integral church berlin

Christian Schmill ruft auf seinem Blog dazu auf, eine integrale Kirche in Berlin zu gründen und liefert dazu einiges an Hintergrundmaterial. Reinschnuppern lohnt sich.

[ Aus dieser Seite meines Blogs soll die Internet-Plattform eines neuen Projekts in Berlin werden. – Alle dürfen mitmachen! – Aber bitte hinten anstellen. 😉 ] integral church berlin einfach – gemeinsam – leben ( integral-church.berlin – icb – community für integrale spiritualität in berlin und dem rest welt ) […]

über integral church berlin — schmillblog

„Integrales Christentum“ von Marion Küstenmacher

Dieses Buch kann unser Denken über das Christentum verändern, und dieses veränderte Denken unser Leben als Christ.

Ihr konntet vor kurzem mein Interview mit der Autorin lesen. Wer es noch nicht getan hat, kann es hier gerne nachholen.

Ich möchte euch an dieser Stelle das Buch in Kürze vorstellen. Da ich aber weiß, dass einige unter euch ebenfalls gerade dabei sind, das Buch.zu lesen, hier nur meine ganz bescheidenen, persönlichen Eindrücke:

Zunächst fällt auf, das das Buch einiges an Volumen hat. Selbst jemand, der ein rasches Lesetempo hat, braucht dazu ein paar Tage.

Und spätestens beim Lesen fällt auf: Es braucht nicht nur viele Tage, es durchzulesen, es braucht noch mehr Tage, den Inhalt zu verdauen, und noch viel, viel, viel mehr Tage, den Inhalt in meinem eigenen Leben zu integrieren.

Das aber ist erklärtes Ziel des Buches: Es will helfen bei der „Einübung in eine spirituelle Intelligenz“. Dabei bleibt die Autorin nüchtern: Spirituell intelligent wird man nicht bereits durch das Lesen ihres Buches. Auch nicht durch die zahlreichen Übungen, die das Buch enthält. Jede Entwicklung braucht ihre Zeit. Richtig spirituell intelligent sind wir erst – das erfahren wir beim Lesen – wenn wir auf der Stufe „Koralle“ angelangt sind. „Das Bewusstsein von KORALLE […] wird kosmozentrisch. KORALLE identifiziert sich mit dem äußeren Universum selbst, aber auch mit dem ganzen Reichtum des inneren Universums.“

Menschen auf dieser Stufe gibt es jedoch noch kaum. „KORALLE, diese erst zart keimende Stufe, kommt uns aus der Zukunft entgegen“, schreibt Marion Küstenmacher.

Also noch ein langer Weg vor uns Menschen 😉

Und doch: Ein Stückchen spirituell intelligenter fühle ich mich bereits nach der ersten Lektüre. Wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass der integralen Theorie nachgesagt wird, sie sei „psychoaktiv“.

S. Esbjörn-Hargens schreibt in seiner Einführung in die integrale Theorie über das AQAL-Modell: „[Es] ist ein Katalysator, weil es psychoaktiv Ihren ganzen Körper- Verstand scannt und jegliches Potenzial aktiviert oder „aufleuchten lässt“ […], das gegenwärtig nicht voll genutzt wird.“

In „Integrale Lebenspraxis“ (hier mehr dazu) stellen die Autoren fest:

[…] das Integrale Betriebssystem wirkt psychoaktiv. Es verändert sie von innen nach außen und vermittelt Ihnen ganz konkret neue Sichtweisen von Erfahrung. […]

Das Wörtchen „psychoaktiv“ bezieht sich ursprünglich auf Drogen und bedeutet „die Fähigkeit akut das Verhalten, Empfindungen oder die Wahrnehmungen zu verändern und so allgemein auf den Bewusstseinzustand zu wirken.“

(Quelle: http://de.drogen.wikia.com/wiki/Psychoaktiv)

Durch die gelungene Verflechtung von integraler Theorie und geballtem theologischem Wissen gelingt es der Autorin mit ihrem Buch meines Erachtens ebenfalls auf diese Weise „psychoaktiv“ zu wirken (gesetzt den Fall, wir lassen es zu.)

Wir können es auch anders, un-integral und einfach ausdrücken:

Dieses Buch kann unser Denken über das Christentum verändern, und dieses veränderte Denken unser Leben als Christ.

Die Autorin greift alle wichtigen Elemente der integralen Theorie (Holons, AQAL, Schattenarbeit) heraus und wendet sie auf Phänomene des Christentums (Entwicklung des Glaubens über Stufen hinweg, Bibelhermeneutik, Gebet, die drei Gesichter Gottes, Mystik, die Kirche) an.

Das tut sie in einer unglaublichen Breite und Tiefe gedanklicher Durchdringung. Förmlich in jedem Satz stecken spürbar viele Jahre der Auseinandersetzung mit diesen Themen.

Allerdings habe ich mich beim Lesen gefragt, wer aus den Gemeinden, deren Pfarrerin ich zuletzt war, freiwillig und mit Gewinn ein solches Buch lesen würde. (Nicht, dass mir jetzt GAR niemand eingefallen wäre.) Ja, vielleicht habe ich ein zu negatives Bild. Ja, vielleicht gäbe es da noch die eine oder andere Überraschung. Doch ganz ehrlich: Mir kommt es so vor, dass das Publikum eines solchen Buches zumindest speziell – das heißt selten – ist, was nicht zuletzt an der verwendeten Sprache liegt. Man lese nur diesen einen Satz relativ zu Anfang des Buches: „Die Zielrichtung des Christentums ist klar: Sein höchster Eros ist es, immer mehr Christusbewusstsein zu wecken.“

(Ja, ich habe mich gefreut beim Lesen. „Eros“ und „Christusbewusstsein“ sind schöne Wörter und noch herrlicher in ihrer gedanklichen Verbindung. Und doch habe ich mir gleichzeitig die Gesichter vorgestellt, wenn ich diesen Satz beim Abend der Landfrauen vorgelesen hätte, denen beim Wort „Mystik“ nur „Mystery Thriller“ eingefallen ist.)

Dessen ungeachtet wünsche ich mir aufrichtig für dieses Buch, dass es so viele Leser wie möglich erreicht, nicht nur intellektuell, sondern von Herz zu Herz, und Bewusstsein zu Bewusstsein, so wie es gemeint ist. Ich werde jedenfalls noch lange mit ihm unterwegs sein und sehe das nur als Gewinn. An dieser Stelle der Autorin noch einmal schriftlich – wie bereits mündlich – vielen Dank für dieses Werk!

Ein Nachteil des Buches ist m.E. das fehlende Stichwortverzeichnis. Gerade deshalb, weil es sich wie ein Nachschlagewerk für viele Themen liest. Ja, es wäre dann noch dicker geworden. Wäre mir aber egal.

Beten UND Handeln

Lange hatte ich ein klischeehaftes Bild im Kopf, das mich davon abgehalten hat, zu meditieren. Ich sah den untätig herumsitzenden Mönch oder die Nonne vor mir, die ihr Heil in der Stille und Einsamkeit suchen, aber nichts neues in die Welt bringen, keine Familie gründen, kein Unternehmen, keine Kunst schaffen, die Verhältnisse nicht verändern etc. Ich konnte nicht zusammenbringen, warum wir Menschen in der Welt sein sollten, mit einem Körper, Bedürfnissen, Gefühlen, Händen und Ideen, wenn der wahre Sinn des Menschseins darin läge, genau das Gegenteil davon zu suchen: Weg von Ego, weg vom Körper, weg von schmerzhaften Erfahrungen hin zum reinen, immer ausgeglichenen Beobachter. Hat so ein Mensch denn wirklich gelebt? Oder hat er nicht jede Menge verpasst?

Ein Extrembeispiel, das mich abgeschreckt hat, war das Bild eines – mittlerweile durch die Medien berühmten – Inders, der seit über vier Jahrzehnten seinen Arm ununterbrochen nach oben hält, um das Wunder der Willensstärke des Menschen zu demonstrieren.

Was ist denn, fragte ich mich, die Bestimmung des Menschen: Ein makelloser Heiliger zu werden oder ein aufregender Künstler?

Vermutlich liegt die Antwort – ihr ahnt es schon anhand der Überschrift – in dem so folgenreichen Wörtchen: „Und“.

Doch noch eine Befürchtung hatte ich lange Zeit:

Dass ich durch ein häufiges Meditieren den Bezug zur Welt und meinen Mitmenschen verlieren könnte. Ich hatte Angst, dann nicht mehr das tun zu können, was gerade nötig und angebracht wäre.

Doch von zeitgenössischen Mystikern durfte ich hören und lesen, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Erst durch eine regelmäßige kontemplative Praxis nehme ich die Wirklichkeit zunehmend weniger verzerrt war und lerne, entspannter und zielgerichteter zu handeln, zu agieren statt nur zu reagieren und in wichtigen Momenten das angemessene zu tun. Einer dieser Mystiker ist Richard Rohr.

Er ist ein US-amerikanischer Franziskanermönch, geistlicher Lehrer, Bestsellerautor, ein starker Kritiker seiner eigenen Kirche und leitet ein christliches „Zentrum für Aktion und Kontemplation“, wo er unter anderem auch integrale Theologie unterrichtet.

In seinem Buch mit dem Titel „Entscheidend ist das UND. Kontemplativ leben UND engagiert handeln“ betont er immer wieder die Bedeutung, das „Und“ zu denken und zu leben, da es uns vor Einseitigkeit und Oberflächlichkeit bewahrt. Wenn Aktion und Kontemplation eins seien, entstünden „immer Schönheit, Symmetrie und verwandelnde Form“. (S. 14) Da beides gleich wichtig sei, sei das „UND“ dazwischen das wichtigste, also die ständige Verbindung von beidem. Denn die Meditation, das Sitzen und Beten in der Stille, verändert uns und unsere Wahrnehmung und lässt uns anders denken und handeln. Meditation führe dazu, dass Menschen viel weniger in den Kategorien von „entweder-oder“ dächten, sondern zunehmend ein „sowohl-als-auch“ zuließen.

Im Anschluss an Ernst Friedrich Schumacher beschreibt er drei verschiedene Bewusstseinsstufen, die drei Teilen der hebräischen Bibel entsprechen: Gesetz, Propheten, Weisheitsbücher. Das erste steht für Struktur, Grenzen, äußere Autorität etc., dann kommt die Kritik aus einer inneren Autorität heraus, und schließlich folgt die Stufe von Paradox und Geheimnis. Auf dieser geht jegliche Eindeutigkeit verloren und scheinbar widersprüchliche Dinge kommen gleichberechtigt nebeneinander zu stehen. Jeder Mensch und auch jede Religion durchlaufen diese aufeinander aufbauenden Stufen der spirituellen Entwicklung.

Durch Kontemplation gelänge es dem Menschen nach und nach seine eigenen Gaben zu erkennen und diese auszuleben. Dabei hält er die Konzentration für bedeutend: „Wir müssen uns in unserem Leben für ein oder zwei Anliegen aus ganzem Herzen einsetzen.“ (S. 117) Klingt das nicht verheißungsvoll und zugleich entlastend? Wir müssen nicht alles tun, was getan werden müsste, sondern herausfinden, was von uns hier und jetzt getan werden kann wie von keinem anderen. 

Doch Richard Rohr malt keineswegs ein idealisiertes, romantisches Bild der Meditation:

Jede kontemplative Praxis (…) bleibt ein endloses Schattenboxen, immer ist sie harte Arbeit. (S. 104)

Denn wir selbst seien das Hauptproblem, nicht die anderen.

(Zu Schattenarbeit könnt ihr hier mehr lesen: Christliche Schattenarbeit)

Durch Kontemplation wird uns bewusst, dass es für heilsame Veränderungen eine langsame Transformation braucht, keine gewaltsame Revolution, ja nicht einmal eine Reformation. Denn die wahren Feinde sind nicht irgendwo da draußen, sondern in unserem Geist, dem individuellen wie dem kollektiven Bewusstsein. Es braucht deshalb mehr als alles andere Menschen, die bereit sind, sich selbst verwandeln zu lassen und dadurch die Welt zu verändern.

Marion Küstenmacher stellt in ihrem eben erst erschienen Buch „Integrales Christentum“ einen Zusammenhang der Thematik mit den Quadranten in Ken Wilbers Philosophie her.  In dem Quadranten oben rechts (individuell-objektiv) erschiene alles, was jemand ganz konkret tut.

In spiritueller Hinsicht ist dieser Quadrant daher der Lackmustest für jeden Glauben. Jesus hat immer wieder deutlich gemacht, dass nicht unsere Worte, sondern unser Handeln entscheidend ist. (S. 35)

Ein Beispiel wäre: Wenn jemand selbst der Ansicht ist, besonders rechtgläubig zu sein, und daher regelmäßig anderen ihren Abfall vom „wahren Glauben“ vorwirft, so fühlt sich dieser Mensch zwar (Quadrant oben links, individuell-subjektiv) extrem fromm, doch was er konkret tut (Quadrant oben rechts, individuell-objektiv), ist, dass er beständig negativ über andere Menschen richtet, sie dadurch verunsichert, verletzt oder ihnen schlicht auf die Nerven geht. Unter Umständen fällt auch auf, was er alles nicht tut: Er spendet wenig, er engagiert sich nirgendwo, stattdessen verbringt er viel Zeit allein mit seiner Bibel und sondert sich ab.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir Meditation und Aktion miteinander verbinden. Was mir klar geworden ist, habe ich erst richtig begriffen, wenn ich dadurch in ein neues, anderes Tun gekommen bin.

Wir könnten vielleicht sogar noch drastischer sagen: Ohne unser Tun ist alles, was wir in der Kontemplation erfahren haben, sinnlos. Denn erst durch unser Tun wird der Geist Materie, erst dadurch sind wir wirklich Abbilder Gottes, der sich insbesondere durch seine Schöpferkraft auszeichnet. Erst durch ein Tun, das von der Stille und dem Innehalten her inspiriert ist, werden wir zu einzigartigen Individuen, zu faszinierenden Teilchen von Gottes Welt.

Jesus selbst war jedenfalls so ein Mensch, der sich unter die Menschen stürzte, um sich dann wieder zurückzuziehen, der immer hin und her pendelte zwischen Kontemplation und Aktion.

Was meint ihr?

Wenn ihr mehr dazu lesen wollt, werdet ihr hier fündig:

Zentrum für Aktion und Kontemplation: https://cac.org

MODUL Bewusste Elternschaft

Vor einiger Zeit schrieb mir eine Frau als Antwort auf die Frage nach einem guten Erziehungsratgeber, sinngemäß, das wichtigste sei doch, dass ich einfühlsam sei und es gut meine. Vielleicht hatte sie die Befürchtung, dass es mir so ergeht wie vielen Eltern, dass uns nämlich häufig die vielen Tipps und Tricks der anderen mehr verwirren und verunsichern als weiterzuhelfen. Und weil jedes Kind anders ist und anderes braucht, scheint Einfühlung zunächst eine gute Idee zu sein…doch:

Da beginnt das erste „Problem“: Da ich und mein Kind uns in völlig unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden und die Welt um uns auf andere Weise wahrnehmen und deuten, kommt meine Einfühlung recht schnell an ihre Grenzen. Da lobe ich mir dann doch die moderne Gehirn- und Verhaltensforschung, die mir erklärt, warum mein Kind so tickt wie es tickt. Gute Erziehungsratgeber wissen diese Erkenntnisse so zu erklären, dass vieles sich auf einmal anders verhält als es zunächst schien. (Zum Beispiel, wenn wir Absichten unterstellen oder korrektes Verhalten abverlangen, die das Kind nicht haben oder noch nicht leisten kann.)

„Bewusste Elternschaft“ ist für mich allerdings weit mehr als die gründliche Lektüre moderner und gut fundierter Erziehungsliteratur und das Wissen um Entwicklungspsychologie. Sie beginnt für mich zunächst mit der äußerst spannenden und wichtigen Frage, warum ich/wir überhaupt ein Kind haben will/wollen und wie ich mir ein Leben mit Kind/ern vorstelle. Soll das Leben im Wesentlichen so weitergehen wie bisher – mit einer netten „Ergänzung“ oder einem neuen „Hobby“ – oder bin ich bereit, mein Leben, unsere Beziehung, mein Denken, weiter wachsen und umkrempeln zu lassen?

Wenn wir bereit sind, uns voll und ganz auf unsere Kinder einzulassen, für deren Wohl wir verantwortlich sind, kommen unweigerlich bestimmte Fragen auf:

Was braucht das Kind von mir? Was muss, was kann ich ihm geben? Welche Bedürfnisse hat es? Wie will ich erziehen? Was für Werte will ich vermitteln, was will ich vorleben, wo liegen meine Grenzen, was sind meine Bedürfnisse? etc.pp.

In „Integrale Lebenspraxis, Wilber, Patten, Leonard, Morelli“ äußern sich die Autoren auch zum Thema „Bewusste Elternschaft“ (S. 352f.):

Ein Kind zu einem bewussten, liebevollen, fähigen und glücklichen Menschen großzuziehen, ist eine der wichtigsten und schwierigsten Leistungen im Leben… Durch bewusst praktizierte Elternschaft entwickeln wir sehr viel Weisheit und Mitgefühl.

Eltern werden oder sein ist mindestens so herausfordernd für unsere Entwicklung wie eine Partnerschaft oder das Leben in einer Klostergemeinschaft. Im Umgang mit unseren Kindern werden wir wieder und wieder mit uns selbst konfrontiert.

Und dann haben wir die Wahl: Reagieren wir mit „Augen zu und durch, sie werden es überleben, irgendwann sind sie so oder so groß, können reden und gehen usw.“ oder lassen wir zu, dass unsere Kinder uns mehr und mehr auf neue Fragen stoßen und Dinge ins Bewusstsein bringen, von denen wir nie ahnten, dass sie existieren, eine Rolle spielen, möglich sind?

In dem Spiegel-Bestseller „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“ schreiben die Autorinnen Danielle Graf und Katja Seide:

„(…) die Wut der Eltern trägt mindestens ebenso zu den klassischen Trotzmomenten bei wie die noch fehlenden neurologischen Voraussetzungen der Kinder. Man könnte sogar behaupten, dass viele Streitsituationen im Alltag nur deshalb entstehen, weil die Eltern trotzig sind. Dass bisher kein Ratgeber zum Trotzalter diese Wut der Erwachsenen thematisiert, ist unseres Erachtens Ausdruck für den (…) Blickwinkel der Gesellschaft auf Kinder. Diese müssen sich ändern, sich anpassen und erzogen werden, wohingegen Erwachsene per se im Recht sind und deshalb nicht an sich arbeiten brauchen.“

Die angesprochene Einstellung ist fatal. In der Trotzphase werden wir nicht nur mit der Wut unserer Kinder, sondern auch und ganz wesentlich der eigenen verdrängten und unterdrückten Wut konfrontiert, die oft noch aus unseren Kindertagen in uns schlummert. Diese Erfahrung mache ich gerade durch und ich kann sagen: Da kommt einiges hoch.

Eigentlich logisch: Steckt das Kind in einer bestimmten Entwicklungsphase, kommen bei uns unweigerlich Erinnerungen aus unserem eigenen Leben wieder an die Oberfläche: An die Trotzphase, die Grundschulzeit, die Pubertät etc.

Die Frage ist jedoch: Nutzen wir diese Zeit ausreichend, an uns und damit unserem Umgang mit unseren Kindern zu arbeiten oder versuchen wir unsere Kinder so zu erziehen, dass wir möglichst unverändert so bleiben können, wie wir sind?

In letzterem Fall werden wir kaum ohne die herkömmlichen Erziehungsmethoden wie „Lob“ und „Tadel“, „Belohnung“ und „Bestrafung“ auskommen. Was ist das Problem an dieser Art der Erziehung?

  1. Sie ist für beide Seiten anstrengend und führt zu Stress und Streit.
  2. Sie führt zu Entfremdung zwischen Eltern und Kind und dem Kind sich selbst gegenüber. Hans-Joachim Maas schreibt in seinem Buch: „Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm“:

In der Folge des Liebesmangels lernen Kinder allmählich herauszufinden, wofür sie Anerkennung und Zuwendung von den Eltern bekommen können. Damit beginnt ein lebenslang anhaltender Prozess der Entfremdung: Man tut nicht mehr, was wirklich zu einem passt und individuell möglich ist, sondern was erwartet wird, um über die Anpassung Bestätigung zu erfahren. Ein Leben neben der Spur! Lob und Tadel sind die Erziehungsinstrumente, die das falsche Selbst züchten.

Ruth berichtet auf ihrem Blog, von ihrer Reise weg von Erziehung zu einem Elternsein, dass sie „unerzogen“ nennt. Für Eltern bietet sie einen Wutkurs und eine „Elternakademie“ an, in der sie Alternativen dazu vermittelt.

Sie schreibt treffend:

Wenn du deinen Scheiß überwinden willst, um näher an deinen Werten deine Kinder zu begleiten, ist das schwer. (…) Niemand bekommt das mal so eben hin, der erzieherischer Gewalt ausgesetzt war.

Nimm dir deine Zeit. Hör auf, deine Kinder irgendwo einzuordnen und gib dir den Raum, zu heilen.

Denn am Ende bedeutet bedürfnisorientierte, friedliche Elternschaft genau das: Sich selbst den Raum zum Heilen zu geben.

https://derkompass.org/2018/06/09/eltern-sein-das-bessere-hobby-warum-mich-die-selbstverstaendlichkeit-der-elternrolle-ankotzt/

Sie unterstreicht, dass es sich bei der klassischen Erziehungsmethode „Belohnung“ und „Bestrafung“ um eine Form der seelischen Gewalt und Manipulation handelt. Da dies jedoch vielen nicht bewusst ist – oder nicht so gesehen wird – haben die meisten von uns selbst als Kinder nichts anderes kennengelernt. Wenn wir nun selbst wiederum Kinder großziehen, ist die Gefahr groß, dass wir trotz guten – möglicherweise gegenteiligen Vorsätzen – auf alte Muster zurückgreifen, die uns vertraut sind und daher nahe liegen. Ganz besonders ist das der Fall in Momenten der Überforderung oder Übermüdung. So setzt sich die Gewaltspirale fort.

Ihr erinnert euch: Die oben genannte Frau riet mir mit Einfühlungsvermögen und gutem Willen zu handeln. Doch: Wenn wir derart unbewusst „erziehen“, verwechseln wir innere Weisheit mit dem, was noch an angelernten Programmen in unserem Unbewussten schlummert.

D. Graf und K. Seide warnen ganz zu Recht:

Wenn Eltern also nach ihrem Bauchgefühl handeln, erziehen sie im Prinzip unbewusst genauso, wie ihre Großeltern und Eltern erzogen haben. Diese Tatsache ist gut und schön, wenn man selbst eine feinfühlige, emphatisch reagierende Mutter hatte, die alle Signale zeitnah und richtig entschlüsseln konnte und Bedürfnisse liebevoll befriedigt hat. Ist man jedoch in Europa aufgewachsen und die Vorfahren entstammen einer Generation, die mit der schwarzen Pädagogik aufwuchs, ist es vielleicht nicht schlecht, sein eigenes Bauchgefühl noch einmal zu überdenken (…) (S. 71f.)

Kinder großziehen bedeutet also: In die eigene Kindheit zurückzureisen, sich möglichem altem Schmerz zu stellen, Erziehungskonzepte und Vorstellungen davon, was Kinder sind und wie sie zu sein haben, loszulassen. Immer wieder neue Fragen haben, nach Lösungen suchen und diese dann so zu leben, wie ich es derzeit verantworten kann.

Es ist eine Reise, und sicher auch eine Reise zu mir selbst. Geholfen haben mir selbst bis jetzt gute (d.h. wissenschaftlich fundierte und (selbst)kritische) Ratgeber, der Austausch mit anderen Frauen und immer wieder ein klärendes Gespräch mit meinem Mann oder meiner eigenen Mutter. Doch ich komme immer wieder an meine Grenzen.

Und vielleicht passt das Kind, dass dann herauskommt, gar nicht in diese (alte) Gesellschaft. Aber wer weiß – vielleicht ändert sich ja auch die Gesellschaft irgendwann und irgendwie durch solcher Art Kinder?

Und ihr? Welche Erfahrungen macht ihr als Eltern oder auch Großeltern mit diesem Thema?

MODUL GEIST: „Mystik to go“ – das immerwährende Jesusgebet

Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Menschen ganz offenbar ein starkes Problem mit dem Warten haben. Oder mit dem Aushalten von Untätigkeit. Oder Stille.

Beispiel 1: Neulich an der Kasse im Supermarkt: drei Leute vor mir und zwei hinter mir. Eine ältere Dame klagt laut, bevor sie sich ebenfalls anstellt: „Oje, die Schlange wird ja immer länger.“ Sie jammerte so lange, bis ein Herr sie vorließ. Dabei war ich mir sicher, dass diese Frau aufgrund ihres Alters schon mindestens zehn Jahre lang in Rente sein musste. Dennoch: Auch so kurzes Warten war eine Qual für sie.

Beispiel 2: Ein einziges Mal erlaubte ich mir als Pfarrerin das Eingangsgebet, das bei uns üblicherweise laut vom Pfarrer vorgetragen wird und durch ein kurz gehaltenes Schweigen beendet wird, durch eine längere Schweigephase von einer Viertelstunde zu ersetzen. Vom Küster erfuhr ich hinterher, dass ein älterer Mann, regelmäßiger Kirchgänger, sich beschwert hatte und drohte, dass er nie wieder käme, wenn das noch einmal geschehen würde. Das Schweigen muss schrecklich für ihn gewesen sein.

Beispiel 3: Du kennst sicher auch Menschen mit der Angewohnheit, immer etwas sagen zu müssen. Vielleicht bist du selbst manchmal einer davon? Wenn jemand neben dir sitzt oder geht, bist du kaum eine Minute still. Du redest irgendetwas, meist oberflächliches Zeug, das weder dich noch den anderen wirklich interessiert, Hauptsache, es ist nicht still.

Es gibt einen Weg dieses Leiden in pures Glück zu verwandeln. Es ist das Jesusgebet – oder Herzensgebet „to go“.

Statt quälender und bedrohlicher Leere finden wir eine gigantische Fülle und Tiefe in uns vor, von der wir nie genug bekommen können.

In einem Klassiker der spirituellen Literatur, „Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers“ geht es genau darum: Das immerwährende Jesusgebet. Es geht dabei – siehe dazu einführend auch meinen Artikel „Ruhegebet“ – um die ständige, an den Atem angepasste, Wiederholung des Namens Jesu oder eines anderen Mantras in Gedanken.

Ein unbekannter Verfasser berichtet von seinen Gebetserfahrungen. Früh Witwer geworden, beginnt er zu pilgern. In einer Kirche hört er eine Lesung, die ihn mitten ins Herz trifft.

16 Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.

Brief an die Thessalonicher, 5, 17

Die Frage, was das bedeuten soll, lässt ihn nicht mehr los. Er sucht so lange, bis er einen geistlichen Vater findet, der ihm erklärt, wie das möglich ist und ihm ein Buch empfiehlt, das ihm dabei hilft, es zu erlernen: Die Philokalie, eine Sammlung von Schriften heiliger Väter, die in die Gebetsform einführen. Ab sofort fast ununterbrochen betend und die Schrift studierend, wird zum Schüler und schließlich selbst zum Lehrer für viele. Das Praktizieren des Jesusgebetes wird zu seinem Lebensinhalt und verwandelt ihn nach und nach in einen anderen Menschen. Ein lesenswertes Buch, das sich noch einmal ganz anders und intensiver liest, wenn man selbst mit der Gebetspraxis beginnt.

Häufig finden wir die Angabe, dass empfohlen wird, zweimal am Tag für zwanzig Minuten das Jesus/Ruhe/Herzensgebet zu sprechen.

Zunächst empfand ich diese Angabe befremdlich, denn in der östlichen Theologie habe ich derartiges nie gehört oder gelesen. Dann habe ich es eine Weile probiert, auch wenn es mir schwer fiel, dieses Ritual täglich um dieselbe Uhrzeit einzuhalten – dafür war ich immer zu beschäftigt und zu chaotisch. Mit Kleinkind klappte es dann gar nicht mehr und ich war ratlos. Deshalb bin ich umso glücklicher, dass ich auf das Buch von Prof. Sabine Bobert gestoßen bin: „Mystik und Coaching mit MTP – Mental Turning Point.“ Sie beschreibt darin ihr Konzept moderner Mystik – einer Mystik to go. Sie schreibt darin im Vorwort:

Das Christentum ist keine Lehre, sondern in erster Linie eine Lebenspraxis, die auf die Vereinigung des Menschen mit Gott zielt…Es geht um eine Mystik, die mitten im urbanen Kontext eingeübt werden kann…aus einer lebendigen Mystik wird ein undogmatisches Christentum geboren, bei dem jeder seine Erfahrungen in eigene Worte fassen kann… Die neuen Mystikerinnen und Mystiker lassen den Streit über Begriffe hinter sich, weil sie durch Erfahren begreifen.

Das Jesusgebet wird nicht zu bestimmten Gebetszeiten gesprochen, sondern immer, wenn es möglich ist, auch an der Kasse, im Wartezimmer, vor dem Schlafengehen und und. Endlich kann also auch ich das Gebet wieder pflegen – viel länger und öfter als jemals zuvor und das trotz einem Kleinkind, das nahezu meine ständige Aufmerksamkeit einfordert.

Woher stammt dann aber die Empfehlung fester, zeitlich begrenzter Gebetsphasen?

Es geht darum, dass es tatsächlich möglich ist, es mit dem Gebet zu übertreiben. Dann drohen Gefahren auf dem Weg: Gesundheitliche und psychische Probleme bis hin zum Wahnsinn. Zum Glück gibt Prof. Bobert eine Liste von Anzeichen, an denen wir erkennen können, ob wir uns bereits in einer solchen Gefahrenzone bewegen. Wenn wir diese an uns bemerken, rät sie dazu, uns an einen erfahrenen Lehrer zu wenden und nur mit dessen Begleitung weiter zu praktizieren. Das finde ich eine wunderbare Lösung, die mich zu einem mündigen Menschen macht: Ich darf so viel beten, wie ich will, und mir wird zugetraut, selbst erkennen zu können, wann es zu viel des Guten war und Hilfe aufzusuchen. Denn das Problem ist nicht, dass viel Beten an sich schädlich werden könnte – ganz im Gegenteil wirkt es sogar äußerst positiv auf unsere Gesundheit -, sondern darum, dass die Entwicklung, die durch das Mantrabeten bei uns angestoßen wird, uns überfordern und überrennen kann. Wenn das Tempo unser Entwicklung durch das Non-Stop-Beten zu hoch wird, kann es sein, dass es uns nicht mehr gelingt, das Alte, was in uns hoch kommt, und das Neue, das entsteht, zu verarbeiten.

Ich kann deshalb nur dazu raten, dieses Buch zu kaufen, bevor ihr mit dem „Jesusgebet to go“ startet. Neben der besagten Liste findet ihr darin zahlreiche andere wertvolle Tipps, Erläuterungen und Hinweise sowie Erfahrungsberichte von Übenden. In Prof. Boberts Konzept ist das Jesusgebet nur ein, wenn auch der wichtigste Pfeiler, spiritueller Praxis. Während dieses den Geist/das Denken trainiert, gibt es zwei weitere Übungen innerhalb ihres Konzepts, einmal für den Umgang mit Gefühlen, einmal für die Stärkung des eigenen Willens, die ebenso mühelos in den Alltag integriert werden können. Ich berichte gerne an anderer Stelle über meine Erfahrungen damit.

Hier eine kurze Einführung durch Prof. Bobert selbst:

Warum lohnt es sich, es mit dem Jesusgebet zu versuchen?

Ganz einfach: Die meisten, die einmal ernsthaft damit angefangen haben, wollen nicht mehr damit aufhören. Das Jesusgebet bringt uns relativ schnell in einen Zustand, aus dem wir am liebsten nicht mehr herauskämen. Und nach und nach verändert es uns und unser Leben in einem positiven Sinn: Es verbessert nachweislich unsere Gesundheit, es macht uns psychisch heil und stabil, lässt uns in der Gegenwart ankommen und führt uns auf dem mystischen Entwicklungspfad über die Reinigung zur Erleuchtung.

Und im Gegensatz zu TM (Transzendentaler Meditation) müssen wir nicht erst Unsummen an Geld ausgeben, um darin geschult zu werden. Wenn wir uns je doch einen Lehrer wünschen oder ihn brauchen, dürfen wir einfach im Gebet um diesen bitten und können darauf vertrauen, dass er zur richtigen Zeit in unser Leben kommt.

Das Buch findet ihr hier:

https://www.vier-tuerme-verlag.de/religion-und-spiritualitaet/gebet-und-kontemplation/42/mystik-und-coaching-mit-mtp-mental-turning-point

Die kleine Philokalie und die „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“ findet ihr u.a. hier:

https://edition-hagia-sophia.de/index.php/kleine-philokalie-betrachtungen-der-monchsvater-uber-das-herzensgebet.html

https://edition-hagia-sophia.de/index.php/aufrichtige-erzahlungen-eines-russischen-pilgers.html

Was meint ihr?

Übung zur Erleuchtung: Wer bin ich?

Heute möchte ich euch eine Methode vorstellen, die dazu geeignet ist, uns direkt, effektiv und sofort mit der Wahrheit, dem Göttlichen etc. zu verbinden, sprich: Die uns direkt in die Erleuchtung bringen kann. Klingt gut, was? 😉

Tatsächlich ist es die einfachste und gleichzeitig vielleicht anspruchsvollste geistige Übung überhaupt. Von einigen wird sie die „Methode der Disidentifikation“ genannt, bei Psychologen (Roberto Assagioli, Hans Piron) ist auch von der „Psychosynthese“ die Rede. Es bedeutet, dass wir uns auf die Suche nach unserem eigenen „Ich“ begeben. Wo kommt es her, dieses „Ich“? Was macht es aus – und was nicht?

„Disidentifikation“ heißt die Methode, weil derjenige, der die Übung macht, sich immer mehr bewusst macht, wodurch er sich identifiziert und diese Identifikationen nach und nach wieder fallen lässt. Ken Wilber selbst beschreibt das in „Wege zum Selbst. Östliche und westliche Ansätze zu persönlichem Wachstum“ so:

Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper. Ich kann meinen Körper sehen und fühlen, und was gesehen und gefühlt werden kann, ist nicht der wahre Sehende. Mein Körper mag müde oder erregt, krank oder gesund, schwer oder leicht sein, aber das hat nichts mit meinem inneren Ich zu tun. Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper…

Im Grunde genommen passiert etwas Ähnliches bei egal welcher Meditation. Und eigentlich lässt sich diese Übung nicht verschriftlichen. Denn es geht um einen geistigen Prozess, der sich jenseits der Welt der Sprache abspielt. In dieser Ebene des reinen „Wahrnehmens“ lassen wir Gedanken, die sich in Sätze kleiden ließen, hinter uns. Doch beginnen könnte diese Übung in meinem Fall zum Beispiel so:

Ich bin nicht mein Körper. Mein Körper ist 32 Jahre alt. Mein Körper ist weiblich, 1,61, hat die und die Gestalt, diese Füße, diese Augen, diese Haare. Manchmal hat der Körper Schmerzen – aber ich bin nicht dieser Schmerz, denn der Schmerz vergeht.

Hätte ich keine Augen mehr, wäre ich immer noch ich. Wäre ich hässlich einstellt, wäre ich immer noch ich. Würde ich mich operieren lassen und zum Mann machen, wäre ich immer noch ich. Was müsste mindestens von meinem Körper übrigbleiben, damit noch ein ich da ist? Oder wäre auch noch ein ich da, wenn mein Körper ganz tot wäre? Bin ich dann weg, wenn mein Körper im Grab liegt?

Ich bin nicht meine Gedanken oder Überzeugungen. Diese wandeln sich im Laufe der Zeit durch die Begegnung mit anderen Menschen, von denen ich etwas Neues lerne und übernehme, Gedanken sind frei und beweglich, Gedanken können sich allmählich oder auch ganz schnell ändern. Meinen Gedanken kann ich zuschauen, wie sie kommen und gehen und ich kann sie beurteilen.

Ich bin nicht meine Erinnerungen. Denn diese ändern sich durch meine interpretatorischen Gedanken. Meine Erinnerungen sind irgendwo gespeichert und ich rufe sie ab, aber das bin nicht ich.

Ich bin nicht meine Gefühle. Ich kann lernen, meine Gefühle zu steuern, sie zuzulassen oder abzulehnen. Ich bleibe ich, auch wenn ich emotionslos bin. Ich nehme Gefühle wahr,

Ich bin nicht meine Wünsche. Vieles, was ich mir gewünscht habe, wollte ich heute nicht mehr. Selbst der eine Wunsch, den ich seit Kindheit in mir trage, ist nicht mehr derselbe Wunsch geblieben, sondern hat sich meiner Entwicklung angepasst.

Ich bin nicht mein Name. Ich könnte ihn ändern lassen, ich blieb ich.

Im Tiefschlaf bin ich keine bestimmte Person, ich wechsle beständig die Identität, und doch liebe ich diesen Zustand, wo ich absolut niemand bin und nichts tun oder sein muss und doch ich bleibe.

Bin ich das Wahrnehmende und Beobachtende? Das Bewusste?….

Die Kurzform dieser Übung wäre, einfach nur den Satz zu denken: „Ich bin, ich existiere“ und dann auf die Empfindung zu achten, die sich einstellt, eine Empfindung des reinen „Seins“ oder „Gewahrseins“ oder „Wahrnehmens.“

Mir hilft es dabei auch, mich so Dinge zu fragen wie: „Ist diese Empfindung dieselbe wie damals, als du zehn Jahre alt warst und dieses und jenes erlebt hast?“ und „Bleibt diese Empfindung gleich, egal, was ich gerade tue oder denke?“

Tatsächlich ist es bei genügend Konzentration möglich, durch diese Übung dahin zu gelangen, dass wir, statt in Schmerzen, Sorgen oder Ängsten aufzugehen, diese nur noch wie von außen beobachten können. Wir verlieren, wie es so schön heißt, die „Anhaftung“ an die Dinge, unser Ego, an Raum und Zeit. Wir nehmen uns als zeitlos, grenzenlos und unvergänglich wahr.

Vorwarnung: Obwohl die Übung in ihrem Kern vollkommen einfach ist, tun sich die meisten damit unendlich schwer. Das liegt daran, dass wir es nicht gewöhnt sind, uns mit nichts zu identifizieren. Normalerweise gehen wir so in unseren Gedanken, Umständen, Schmerzen, Zielen etc. auf, dass eine Distanzierung davon zunächst unmöglich erscheint.

Da ich zwar von dieser Übung fest überzeugt bin, aber noch lange keine Meisterin, möchte ich auf einen solchen verweisen:

Ein wahrer Meister dieser Übung ist Mooji, ein Meister der indischen Advaita-Tradition. Ich kann wärmstens empfehlen, diesen einmal auf YouTube zu erleben. (Oder live, dann wärt ihr mir voraus.) Er wurde 1954 in Jamaica geboren und durch die Begegnung mit einem christlichen Mystiker zum Wahrheitssucher. Heute strömen zahlreiche Menschen zu ihm, um von ihm zu lernen, weil sie ihn als eine Art „Verkörperung der Wahrheit“ erleben. Die Besonderheit bei ihm ist, dass er immerzu warmherzig, humorvoll und unermüdlich darum bemüht ist, dem anderen zu helfen, durch Selbst-Erforschung sich selbst zu entdecken und zu finden.

Siehe dazu auch: http://www.mooji.org

Oder Literatur auf deutsch: Bevor ich bin. Die direkte Erkenntnis der Wahrheit, Mooji 2012.

Modul GEIST: Ruhegebet

Ich möchte euch eine Gebetspraxis vorstellen: Das Ruhegebet. Im Osten eher Herzensgebet, im Westen Jesusgebet genannt. Es gibt sowohl im West und Ost verschiedene Schulen. Gemeinsam ist, dass der Name Jesu wie ein Mantra wiederholt wird. Am häufigsten geschieht das in der Form: „Jesu, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“, doch auch zahlreiche Kurzformen wie „Jesu, erbarme dich“ oder „Christe eleison“ sind möglich. Peter Dyckhoff, Autor zahlreicher Bücher zum Ruhegebet, schlägt selbst vor, die Formel intuitiv auszuwählen, da sie dann am ehesten zum Beter passt. Ich habe damit persönlich gute Erfahrungen gemacht.

Die Wiederholung der Gebetsformel wird teilweise mit der Konzentration auf den Atem verbunden. Tatsache ist jedoch, dass der Atem durch die Fokussierung auf das Gebet sich ohnehin verlangsamt und gleichmäßiger wird.

Zwar ist der Satz als Bitte formuliert, doch es handelt sich nicht um ein Bittgebet, das zum Ziel hätte, Gott Bitten oder Wünsche vorzutragen. Ziel des Gebets ist die Erlangung eines Zustandes, einer tiefen inneren Ruhe, im griechischen Sprachraum Hesychia, Ruhe/Stille, genannt. Die Bewegung, die sich dieser Gebetspraxis widmet, nennt sich Hesychasmus. Es geht ums Loslassen, Gelassenheit und den Seelenfrieden und schlussendlich um eine direkte persönliche Gotteserfahrung. Das Zentrum dieser Bewegung war im Mittelalter die Mönchsgemeinschaft auf dem Berg Athos. Eine theoretische Erklärung für die zahlreichen Lichtvisionen, die als Folge der Gebetspraxis auftraten, formulierte im 14. Jahrhundert der Theologe Gregorius Palamas. Zwar sei Gottes Wesen schlussendlich für uns Menschen unergründlich, doch seine Energien – und damit auch das göttliche Licht – könnten durchaus direkt wahrgenommen werden. (Aus dieser Annahme folgen eine Reihe knifflicher Streitpunkte zwischen Ost und West, auf die ich an dieser Stelle nicht eingehen will.)

Die biblische Begründung für die Praxis findet sich im 1. Thessalonicher 5, wo Paulus die Christen auffordert, „ohne Unterlass“ zu beten.

16 Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.

Entscheidender als dieses Wort dürfte aber die praktische Weitergabe einer Tradition sein, die sich immerhin bis auf die Wüstenväter zurückverfolgen lässt.

Wer zum ersten Mal von einer solchen Gebetsweise hört, dem kann ich die Bücher von Peter Dyckhoff oder Emmanuel Jungclaussen empfehlen. Peter Dyckhoff beruft sich in seinen Werken zum Ruhegebet auf Johannes Cassian, einen Kirchenvater des 5. Jahrhunderts, der das Gebet nach Aufenhalten bei den Wüstenmönchen auch in der Westkirche bekannt machte. Jungclaussen hingegen bezieht sich auf die Praxis in der Ostkirche.

Ohne irgendeine Anleitung oder, was noch besser ist, eine persönliche Begleitung, draufloszupraktizieren, ist keine gute Idee. Dabei kann schnell die Freude vergehen. Viel besser ist es, das Ganze behutsam und langsam anzugehen und das Erlebte im Gespräch oder durch ein gutes Buch zu verarbeiten.

Von der Meditation unterscheidet sich das Gebet dadurch, dass es sich direkt an eine Person richtet und damit dialogisch orientiert ist. Ansonsten können wir hier mit gutem Recht von einer christlichen Meditationsform sprechen, wenn wir „Meditation“ als eine Praxis verstehen, die uns in andere Bewusstseinszustände versetzt. Oft begegnet uns in diesem Zusammenhang der Begriff „Versenkung“, der es meiner Erfahrung nach gut trifft, da es sich wirklich wie ein immer tieferes Fallenlassen in etwas/jemanden anfühlt. Die körperlichen Auswirkungen sind ebenfalls vergleichbar mit denen einer buddhistischen Meditationspraxis. Es gibt also keinerlei zwingenden Grund, als Christ fremde Traditionen nachzuahmen. (Auch wenn es uns selbstverständlich frei steht, diese auszuprobieren. 😉)

Zunächst geht es darum, die vielen lärmenden und uns bedrängenden Gedanken 1. erst einmal wahrzunehmen, 2. sie dann sanft weiter ziehen zu lassen und 3. in eine Stille einzutauchen, die uns wohltut und beruhigt. Besondere Erfahrungen, wie Lichtschau oder  Visionen, die in der Folge möglich sind, oder Auswirkungen auf unsere Person über die Gebetszeiten hinaus, kommen meist erst nach einer längeren Zeit andauernden Praxis.

Um diese Zustände schneller zu erreichen und in tiefere Bewusstseinszustände zu kommen, sind regelmäßige Gebetszeiten wichtig. Dyckhoff empfiehlt zweimal am Tag 20 Minuten lang. Als Mutter eines kleinen Kindes kann ich sagen, dass es besser ist, überhaupt zu praktizieren als gar nicht, auch wenn es durch die Umstände bedingt zeitweise nicht möglich ist, einen solchen strikten Tagesablauf einzuhalten.

Eine moderne Form des Gebetes finden wir bei Sabine Bobert, Professorin für Theologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, in ihrem Werk „Mystik und Coaching“ von 2011. Ich habe das Buch bisher nicht gelesen und ihre Methode daher nicht selbst ausprobiert, habe aber vor, darüber zu berichten, sobald ich dazu komme.

Hat eine/r von euch schon Erfahrung mit dieser Gebetsweise gemacht?