Integrales Glaubensbekenntnis gesucht

Zwei Fundstücke

In der Gemeinde, in die mein Mann und ich zum Gottesdienst gehen, wird fast jedes Mal das Apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen. Ich werde immer zögerlicher, es mitzusprechen, denn es ist schon lange nicht mehr Ausdruck meines Glaubens: „aufgefahren in den Himmel, sitzt zur Rechten Gottes“ klingt mythologisch, „geboren von einer Jungfrau“ dogmatisch und warum Pontius Pilatus die Ehre zuteil werden soll, jeden Sonntag erwähnt zu werden, erschließt sich mir auch nicht. Das Nizänische Glaubensbekenntnis ist aufgrund seiner starken Ähnlichkeit keine wirkliche Alternative. Allein die Art und Weise, wie monoton das Bekenntnis von anderen heruntergeleiert wird, zeigt mir, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht. Wer mich, weil ich diese ganz offensichtliche Wahrheit ausspreche, in die Häretiker-Ecke stellen will, darf das gerne tun – und sich anschließend selbst fragen, wie denn sein ganz persönliches Glaubensbekenntnis ausfallen würde, wenn er sich einmal erlauben würde, uneingeschränkt ehrlich gegenüber sich selbst zu sein. Auch ich habe in einer Ecke meines Herzens nicht aufgehört, diese(s) Glaubensbekenntnis(se) zu lieben – schon allein aufgrund ihrer unvergleichlich eingängigen Sprache und weil sie immerhin den Willen zum Ausdruck bringen, eine Gemeinschaft „im Glauben“ zu sein.

Dennoch bin ich auf der Suche nach einem Bekenntnis, das ein integraler Christ aus vollem Herzen mitsprechen könnte. Dabei habe ich mitunter diese zwei gefunden:

Das erste stammt von einer integralen Unity Church Gemeinde in den USA in Suquamish, Washington. Ich habe es für euch ins Deutsche übersetzt.

Wir glauben an den Gott, der wahrgenommen, aber niemals vom Verstand begriffen werden kann. Wir beteiligen uns an diesem Heiligen Mysterium durch die essenzielle Natur unseres Seins und unsere Beziehungen. Wir glauben, dass Gott sich offenbart hat und weiterhin im Lauf der Geschichte die Kraft des Lebens in Schöpfung, in Heilung und Beziehungen der Liebe offenbaren wird.

Wir glauben, dass das Göttliche uns lebt, atmet, denkt, wir ist. Wir verstehen unter „Sünde“, dass wir über unsere essenzielle göttliche Natur im Unwissen sind. Wir glauben, dass Jesus seine wahre Natur als der Christus, Sohn Gottes, verwirklicht hat. Wenn wir uns auf die Erkenntnis unserer wahren Natur zu bewegen, bewegen wir uns auf den Christus in uns selbst zu.

Wir wenden uns den heiligen Texten zu, darunter der Bibel, und erlauben der Schrift uns zu treffen und zu inspirieren, indem sie mit uns in Resonanz geht und unsere eigene Spiritualität herausfordert.

Wir glauben an den teilnahmsvollen Dienst an unserer Gemeinschaft und an der Welt und an die Vertiefung unserer inneren Verbindung mit dem Göttlichen als Richtschnur für unser Handeln.

Wir respektieren die Kraft des Heiligen Geistes, der in jeder Person unterschiedlich wirkt. Wir glauben, dass es innerhalb der christlichen Tradition viele Wege gibt, zu verstehen, zu leben und zu lobpreisen. Wir pflegen eine Kirchengemeinschaft, die Individuen auf jeder Etappe ihrer Glaubensreise willkommen heißt.

https://suquamishucc.org/about

Das zweite stammt von der Unity Church in Deutschland:

Gott ist Quelle und Schöpfer alles Seienden. Es gibt keine andere immerwährende Kraft. Gott ist gut und allgegenwärtig.

Wir sind geistige Wesen, nach Gottes Vorstellung geschaffen. Der Geist Gottes lebt in jedem Menschen, weshalb alle Menschen von Natur aus gut sind.

Wir erschaffen unsere Lebenserfahrung durch die Art und Weise unseres Denkens und Fühlens.

Bejahendes Gebet besitzt Kraft. Wir glauben daran, dass diese Kraft unsere Verbindung mit Gott stärkt.

Das Wissen um diese geistigen Prinzipien ist nicht ausreichend. Wir müssen sie leben.

UNITY-Akademie für
angewandtes Christentum e.V. (https://unitydeutschland.de)

Zu der Unity Church gerne ein anderes Mal mehr…

Was haltet ihr von diesen? Was wären eure Glaubensbekenntnisse?

Die negativen Folgen von Meditation

Begleiterscheinung spirituelle Krise

Ja, ihr habt richtig gelesen!

Eine Freundin von mir hat vor einiger Zeit eine Ausbildung zur Yogalehrerin gemacht. Wenn von Meditation oder Yoga die Rede ist, dann wird häufig von den positiven Folgen gesprochen für die Gesundheit, die Fitness und für die Konzentrationsfähigkeit. Das Meditation aber eigentlich immer auch noch andere Folgen nach sich zieht, darüber wird weniger gesprochen. Und deshalb überraschte es meine Freundin, wie müde und anstrengend die Ausbildung sie manchmal machte. Manchmal kamen auch starke Gefühle hoch…

Durch regelmäßige Praxis können Themen aus dem Unbewussten nach oben kommen oder neue Ängste und Krisen entstehen. Das ist nicht nur unerwartet anstrengend, ermüdend, sondern kann mitunter sogar gefährlich für unsere psychische Gesundheit werden.

Extrembeispiel ist die „dunkle Nacht der Seele.“ Das ist der Titel einer Schrift von Johannes vom Kreuz, einem spanischen Mystiker im 16. Jahrhundert. Wikipedia schreibt: „In der psychologischen und populärpsychologischen Literatur wird „die dunkle Nacht der Seele“ auch als Metapher für die Depression verwendet.“ Und das kommt nicht von ungefähr.

Der Psychoanalytiker Roberto Assagioli thematisiert für den sehr weit fortgeschrittenen mystischen Verwandlungsprozess einen „mystischen Tod“, den er ähnlich charakterisiert wie Johannes vom Kreuz die „dunkle Nacht des Geistes“ und auf den er sich auch direkt in seinen Beschreibungen bezieht. Diese Phase ist durch intensive Leiden und durch Symptome gekennzeichnet, die einer starken Depression ähneln. Es handle sich um eine „seltsame und schreckliche Erfahrung“, die „allem Anschein zum Trotz kein pathologischer Zustand [ist]; sie hat spirituelle Hintergründe und einen großen spirituellen Wert“.

(Sabine Bobert, Transformierte Sicht auf Mystik)

Roberto Assagioli verglich den Transformationsprozess, dem ein Mensch sich auf dem spirituellen Weg unterwirft, mit den Erfahrungen des Reisenden in Dante Alighieris „Göttliche Komödie.“

Wenn ihr dieses Werk kennt, so wisst ihr, dass Dante darin zuerst eine Reise in die Hölle beschreibt, bevor er allmählich in das Paradies aufsteigt. Es geht also zuerst runter – und nicht hoch! Ganz anders also, als man naiv erwarten könnte: „Jetzt meditiere ich viel, dann geht es mir stetig besser…“

Spirituelle Krisen sind normale Begleiterscheinungen einer ernsthaften Praxis. Die „dunkle Nacht der Seele“ ist dabei nur das Extrembeispiel.

„Vor der dunklen Nacht der Seele […] ist man nichts anderes als ein Klumpen Eisen, der während des Tranformationsprozesses ins Feuer geworfen wird, wieder und wieder erhitzt, wieder und wieder beschlagen, jahrelang, mit größter Wucht und größter Sorgfalt, sodass am Ende, wenn alles gut geht, ein scharfes, glänzendes Schwert entsteht.“

Tanja Braid auf ihrem Blog neoterisches-bewusstsein.com

Der transpersonale Psychologe Stanislav Grof, der u.a. auch ein Buch über spirituelle Krisen geschrieben hat, wies als einer der ersten darauf hin, dass es sich bei einigen Erfahrungen und ungewöhnlichen Bewusstseinszuständen, die von der klassischen Psychiatrie als eine Geisteskrankheit diagnostiziert und behandelt wurden, in Wirklichkeit um Krisen handelt, die mit der persönlichen Transformation auf einem spirituellen Pfad zusammenhängen – die Psychose müsse also von einem mystischen Zustand unterschieden werden.

Zu den möglichen Symptomen einer spirituellen Krise gehören alle möglichen körperlichen Symptome, innere Unruhe, die Unfähigkeit, Erlebnisse mit dem bisherigen Weltbild in Einklang zu bringen, Ängste, depressive Zustände, aber auch parapsychologische Phänomene, Probleme, Spiritualität und Alltagsleben unter einen Hut zu bringen u.v.m.

„Spirituellen Krisen können zum einen in der spirituellen Praxis selbst auftauchen (unsachgemäße Anleitung oder ungenügende innere Vorbereitung und psychische Stabilität des Betroffenen), zum anderen können sie auch durch spontane spirituelle Erlebnisse entstehen (z.B. paranormale Erlebnisse, Nahtodeserfahrungen oder plötzliches Erwachen der „Kundalinienergie“, die die Betroffenen in ihr Weltbild nicht einordnen können.)

(Netzwerk für spirituelle Entwicklung und Krisen, http://www.senev.de)

Ken Wilber weist nachdrücklich und mehrfach darauf hin, dass zu einer integralen Lebenspraxis unbedingt auch Schattenarbeit gehört. Meditation könne den Schatten sogar noch verstärken. Deshalb hätte auch fortgeschrittene Meditierende oft viele Schattenanteile, die nicht verschwänden. (z.B. Integrale Spiritualität, S. 182)

Zwei Gründe, den Weg nicht allein zu gehen, sondern in Begleitung.

In der orthodoxen Kirche ist der Brauch, sich einen geistlichen Vater zu suchen, wesentlich weiter verbreitet als in der evangelischen oder katholischen Kirche – so jedenfalls mein Eindruck. Ich glaube jedoch, dass, je mehr Christen sich auf den Weg der Mystik begeben und eine ernsthafte Transformation ihres Lebens anstreben, der Bedarf nach professioneller geistlicher Begleitung zunehmen wird. Nicht nach Seelsorge im klassischen Sinn, sondern nach Begleitung durch eine Person, die dazu fähig ist, spirituelle Krisen zu erkennen, einzuordnen und ggf. rechtzeitig an einen geeigneten Therapeuten zu verweisen.

Eine Idee, die ich deshalb vor kurzem hatte, war, hier auch Menschen vorzustellen, die ihr kontaktieren könnt, wenn ihr euch eine geistliche Begleitung oder einen spirituellen Coach wünscht. Was haltet ihr davon?

Hier noch ein paar interessante Quellen für euch:

Die Bloggerin Tanja Braid über die „dunkle Nacht“ und Kundalini und hilfreichen Literaturtipps:

https://www.neoterisches-bewusstsein.com/dunkle-nacht-der-seele-kundalini/

Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross teilt in ihrem Buch „Über den Tod und das Leben danach“ ihre persönliche Erfahrungen der „Dunklen Nacht der Seele“ und in Folge darauf des Einheitsbewusstseins mit dem Göttlichen, die sie nach der Teilnahme an einem wissenschaftlichen Experiment über außenkörperliche Erfahrungen hatte. Ihr könnt sie euch auf YouTube anhören. Sie beginnt ab 2 h 15 Min.

Wenn ihr Hilfe braucht:

Netzwerk für spirituelle Entwicklung und Krisen, http://www.senev.de

Verein zur Förderung und Entwicklung ambulanter Krisenbegleitung: http://www.frei-raum-berlin.de/index.php

Cynthia Bourgeault: Das Herz des Zentrierenden Gebets

Eine völlig andere Art der Wahrnehmung

Die spirituelle Lehrerin und Autorin Cynthia Bourgeault stellt in ihrem Buch die These auf, dass das Christentum mit dem Gebet der Sammlung (Zentrierendes Gebet) über eine kontemplative Praxis verfüge, die wie keine andere direkt in das nonduale Bewusstsein führe. Sie unterscheidet es von einer anderen Form christlicher Mediation – dem Mantrabeten.

Wenn ihr noch nicht wisst, was der Begriff „Nondualität“ meint, empfehle ich euch zuerst meinen Artikel dazu: Wie erfahre ich Nondualität? 

Wenn ihr mehr darüber wissen wollt, wie das Gebet der Sammlung praktisch geht, hier entlang.

Ihre Thesen sind in Kurzform:

  • Das Gebet der Sammlung trainiert das „Loslassen“ – unserer Gedanken, Gefühle, Erinnerungen etc. „Loslassen“ ist keine Einstellung, sondern eine Übung mit konkreten physiologischen Auswirkungen. Das Gebet sei kenosis in Reinform – Leerwerden, Entäußerung. Vorbild hierfür ist Jesus.

„Er entäußerte/erniedrigte (hier das Verb kenosein im Griechen, Leerwerden im Englischen) sich selbst“, Brief an die Philipper 2,8

  • „Nondualität“ ist eine andere Art der Wahrnehmung und Reaktion auf äußere Reize, die uns Menschen über unseren Körper zur Verfügung steht. Das Gehirn nehme war, indem es trenne und abstrahiere, das Herz dagegen empfände die Wirklichkeit mittels „holographischer Resonanz“. Vermutlich hätten das die östlichen christlichen Mystiker gemeint, die dazu rieten, das Denken vom Kopf in das Herz zu führen.
  • Der Autor der „Wolke des Nichtwissens“ behaupte sogar, es hebe den Ursprung der Sünde – die trennende Wahrnehmung – wieder auf.
  • Unsere Reaktion auf äußere Reize bestimmt, ob unser Reptiliengehirn (Kämpfe oder Fliehe-Modus) aktiviert wird oder unser Körper aus einem Zustand der Herz-Hirnkohärenz antwortet

Sie bezieht sich dabei besonders auf die neuesten Forschungen zum Herzen durch das Harth Math Institut in Boulder, Kalifornien. Dieses Institut wurde gegründet, um Menschen durch Übungen, Kurse und Geräte mit der Intelligenz ihres Herzens in Verbindung zu bringen. Ziel dabei sind u.a. Ausgeglichenheit, Gesundheit, Widerstandskraft und Kontakt mit der eigenen Intuition.

[Herzkohärenz] ist ein optimierter Zustand, in dem Herz, Geist und Emotionen geordnet und im Gleichklang sind. Auf Körperebene agieren Immun-, Hormon- und Nervensystem in einem Zustand energetischer Koordination.“

pixabay13Bei seinen Forschungen ist es zu einigen spannenden Ergebnissen gekommen:

  • Es gibt ein vom Kopfgehirn unabhängiges Herzgehirn (- so wie auch im Darm), das über ausgeprägte sensorische Fähigkeiten verfügt.
  • Die Herzfrequenz ist Schwankungen im Millisekundenbereich unterworfen – Herzfrequenzvariabilität (HFV) oder auch Herzratenvariabilität (HRV) genannt
  • Wer eine höhere HFV/HRV aufweist, kann besser mit belastenden Situationen umgehen, gibt nicht so schnell auf und hat eine größere Willenskraft
  • Das Herz ist das größte elektromagnetische Energiefeld des Menschen
  • Das Herz wertet extrem viel mehr Informationen aus als das Gehirn: Das Ergebnis erhalten wir als „Impuls“
  • Das Herz sendet mehr Informationen an das Gehirn weiter als umgekehrt

Mit dem von innen entwickelten Inner Balance Trainer kann jeder über sein Smartphone sein Herzschlagmuster beobachten. (Kostet 189 € )

Im Mittelpunkt der Übungen, die das Institut entwickelt hat, liegt die herzfokussierte Atmung (Atmung in das Herz hinein). Dies ist ein spannender Punkt, den diese Übung ist auch in der christlichen Spiritualität als äußerst wirkungsvoll bekannt (Name „Herzensgebet“!) weswegen häufig Anfängern sogar davon abgeraten (!) wird. (z.B. Sabine Bobert in „Mystik und Coaching, S. 135)

Cynthia Bourgeault verbindet diese Erkenntnisse über die Bedeutung des Herzens mit einer Kritik an der integralen Theorie. Ihrer Ansicht nach braucht es für die höheren Level- oder zustände der Spiritualität (3rdTier) das Zusammenwirken von Gehirn und Herz. Das Herz (auch als Organ!) sei bisher nicht genügend berücksichtigt worden – auch in der Meditationsforschung nicht. Eine interessante Erklärung hat sie ebenfalls: Die meisten Forschungen werden derzeit von Buddhisten durchgeführt, auf Initiative des Dalai Lama. Doch es seien bereits vielversprechende Forschungen im Gange, angeführt durch den Neurowissenschaftler und Psychologieprofessor Michael Spezio.

Hier könnt ihr mehr über die Autorin erfahren:

http://cynthiabourgeault.org

Ein Interview zu ihrem Buch findet ihr hier:

https://cac.org/heart-centering-prayer/

Auf YouTube gibt es eine Reihe Vorträge, in denen sie die Gebetspraxis und die Thesen ihres Buches vorstellt. Hier eines davon:

 

MODUL GEIST: Das Zentrierende Gebet

Zehntausend Gelegenheiten zu Gott zurückzukehren

Neben dem Jesusgebet (oder auch Herzensgebet) gibt es noch das Zentrierende Gebet oder Gebet der Sammlung als christliche Form der Mediation.

In den 70er-Jahren griffen einige Trappistenmönche der St. Josephs-Abtei in Spencer, Massachusetts, auf verschiedene mystische Schriften, darunter den mittelalterlichen Klassiker aus dem 14. Jahrhundert „Die Wolke des Nichtwissens“, zurück und entwickelten daraus eine Praxis, die sie das „Centering Player“ – Zentrierendes Gebet- nannten. Anschließend hielten sie Vorträge, führten Seminare durch, schrieben Bücher und gründeten ein landesweites Netzwerk, „Contemplative Outreach“, um es unter die Leute zu bringen.

thomas_keating
Thomas Keating, Quelle: Christopher, Commons Wikimedia, Thomas_Keating_discussion_with_the_Dalai_Lama_Boston_2012.jpg

Der bekannteste Gründervater ist der Mönch und Abt Thomas Keating. Er war geistlicher Lehrer und Autor. Mit Ken Wilber stand er in regem Austausch. Anlässlich dessen Tod voriges Jahr im Oktober veröffentlichte Wilber seinen Abschiedsbrief, worin es unter anderem heißt: „You are still the holiest person that I have ever met“.

Für alle, die das Gebet der Sammlung noch überhaupt nicht kennen, lässt sich die ganze Methode mit vier Wörtern beschreiben: Wiederhole schweigend ein Wort. Alles andere ist Kommentar dazu – hilfreich, anregend, aber dennoch eben nur noch Kommentar. (Jens Söring, Wiederhole schweigend ein Wort: Wege zur inneren Freiheit, 2009)

Jens Söring sitzt seit über zwanzig Jahren in den USA im Gefängnis. Er ist angeklagt, einen Doppelmord an den Eltern seiner damaligen Freundin begangen zu haben, streitet das aber bis heute ab. Das Gebet der Sammlung hilft ihm, den Alltag im Gefängnis zu durchstehen. Er schreibt:

Von Antonius in Ägypten bis zu Thomas Keating in Spencer übten die christlichen Kontemplativen das schweigende innere Gebet im Rahmen abgeschirmter Ordensgemeinschaften […] Ich dagegen begann meinen Weg […] im strengeren der beiden Hochsicherheitsgefängnisse von Virginia, wo mir Mörder nachstellten, um mich zu vergewaltigen, und die Wächter fast jeden zweiten Tag Schüsse abgaben. So kann ich aus ureigener Erfahrung etwas bezeugen, was die Mönche und Nonnen in ihren Klöstern und Gemeinschaften in dieser Form nicht erlebt haben dürften: dass das kontemplative Gebet tatsächlich „den Frieden Gottes“ bringt, „der alles Verstehen übersteigt“ (Philipper 4,7)

Auf einem deutschsprachigen Flyer, den ihr von der Seite von „Contemplative Outreach“ (www.contemplativeoutreach.org) herunterladen könnt, findet sich eine Kurzanleitung:

  • 1. Wähle ein Heiliges Wort als Symbol deiner Intention, der Anwesenheit und Aktion Gottes in dir zuzustimmen.
  • 2. Bequem sitzend und mit geschlossen Augen sammle dich kurz und schweigend, führe das Heilige Wort ein als Symbol deiner Bejahung der Anwesenheit und Aktion Gottes in dir.
  • 3. Wenn du von deinen Gedanken abgelenkt wirst, kehre behutsam zum Heiligen Wort zurück.
  • 4. Am Ende der Gebetszeit verweile ein paar Minuten mit geschlossenen Augen in Stille.
  • Unter Gedanken fallen alle „körperliche Empfindungen, Gefühle, Vorstellungen und Reflexionen.“
  • Empfohlen werden zweimal am Tag 20 Minuten

Die Anleitung erinnert stark an die zum Ruhegebet, wie es von Peter Dyckhoff gelehrt wird, vermutlich, weil beide wesentlich durch Johannes Cassian inspiriert wurden.

Der Unterschied zum Beten mit einem Mantra liegt vor allem darin, dass zum Wort nur zurück gekehrt wird, wenn wir merken, dass unsere Aufmerksamkeit sich fokussiert hat (auf eine Idee, eine Erinnerung, ein Gefühl etc.). Die Intervalle zwischen dem heiligen Wort können also recht unterschiedlich lange sein und gehen damit NICHT im Atem- oder einem anderen Rhythmus. Da ich schon eine lange Zeit mit dem Jesusgebet vertraut bin, kann ich definitiv sagen: Es fühlt sich anders an.

Bezüglich des „heiligen Wortes“ gilt: Je kürzer, desto besser. Je weniger emotional, assoziativ besetzt, desto besser. Ich habe einfach Gott darum gebeten, mir ein Wort einzugeben und das, das irgendwann kam, war zweisilbig und völlig sinnfrei. Und genauso ist es perfekt – schließlich dient es nur als Symbol und Werkzeug.

Eine bekannte Lehrerin des Gebets, Cynthia Bourgeault, erzählt immer eine kleine Anekdote, die wunderbar den Kern des Gebets zum Ausdruck bringt. Während einem Seminar von Thomas Keating habe eine Nonne, die das Gebet das erste Mal ausprobiert habe, geklagt: „Oh, Vater Thomas, ich bin so eine Versagerin bei diesem Gebet. In zwanzig Minuten hatte ich zehntausend Gedanken!“ Und  Thomas Keating habe geantwortet:

„Wie wunderbar. Zehntausend Gelegenheiten zu Gott zurückzukehren.“

Und genau das ist der Kern: Gedanken sind kein Hindernis, sondern eine Gelegenheit, ihr Loslassen zu üben und damit Schritt für Schritt weniger an ihnen zu kleben. Immer wieder loslassen und zurückkehren. Loslassen und zurückkehren. Loslassen und zurückkehren. Loslassen… ihr kriegt, worum es geht.

Cynthia Bourgeault ist der Ansicht, dass das Christentum mit dem Gebet der Sammlung über eine Meditationsform verfügt, die wie keine andere dazu geeignet ist, in nonduales Bewusstsein zu führen. Was sie darunter versteht und welche Gründe sie dafür anbringt, erfahrt ihr im nächsten Artikel…

Unser Verständnis und Umgang mit der Bibel – heute, gestern und in Zukunft

Die Bibel als Buch wird immer unwichtiger, während das Leben mit und in Gott immer wichtiger wird

Das Verständnis der Bibel verändert sich: Im Laufe unseres Lebens und in der Geschichte der Menschheit. Das ist ein Fakt, der aus der Kirchengeschichte klar ersichtlich ist als auch bei einem einfachen Blick in unsere eigene Vergangenheit: Wie haben wir als Kind das Gleichnis vom verlorenen Sohn verstanden? Wie als Jugendliche? Wie heute?

Hier eine schematische Übersicht, wie sich der Umgang mit der Bibel im Lauf der Zeit verändert – als Orientierungsrahmen habe ich „Spiral Dynamics“ verwendet, weil dieser Umgang viel mit unseren eigenen Werten zu tun hat. Ich sage bewusst „Schema“. Es ist ein Modell, das hilfreich sein kann, doch wir müssen uns immer in Erinnerung rufen, dass es sich eher um „Wellen“ handelt, dass die Stufen nicht sauber abgrenzbar sind, ineinanderfließen und jeder Mensch je nach Situation zu verschiedenen Stufen tendiert.

Beige: Von einem Buch werde ich nicht satt, wenn ich gerade echten Hunger oder Durst habe. Oder glücklich, wenn mir körperliche Berührung fehlt. Zuerst müssen diese Bedürfnisse erfüllt sein. Doch wenn ich einen Unfall habe, freue ich mich über den Notfallseelsorger, der das „Vater unser“ oder den Psalm 23 mit mir betet.

Purpur: Als ein magisches Buch kann die Bibel mich vor Unheil schützen. Sie darf daher nicht verbrannt, weggeworfen (oder durch andere Bücher verdeckt) werden. Ein Schwur auf sie ist besonders machtvoll. Schlage ich sie spontan auf, werden ihre Sätze wie ein Orakelspruch für mich sein. (z.B. die alte Familien- oder Altarbibel)

Rot: Das Beten der sog. Feindpsalmen hilft dabei, Wut, Aggression und Zorn an Gott zu übergeben nach dem Motto „Vernichte meine Feinde!“ Beispiele vom „gerechten Zorn“ geben Kraft beim Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Allzu wörtlich genommen dienen ausgewählte Texte allerdings zur Rechtfertigung von Kreuzzügen, dem Kampf gegen Andersgläubige und der Verteidigung von Praktiken wie der Todesstrafe.

Blau: Die Bibel ist ein Gesetzesbuch und ihre Erzählungen historisch wahr. Am wichtigsten sind die Zehn Gebote und Gebote, die Jesus gab wie „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Diese Gesetze sind die Richtschnur für ein gutes und „richtiges“ Leben. Wer sie befolgt, wird im Jenseits (das nach dem Tod gedacht wird) mit dem Himmel belohnt. Wer sich nicht daran hält, den rächt Gott durch eine ewige Verdammnis in der Hölle. Eine leichte Abwandlung davon ist: Du musst das Gesetz nicht mehr erfüllen, sondern nur daran glauben, dass es Jesus für dich erfüllt hat. Glaubst du das nicht (oder weißt du nicht einmal davon) gleiche Konsequenz: ewige Höllenstrafe. Die Bibel wurde wortwörtlich von Gott diktiert oder zumindest in wesentlichen Teilen göttlich inspiriert. Es gibt nur eine richtige Interpretation, die es zu finden gilt (und der Pfarrer hilft dabei, wenn er rechtgläubig ist ;-)) Wer etwas nicht versteht, dann nur deshalb, weil Gott – und damit sein Wort – eben unbegreiflich ist.

Orange: Historisch-kritische Exegese. Die Bibel ist eine Sammlung zahlreicher religiöser Schriften von verschiedenen Autoren verschiedener Zeiten und Kontexte, die alle mit bedacht und erforscht werden müssen, wenn wir verstehen wollen, wie sie ursprünglich wohl einmal gemeint sind. Die biblischen Originalsprachen sind dabei wichtig, aber auch archäologisches Fachwissen, literarische Kenntnis von verschiedenen Genres etc. Im Extremfall verstehen wir alles als Legende oder bildhaft: Jesus ist nur auf dem Wasser gewandelt, weil… die Jünger einer optischen Täuschung unterlagen oder sie damit sagen wollten: Jesus konnte Dinge, die nur ein (Halb)Gott kann. Der Mythos wird nicht mehr wörtlich, sondern symbolisch verstanden. Doch Vorsicht! Wer es dabei übertreibt, schüttet das Kind mit dem Bad aus und es bleibt nur noch oberflächliches Blablabla übrig, das wir auch ohne Bibelgeschichte gewusst hätten.

Grün: Befreiungstheologische, kontextuelle, feministische, tiefenpsychologische Ansätze sind hier zu finden: Es gibt immer mehr verschiedene Methoden und Zugänge. Der eine sagt: In der Bibel ist wesentlich von Gerechtigkeit die Rede. Der andere: Es geht vor allem um Psychologie in Bildern. Und noch einer: Es geht primär um die Frage der eigenen Existenz. Während hier viele Wahrheiten entdeckt werden, wächst auch die Gefahr der Vereinnahmung von Texten für ein bestimmtes Thema. Der Text wird lebendig, indem er in Handlung überführt wird: Für den Kampf für die Menschenrechte. Für den Einsatz für Minderheiten, für Arme und Kranke. Für die Behandlung psychisch Kranker. Aber auch für die Bekräftigung vermeintlicher Wahrheiten in der Esoterik. Oder die sozialistische Revolution und und und.

Gelb: Habe ich hier versucht, in Ansätzen zu beschreiben. Der integral denkende Menschen ist zudem jederzeit frei, die Bibel von einer der vorhergehenden Stufen aus zu deuten – der einzige Unterschied liegt darin, dass er es bewusst statt unbewusst tut, weil er die verschiedenen Zugänge kennt und ihnen jeweils eine begrenzte Berechtigung zusprechen kann.

Türkis: Viele tiefen spirituellen Wahrheiten der Bibel haben sich durch eigene Gebetspraxis erschlossen und wurden immer wieder in der Begegnung mit Mitmenschen vertieft. Jetzt können eigene Visionen, geistliche Wahrheiten und Weisungen zu Papier gebracht werden: Die Bibel als Buch wird immer unwichtiger, während das Leben mit und in Gott immer wichtiger wird. Der sich seines Ursprungs und seiner Bestimmung vollbewusste Mystiker braucht keine Bibel mehr, er ist selbst zu einer wandelnden Bibel geworden, die mehr Menschen zum Glauben bringt als es das reine Lesen der Bibel je vermocht hätte.

 

Integral die Bibel lesen

Zeugnis und Beschleunigung der Entwicklung menschlichen Bewusstseins

Wie liest ein integraler Christ vermutlich die Bibel?

  • Zunächst wohl historisch-kritisch, der Aufklärung verpflichtet: Als eine Sammlung zahlreicher religiöser Schriften von verschiedenen Autoren verschiedener Zeiten und Kontexte. Dem Gedanken der menschlichen Freiheit verpflichtet, gehen wir davon aus, dass die Texte durchaus durch direkte Gotteserfahrungen oder -begegnungen inspiriert wurden, doch kein wortwörtliches Diktat eines höheren Wesens darstellen, dass dem Schreiber keine Wahl gelassen hätte, diese Erfahrungen auf ganz eigene, persönliche Weise zu verstehen und auszudrücken.
  • Weiter mit dem Bewusstsein, dass es viele mögliche angemessene und nicht die eine richtige Deutung für die Texte gibt.
  • Und schließlich: Mit dem Wissen um die Bewusstseinsstufen von Menschen und Kulturen, die diese Schriften beeinflusst haben. Mit Spiral Dynamics oder ähnlichen Modellen kommt – meinem Eindruck nach – eine völlig neue Dimension hinzu, die bisher in der Bibelauslegung zu wenig berücksichtigt wird.

Natürlich ist jedem, auch dem, der nicht mit der integralen Theorie oder der Bewusstseinsentwicklung des Menschen nicht vertraut ist, klar, dass es immer zwei Filter gibt, die unser Verstehen (jeglicher Texte) beeinflussen:

  1. Den Wahrnehmungsfilter derjenigen, die den Text ursprünglich verfasst haben
  2. Den Wahrnehmungsfilter derjenigen, die den Text heute lesen und zu verstehen suchen

Mit Wahrnehmungsfilter meine ich, dass jeder Mensch bewusst oder unbewusst ununterbrochen auswählt, was er wahrnimmt und wie er es wahrnimmt.

Jede Erfahrung wird durch das Vorverständnis desjenigen, der sie macht, wesentlich geprägt: Seine Persönlichkeit, seine Kultur, seine Vorerfahrungen, seine Art zu denken. Doch erst durch die moderne Entwicklungspsychologie sind wir uns über das Ausmaß bewusst geworden, in welchem sich das Denken verschiedener Menschen voneinander unterscheiden kann. Ein Mensch auf der Stufe Purpur (Code von Spiral Dynamics) kann die Erfahrung eines auf der Stufe Orange (auch bei bestem Willen!) nicht verstehen, nachvollziehen oder gar teilen, genauso umgekehrt. Nicht unbedingt, weil das eine komplexer oder simpler ist als das andere, sondern einfach, weil die Umgebungen und die Umstände, mit denen die Menschen zu tun haben, gänzlich andere sind. Unser Gehirn ist derart anders strukturiert, dass wir es nicht begreifen können, wie ein anderer Mensch so denken, fühlen und handeln kann.

Schauen wir uns das einmal konkret an einigen Beispielen aus der Bibel an:

Es ist völlig natürlich, wenn wir es befremdlich finden, dass Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte, ein ganzes Volk um einen goldenen Stier tanzt oder einen Sündenbock in die Wüste schickt. So etwas macht hier einfach niemand mehr: Unsere Werte und unser Gottesverständnis ist im Allgemeinen ein anderes. Zwischen dieser Art der Religiosität und der unseren liegen einfach zu viele Stufen.

Wenn wir etwas als primitiv, anstößig oder problematisch empfinden, ist das ein Zeichen dafür, dass unsere eigene Religiosität den Schwerpunkt auf einer anderen Bewusstseinsstufe (Mem) hat. Und wenn uns etwas unglaubwürdig, abgefahren oder unerreichbar erscheint, (oder auch, wie im Falle von Jesus meistens geschehen, als unwiederholbar und einzigartig) könnte das also ein Hinweis darauf sein, dass wir es mit einer höheren Bewusstseinsstufe zu tun haben, die sich uns noch nicht erschlossen hat. Zum Beispiel fand und finde ich die Pfingstgeschichte immer noch seltsam: Wie können die Jünger in fremden Sprachen sprechen, die sie nie gelernt haben? Warum hören sie ein Sausen, warum sind sie wie betrunken – was passiert da? Den meisten Menschen, mit denen ich darüber gesprochen habe, geht es ähnlich. Doch Menschen, die bereits selbst ähnliches erlebt haben, z.B. in einer charismatischen Gemeinde, verstehen solche Texte plötzlich gänzlich neu. Andere Beispiele wären die Verklärung Jesu, die Auferweckung des Lazarus oder Jesu Worte am Ende des Markusevangeliums (Mk 16,17f.):

In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen sprechen; wenn sie Schlangen anfassen oder ein tödliches Gift trinken, wird ihnen das nicht schaden; Kranke, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.

Ein Mystiker oder Heiler, der über eine oder mehrere dieser Gaben verfügt, wird den Text anders lesen als jemand, der keinen Zugang zu derlei Fähigkeiten hat. Und ein Mensch, der bereits eine Erfahrung des Einsseins mit Gott gemacht hat, versteht die Worte: „Ich und der Vater sind eins“ ebenfalls anders und neu.

Ohne eigene spirituelle Praxis und persönliche Kenntnis tieferer Bewusstseinszustände verlieren viele hochprofessionelle Bibelübersetzer und Exegeten das Gespür für die entscheidende mystische Tiefendimension der biblischen Texte.

(Marion Küstenmacher, Integrales Christentum, S. 279)

Wie gehen wir mit diesen Erkenntnissen um?

Zunächst lassen sie uns die Texte mit anderen Augen lesen:

  • Wir finden überall Stufen verschiedener Bewusstseinsstufen. Ja, jeder Text enthält verschiedene Schichten und Anknüpfungspunkte für jede Stufe: Deshalb können ein kleines Kind und eine alte Oma demselben Text jeweils etwas unterschiedliches abgewinnen. Und das ist doch toll so!
  • Wir werden sensibler gegenüber den Reaktionen, die ein Text in uns auslöst: Widerstand, Abscheu, Staunen oder Wut. Aus: „Wie kann so ein Satz nur in der Bibel stehen?“ wird zunächst neutral zu: „Dieser Satz zeugt von dieser oder jenen Stufe, die in diesem oder jenem Kontext angemessen war.“
  • Wir können fragen: Welche Sehnsucht steht hinter diesem Satz, dieser Erzählung? Welches Weltbild? Welche Werte? Gibt es dennoch eine Erkenntnis, die mir der Text vermitteln kann?
  • Ohne eigene authentische Gotteserfahrungen bleibt die Bibel ein durch und durch unverständliches und anstößiges Buch. Aus unsrer Erfahrung in Kontemplation und Aktion lesen wir die Bibel dagegen mit immer tiefer gehendem Verständnis.

Manchmal kann die Erkenntnis einfach sein: „Wie gut, dass ich heute anders denken kann und mir einige Worte Jesu dabei geholfen haben, das zu tun. Z.B. Jesus hat mir die Idee der Feindesliebe eingegeben und deshalb sind mir Erzählungen von Krieg und Gemetzel zuwider. Aber ich verstehe, dass der Autor in Umständen gelebt hat, in denen es primär um das Überleben des Stärkeren ging und dabei waren ihm seine Vorstellungen (zeitlich begrenzt) hilfreich.“

Wir können heute einfach nicht mehr annehmen, dass jedes Wort der Bibel von „Gott“ inspiriert worden ist. Im Buch Josua lesen wir, dass Gott befahl alle Menschen, auch alle Kinder, umzubringen. Die Autoren, die das schrieben, dachten sich von „Gott“ inspiriert, wir aber nicht mehr.

Wir müssen verstehen, dass die Geschichte der hebräischen Schriften, die Geschichte der Nachkommen Abrams, die Geschichte eines sich entwickelten Bewusstseins ist. Hier entwickelte sich etwas über viele Stufen. Manchmal gab es große Sprünge, meistens aber ging es sehr langsam voran.

(Markus Roll, deutscher integraler Theologe aus Berlin, https://www.santablacksheep.com/shop/)

Meine These ist:

Die Bibel ist eines der faszinierendsten Zeugnisse menschlicher Bewusstseinsentwicklung überhaupt – und gleichzeitig beschleunigte sie bei denen, die sie lasen, deren Bewusstseinsentwicklung.

Was meint ihr?

„Ihr seid Götter!“

Die uns eigene zeitlose und raumlose Innerlichkeit ist niemand anderer als Gott.

Allen Lesern meines Blogs wünsche ich ein gesegnetes frohes neues Jahr! Es freut mich, dass der Blog im vergangenen Jahr gut angelaufen ist und ich bin gespannt, wie er sich in diesem Jahr weiter entwickeln wird – allen, die meine Artikel lesen und fleißig teilen, herzlichen Dank dafür!

Heute möchte ich euch zu Beginn des Jahres etwas mitgeben, was für den einen oder anderen ein alter Hut sein mag, sich für mich aber vor kurzem noch einmal in gänzlich neuer Tiefe und Intensität erschlossen hat: In einem abendlichen Adventgottesdienst, während dem Singen in der von Kerzen erleuchteten Dunkelheit, da war sie plötzlich da, eine neue, unerschütterliche Gewissheit, eine Art Mini-Erleuchtung, die mich nie wieder ganz verlassen wird.

Iсh erinnerte mich an einen Satz, den ich neulich bei Jim Marion gelesen und auf Anhieb geliebt habe. Jim Marion knüpft darin zunächst an eine Erfahrung an, die wir Menschen alle mehr oder weniger gut kennen: Dass ein Teil von uns, während wir aufwachsen und älter werden und unsere Erfahrungen machen, immer gleich zu bleiben scheint. Dieser Teil bleibt völlig unabhängig davon, was wir im Spiegel sehen, er bleibt auch eigentümlich unberührt davon, wenn wir auf einer anderen Ebene heftige Emotionen erleben wie Wut, Angst oder Schmerz, ja er scheint geradezu unfähig dazu, diese zu empfinden.

Dieser Teil von uns scheint zeitlos (und es ist auch tatsächlich). Er scheint auch raumlos (und ist es auch tatsächlich), da er sich nicht im Geringsten verändert hat, auch wenn wir jetzt in Kalifornien leben, unsere Kindheit dagegen in Illinois verbracht haben. Diese uns eigene zeitlose und raumlose Innerlichkeit (die der zeit- und raumlosen Innerlichkeit in allen anderen Menschen entspricht), ist niemand anderer als Gott.

(Jim Marion, Der Weg zum Christusbewusstsein, S. 192)

Und plötzlich – bang! – war Gott überall, in mir, in den anderen, im Fenster, in der Musik. Es ist so einfach und taucht doch alles in neues Licht, wenn es tief einsickert in uns.

Ich und viele andere integrale Christen glauben, dass Jesus aus einem tiefen Bewusstsein heraus gelebt hat, dass sein Wesenskern und Gott identisch sind.

Jesus sollte mit dem Tode bestraft werden, weil er sich selbst göttlich nannte:

Da hoben die Anwesenden wieder Steine auf, um ihn zu steinigen. Jesus hielt ihnen entgegen: »Ich habe im Auftrag des Vaters vor euren Augen viele gute Taten vollbracht. Für welche dieser Taten wollt ihr mich steinigen?« Die Juden antworteten ihm: »Wir steinigen dich nicht wegen einer guten Tat, sondern wegen Gotteslästerung: Du bist ein Mensch und gibst dich selbst als Gott aus.«

Jesus antwortete ihnen: »Steht nicht sogar in eurem Gesetz: ›Ich habe gesagt: Ihr seid Götter‹? (zitiert wörtlich Psalm 82,6)

Das Gesetz nennt also diejenigen Götter, an die Gott sein Wort richtete. Und die Heilige Schrift darf man ja nicht aufheben! Der Vater hat mich zu seinem Vertreter gemacht und in diese Welt geschickt. Wie könnt ihr mir Gotteslästerung vorwerfen, wenn ich sage: ›Ich bin der Sohn Gottes? Wenn das, was ich tue, nicht das Werk meines Vaters ist, dann braucht ihr mir nicht zu glauben. Wenn ich aber solche Taten vollbringe, dann glaubt wenigstens ihnen, wenn ihr mir schon nicht glauben wollt. An diesen Taten sollt ihr erkennen und immer sicherer werden: Der Vater ist in mir gegenwärtig und ich bin im Vater gegenwärtig.« Da versuchten die Anwesenden erneut, ihn festzunehmen. Aber er konnte ihnen entkommen.

(Johannes 10, Basis Bibel, www.die-bibel.de)

Jesus wusste: Ich bin Gottes Sohn. Doch er behauptete an keiner Stelle, dass er der einzige Sohn Gottes war. Indem kirchliche Lehre Jesus zum einzigen Sohn Gottes erklärt, verhindert sie bis heute erfolgreich, dass andere ihre Sohn- und Tochterschaft im vollen Sinne erkennen können. Auch wenn Menschen es ahnen, spüren, glauben – es darf ja nicht sein! Jesus ist immer irgendwie „mehr Gott“ als andere, der „einzig geborene Sohn“. Das geht so weit, dass manche bis heute an der Idee festhalten, Gott sei „männlich“, da er sich ja in einem Mann geoffenbart hat – wie wenn Gott da irgendwo hoch droben ein eindeutiges biologisches Geschlechtsmerkmal hätte 😉

Wir glauben irrtümlicherweise, dass Jesus – und nur Jesus – Gottes Sohn war und dass alle anderen Menschen darum geringer als Jesu sind. (Jim Marion, S.202)

Dem ist nicht so! Ja, als Persönlichkeit ist Jesus einzigartig: Nur er konnte das tun, was er getan hat und nur er hat es getan. Doch wir alle haben dieselbe menschlich-göttliche Natur, denselben Wesenskern, diese raum- und zeitlose Innerlichkeit. Durch JEDEN MENSCHEN FLIESST GOTTES ATEM GLEICHERMASSEN. Und jeder hat darin seinen Platz, seine Berufung, seine Funktion, seinen Sinn. Nur weil wir außerhalb von Raum und Zeit so untrennbar miteinander verbunden sind, kann Jesus überhaupt auf unsere Seele, unseren Wesenskern, Einfluss haben und uns erlösen – von den zahlreichen Verstrickungen in der Raumzeit. Und nur indem wir diese Verbundenheit erkennen, werden wir fähig dazu, jeden Menschen bedingungslos zu lieben.

In den orthodoxen Kirchen ist dieser Irrtum übrigens weit weniger ausgeprägt, da die „Vergöttlichung (Theosis)“ direkt angestrebt wird. Mir scheint bis heute, dass sie da irgendwie wesentlich mehr verstanden oder bewahrt haben…

Ich glaube nicht, dass Jesus uns klein machen wollte oder uns minderwertig fühlen lassen. Er hätte vermutlich kein Problem damit gehabt, wenn Petrus genauso auf dem Wasser gewandelt wäre wie er oder seine Jünger so viele Kranken geheilt hätten wie er – ganz im Gegenteil, er hätte sich gefreut. Sonst hätte er doch nicht folgendes gesagt:

Der Vater ist immer in mir gegenwärtig. Er vollbringt seine Taten durch mich. Glaubt mir: Ich bin im Vater gegenwärtig und der Vater ist in mir gegenwärtig. Wenn ihr das so nicht glauben könnt, dann glaubt es wenigstens wegen der Taten. Amen, amen, das sage ich euch: Wer mir (Änderung d.Verf.) glaubt, wird genau solche Taten vollbringen, wie ich sie vollbringe. Ja, er wird sogar noch größere Taten vollbringen, als ich sie vollbracht habe.

(Johannes 14, Basis Bibel, http://www.die-bibel.de)

Es ist unsere schöne und herausfordernde Aufgabe, die Göttlichkeit in uns und anderen Menschen zu erkennen und zu feiern. Aus welchem Grund sonst hätte Jesus sagen können: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25), wenn nicht aus diesem, dass wir im tiefsten Inneren eins sind, dass in unserer Innerlichkeit wir alle mit Gott selbst zusammenfallen.