Die negativen Folgen von Meditation

Begleiterscheinung spirituelle Krise

Ja, ihr habt richtig gelesen!

Eine Freundin von mir hat vor einiger Zeit eine Ausbildung zur Yogalehrerin gemacht. Wenn von Meditation oder Yoga die Rede ist, dann wird häufig von den positiven Folgen gesprochen für die Gesundheit, die Fitness und für die Konzentrationsfähigkeit. Das Meditation aber eigentlich immer auch noch andere Folgen nach sich zieht, darüber wird weniger gesprochen. Und deshalb überraschte es meine Freundin, wie müde und anstrengend die Ausbildung sie manchmal machte. Manchmal kamen auch starke Gefühle hoch…

Durch regelmäßige Praxis können Themen aus dem Unbewussten nach oben kommen oder neue Ängste und Krisen entstehen. Das ist nicht nur unerwartet anstrengend, ermüdend, sondern kann mitunter sogar gefährlich für unsere psychische Gesundheit werden.

Extrembeispiel ist die „dunkle Nacht der Seele.“ Das ist der Titel einer Schrift von Johannes vom Kreuz, einem spanischen Mystiker im 16. Jahrhundert. Wikipedia schreibt: „In der psychologischen und populärpsychologischen Literatur wird „die dunkle Nacht der Seele“ auch als Metapher für die Depression verwendet.“ Und das kommt nicht von ungefähr.

Der Psychoanalytiker Roberto Assagioli thematisiert für den sehr weit fortgeschrittenen mystischen Verwandlungsprozess einen „mystischen Tod“, den er ähnlich charakterisiert wie Johannes vom Kreuz die „dunkle Nacht des Geistes“ und auf den er sich auch direkt in seinen Beschreibungen bezieht. Diese Phase ist durch intensive Leiden und durch Symptome gekennzeichnet, die einer starken Depression ähneln. Es handle sich um eine „seltsame und schreckliche Erfahrung“, die „allem Anschein zum Trotz kein pathologischer Zustand [ist]; sie hat spirituelle Hintergründe und einen großen spirituellen Wert“.

(Sabine Bobert, Transformierte Sicht auf Mystik)

Roberto Assagioli verglich den Transformationsprozess, dem ein Mensch sich auf dem spirituellen Weg unterwirft, mit den Erfahrungen des Reisenden in Dante Alighieris „Göttliche Komödie.“

Wenn ihr dieses Werk kennt, so wisst ihr, dass Dante darin zuerst eine Reise in die Hölle beschreibt, bevor er allmählich in das Paradies aufsteigt. Es geht also zuerst runter – und nicht hoch! Ganz anders also, als man naiv erwarten könnte: „Jetzt meditiere ich viel, dann geht es mir stetig besser…“

Spirituelle Krisen sind normale Begleiterscheinungen einer ernsthaften Praxis. Die „dunkle Nacht der Seele“ ist dabei nur das Extrembeispiel.

„Vor der dunklen Nacht der Seele […] ist man nichts anderes als ein Klumpen Eisen, der während des Tranformationsprozesses ins Feuer geworfen wird, wieder und wieder erhitzt, wieder und wieder beschlagen, jahrelang, mit größter Wucht und größter Sorgfalt, sodass am Ende, wenn alles gut geht, ein scharfes, glänzendes Schwert entsteht.“

Tanja Braid auf ihrem Blog neoterisches-bewusstsein.com

Der transpersonale Psychologe Stanislav Grof, der u.a. auch ein Buch über spirituelle Krisen geschrieben hat, wies als einer der ersten darauf hin, dass es sich bei einigen Erfahrungen und ungewöhnlichen Bewusstseinszuständen, die von der klassischen Psychiatrie als eine Geisteskrankheit diagnostiziert und behandelt wurden, in Wirklichkeit um Krisen handelt, die mit der persönlichen Transformation auf einem spirituellen Pfad zusammenhängen – die Psychose müsse also von einem mystischen Zustand unterschieden werden.

Zu den möglichen Symptomen einer spirituellen Krise gehören alle möglichen körperlichen Symptome, innere Unruhe, die Unfähigkeit, Erlebnisse mit dem bisherigen Weltbild in Einklang zu bringen, Ängste, depressive Zustände, aber auch parapsychologische Phänomene, Probleme, Spiritualität und Alltagsleben unter einen Hut zu bringen u.v.m.

„Spirituellen Krisen können zum einen in der spirituellen Praxis selbst auftauchen (unsachgemäße Anleitung oder ungenügende innere Vorbereitung und psychische Stabilität des Betroffenen), zum anderen können sie auch durch spontane spirituelle Erlebnisse entstehen (z.B. paranormale Erlebnisse, Nahtodeserfahrungen oder plötzliches Erwachen der „Kundalinienergie“, die die Betroffenen in ihr Weltbild nicht einordnen können.)

(Netzwerk für spirituelle Entwicklung und Krisen, http://www.senev.de)

Ken Wilber weist nachdrücklich und mehrfach darauf hin, dass zu einer integralen Lebenspraxis unbedingt auch Schattenarbeit gehört. Meditation könne den Schatten sogar noch verstärken. Deshalb hätte auch fortgeschrittene Meditierende oft viele Schattenanteile, die nicht verschwänden. (z.B. Integrale Spiritualität, S. 182)

Zwei Gründe, den Weg nicht allein zu gehen, sondern in Begleitung.

In der orthodoxen Kirche ist der Brauch, sich einen geistlichen Vater zu suchen, wesentlich weiter verbreitet als in der evangelischen oder katholischen Kirche – so jedenfalls mein Eindruck. Ich glaube jedoch, dass, je mehr Christen sich auf den Weg der Mystik begeben und eine ernsthafte Transformation ihres Lebens anstreben, der Bedarf nach professioneller geistlicher Begleitung zunehmen wird. Nicht nach Seelsorge im klassischen Sinn, sondern nach Begleitung durch eine Person, die dazu fähig ist, spirituelle Krisen zu erkennen, einzuordnen und ggf. rechtzeitig an einen geeigneten Therapeuten zu verweisen.

Eine Idee, die ich deshalb vor kurzem hatte, war, hier auch Menschen vorzustellen, die ihr kontaktieren könnt, wenn ihr euch eine geistliche Begleitung oder einen spirituellen Coach wünscht. Was haltet ihr davon?

Hier noch ein paar interessante Quellen für euch:

Die Bloggerin Tanja Braid über die „dunkle Nacht“ und Kundalini und hilfreichen Literaturtipps:

https://www.neoterisches-bewusstsein.com/dunkle-nacht-der-seele-kundalini/

Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross teilt in ihrem Buch „Über den Tod und das Leben danach“ ihre persönliche Erfahrungen der „Dunklen Nacht der Seele“ und in Folge darauf des Einheitsbewusstseins mit dem Göttlichen, die sie nach der Teilnahme an einem wissenschaftlichen Experiment über außenkörperliche Erfahrungen hatte. Ihr könnt sie euch auf YouTube anhören. Sie beginnt ab 2 h 15 Min.

Wenn ihr Hilfe braucht:

Netzwerk für spirituelle Entwicklung und Krisen, http://www.senev.de

Verein zur Förderung und Entwicklung ambulanter Krisenbegleitung: http://www.frei-raum-berlin.de/index.php

Christlich integrale Lebenspraxis – ganz konkret

Ein übergreifendes Training auf unserer Lebensmatte

Viele von euch haben Interesse an der integralen Lebenspraxis und fragen sich, was das ist, wie das konkret aussehen könnte. In meinem Artikel Integrale Lebenspraxis habe ich darüber geschrieben, was der Sinn einer solchen Praxis sein könnte. Heute möchte ich mit euch ganz praktisch in das Thema einsteigen.

Das Prinzip ist ganz einfach: Es gibt vier Kernmodule, fünf Hilfsmodule und zig frei wählbare weitere Module. Du wählst aus jedem Modul mindestens eine Übung, die du ab da regelmäßig durchführst. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Viel, von dem, das wirst du gleich merken, machst du ohnehin schon jeden Tag oder jede Woche, nur dass du bis jetzt nicht auf die Idee gekommen wärst, es als „Praxis“ zu bezeichnen.

Der Sinn der integralen Lebenspraxis besteht nicht darin, dass du dein Leben von einem Tag auf den anderen völlig umkrempelst und versuchst, alles ganz anders zu machen – sondern darin, deinen Lebensstil nach und nach etwas integraler, also ganzheitlicher, zu machen – zu einem übergreifenden Training deines Körpers, deines Geists, deiner Spiritualität und Persönlichkeit. Deshalb darf sie sich auch immer wieder ändern und deinen Bedürfnissen und Lebensumständen anpassen.

Die vier Kernmodule (Bereiche, in denen Übungen gemacht werden) sind:

  • KÖRPER-MODUL (da geht es um Übungen für deine drei Körper – den grobstofflichen (Sport, Ernährung), den subtilen (Yoga, Qi Gong), und den kausalen (Meditation, Gewahrsein)
  • SCHATTEN-MODUL (Arbeit mit deinem unterdrückten Unbewussten, z.B. im Rahmen einer Therapie oder Traumarbeit)
  • VERSTAND-MODUL (da beschäftigst du dich mit der integralen Theorie und treibst sonstige intellektuelle Studien, liest z.B. Fachbücher)
  • GEIST-MODUL (da gehst du einer spirituellen, meditativen Praxis nach)

Die fünf Hilfsmodule sind

  • Ethik (Reflexion über, Engagement)
  • Sexualität (in Verbindung mit Spiritualität, z.B. tantrischer Sex)
  • Arbeit (unser[e] Beruf[ung])
  • Emotionen (negative umwandeln in positive, Umgang damit lernen)
  • Beziehungen (z.B. bewusste Partnerschaft, bewusste Elternschaft)

Frei wählbare Module könnten z.B. sein

  • Geld (Beschäftigung mit unserem Verhältnis zu, Umgang damit)
  • Kreativität
  • Dienen
  • Natur
  • Willenskraft (Selbstdisziplin)

Jetzt wählst du aus jedem MODUL mindestens eine oder auch zwei Übungen (je nach deiner Zeit, deinen Lebensumständen und Schwerpunkten, die du setzen willst). Das, was du ohnehin schon machst, kommt natürlich auch rein. Du merkst dann recht schnell, welches Gebiet du bisher in deinem Leben etwas vernachlässigt hast und wo du bereits gut aufgestellt bist.

Im Folgenden stelle ich euch einfach mal meine derzeitige ILP vor.MODUL Körper

Wie ihr seht, bin ich (kindheitsbedingt) kein Fan von „richtigem Sport“ und versuche die Bewegung möglichst in das zu integrieren, was ich ohnehin tun muss.

MODUL Schatten

Hier seht ihr, dass ich durch die ILP erkannt habe, dass ich gerne mal freiwillig eine Therapie oder ein längeres Seminar machen würde. Im Moment ist leider kein Geld dafür da, bleibt aber im Hinterkopf.

MODUL Verstand

Hier seht ihr, dass ich – wie es manche nennen – etwas „verkopft“ bin. Zum Glück sieht man auch so etwas durch das Aufstellen einer ILP sehr gut und kann dann gegensteuern, wenn etwas zu extrem wird. Und hier noch das GEIST-MODUL:

MODUL Geist

Jetzt könnt ihr bei euch schauen:

  • Geht ihr einer Sportart nach? Ernährt ihr euch bewusst? usw.
  • Schreibt ihr Tagebuch, arbeitet mit eurem inneren Kind oder macht eine Maltherapie? usw.
  • Lest ihr Bücher von Ken Wilber oder andere Fachbücher zu Themen, die euer Denken weiten? usw.
  • Pflegt ihr eine christliche Meditation oder betet ihr regelmäßig, allein oder gemeinsam mit anderen? usw.
  • Und dann ergänzt bei jedem MODUL, wo ihr noch gar nichts macht, eine Übung und versucht, sie in euren Alltag einzubauen. Und: Fertig ist eure ILP!

Hier könnt ihr ein PDF herunterladen, mit dessen Hilfe ihr eure ganz persönliche Integrale Lebenspraxis planen könnt. Ich wünsche euch viel Spaß damit und würde mich total freuen, von euren Erfahrungen damit zu hören!

Der ILP-Planer für euch:

ILP Planer

Integral die Bibel lesen

Zeugnis und Beschleunigung der Entwicklung menschlichen Bewusstseins

Wie liest ein integraler Christ vermutlich die Bibel?

  • Zunächst wohl historisch-kritisch, der Aufklärung verpflichtet: Als eine Sammlung zahlreicher religiöser Schriften von verschiedenen Autoren verschiedener Zeiten und Kontexte. Dem Gedanken der menschlichen Freiheit verpflichtet, gehen wir davon aus, dass die Texte durchaus durch direkte Gotteserfahrungen oder -begegnungen inspiriert wurden, doch kein wortwörtliches Diktat eines höheren Wesens darstellen, dass dem Schreiber keine Wahl gelassen hätte, diese Erfahrungen auf ganz eigene, persönliche Weise zu verstehen und auszudrücken.
  • Weiter mit dem Bewusstsein, dass es viele mögliche angemessene und nicht die eine richtige Deutung für die Texte gibt.
  • Und schließlich: Mit dem Wissen um die Bewusstseinsstufen von Menschen und Kulturen, die diese Schriften beeinflusst haben. Mit Spiral Dynamics oder ähnlichen Modellen kommt – meinem Eindruck nach – eine völlig neue Dimension hinzu, die bisher in der Bibelauslegung zu wenig berücksichtigt wird.

Natürlich ist jedem, auch dem, der nicht mit der integralen Theorie oder der Bewusstseinsentwicklung des Menschen nicht vertraut ist, klar, dass es immer zwei Filter gibt, die unser Verstehen (jeglicher Texte) beeinflussen:

  1. Den Wahrnehmungsfilter derjenigen, die den Text ursprünglich verfasst haben
  2. Den Wahrnehmungsfilter derjenigen, die den Text heute lesen und zu verstehen suchen

Mit Wahrnehmungsfilter meine ich, dass jeder Mensch bewusst oder unbewusst ununterbrochen auswählt, was er wahrnimmt und wie er es wahrnimmt.

Jede Erfahrung wird durch das Vorverständnis desjenigen, der sie macht, wesentlich geprägt: Seine Persönlichkeit, seine Kultur, seine Vorerfahrungen, seine Art zu denken. Doch erst durch die moderne Entwicklungspsychologie sind wir uns über das Ausmaß bewusst geworden, in welchem sich das Denken verschiedener Menschen voneinander unterscheiden kann. Ein Mensch auf der Stufe Purpur (Code von Spiral Dynamics) kann die Erfahrung eines auf der Stufe Orange (auch bei bestem Willen!) nicht verstehen, nachvollziehen oder gar teilen, genauso umgekehrt. Nicht unbedingt, weil das eine komplexer oder simpler ist als das andere, sondern einfach, weil die Umgebungen und die Umstände, mit denen die Menschen zu tun haben, gänzlich andere sind. Unser Gehirn ist derart anders strukturiert, dass wir es nicht begreifen können, wie ein anderer Mensch so denken, fühlen und handeln kann.

Schauen wir uns das einmal konkret an einigen Beispielen aus der Bibel an:

Es ist völlig natürlich, wenn wir es befremdlich finden, dass Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte, ein ganzes Volk um einen goldenen Stier tanzt oder einen Sündenbock in die Wüste schickt. So etwas macht hier einfach niemand mehr: Unsere Werte und unser Gottesverständnis ist im Allgemeinen ein anderes. Zwischen dieser Art der Religiosität und der unseren liegen einfach zu viele Stufen.

Wenn wir etwas als primitiv, anstößig oder problematisch empfinden, ist das ein Zeichen dafür, dass unsere eigene Religiosität den Schwerpunkt auf einer anderen Bewusstseinsstufe (Mem) hat. Und wenn uns etwas unglaubwürdig, abgefahren oder unerreichbar erscheint, (oder auch, wie im Falle von Jesus meistens geschehen, als unwiederholbar und einzigartig) könnte das also ein Hinweis darauf sein, dass wir es mit einer höheren Bewusstseinsstufe zu tun haben, die sich uns noch nicht erschlossen hat. Zum Beispiel fand und finde ich die Pfingstgeschichte immer noch seltsam: Wie können die Jünger in fremden Sprachen sprechen, die sie nie gelernt haben? Warum hören sie ein Sausen, warum sind sie wie betrunken – was passiert da? Den meisten Menschen, mit denen ich darüber gesprochen habe, geht es ähnlich. Doch Menschen, die bereits selbst ähnliches erlebt haben, z.B. in einer charismatischen Gemeinde, verstehen solche Texte plötzlich gänzlich neu. Andere Beispiele wären die Verklärung Jesu, die Auferweckung des Lazarus oder Jesu Worte am Ende des Markusevangeliums (Mk 16,17f.):

In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen sprechen; wenn sie Schlangen anfassen oder ein tödliches Gift trinken, wird ihnen das nicht schaden; Kranke, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.

Ein Mystiker oder Heiler, der über eine oder mehrere dieser Gaben verfügt, wird den Text anders lesen als jemand, der keinen Zugang zu derlei Fähigkeiten hat. Und ein Mensch, der bereits eine Erfahrung des Einsseins mit Gott gemacht hat, versteht die Worte: „Ich und der Vater sind eins“ ebenfalls anders und neu.

Ohne eigene spirituelle Praxis und persönliche Kenntnis tieferer Bewusstseinszustände verlieren viele hochprofessionelle Bibelübersetzer und Exegeten das Gespür für die entscheidende mystische Tiefendimension der biblischen Texte.

(Marion Küstenmacher, Integrales Christentum, S. 279)

Wie gehen wir mit diesen Erkenntnissen um?

Zunächst lassen sie uns die Texte mit anderen Augen lesen:

  • Wir finden überall Stufen verschiedener Bewusstseinsstufen. Ja, jeder Text enthält verschiedene Schichten und Anknüpfungspunkte für jede Stufe: Deshalb können ein kleines Kind und eine alte Oma demselben Text jeweils etwas unterschiedliches abgewinnen. Und das ist doch toll so!
  • Wir werden sensibler gegenüber den Reaktionen, die ein Text in uns auslöst: Widerstand, Abscheu, Staunen oder Wut. Aus: „Wie kann so ein Satz nur in der Bibel stehen?“ wird zunächst neutral zu: „Dieser Satz zeugt von dieser oder jenen Stufe, die in diesem oder jenem Kontext angemessen war.“
  • Wir können fragen: Welche Sehnsucht steht hinter diesem Satz, dieser Erzählung? Welches Weltbild? Welche Werte? Gibt es dennoch eine Erkenntnis, die mir der Text vermitteln kann?
  • Ohne eigene authentische Gotteserfahrungen bleibt die Bibel ein durch und durch unverständliches und anstößiges Buch. Aus unsrer Erfahrung in Kontemplation und Aktion lesen wir die Bibel dagegen mit immer tiefer gehendem Verständnis.

Manchmal kann die Erkenntnis einfach sein: „Wie gut, dass ich heute anders denken kann und mir einige Worte Jesu dabei geholfen haben, das zu tun. Z.B. Jesus hat mir die Idee der Feindesliebe eingegeben und deshalb sind mir Erzählungen von Krieg und Gemetzel zuwider. Aber ich verstehe, dass der Autor in Umständen gelebt hat, in denen es primär um das Überleben des Stärkeren ging und dabei waren ihm seine Vorstellungen (zeitlich begrenzt) hilfreich.“

Wir können heute einfach nicht mehr annehmen, dass jedes Wort der Bibel von „Gott“ inspiriert worden ist. Im Buch Josua lesen wir, dass Gott befahl alle Menschen, auch alle Kinder, umzubringen. Die Autoren, die das schrieben, dachten sich von „Gott“ inspiriert, wir aber nicht mehr.

Wir müssen verstehen, dass die Geschichte der hebräischen Schriften, die Geschichte der Nachkommen Abrams, die Geschichte eines sich entwickelten Bewusstseins ist. Hier entwickelte sich etwas über viele Stufen. Manchmal gab es große Sprünge, meistens aber ging es sehr langsam voran.

(Markus Roll, deutscher integraler Theologe aus Berlin, https://www.santablacksheep.com/shop/)

Meine These ist:

Die Bibel ist eines der faszinierendsten Zeugnisse menschlicher Bewusstseinsentwicklung überhaupt – und gleichzeitig beschleunigte sie bei denen, die sie lasen, deren Bewusstseinsentwicklung.

Was meint ihr?

Neues Netzwerk für integrale Christen

Integral Christian Network

Guten Morgen allerseits! Paul Smith und Luke Healy haben zusammen eine neue Plattform gegründet, die dem Austausch zwischen integralen Christen dienen soll. Schaut doch mal vorbei und tragt euch als Interessenten ein, wenn ihr euch gerne auf Englisch mit Christen auf der ganzen Welt austauschen wollt: https://www.integralchristiannetwork.org

Das Netzwerk dient gezielt dem Austausch von Menschen, die mit den drei Gesichtern Gottes beten und dies gemeinsam tun wollen.

Bei dieser Gelegenheit gebe ich gerne schon einmal preis, dass ich gerade an einem Gebet- und Übungsbuch für integrale Christen im deutschsprachigen Raum arbeite, es dauert jedoch noch ein Weilchen bis zur Fertigstellung. Wer schon jetzt Interesse hat, es probe zu lesen, darf sich jedoch gerne bei mir melden 🙂

integral church berlin

Christian Schmill ruft auf seinem Blog dazu auf, eine integrale Kirche in Berlin zu gründen und liefert dazu einiges an Hintergrundmaterial. Reinschnuppern lohnt sich.

[ Aus dieser Seite meines Blogs soll die Internet-Plattform eines neuen Projekts in Berlin werden. – Alle dürfen mitmachen! – Aber bitte hinten anstellen. 😉 ] integral church berlin einfach – gemeinsam – leben ( integral-church.berlin – icb – community für integrale spiritualität in berlin und dem rest welt ) […]

über integral church berlin — schmillblog

„Integrales Christentum“ von Marion Küstenmacher

Dieses Buch kann unser Denken über das Christentum verändern, und dieses veränderte Denken unser Leben als Christ.

Ihr konntet vor kurzem mein Interview mit der Autorin lesen. Wer es noch nicht getan hat, kann es hier gerne nachholen.

Ich möchte euch an dieser Stelle das Buch in Kürze vorstellen. Da ich aber weiß, dass einige unter euch ebenfalls gerade dabei sind, das Buch.zu lesen, hier nur meine ganz bescheidenen, persönlichen Eindrücke:

Zunächst fällt auf, das das Buch einiges an Volumen hat. Selbst jemand, der ein rasches Lesetempo hat, braucht dazu ein paar Tage.

Und spätestens beim Lesen fällt auf: Es braucht nicht nur viele Tage, es durchzulesen, es braucht noch mehr Tage, den Inhalt zu verdauen, und noch viel, viel, viel mehr Tage, den Inhalt in meinem eigenen Leben zu integrieren.

Das aber ist erklärtes Ziel des Buches: Es will helfen bei der „Einübung in eine spirituelle Intelligenz“. Dabei bleibt die Autorin nüchtern: Spirituell intelligent wird man nicht bereits durch das Lesen ihres Buches. Auch nicht durch die zahlreichen Übungen, die das Buch enthält. Jede Entwicklung braucht ihre Zeit. Richtig spirituell intelligent sind wir erst – das erfahren wir beim Lesen – wenn wir auf der Stufe „Koralle“ angelangt sind. „Das Bewusstsein von KORALLE […] wird kosmozentrisch. KORALLE identifiziert sich mit dem äußeren Universum selbst, aber auch mit dem ganzen Reichtum des inneren Universums.“

Menschen auf dieser Stufe gibt es jedoch noch kaum. „KORALLE, diese erst zart keimende Stufe, kommt uns aus der Zukunft entgegen“, schreibt Marion Küstenmacher.

Also noch ein langer Weg vor uns Menschen 😉

Und doch: Ein Stückchen spirituell intelligenter fühle ich mich bereits nach der ersten Lektüre. Wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass der integralen Theorie nachgesagt wird, sie sei „psychoaktiv“.

S. Esbjörn-Hargens schreibt in seiner Einführung in die integrale Theorie über das AQAL-Modell: „[Es] ist ein Katalysator, weil es psychoaktiv Ihren ganzen Körper- Verstand scannt und jegliches Potenzial aktiviert oder „aufleuchten lässt“ […], das gegenwärtig nicht voll genutzt wird.“

In „Integrale Lebenspraxis“ (hier mehr dazu) stellen die Autoren fest:

[…] das Integrale Betriebssystem wirkt psychoaktiv. Es verändert sie von innen nach außen und vermittelt Ihnen ganz konkret neue Sichtweisen von Erfahrung. […]

Das Wörtchen „psychoaktiv“ bezieht sich ursprünglich auf Drogen und bedeutet „die Fähigkeit akut das Verhalten, Empfindungen oder die Wahrnehmungen zu verändern und so allgemein auf den Bewusstseinzustand zu wirken.“

(Quelle: http://de.drogen.wikia.com/wiki/Psychoaktiv)

Durch die gelungene Verflechtung von integraler Theorie und geballtem theologischem Wissen gelingt es der Autorin mit ihrem Buch meines Erachtens ebenfalls auf diese Weise „psychoaktiv“ zu wirken (gesetzt den Fall, wir lassen es zu.)

Wir können es auch anders, un-integral und einfach ausdrücken:

Dieses Buch kann unser Denken über das Christentum verändern, und dieses veränderte Denken unser Leben als Christ.

Die Autorin greift alle wichtigen Elemente der integralen Theorie (Holons, AQAL, Schattenarbeit) heraus und wendet sie auf Phänomene des Christentums (Entwicklung des Glaubens über Stufen hinweg, Bibelhermeneutik, Gebet, die drei Gesichter Gottes, Mystik, die Kirche) an.

Das tut sie in einer unglaublichen Breite und Tiefe gedanklicher Durchdringung. Förmlich in jedem Satz stecken spürbar viele Jahre der Auseinandersetzung mit diesen Themen.

Allerdings habe ich mich beim Lesen gefragt, wer aus den Gemeinden, deren Pfarrerin ich zuletzt war, freiwillig und mit Gewinn ein solches Buch lesen würde. (Nicht, dass mir jetzt GAR niemand eingefallen wäre.) Ja, vielleicht habe ich ein zu negatives Bild. Ja, vielleicht gäbe es da noch die eine oder andere Überraschung. Doch ganz ehrlich: Mir kommt es so vor, dass das Publikum eines solchen Buches zumindest speziell – das heißt selten – ist, was nicht zuletzt an der verwendeten Sprache liegt. Man lese nur diesen einen Satz relativ zu Anfang des Buches: „Die Zielrichtung des Christentums ist klar: Sein höchster Eros ist es, immer mehr Christusbewusstsein zu wecken.“

(Ja, ich habe mich gefreut beim Lesen. „Eros“ und „Christusbewusstsein“ sind schöne Wörter und noch herrlicher in ihrer gedanklichen Verbindung. Und doch habe ich mir gleichzeitig die Gesichter vorgestellt, wenn ich diesen Satz beim Abend der Landfrauen vorgelesen hätte, denen beim Wort „Mystik“ nur „Mystery Thriller“ eingefallen ist.)

Dessen ungeachtet wünsche ich mir aufrichtig für dieses Buch, dass es so viele Leser wie möglich erreicht, nicht nur intellektuell, sondern von Herz zu Herz, und Bewusstsein zu Bewusstsein, so wie es gemeint ist. Ich werde jedenfalls noch lange mit ihm unterwegs sein und sehe das nur als Gewinn. An dieser Stelle der Autorin noch einmal schriftlich – wie bereits mündlich – vielen Dank für dieses Werk!

Ein Nachteil des Buches ist m.E. das fehlende Stichwortverzeichnis. Gerade deshalb, weil es sich wie ein Nachschlagewerk für viele Themen liest. Ja, es wäre dann noch dicker geworden. Wäre mir aber egal.

Beten UND Handeln

Lange hatte ich ein klischeehaftes Bild im Kopf, das mich davon abgehalten hat, zu meditieren. Ich sah den untätig herumsitzenden Mönch oder die Nonne vor mir, die ihr Heil in der Stille und Einsamkeit suchen, aber nichts neues in die Welt bringen, keine Familie gründen, kein Unternehmen, keine Kunst schaffen, die Verhältnisse nicht verändern etc. Ich konnte nicht zusammenbringen, warum wir Menschen in der Welt sein sollten, mit einem Körper, Bedürfnissen, Gefühlen, Händen und Ideen, wenn der wahre Sinn des Menschseins darin läge, genau das Gegenteil davon zu suchen: Weg von Ego, weg vom Körper, weg von schmerzhaften Erfahrungen hin zum reinen, immer ausgeglichenen Beobachter. Hat so ein Mensch denn wirklich gelebt? Oder hat er nicht jede Menge verpasst?

Ein Extrembeispiel, das mich abgeschreckt hat, war das Bild eines – mittlerweile durch die Medien berühmten – Inders, der seit über vier Jahrzehnten seinen Arm ununterbrochen nach oben hält, um das Wunder der Willensstärke des Menschen zu demonstrieren.

Was ist denn, fragte ich mich, die Bestimmung des Menschen: Ein makelloser Heiliger zu werden oder ein aufregender Künstler?

Vermutlich liegt die Antwort – ihr ahnt es schon anhand der Überschrift – in dem so folgenreichen Wörtchen: „Und“.

Doch noch eine Befürchtung hatte ich lange Zeit:

Dass ich durch ein häufiges Meditieren den Bezug zur Welt und meinen Mitmenschen verlieren könnte. Ich hatte Angst, dann nicht mehr das tun zu können, was gerade nötig und angebracht wäre.

Doch von zeitgenössischen Mystikern durfte ich hören und lesen, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Erst durch eine regelmäßige kontemplative Praxis nehme ich die Wirklichkeit zunehmend weniger verzerrt war und lerne, entspannter und zielgerichteter zu handeln, zu agieren statt nur zu reagieren und in wichtigen Momenten das angemessene zu tun. Einer dieser Mystiker ist Richard Rohr.

Er ist ein US-amerikanischer Franziskanermönch, geistlicher Lehrer, Bestsellerautor, ein starker Kritiker seiner eigenen Kirche und leitet ein christliches „Zentrum für Aktion und Kontemplation“, wo er unter anderem auch integrale Theologie unterrichtet.

In seinem Buch mit dem Titel „Entscheidend ist das UND. Kontemplativ leben UND engagiert handeln“ betont er immer wieder die Bedeutung, das „Und“ zu denken und zu leben, da es uns vor Einseitigkeit und Oberflächlichkeit bewahrt. Wenn Aktion und Kontemplation eins seien, entstünden „immer Schönheit, Symmetrie und verwandelnde Form“. (S. 14) Da beides gleich wichtig sei, sei das „UND“ dazwischen das wichtigste, also die ständige Verbindung von beidem. Denn die Meditation, das Sitzen und Beten in der Stille, verändert uns und unsere Wahrnehmung und lässt uns anders denken und handeln. Meditation führe dazu, dass Menschen viel weniger in den Kategorien von „entweder-oder“ dächten, sondern zunehmend ein „sowohl-als-auch“ zuließen.

Im Anschluss an Ernst Friedrich Schumacher beschreibt er drei verschiedene Bewusstseinsstufen, die drei Teilen der hebräischen Bibel entsprechen: Gesetz, Propheten, Weisheitsbücher. Das erste steht für Struktur, Grenzen, äußere Autorität etc., dann kommt die Kritik aus einer inneren Autorität heraus, und schließlich folgt die Stufe von Paradox und Geheimnis. Auf dieser geht jegliche Eindeutigkeit verloren und scheinbar widersprüchliche Dinge kommen gleichberechtigt nebeneinander zu stehen. Jeder Mensch und auch jede Religion durchlaufen diese aufeinander aufbauenden Stufen der spirituellen Entwicklung.

Durch Kontemplation gelänge es dem Menschen nach und nach seine eigenen Gaben zu erkennen und diese auszuleben. Dabei hält er die Konzentration für bedeutend: „Wir müssen uns in unserem Leben für ein oder zwei Anliegen aus ganzem Herzen einsetzen.“ (S. 117) Klingt das nicht verheißungsvoll und zugleich entlastend? Wir müssen nicht alles tun, was getan werden müsste, sondern herausfinden, was von uns hier und jetzt getan werden kann wie von keinem anderen. 

Doch Richard Rohr malt keineswegs ein idealisiertes, romantisches Bild der Meditation:

Jede kontemplative Praxis (…) bleibt ein endloses Schattenboxen, immer ist sie harte Arbeit. (S. 104)

Denn wir selbst seien das Hauptproblem, nicht die anderen.

(Zu Schattenarbeit könnt ihr hier mehr lesen: Christliche Schattenarbeit)

Durch Kontemplation wird uns bewusst, dass es für heilsame Veränderungen eine langsame Transformation braucht, keine gewaltsame Revolution, ja nicht einmal eine Reformation. Denn die wahren Feinde sind nicht irgendwo da draußen, sondern in unserem Geist, dem individuellen wie dem kollektiven Bewusstsein. Es braucht deshalb mehr als alles andere Menschen, die bereit sind, sich selbst verwandeln zu lassen und dadurch die Welt zu verändern.

Marion Küstenmacher stellt in ihrem eben erst erschienen Buch „Integrales Christentum“ einen Zusammenhang der Thematik mit den Quadranten in Ken Wilbers Philosophie her.  In dem Quadranten oben rechts (individuell-objektiv) erschiene alles, was jemand ganz konkret tut.

In spiritueller Hinsicht ist dieser Quadrant daher der Lackmustest für jeden Glauben. Jesus hat immer wieder deutlich gemacht, dass nicht unsere Worte, sondern unser Handeln entscheidend ist. (S. 35)

Ein Beispiel wäre: Wenn jemand selbst der Ansicht ist, besonders rechtgläubig zu sein, und daher regelmäßig anderen ihren Abfall vom „wahren Glauben“ vorwirft, so fühlt sich dieser Mensch zwar (Quadrant oben links, individuell-subjektiv) extrem fromm, doch was er konkret tut (Quadrant oben rechts, individuell-objektiv), ist, dass er beständig negativ über andere Menschen richtet, sie dadurch verunsichert, verletzt oder ihnen schlicht auf die Nerven geht. Unter Umständen fällt auch auf, was er alles nicht tut: Er spendet wenig, er engagiert sich nirgendwo, stattdessen verbringt er viel Zeit allein mit seiner Bibel und sondert sich ab.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir Meditation und Aktion miteinander verbinden. Was mir klar geworden ist, habe ich erst richtig begriffen, wenn ich dadurch in ein neues, anderes Tun gekommen bin.

Wir könnten vielleicht sogar noch drastischer sagen: Ohne unser Tun ist alles, was wir in der Kontemplation erfahren haben, sinnlos. Denn erst durch unser Tun wird der Geist Materie, erst dadurch sind wir wirklich Abbilder Gottes, der sich insbesondere durch seine Schöpferkraft auszeichnet. Erst durch ein Tun, das von der Stille und dem Innehalten her inspiriert ist, werden wir zu einzigartigen Individuen, zu faszinierenden Teilchen von Gottes Welt.

Jesus selbst war jedenfalls so ein Mensch, der sich unter die Menschen stürzte, um sich dann wieder zurückzuziehen, der immer hin und her pendelte zwischen Kontemplation und Aktion.

Was meint ihr?

Wenn ihr mehr dazu lesen wollt, werdet ihr hier fündig:

Zentrum für Aktion und Kontemplation: https://cac.org