholbar und einzigartig) könnte das also ein Hinweis darauf sein, dass wir es mit einer höheren Bewusstseinsstufe zu tun haben, die sich uns noch nicht erschlossen hat. Zum Beispiel fand und finde ich die Pfingstgeschichte immer noch seltsam: Wie können die Jünger in fremden Sprachen sprechen, die sie nie gelernt haben? Warum hören sie ein Sausen, warum sind sie wie betrunken – was passiert da? Den meisten Menschen, mit denen ich darüber gesprochen habe, geht es ähnlich. Doch Menschen, die bereits selbst ähnliches erlebt haben, z.B. in einer charismatischen Gemeinde, verstehen solche Texte plötzlich gänzlich neu. Andere Beispiele wären die Verklärung Jesu, die Auferweckung des Lazarus oder Jesu Worte am Ende des Markusevangeliums (Mk 16,17f.):

In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen sprechen; wenn sie Schlangen anfassen oder ein tödliches Gift trinken, wird ihnen das nicht schaden; Kranke, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.

Ein Mystiker oder Heiler, der über eine oder mehrere dieser Gaben verfügt, wird den Text anders lesen als jemand, der keinen Zugang zu derlei Fähigkeiten hat. Und ein Mensch, der bereits eine Erfahrung des Einsseins mit Gott gemacht hat, versteht die Worte: „Ich und der Vater sind eins“ ebenfalls anders und neu.

Ohne eigene spirituelle Praxis und persönliche Kenntnis tieferer Bewusstseinszustände verlieren viele hochprofessionelle Bibelübersetzer und Exegeten das Gespür für die entscheidende mystische Tiefendimension der biblischen Texte.

(Marion Küstenmacher, Integrales Christentum, S. 279)

Wie gehen wir mit diesen Erkenntnissen um?

Zunächst lassen sie uns die Texte mit anderen Augen lesen:

  • Wir finden überall Stufen verschiedener Bewusstseinsstufen. Ja, jeder Text enthält verschiedene Schichten und Anknüpfungspunkte für jede Stufe: Deshalb können ein kleines Kind und eine alte Oma demselben Text jeweils etwas unterschiedliches abgewinnen. Und das ist doch toll so!
  • Wir werden sensibler gegenüber den Reaktionen, die ein Text in uns auslöst: Widerstand, Abscheu, Staunen oder Wut. Aus: „Wie kann so ein Satz nur in der Bibel stehen?“ wird zunächst neutral zu: „Dieser Satz zeugt von dieser oder jenen Stufe, die in diesem oder jenem Kontext angemessen war.“
  • Wir können fragen: Welche Sehnsucht steht hinter diesem Satz, dieser Erzählung? Welches Weltbild? Welche Werte? Gibt es dennoch eine Erkenntnis, die mir der Text vermitteln kann?
  • Ohne eigene authentische Gotteserfahrungen bleibt die Bibel ein durch und durch unverständliches und anstößiges Buch. Aus unsrer Erfahrung in Kontemplation und Aktion lesen wir die Bibel dagegen mit immer tiefer gehendem Verständnis.

Manchmal kann die Erkenntnis einfach sein: „Wie gut, dass ich heute anders denken kann und mir einige Worte Jesu dabei geholfen haben, das zu tun. Z.B. Jesus hat mir die Idee der Feindesliebe eingegeben und deshalb sind mir Erzählungen von Krieg und Gemetzel zuwider. Aber ich verstehe, dass der Autor in Umständen gelebt hat, in denen es primär um das Überleben des Stärkeren ging und dabei waren ihm seine Vorstellungen (zeitlich begrenzt) hilfreich.“

Wir können heute einfach nicht mehr annehmen, dass jedes Wort der Bibel von „Gott“ inspiriert worden ist. Im Buch Josua lesen wir, dass Gott befahl alle Menschen, auch alle Kinder, umzubringen. Die Autoren, die das schrieben, dachten sich von „Gott“ inspiriert, wir aber nicht mehr.

Wir müssen verstehen, dass die Geschichte der hebräischen Schriften, die Geschichte der Nachkommen Abrams, die Geschichte eines sich entwickelten Bewusstseins ist. Hier entwickelte sich etwas über viele Stufen. Manchmal gab es große Sprünge, meistens aber ging es sehr langsam voran.

(Markus Roll, deutscher integraler Theologe aus Berlin, https://www.santablacksheep.com/shop/)

Meine These ist:

Die Bibel ist eines der faszinierendsten Zeugnisse menschlicher Bewusstseinsentwicklung überhaupt – und gleichzeitig beschleunigte sie bei denen, die sie lasen, deren Bewusstseinsentwicklung.

Was meint ihr?