Erleuchtung für Christen?!

Erleuchtung – was ist das überhaupt?  Und sollten/dürfen Christen so etwas überhaupt anstreben?

Diese zwei Fragen haben mich die letzten Wochen beschäftigt.

Die meisten verstehen darunter eine tiefe Erkenntnis, die das Welt – und Selbstverständnis eines Menschen tiefgreifend und nachhaltig verändert. Immer werden zwei Punkte genannt:

1. Der Mensch gewinnt Abstand zu seinem Ego, d.h. zu all den Dingen, mit denen er sich normalerweise identifiziert hat, wie Name, Biografie, Beruf, Aussehen, Körper etc. An die Stelle eines Ego-Bewusstseins tritt ein Zeugenbewusstsein, ein reines Gewahrsein, ein „Ich bin“ statt „Ich bin der und der und die und das…“

2. Der Mensch erfährt sich nicht mehr von anderen getrennt: Hier Ich – da der Rest, sondern als das Ganze selbst: Alles ist eins und auch ich bin alles. An die Stelle eines Ich-Bewusstseins tritt ein Einheitsbewusstsein und ein Verbundenheitsgefühl mit allem und jedem.

Es scheint also gleichermaßen ein Von-Allem-Abstandnehmen wie ein Mit-Allem-Verschmelzen zu sein.

Christian Meyer sieht in seinem Buch „Sieben Schritte zum Aufwachen“ gerade in der Verbindung dieser beiden Elemente das Geheimnis:
(Es) besteht darin, dass Du hundert Prozent fühlst, dich der Lebendigkeit hin gibst und zu hundert Prozent Beobachter, Zeuge und Wahrnehmender bist.

Matthias Pöhm, der sich lange mit diese Frage beschäftigt hat, schreibt auf seinem Blog:

„Erleuchtung ist ein Zustand, in dem Menschen Ihr „Ich“ dauerhaft verloren haben. (…) Erleuchtete beschreiben sich als Eins mit allem, frei von sozialen Ängsten, frei von der Angst vor dem Tod. Sie spüren einen ständigen inneren Frieden mit sich und der Welt. (…)“

Quelle: http://www.spiritueller-blog.com/liste-erleuchtete-menschen

Er führt auf seinem Blog eine Liste angeblich Erleuchteter und analysiert kritisch deren Auftreten und Lehren. Und macht dabei auf etwas extrem wichtiges aufmerksam:

Jede/r Erleuchtete bleibt ein Mensch mit Macken, oder wir könnten auch sagen: einem Schatten. Jeder Erleuchtete – Jesus eingeschlossen – habe sich auch hin und wieder geirrt, Erleuchtung macht nicht schlagartig auf immer unfehlbar, friedfertig und allwissend.

Wobei wir wieder bei unserem Lieblingsthema „Entwicklung“ angekommen wären. Äußerst charmant und gewitzt antwortet Ken Wilber in einem Interview auf die Frage, ob er erleuchtet sei, mit: „Erleuchtet genug.“ Damit macht er deutlich, dass es nicht nur zwei Zuständes des Menschseins gibt: „Erleuchtet – Nicht erleuchtet.“ Menschen sind nunmal keine Lampen mit Ein- und Ausschalter, sondern äußerst komplexe Wesen.

Die Zeitschrift  „Integrale Perspektiven“ befasst sich in einer Ausgabe (34/Juli 2016) mit dem integralen Verständnis von Erleuchtung unter dem Titel: „Aufwachen, Aufwachsen, Aufräumen.“ Denn Ken Wilber selber sieht „Erleuchtung“ etwas komplexer als das manche „Erleuchteten“ gerne hätten, erklärt dadurch aber auch, warum die „Erleuchteten“ teilweise so unterschiedlicher Ansicht sind, was „Erleuchtung“ sei und was ein „Erleuchteter“ zu tun und zu denken habe – und auch warum die „Erleuchteten“ nicht einfach die besseren Menschen sind. Ken Wilber steht nicht umsonst für differenziertes Denken 🙂

Mit den Stichworten „Aufwachen, Aufwachsen, Aufräumen (Waking up, Growing up, cleaning up)“ unterscheidet Ken Wilber in „Integrale Spiritualität“ drei verschiedene Erkenntniswege.  Holzschnittartig erklärt:

Mit „Aufwachen“ sind besondere spirituelle, mystische Erfahrungen gemeint, die uns von einem Tag auf den anderen zu einem neuen Menschen machen können. Das kann eine Nahtoderfahrung, eine Vision oder auch einfach ein ganz besonderer Moment erhöhten Bewusstseins sein. Kurz: Zustände. Nichts dauerhaftes.

Mit „Aufwachsen“ ist der Reifeprozess gemeint, den wir in ganz vielen Bereichen durchlaufen. Kurz: Entwicklung. Etwas dynamisches, nach oben offenes.

Und „Aufräumen“ schließlich meint „Schattenarbeit“, die Bewusstwerdung und die Integration verdrängter Aspekte unserer Persönlichkeit oder Emotionen, die uns ausbremsen und in Bereichen starr machen können.

Paul Smith unterscheidet in seinem Buch „Is your God Big Enough, Close Enough, You Enough? (Ist dein Gott groß genug, nah genug, du genug?), 2017, im Anschluss an Ken Wilber drei Gesichter Gottes:

Den Gott ÜBER den wir reden und nachdenken, den Gott ZU dem wir reden und beten, und den Gott, ALS den wir uns erkennen.

Jesus habe sich als „Sohn Gottes“/das Göttliche in sich erkannt („Ich und der Vater sind eins“, Joh 10,30) und auch andere dazu aufgefordert, dies ebenfalls zu tun. Als Beleg dafür führt er u.a. diese Stelle im Evangelium nach Johannes (10,34-36) an:

34 Jesus erwiderte (seinen Anklägern vor Gericht!): »Steht nicht in eurem Gesetz der Satz: ›Ich habe gesagt: Ihr seid Götter‹? 35 Hier werden also die, an die das Wort Gottes gerichtet war, Götter genannt; und was die Schrift sagt, ist unumstößlich. 36 Mich aber hat der Vater, der heilige Gott, dazu bestimmt, sein Werk zu tun, und hat mich in die Welt gesandt. Wie könnt ihr mir da Gotteslästerung vorwerfen, wenn ich sage: ›Ich bin Gottes Sohn‹? (Neue Genfer Übersetzung)

Doch statt das Göttliche in sich selbst zu erkennen, hielten die Kirchenobersten es für Gotteslästerung und forderten deshalb die Todesstrafe. Indem Jesus im Laufe der Zeit zum „einzigen Sohn Gottes“ und der zweiten Person der Trinität erklärt wurde, ging diese Wahrheit verloren. Es ginge darum, dass zu werden, was wir bereits sind: In der Tiefe unseres Selbst eins – nicht identisch! – mit Gott.

In der lutherischen Kirche, aus der ich stamme, ist es üblich, vom Menschen so zu denken: Alle sind „gleichermaßen Sünder und Gerechte.“ Keiner ist vollkommener, Gott näher,  als der andere. Das ist einerseits richtig, denn, wie oben thematisiert, sind eben auch Erleuchtete „nur“ Menschen. Andererseits hat dieser Glaubenssatz dazu geführt, dass sich kaum einer traut, zu sagen: Ich suche Erleuchtung oder gar: Ich bin erleuchtet. Luther hat das „Schwärmertum“, wie er es nannte, abgelehnt. In den orthodoxen Kirchen dagegen ist es normal, Erleuchtung zu suchen, sie nennen es nur anders: Vergöttlichung, Theosis. Erleuchtete genießen dort als geistliche Väter und sog. Starzen hohes Ansehen. Diese Schüler – Lehrer Beziehung ist eigentlich nur möglich, wenn wir davon ausgehen, dass einer der beiden etwas begriffen und verkörpert hat, was dem anderen noch fehlt und wonach er sich sehnt.

Aus meiner Sicht war die Beziehung zwischen Jesus und seinen Jüngern eine solche zwischen Lehrer/Guru und seinen Schülern. Jesus hat etwas ausgestrahlt und verkörpert, wonach sich seine Schüler und Schülerinnen gesehnt haben: Verbundenheit, Frieden, Liebe, aber auch: Angstfreiheit, Vollmacht, menschliche Erhabenheit. Sie wollten auch so ein Mensch werden wie er.

Nachfolge bedeutet demnach selbstverständlich, sich ebenfalls nach Erleuchtung zu sehnen. Ist doch ganz klar, oder was meint ihr? Und wenn ja, wo seht ihr euch auf der Skala erleuchtet von 1 bis 10 ;-)?

Ich jedenfalls wünschte, ich könnte wie Ken Wilber antworten: „Erleuchtet genug“ 🙂

Mehr zu dem Thema findet ihr auf www.soundstrue.com, einer Audioreihe zum Thema „Erleuchtung.“ Kostet leider nicht wenig 😦

Zur Diskussion um spirituelle Lehrer werdet ihr hier fündig:

http://integralesleben.org/il-home/il-integrales-leben/anwendungen/religion-spiritualitaet/papier-des-if-zur-diskussion-um-spirituelle-lehrer/

Und hier noch das Interview mit Ken Wilber:

Beten UND Handeln

Lange hatte ich ein klischeehaftes Bild im Kopf, das mich davon abgehalten hat, zu meditieren. Ich sah den untätig herumsitzenden Mönch oder die Nonne vor mir, die ihr Heil in der Stille und Einsamkeit suchen, aber nichts neues in die Welt bringen, keine Familie gründen, kein Unternehmen, keine Kunst schaffen, die Verhältnisse nicht verändern etc. Ich konnte nicht zusammenbringen, warum wir Menschen in der Welt sein sollten, mit einem Körper, Bedürfnissen, Gefühlen, Händen und Ideen, wenn der wahre Sinn des Menschseins darin läge, genau das Gegenteil davon zu suchen: Weg von Ego, weg vom Körper, weg von schmerzhaften Erfahrungen hin zum reinen, immer ausgeglichenen Beobachter. Hat so ein Mensch denn wirklich gelebt? Oder hat er nicht jede Menge verpasst?

Ein Extrembeispiel, das mich abgeschreckt hat, war das Bild eines – mittlerweile durch die Medien berühmten – Inders, der seit über vier Jahrzehnten seinen Arm ununterbrochen nach oben hält, um das Wunder der Willensstärke des Menschen zu demonstrieren.

Was ist denn, fragte ich mich, die Bestimmung des Menschen: Ein makelloser Heiliger zu werden oder ein aufregender Künstler?

Vermutlich liegt die Antwort – ihr ahnt es schon anhand der Überschrift – in dem so folgenreichen Wörtchen: „Und“.

Doch noch eine Befürchtung hatte ich lange Zeit:

Dass ich durch ein häufiges Meditieren den Bezug zur Welt und meinen Mitmenschen verlieren könnte. Ich hatte Angst, dann nicht mehr das tun zu können, was gerade nötig und angebracht wäre.

Doch von zeitgenössischen Mystikern durfte ich hören und lesen, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Erst durch eine regelmäßige kontemplative Praxis nehme ich die Wirklichkeit zunehmend weniger verzerrt war und lerne, entspannter und zielgerichteter zu handeln, zu agieren statt nur zu reagieren und in wichtigen Momenten das angemessene zu tun. Einer dieser Mystiker ist Richard Rohr.

Er ist ein US-amerikanischer Franziskanermönch, geistlicher Lehrer, Bestsellerautor, ein starker Kritiker seiner eigenen Kirche und leitet ein christliches „Zentrum für Aktion und Kontemplation“, wo er unter anderem auch integrale Theologie unterrichtet.

In seinem Buch mit dem Titel „Entscheidend ist das UND. Kontemplativ leben UND engagiert handeln“ betont er immer wieder die Bedeutung, das „Und“ zu denken und zu leben, da es uns vor Einseitigkeit und Oberflächlichkeit bewahrt. Wenn Aktion und Kontemplation eins seien, entstünden „immer Schönheit, Symmetrie und verwandelnde Form“. (S. 14) Da beides gleich wichtig sei, sei das „UND“ dazwischen das wichtigste, also die ständige Verbindung von beidem. Denn die Meditation, das Sitzen und Beten in der Stille, verändert uns und unsere Wahrnehmung und lässt uns anders denken und handeln. Meditation führe dazu, dass Menschen viel weniger in den Kategorien von „entweder-oder“ dächten, sondern zunehmend ein „sowohl-als-auch“ zuließen.

Im Anschluss an Ernst Friedrich Schumacher beschreibt er drei verschiedene Bewusstseinsstufen, die drei Teilen der hebräischen Bibel entsprechen: Gesetz, Propheten, Weisheitsbücher. Das erste steht für Struktur, Grenzen, äußere Autorität etc., dann kommt die Kritik aus einer inneren Autorität heraus, und schließlich folgt die Stufe von Paradox und Geheimnis. Auf dieser geht jegliche Eindeutigkeit verloren und scheinbar widersprüchliche Dinge kommen gleichberechtigt nebeneinander zu stehen. Jeder Mensch und auch jede Religion durchlaufen diese aufeinander aufbauenden Stufen der spirituellen Entwicklung.

Durch Kontemplation gelänge es dem Menschen nach und nach seine eigenen Gaben zu erkennen und diese auszuleben. Dabei hält er die Konzentration für bedeutend: „Wir müssen uns in unserem Leben für ein oder zwei Anliegen aus ganzem Herzen einsetzen.“ (S. 117) Klingt das nicht verheißungsvoll und zugleich entlastend? Wir müssen nicht alles tun, was getan werden müsste, sondern herausfinden, was von uns hier und jetzt getan werden kann wie von keinem anderen. 

Doch Richard Rohr malt keineswegs ein idealisiertes, romantisches Bild der Meditation:

Jede kontemplative Praxis (…) bleibt ein endloses Schattenboxen, immer ist sie harte Arbeit. (S. 104)

Denn wir selbst seien das Hauptproblem, nicht die anderen.

(Zu Schattenarbeit könnt ihr hier mehr lesen: Christliche Schattenarbeit)

Durch Kontemplation wird uns bewusst, dass es für heilsame Veränderungen eine langsame Transformation braucht, keine gewaltsame Revolution, ja nicht einmal eine Reformation. Denn die wahren Feinde sind nicht irgendwo da draußen, sondern in unserem Geist, dem individuellen wie dem kollektiven Bewusstsein. Es braucht deshalb mehr als alles andere Menschen, die bereit sind, sich selbst verwandeln zu lassen und dadurch die Welt zu verändern.

Marion Küstenmacher stellt in ihrem eben erst erschienen Buch „Integrales Christentum“ einen Zusammenhang der Thematik mit den Quadranten in Ken Wilbers Philosophie her.  In dem Quadranten oben rechts (individuell-objektiv) erschiene alles, was jemand ganz konkret tut.

In spiritueller Hinsicht ist dieser Quadrant daher der Lackmustest für jeden Glauben. Jesus hat immer wieder deutlich gemacht, dass nicht unsere Worte, sondern unser Handeln entscheidend ist. (S. 35)

Ein Beispiel wäre: Wenn jemand selbst der Ansicht ist, besonders rechtgläubig zu sein, und daher regelmäßig anderen ihren Abfall vom „wahren Glauben“ vorwirft, so fühlt sich dieser Mensch zwar (Quadrant oben links, individuell-subjektiv) extrem fromm, doch was er konkret tut (Quadrant oben rechts, individuell-objektiv), ist, dass er beständig negativ über andere Menschen richtet, sie dadurch verunsichert, verletzt oder ihnen schlicht auf die Nerven geht. Unter Umständen fällt auch auf, was er alles nicht tut: Er spendet wenig, er engagiert sich nirgendwo, stattdessen verbringt er viel Zeit allein mit seiner Bibel und sondert sich ab.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir Meditation und Aktion miteinander verbinden. Was mir klar geworden ist, habe ich erst richtig begriffen, wenn ich dadurch in ein neues, anderes Tun gekommen bin.

Wir könnten vielleicht sogar noch drastischer sagen: Ohne unser Tun ist alles, was wir in der Kontemplation erfahren haben, sinnlos. Denn erst durch unser Tun wird der Geist Materie, erst dadurch sind wir wirklich Abbilder Gottes, der sich insbesondere durch seine Schöpferkraft auszeichnet. Erst durch ein Tun, das von der Stille und dem Innehalten her inspiriert ist, werden wir zu einzigartigen Individuen, zu faszinierenden Teilchen von Gottes Welt.

Jesus selbst war jedenfalls so ein Mensch, der sich unter die Menschen stürzte, um sich dann wieder zurückzuziehen, der immer hin und her pendelte zwischen Kontemplation und Aktion.

Was meint ihr?

Wenn ihr mehr dazu lesen wollt, werdet ihr hier fündig:

Zentrum für Aktion und Kontemplation: https://cac.org

„Spirituell, aber nicht religiös“ – Menschen auf dem postmodernen Level

Unterschied, aber auch die Verbindung von Spiritualität und Religion

Paul Smith äußert sich in seinem Buch „Integral Christianity“ zu einer Bewegung, die er „Spirituell, aber nicht Religiös“ nennt. Einer Umfrage zufolge definiere sich einer von fünf Amerikanern auf diese Weise.

Er beruft sich dabei auf eine Vermutung in dem gleichnamigen Buch von Robert C. Fuller aus dem Jahre 2001 „Spiritual, but not Religious. Understanding Unchurched Amerika.“ Dieser beschäftigt sich darin mit der Frage, was die Amerikaner damit meinen, wenn sie sich selbst so bezeichnen. Ein Teil davon sehe in der organisierten Religion geradezu den Feind der authentischen Spiritualität, zumindest sei sie nicht notwendig. Sie wiesen damit auf die Gefahr hin, dass die persönliche spirituelle Erfahrung bei dem Befolgen bestimmter Rituale, Wiederholen von Glaubensinhalten etc. auf der Strecke bleibe.

Die Bewegung – früher auch „New Age“ genannt – resultiere daraus, dass Menschen auf dem postmodernen Bewusstseinslevel (entspricht „Grün“ in Spiral Dynamics) damit anfingen, ihre Glaubensinhalte und spirituellen Praktiken selbst auszuwählen.

Das führe zwangsläufig zu Kritik an der traditionellen Kirche, da diese es versäume, bestimmte Themen ernst zu nehmen – wie bspw. verschiedene Bewusstseinszustände.

Eine Schwäche sieht er in dem häufig anzutreffenden Glaubenssatz, wonach jeder Mensch seine Realität selbst schaffe. Diese Sicht konzentriere sich einseitig auf die Perspektive der 1. Person (subjektiv) und blende die 2. und 3. (intersubjektiv und objektiv) völlig aus. Doch die Realität sei ebenso das Ergebnis des Bewusstseins aller anderen Menschen sowie das Ergebnis natürlich gegebener Bedingungen.

In dem unten verlinkten Video erläutert der Jesuit und Priester David McCallum, worin er den Unterschied, aber auch die Verbindung von Spiritualität und Religion sieht.

Der Priester McCallum ist ein Experte im Bereich Erwachsenenbildung, Persönlichkeitsentwicklung und Leadership. Er beschäftigt sich schon lange mit der integralen Theorie.

Eine gesunde Religion schaffe eine Menge Raum für vielfältige Formen an Spiritualität, denn sie sei der ständige Versuch der Rückbindung an eine spirituelle Ursprungserfahrung. Der Gründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyola habe – im Gegensatz zu den evangelischen Reformatoren – beschlossen, seine Kirche durch spirituelle Praxis von innen heraus zu transformieren, statt sich von ihr zu trennen. Dies sei der eigentlich schwerere Weg, denn es sei leichter das Störende und Unvollkommene zu verlassen, statt es weiterhin ertragen und aushalten zu müssen.

Diese Gedanken finde ich in Bezug auf die heutige Situation der Kirche mit ihren zahlreichen Austritten als wesentlich.

Statt sich selbst zu engagieren und seine Stimme für etwas zu erheben, treten viele aus der Kirche aus, weil sie sich über dieses oder jenes ärgern und sich damit nicht identifizieren können. Oder statt in einen Gottesdienst oder zu einer Veranstaltung zu kommen, wo sich zwangsläufig sehr unterschiedliche Charaktere und Meinungen begegnen – was extrem anstrengend und herausfordernd sein kann – beten und/oder meditieren viele lieber mit Gleichgesinnten im Yoga-Kurs oder bei sich daheim etc. Aus meiner Sicht offenbart sich durch ein solches Verhalten häufig der Unwille, an etwas Neuem, Fremdem und Störendem zu wachsen und zu reifen, als eine tatsächliche Überlegenheit. Dazu kommt, dass die Anbindung an eine Gemeinschaft auch Ansprüche an uns selbst stellt wie z.B. früher aufstehen, bestimmte Rituale erlernen und mich regelmäßig daran beteiligen, mich sichtbar und damit angreifbar machen und ähnliches. Trauriger Höhepunkt davon sind Aussagen wie „Mein Glaube geht niemanden etwas an.“ oder „Ich habe meinen Glauben.“ oder das völlige Ausspielen von Privatglauben einerseits und öffentlichem Glauben andererseits. Das ist die EINE Seite.

Die ANDERE ist jene, auf die sowohl McCallum als auch Smith anspielen: Wenn die Gemeinschaft, der ein Mensch innerhalb der Kirche(n) vor Ort begegnet, extrem weit von dem entfernt ist, wie er denkt und lebt, – also mehrere Bewusstseinsstufen dazwischen liegen – sehnt er sich verständlicherweise nach einem Umfeld, das ihn nicht stagnieren, sondern wachsen und lernen lässt. Das ist es, was vermutlich McCallum meint, wenn er davon spricht, dass die Kirche mit „Erwachsenen“ umgehen können muss, also Menschen, die selbst fähig sind, spirituelle Erfahrungen zu reflektieren, Menschen ab der Stufe orange aufwärts.

Quellen: Paul Smith: Integral Christianity: The Spirit’s Call to evolve, 2011.

https://sacredstory.net/about/fr-david-mccallum-s-j-ed-d/

 

Die Eine Welt – das Eine Christentum!? Teil II

Ich gehe davon aus, dass all unseren Religionen ähnliche spirituelle Erfahrungen vorausgehen. Doch diese Erfahrungen sind unterschiedlich intensiv und tief. Für das im Geiste Geschaute und mit dem Herzen Begriffene wird nach passenden Wörtern und Ausdrucksweisen gesucht und gerungen. So forscht man gemeinsam danach, ob man auch dasselbe erfahren hat. Entdeckt man Ähnlichkeiten, entstehen Glaubensbekenntnisse, die gemeinsam gesprochen werden.

Die Begriffe für das Erlebte und die daraus abgeleiteten Theorien und Gedankengebäude fallen allerdings – dem völlig anderen Umfeld entsprechend – unterschiedlich aus.

So haben sich über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg zahlreiche Frömmigkeitsstile und – praktiken entwickelt. Aus einer Gewissheit, die aus einer Begegnung mit Gott geboren wurde, bildete sich eine Ansammlung von Lehren und Spekulationen. Erfahrungen wurden dadurch leicht mit einer Meinung verwechselt, über die man streiten könne.

So wittert der eine in den Worten des anderen überall die Häresie, ein Abkommen von der „reinen“ Glaubenslehre, eine Entstellung dessen, was er selbst für wahr und richtig hält.

Schwierig wurde und wird es, wo die Wahrnehmung der Andersartigkeit dazu führt, dass ein Christ, eine Kirche sich über einen anderen Christen, eine andere Kirche erhebt oder ihm und ihr gar das Christ bzw. Kirche-Sein abspricht.

Beispiele dazu gibt es zuhauf. Denken wir nur an den Dreißigjährigen Krieg, die Verfolgung der Hugenotten in Frankreich, die Inquisition in Spanien, der Nordirlandkonflikt oder einfach an den alltäglichen Ausschluss anderer Konfessionen vom Abendmahl.

Auf dem 2. Vatikanischen Konzil wird in dem sog. Dekret über den Ökumenismus behauptet:

Denn nur durch die katholische Kirche Christi, die das allgemeine Hilfsmittel des Heiles ist, kann man Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben…

Unterschiede in den Glaubenslehren lassen sich an den Bekenntnissen, Lehrtexten und der gepredigten Theologie ablesen. Aber werden diese Inhalte auch von den einzelnen Gläubigen so geglaubt und könnten diese ihn so in Worte kleiden, dass ein anderer verstünde, worin der Unterschied zu seinem Glauben liegt?

Aber nicht nur die Gedanken, auch die Erfahrungswelten entwickelten sich auseinander. 

Das kann jeder bestätigen, der einmal den Gottesdienst einer amerikanischen Baptistengemeinde mit einer griechisch-orthodoxen Liturgiefeier vergleichen konnte. Andere Schwerpunktsetzungen führen zu unterschiedlichen Ritualen und Gebräuchen, die wiederum unterschiedliche Sinneseindrücke und veränderten Erlebnischarakter besitzen. Bei diesen so unterschiedlichen Festen mutet es an wie ein Wunder, das beide Male Jesus – ein und derselbe Mensch – verkündigt und gefeiert wird.

Unterschiede in Kleidung, Gebräuchen und Gottesdienstformen und -ablauf sind weit offensichtlicher als dahinter stehende Überzeugungen.

Vertraute Formen sind vielen mindestens ebenso wichtig wie von früh auf gelernte Glaubenssätze. Sie bilden eine Art „spirituelle Heimat“. Doch die Auseinandersetzung mit dem Fremden kann ungeahnte spirituelle Erlebnisse hervorrufen und unseren Geist weiten. Plötzlich fragen wir uns vielleicht das erste Mal:

Warum bist du eigentlich evangelisch oder orthodox oder reformiert oder Baptist oder oder oder?

Und warum überhaupt bist du Christ? Und nicht Hinduist, Buddhist, Moslem, Agnostiker oder Atheist?

Der russische Religionsphilosoph Simon Frank merkt zu Recht an:

Wenn ich nur deshalb Christ bin, weil ich in einer christlichen Familie und in einer von christlicher Kultur geprägten Umwelt geboren und aufgewachsen bin, mich an sie gewöhnt und sie lieb gewonnen habe, und wenn alle andere allein aus diesem einzigen Grund bei ihren diversen anderen Glaubensbekenntnissen bleiben, dann werden alle Bekenntnisse auf der Welt leer und bedingt, ein zufälliges Ergebnis der historischen Umstände, und wir haben keinerlei Garantie dafür, dass eines von ihnen wahr wäre. (Auszug aus: Simon Frank. Mit uns ist Gott. Drei Betrachtungen. In eigener Übersetzung aus dem Russischen.)

Eine Vision von mir – ein Lebenstraum sozusagen, der einzig an fehlenden finanziellen Mitteln scheitert – ist es, ein Museum, ein Haus der Weltreligionen und Konfessionen zu gründen, wo durch moderne Erlebnispädagogik ein Hauch von dieser Vielfalt sichtbar, fühlbar und spürbar für die Besucher werden könnte; außerdem ein Haus, wo Raum wäre für direkte Begegnung und Dialog im Geiste der gegenseitigen Wertschätzung.

Denn ich glaube, dass ein richtig integrales Christentum nur auf der Basis einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem Vorausgehenden und einer echten Versöhnung der Konfessionen entstehen kann. Nur dann kann von einer gelungenen „Integration“ aller Aspekte und Teile von „Kirche“ die Rede sein. Andernfalls entsteht lediglich eine weitere Kirche neben anderen.

Wo ist die Mystik hin?

Als ich vorletztes Jahr bei einem Abend der Landfrauen auf dem Dorf einen Vortrag halten durfte, verwendete ich die Worte „Mystik“ und „mystisch.“ Niemand fragte nach, doch eine Woche später erzählte mir eine Frau am Telefon, dass ihr – und auch einigen anderen – dieser Begriff übel aufgestoßen sei. „Mystik“ – da denke sie an „Mystery Thriller“ und dergleichen. Damit könne sie gar nichts anfangen, meinte sie hörbar empört. Ich bedankte mich für ihre, wenn auch etwas verspätete, Offenheit. Mir wurde klar, wie wenig selbstverständlich die Verwendung des Begriffes „Mystik“ in seiner ursprünglichen Bedeutung heute in unserer Sprache geworden ist. Auch innerhalb der Kirche. Keiner redet mehr – fast keiner weiß offenbar mehr etwas von den „Mystikern“.

Der Dekan fand wenig später an meiner Predigt zum Thema „Mystik“ auszusetzen, dass doch nur sehr wenigen Menschen solche Erfahrungen zuteil würden und ich deshalb doch bitte noch über Erfahrungen sprechen solle, die jeder und jede kennt.

Das halte ich für einen fatalen Irrweg. Diese Gipfelerfahrungen, diese Erfahrungen von Einheit, göttlicher Liebe und Nähe, von Glückseligkeit und tiefem Frieden etc. lassen sich eben gerade nicht mit Alltagserfahrungen vergleichen.

Nicht umsonst kommt das Wort von dem griechischen „Mysterion“, Geheimnis.

Sie bleiben unaussprechlich, unbeschreibbar. Sie durchbrechen unseren Alltag und unser gewohntes Denken. Sie tragen uns in andere Dimensionen des Seins und verändern uns grundlegend: unsere Einstellungen, unser Lebensgefühl, unser Verhalten. Diese Erfahrungen Einzelner liegen unseren Religionen zugrunde. Diese lassen uns die heiligen Schriften anders verstehen. Keine Predigt kann diese ersetzen – im Gegenteil: Jede Predigt müsste auf diese Erfahrungen verweisen und zu ihnen hinführen und anleiten! Denn zu einem Geheimnis gehört jemand, der einen in das Geheimnis einweiht.

Mysterium heißt auch Geheimlehre, Geheimkult.

Denn auch wenn ich mystische – wir können auch spirituelle sagen – Erfahrungen jederzeit machen kann, ohne dass ich dazu die Hilfe von jemandem bräuchte, so hilft es mir doch, wenn ich diese hinterher mit jemandem zusammen deuten und einordnen kann, jemandem, der ähnliche Erfahrungen ebenfalls kennt.

Und wenn ich mich danach sehne, derartige Erfahrungen häufiger zu machen und diese intensiver zu erleben, so brauche ich jemanden, der mir eine Praxis, der mir bestimmte Techniken dazu vermittelt.

Einen Mystagogen, einen „ins Geheimnis Einführenden“.

Einen geistlichen Vater, eine Begleiterin. Heute, so scheint mir, wurde diese Funktion fast vollständig von Coaches übernommen. Viele moderne Coaches lehren den Weg nach innen und das viel spannender und überzeugender als die meisten Pfarrer unserer Kirche. Ich frage mich, ob diese derzeit nicht eher die modernen Geistlichen sind? In der Kirche lehne ich mich zurück und lasse einen „quatschen“, im Coaching, für das ich extra Geld bezahle, strenge ich mich an, um in meinem Leben vorwärts zu kommen?

Es gibt nur einen Weg zu Gott, Unserem ewigen Vater, den Weg nach innen. Als Jesus von Nazareth sagte Ich: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Wer dieses innere Reich erlangen möchte, der muß den Läuterungspfad beschreiten, der ausschließlich nach innen geht; zum Urlicht der Seele, zur Gottheit im Menschen. (…)

Es bedarf großer Mühe, beständiger Selbstkontrolle und äußerster Selbstdisziplin, um die inneren Kräfte, die Kräfte der Seele, zu entwickeln. Der auf dem Weg nach innen Wandelnde muß unermüdlich an sich arbeiten und an seinem eigenen Ich rütteln. Dieser Weg nach innen, zum Reiche des Lebens, wurde zu allen Zeiten vom ewigen Geist gelehrt. Aber die Masse der Menschen wie auch die kirchlichen Obrigkeiten bejahten diesen Weg nach innen nicht, da sie nicht bereit waren, die Läuterung und Reinigung der Seele auf sich zu nehmen. All jene, die die Welt mehr liebten als Gott, ihren Vater, taten den Weg zum inneren Reich des Lebens als nichtexistent ab.

Gabriele Wittek, Mysterienschule

Die Theologieprofessorin Sabine Bobert weist auf ein interessantes Phänomen hin, wenn sie in ihrem Aufsatz „Mystik als Gegenstand nichttheologischer Wissenschaften“ schreibt:

Während die gelebte Spiritualität als akademisches Thema in der Theologie eher ein Randdasein fristet, boomt das wissenschaftliche Interesse daran in anderen Wissenschaftszweigen seit den 1990er Jahren. Vor allem Psychologie und Neurowissenschaften interessieren sich für kontemplative Erfahrungen.

Tatsächlich ist das Interesse an christlichen Meditationsformen in der evangelischen Theologie eher rar.

Als einer meiner ehemaligen Kollegen es auf einer Pfarrerfortbildung zum Thema „Seelenruhe“ wagte, das Wort „Meisterschaft“ in den Weg zu nehmen, erntete er heftigen Widerstand. Das widerspräche der Lehre, das wir vor Gott alle gleich seien und bis an unser Lebensende unperfekt blieben. So richtig letzteres sein mag, so richtig ist gleichzeitig jedoch die Erfahrung, dass dem eben gleichzeitig doch nicht so ist: Nicht jeder Mensch, sondern im Gegenteil nur sehr wenige scheiden aus diesem Leben vollständig versöhnt, selig und glücklich. Einigen jedoch gelingt es, einige erlangen schon zeit ihres Lebens „Seelenruhe“ und strahlen diese auch aus. Der Heiligenschein ist Zeugnis von diesem Phänomen, denn er symbolisiert das strahlende Licht, das von einem solchen Menschen ausgeht. Die Heiligenverehrung hat – jenseits ihres Missbrauchs – eine tiefe Berechtigung, denn wir Menschen brauchen Vorbilder, Bilder, die uns zeigen, was für uns Menschen alles möglich ist. Ein Mensch, in dem sich Schönheit, Güte und Liebe manifestiert hat, wird andere Menschen dazu animieren, diese Qualitäten ebenfalls anzustreben. Und das viel wirksamer als jede Predigt es je könnte.

Als Bild zu diesem Beitrag habe ich deshalb ein Porträt gewählt, das ich nach einem Foto eines orthodoxen Mönches angefertigt habe, der auf seinem Sterbebett liegt und mit einer nahezu faltenfreien Haut in die Ewigkeit zu blicken scheint. Ein schönes Bild für mich – eine Vision, an der ich mein Leben ausrichten kann: So friedlich und erwartungsvoll zu sterben.

Ja, wir sind alle gleich viel wert, aber deshalb nicht gleich. Der Mensch entwickelt sich, und er entwickelt sich nicht nur körperlich und geistig, sondern auch spirituell. Und dazu braucht es eine passende Gemeinschaft, den richtigen Nährboden, damit der Same aufgehen kann und nicht verdorrt.

Wenn wir nicht darüber sprechen, was mystische Erfahrungen sind, was sie auszeichnet und wie man diese öfter erleben kann, fehlt uns das elementare Verständnis dafür, was unserer Religion zugrunde liegt. Über derartige Erfahrungen zu sprechen könnte uns einander näher bringen, tieferes Verständnis aufschließen und zuletzt sogar euphorisch stimmen.

Religion als Förderband: Mittel zur Bewusstseinsentwicklung der Menschheit

Vor kurzem hatte ich eine interessante „Diskussion“ auf Facebook (von einer echten Kommunikation ist das ja immer weit entfernt). Jemand meiner „Freunde“ hat gepostet, Religionen gehörten nicht ins 21. Jahrhundert, denn sie würden Menschen „untereinander trennen“ und seien „hauptverantwortlich für all das Elend auf der Welt“. Bezeichnenderweise antworteten außer mir auf diesen Post nur Gleichgesinnte, die sofort mit in das selbe Horn bliesen.

Eine differenzierte Sichtweise – Fehlanzeige.

Auf meinen Einwand, dass Religionen eine maßgebliche Rolle dabei spielen, das menschliche Bewusstsein zu formen – Widerrede, jedoch leider ohne Gegenargument.

Weil mir eine solche Sichtweise nicht zum ersten Mal begegnet, möchte ich erläuterten, warum ich anderer Ansicht bin und das mit einigen Buchtipps verbinden.

Nach der integralen Theorie – die, wie bereits beschrieben, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie beruht – gibt es „DIE Religion“ nicht. Menschen haben ihren Schwerpunkt auf verschiedenen Bewusstseinsebenen und interpretieren und leben religiöse Inhalte und Praktiken von diesen aus.

Nicht „DAS Christentum“ formt also den Menschen, sondern der Mensch formt zunächst das Christentum. Und das selbstverständlich vom ersten Tag an, als die ersten Jünger sich Jesus anschlossen und ihn jeweils auf ihre eigene Art und Weise und von dem Level aus, auf dem sie standen, her verstanden. Das schlägt sich in den Evangelien und Briefen nieder. Auf deren schriftliche Hinterlassenschaften sind wir heute angewiesen, wenn wir uns überhaupt in irgendeiner Form auf Jesus beziehen wollen. Diese beständige Wechselwirkung wird von Menschen, die „DAS Christentum“ oder „DIE Religion“ kritisieren, völlig außer Acht gelassen: Christentum ist das, was DU daraus machst. Der Rezipient ist mit dem Inhalt untrennbar verbunden. Und was „DIE Kirche, die Gemeinschaft“ (die es also solche nicht gibt) aus dem Christentum machen, ist das Resultat vieler einzelner Bewusstseine, die zusammen eine Art Gruppenbewusstsein formen.

Jeder, der schon einmal mindestens in zwei verschiedenen Kirchengemeinden unterwegs war, wird wissen, was ich meine, wenn ich sage, dass dieses Gruppenbewusstsein sich immens unterscheiden kann und das innerhalb ein und derselben Konfession.

Nach Ken Wilber, „Integrale Spiritualität“, hat die Religion die Eigenschaft, dass sie als Förderband dienen kann, d.h. sie kann die Entwicklung der Menschheit vorantreiben. Sie kann Menschen helfen, sich von einer magischen Stufe zu einer rationalen, pluralistischen etc. Ebene zu bewegen. Das ist zumindest das, was sie tun sollte. Aber kann sie das auch?

In der Vergangenheit ist es Tatsache. Menschen, die auf „DIE Religion“ schimpfen, vergessen, dass in unserer Welt zumindest geschichtlich es tatsächlich Religionen waren, die das Bewusstsein der Menschen mit geformt haben. An dieser Tatsache kann kein ernsthafter Mensch zweifeln. Denn um zu beweisen, dass all diese Entwicklungen und Ideen auch ohne Religionen möglich gewesen sein könnten, müsste man eine zweite, andere Welt erschaffen, die ohne Religionen auskommt.

Um diese Tatsache zu belegen, empfehle ich folgende Bücher, die sich mit dem Beitrag des Christentums und/der Bibel zu der Entwicklung der menschlichen Kultur, Zusammenlebens und Denkens beschäftigt haben. Mir erscheint es zunehmend befremdlich, wie viele Menschen von diesem Beitrag nichts mehr wissen wollen, d.h. nichts davon wissen und dieses Nichtwissen auch noch mit Stolz zur Schau tragen.

Das Buch der Mitte: Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur, Vishal Mangalwadi, 2011

Sehr spannend erzählt, erhellend und begeisternd. Geschrieben aus der Sicht eines Christen, der in einer Gesellschaft lebt, die hauptsächlich durch den Hinduismus geprägt ist: Indien. Sehr bereichernd ist der daraus resultierende Vergleich zwischen der östlichen und westlichen Kultur und die Frage, wie diese Unterschiede sich durch die Botschaften der jeweiligen Religion erklären lassen. Er beschreibt die Bibel als ein kulturprägendes Buch, das eine Rolle spielte bei der Entstehung des modernen Westens, wie wir ihn kennen: Menschenrechte, technologischer Fortschritt, Demokratie, Musik. Das einzige, was ich schwierig finde, ist, dass er meinem Eindruck nach wenig zwischen den christlichen Konfessionen unterscheidet, das aber bei manchen Themen, zB. Korruption, durchaus eine Rolle spielt (siehe Ukraine, Russland, Griechenland etc.)

Die Verzauberung der Welt, Jörg Lauster, 2017 (5. Auflage)

Ein dickes, informatives Buch und gleichzeitig unterhaltsam. Der Autor ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Philipps-Universität Marburg. Wie der Titel bereits andeutet, geht es auch hier um die Beschreibung eines Prozesses, wie das Christentum bzw. die Bibel zur Veränderung der Welt beitrug. Die Kultur, Architektur, Musik, Kunst steht dabei im Mittelpunkt.

Wie das Christentum die Welt veränderte: Menschen – Gesellschaft – Politik – Kunst, Alvin J. Schmidt, 2009

Auch dieser Autor, ein Amerikaner, beschreibt, wie die abendländischen Werte maßgeblich durch dein Einfluss des Christentums geformt und mitbestimmt wurden.

Der Weltbeweger. Jesus – wer ist dieser Mensch?, John Ortberg, 2013

Aus der Sicht eines christlichen Bestsellerautors, v.a. mit der Intention Jesus zu verherrlichen. Im Vordergrund steht die Frage, auf welche Weise der Mensch Jesus auf unsere Gesellschaft, unser Menschenbild, unsere Ethik, unsere Kultur Einfluss genommen hat. Liest sich schnell und ist sehr erhellend.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!