Die kommende zweite Aufklärung

und die Entdeckung des inneren Universums

Der integrale Philosoph Steven McIntosh vergleicht das kommende integrale Zeitalter mit dem Zeitalter der Aufklärung. Dafür hat er gute Gründe.

Die Aufklärung ist eine geistige Strömung im 17./18. Jahrhundert, mit der das moderne Bewusstsein wirkmächtig in Erscheinung trat. Ihre Quintessenz lässt sich wunderbar mit diesem Zitat ausdrücken:

Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Immanuel Kant

Die Ratio, die Vernunft, sollte den Menschen aus seiner Unmündigkeit befreien. Mit der Aufklärung verbinden sich zahlreiche Befreiungsbewegungen wie die Abschaffung der Sklaverei, der Monarchie, die Gleichstellung der Frau, die Deklarierung der Menschenrechte. Studien wie Spiral Dynamics, aber auch die World Values Study zeigen, dass sich weltweit immer mehr Menschen diesem Bewusstsein annähern.

Diese neue Epoche entspricht einer neuen kognitiven Fähigkeit. Der Entwicklungspsychologe Robert Kegan beschreibt das (zusammengefasst) so:

Das eigene Denken (Subjekt) wird zum Gegenstand (Objekt) der Reflexion.

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René Descartes: Nach Frans Hals – André Hatala [e.a.] (1997) De eeuw van Rembrandt, Bruxelles: Crédit communal de Belgique, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2774313
Der Philosoph René Descartes gilt allgemein als der Begründer des modernen Rationalismus. Jeder kennt sein berühmtestes Zitat:

Ich denke, also bin ich.

Er unterschied zwischen dem innere Ich und der äußeren Welt, dem subjektiven Geist und der (scheinbar) objektiven Materie. Dadurch legte er, zusammen mit vielen anderen Vordenkern, den Grundstein für die moderne Wissenschaften, aber auch für ein dualistisches Denken.

Die Welt wurde dabei als etwas Vorgegebenes gedacht, das so abgebildet werden könne, wie es sei. Ken Wilber nennt das auch den „Mythos vom Gegebenen.“ Doch schon Kant – der damit bereits als Vordenker der Postmoderne gelten kann – wies darauf hin, dass es diese scheinbar objektive Realität nicht gibt, weil alles von einem Beobachter unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert wird. Die Wirklichkeit ist damit immer, zumindest teilweise, ein Konstrukt. Und diese Konstruktion wird maßgeblich durch unsere Sprache und Kultur beeinflusst.

Steve McIntosh zufolge ist es genau diese Welt, die Welt der Kultur, der Sprache, der Werte und Weltsichten, die durch die integrale Philosophie völlig neu entdeckt wird.

Die integrale Philosophie mache heute etwas ähnliches wie Descartes damals, denn sie füge der subjektiven und objektiven Dimension eine dritte, die intersubjektive, hinzu.

Er nennt diese Dimension auch das „innere Universum“.

Während des äußere Universum beobachtet werden kann, ist das innere immer nur durch Interpretation zugänglich.

Diese Welt dehnt sich nach innen mindestens genauso weit aus wie das äußere Universum: Denn sie umfasst alle geteilten Bedeutungen zwischenmenschlicher Kommunikation wie „Hund“, „Liebe“, Theorien und Ideen, Notenwerte und Symbole etc., aber auch Gottesvorstellungen und Glaubensinhalte. Und sie wird jeden Tag, durch jedes Gespräch, jede Entdeckung, jede Begegnung, erweitert und vertieft.

Dieser Raum ist weder völlig subjektiv, noch völlig objektiv – er ist das Zwischenmenschliche, Geteilte.

Ich argumentiere dafür, dass ein neues, historisch bedeutendes, Level des Bewusstseins und der Kultur in unserer Zeit aufscheint, und dass dieses Aufscheinen einer neuen integralen Weltsicht in vielerlei Hinsicht das evolutionäre Äquivalent zu dem Aufscheinen der modernen Weltsicht während der als Aufklärung bekannten Epoche des 17. und 18. Jahrhunderts ist. Und ebenso wie das Aufkommen der Moderne die Welt für immer verändert hat, können wir ähnlichen […] Fortschritt von dem Aufkommen des integralen Bewusstseins erwarten.

Steve McIntosh, Integrales Bewusstsein und die Zukunft der Evolution, in eigener Übersetzung

Die Entdeckung und Wertschätzung dieses Raumes kann auch eine große Rolle spielen, wenn wir unseren Glauben reflektieren: Wo kommen all die Glaubenssätze, Vorstellungen, Zweifel und Gewissheiten her – aus uns selbst oder aus diesem geteilten Raum?

Alles in diesem Bereich ist ständigem Wandel unterworfen. Alles ist Co-Creation, gemeinsame Schöpfung, ununterbrochener Austausch von Subjekten, Begegnung von Gott und Mensch.

 

Bild von © Nevit Dilmen, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36752405

Was JEDER über Sterben und Tod wissen sollte

Vor einiger Zeit erreichte mich die Nachricht, dass ich vom Verlag Random House das Buch von Oliver Müller „Altern. Sterben. Tod. Die Vergänglichkeit des Menschen aus der Sicht der Naturwissenschaften“ als Testleserexemplar gewonnen hatte. Zuerst freute mich das, doch nach dem Lesen war ich nicht nur enttäuscht, ich war wütend. „Tröstlich“, wie das Buch auf dem Umschlag verspricht, ist es jedenfalls nicht.

Formulierungen wie „DIE Wissenschaft oder DIE Naturwissenschaften“ verbindet er so geschickt mit seiner materialistischen Weltanschauung, dass einem unbedarften Leser wieder einmal ganz unbemerkt die Gleichung „Naturwissenschaftliches Weltbild = materialistisches Weltbild“ untergeschoben wird. Beispiel:

„Aus Sicht der Wissenschaft ist die Seele an ein funktionierendes Gehirn gebunden […]. Ein solcher Glaube (der an eine unsterbliche Seele) [steht] aus heutiger Sicht außerhalb jeder logischen Argumentation und Wissenschaftlichkeit.“ (285/298)

Den Wert eines Menschenlebens leitet er von der Sterblichkeit her (nicht etwa wegen seinem Bewusstsein oder ähnlichem): Da das Leben begrenzt sei, „sei es unschätzbar wertvoll.“ (329)

Das INNEN des Menschen – die Frage, wie Menschen das Altern, Sterben und den Tod subjektiv erleben, wird in objektiver ES-Sprache abgehandelt, Nahtoderfahrungen als phantasievolle Träume und der Seelenglaube als verführerisch schöne Hoffnung gedeutet. Die einen glauben, die anderen wissen es besser. Na, danke. Zu trösten vermag das nicht. Es ist außerdem ein Schlag ins Gesicht all der Menschen, die authentisch von derartigen Erfahrungen zu berichten wissen.

„Niemand kann aus eigener Erfahrung sagen, wie und ob es nach dem Sterben weitergeht… Gestorben sind immer nur die anderen Menschen. Und diese Anderen können uns nicht von ihren Erlebnissen beim Sterben und im Tod berichten…“ (S. 137)

Die Frage scheint mir hier eher: Wie müsste ein „lebendiger Toter“ beschaffen sein, dass er von einem lebendigen Oliver Müller ernst genommen wird?

Wenn es um das Thema Sterben und Tod geht, scheinen viele dazu zu neigen, entweder den ganzen linken oder den ganzen rechten Quadranten auszublenden. Tatsache ist, dass es sehr viel Forschungsmaterial für beide Seiten gibt und ein realistisches Bild, von dem, was uns erwartet, wohl nur durch die Kenntnisnahme beider Hälften – Inneres und Äußeres – zustande kommen kann.

Hier eine Übersicht über den Quadranten und zehn von mir ausgewählte Ergebnisse dieser Forschungen:

Quadrant Sterben und Tod

  1. Ursache für den Tod ist immer, dass lebensnotwendige Organfunktionen ausfallen. In Deutschland sterben die meisten Menschen (über 90 %) an Alterskrankheiten wie Demenz, Arteriosklerose und Krebs. Das Risiko, eine dieser Krankheit zu bekommen, steigt, je älter wir werden. Der Alterungsprozess selbst lässt sich als eine immer größer werdende Unordnung auf Molekülebene beschreiben, die nach und nach zu Funktionsminderung und Fehleranfälligkeit führt.
  2. Ungefähr 90 % der Menschen in Deutschland sterben im Pflegeheim oder im Krankenhaus. Die allermeisten Sterbevorgänge könnten jedoch mit Begleitung von geschulten Hausärzten problemlos Zuhause stattfinden.
  3. Es gibt keinen bestimmten Zeitpunkt, ab dem ein Mensch „ganz“ tot ist. Es gibt nur verschiedene Sterbephasen und Definitionen von Tod, wie „Scheintod“, „klinischer Tod“, „Hirntod“ und „biologischer Tod.“ Das reicht von der Bewusstlosigkeit über den Herzstillstand, das Ende aller messbaren Aktivitäten im Gehirn und das Aussetzen des Atems bis zum Ende aller zellulären und biochemischen Aktionen und dem Einsetzen der Verwesung. „Dank“ moderner Medizin können selbst hirntote Frauen noch Babys auf die Welt bringen…
  4. Rein theoretisch wäre die Palliativmedizin in der Lage, dafür zu sorgen, dass kein Mensch mehr während dem Sterben körperlich leiden muss. Praktisch ist das derzeit noch Utopie. Häufig vergrößert medizinisches Eingreifen nur das Leid, z.B. unnötige künstliche Zufuhr von Ernährung und Flüssigkeit. Aufschlussreich dazu: Gian Domenico, Über das Sterben.
  5. Viele Menschen bereuen kurz vor ihrem Tod bestimmte Dinge nicht getan bzw. versäumt zu haben. Welche das sind, erfährst du in: 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Einsichten, die ihr Leben verändern werden, von Bronnie Ware.
  6. Es gibt zahlreiche professionell arbeitende Medien für Jenseitskontakte (und gab sie schon seit es Menschen gibt.) Ein derzeit prominenter Vertreter ist Pascal Voggenhuber. Er sieht seine Arbeit als Dienst am Nächsten und hilft Angehörigen bei ihrer Trauer sowie bei der Aufklärung von ungeklärten Todesfällen, indem er mit Verstorbenen Kontakt aufnimmt. Medien werden auch durch die Parapsychologie erforscht.
  7. Seit den 70/80er Jahren werden Nahtoderfahrungen wissenschaftlich erforscht, Pioniere waren Elisabeth Kübler-Ross und Raymond Moody. Ergebnisse veröffentlicht z.B. die internationale Fachzeitschrift „Journal of Near-Death Studies“. Dabei gibt es übergreifende Erfahrungen, von den immer wieder berichtet wird: Außerkörperlichkeit, Tunnel, Lebensrückblick etc. und gleichzeitig individuelle, weltanschaulich oder kulturgeprägte Elemente. Bei Betroffenen führt das Erlebte langfristig zu tiefgreifenden Persönlichkeitsveränderungen: Sie sind ein Wendepunkt im Leben.
  8. Neben Nahtoderfahrungen werden auch sog. Nachtodkontakte erforscht. Während nur ca. 4-5 % Nahtoderfahrungen gemacht haben, berichten fast 40 % von derlei Begegnungen mit Verstorbenen. Vor allem Witwer und Witwen haben regelmäßig das Gefühl, vom verstorbenen Ehepartner besucht zu werden. Meistens überbringen die Verstorbenen die Botschaft, dass es ihnen gut gehe. Es gibt auch Nachtodkontakte, die von mehreren Menschen gleichzeitig erlebt werden. Mehr Infos findet ihr hier: http://nachtodkontakte.net
  9. Zahlreiche Sterbeforscher (u.a. Kübler-Ross, Bernard Jakoby, Peter Fenwick) geben an, dass niemand allein sterben muss – weil die Sterbenden an ihren letzten Tagen von Geistführern (Engeln) und/oder bekannten Verstorbenen besucht und abgeholt werden, sog. Sterbebettvisionen. Diese Besucher werden häufig auch vom Pflegepersonal wahrgenommen. Und umgekehrt: Kann jemand nicht beim Sterbenden sein, kann dieser demjenigen zum Zeitpunkt seines Todes erscheinen und sich verabschieden.
  10. Das wichtigste beim Sterben scheint die Fähigkeit, loslassen zu können.

Vielleicht habt ihr noch anderes Material, das ihr ebenfalls für wichtig haltet? Dann schreibt mir das doch bitte in die Kommentare! 🙂

Abschließend noch ein Filmtipp von mir:

 

Warum wir krank werden

„Dieser Wahn, daß wir all das, was uns geschieht, selbst initiiert haben, ist so destruktiv, so aggressiv…“

Wieder habe ich „Ken Wilber“ in einem Bibliothekskatalog unter der Kategorie „New Age“ gefunden. So etwas ärgert mich. „New Age“ ist eine Sammelbezeichnung aus den 70er Jahren für verschiedene esoterische oder alternative Strömungen. Und Ken Wilber ist ganz sicher kein Vertreter dieser Strömungen, sondern einer ihrer schärfsten Kritiker.

Ich möchte das heute an einem Beispiel verdeutlichen: Der Entstehung von Krankheiten.

Eine Tendenz innerhalb des New Age war und auch moderner alternativer Spiritualität ist es, als Ursache für Krankheit in erster Linie, wenn nicht gar ausschließlich psychische Faktoren geltend zu machen. Häufig paart sich das mit der Überzeugung, das überhaupt generell alles, was wir erleben, schlussendlich auch wir selbst – unser Ego-Bewusstsein – geschaffen haben. Und das ist schlicht einseitig. Das lässt sich anhand Ken Wilber Quadrantenmodell leicht erkennen: Alles wird auf den Quadranten oben links reduziert: „Quadrantenabsolutismus“ pur.

In der Facebookgruppe des Integralen Forums hat neulich jemand allen Ernstes behauptet, dass es Unsinn sei, Kinder zu impfen, da alle Krankheiten psychisch bedingt seien. (!!)

Aus der Erkenntnis „Psychische Faktoren spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Krankheiten“ wird ein „Krankheiten sind immer selbstgemacht“.

Wenn aber eine Krankheit auftaucht, dann ist es immer eine Botschaft der Seele. Eine andere Ursache für eine Krankheit gibt es nicht.

http://www.spirituelle.info/artikel.php?id=39

Mit jeder Erkrankung will Ihr Unterbewusstsein Ihnen etwas sagen… Goldene Regel: Suchen Sie nach der Botschaft, die in Ihrer Krankheit stecken kann.

https://www.simplify.de/gesundheit/weitere-gesundheitstipps/artikel/die-geheimsprache-der-krankheit/

Das hört sich zunächst verlockend an. Denn es ist so schön einfach: „Finde heraus, was deine Seele dir sagen will, und schon wirst du wieder gesund.“

Der Bestseller Autor Rüdiger Dahlke ordnet in seinen Büchern „Krankheit als Symbol“, „Krankheit als Sprache der Seele“ und „Krankheit als Weg“ jeder Krankheit passende Seelenthemen zu.

Das kann in der Tat sehr hilfreich sein. Langjährige psychosomatische Forschung hat außerdem ergeben, dass der Einfluss des Geistes auf unseren Körper ungeahnt groß ist (Placebo-Effekt, Psychoneuroimmunologie und die Rolle von emotionalem Dauerstress etc.)

Nur ist es eben gefährlich einseitig. Und es kann schnell „kippen.“ Was, wenn dein Ehepartner plötzlich an Krebs erkrankt und nicht wieder gesund wird? Wirst du ihm dann insgeheim vor, es läge nur daran, dass er sich seinem „Seelenthema“ nicht stellt?

Im Grunde sagte ich nicht: „Ich nehme Anteil an deiner Not, wie kann ich helfen?“, sondern „Was hast du falsch gemacht? Wo hast du versagt?“ Und nicht zuletzt: „Wie kann ich mich selber schützen?“ Angst, also uneingestandene Angst, war das, was mich trieb…

Treya Wilber, Mut und Gnade

Kurz nach seiner Hochzeit mit Terry Killam erfährt Ken Wilber, dass sie Brustkrebs hat. Das sehr persönliche Buch „Grace and Grit: Spirituality and Healing in the Life of Treya Killam Wilber (Mut und Gnade)“ berichtet von ihrer gemeinsamen Zeit und der Erkrankung, die sie schließlich das Leben kostet. Die Ereignisse werden dabei jeweils abwechselnd aus Kens Sicht und der seiner Frau geschildert.

Sie schreibt:

„Die ganze Logik mit der Selbstverursachung meiner Krankheit(en) steht wieder auf der Tagesordnung. Wer Gegenstand solcher Theorien ist oder selbst über sich theoretisiert, sieht die Frage der Verantwortung häufig unter dem Gesichtspunkt der Schuld: „Was habe ich falsch getan, daß ich so was verdiene?“ (…) Ich habe diese „Logik“ manchmal auf mich selbst angewendet. Auch Freunde sind darin sehr eifrig. Ich habe es bei meiner Mutter gemacht vor achtzehn Jahren, als sie Krebs bekam, und ich kann mir vorstellen, daß sie sich ein bißchen vergewaltigt fühlte – und wie recht sie hatte… Deshalb sage ich immer wieder, daß Krankheiten meiner Überzeugung nach viele Ursachen haben – erbliche Belastung, Ernährung, Lebensweise, Persönlichkeit; wer aber sagt, daß einer dieser Faktoren der einzig wichtige sei, daß die Persönlichkeit allein die Erkrankung herbeiführe, der übersieht, daß wir zwar unsere Reaktion auf das, was uns geschieht, steuern können, nicht immer jedoch das Geschehen selbst. Dieser Wahn, daß wir all das, was uns geschieht, selbst initiiert haben, ist so destruktiv, so aggressiv.“

Im Zuge der Erkrankung setzen sich Ken und Treya intensiv mit den verschiedenen Erklärungsmodellen für Krankheiten auseinander.

Die Fundamentalisten sähen Krankheit als Strafe Gottes für irgendeine Sünde. Die New Age Leute sehen die Krankheit als eine Lektion des Geistes, durch die wir etwas lernen sollen. Psychologen sehen die Krankheit als eine Folge verdrängter Emotionen. Diese Erklärungsmodelle lassen sich dem linken Quadranten zuordnen.

Schulmediziner sehen v.a. biologische Ursachen (Viren, genetische Veranlagung, Umweltfaktoren, Ernährungsweise). Andere sehen die Krankheit als Folge von schlechtem Karma, also einem fehlerhaften Handeln aus einem früheren Leben. Diese Erklärungsmodelle lassen sich dem rechten Quadranten zuordnen.

Eine ganzheitliche Sicht sieht die Krankheit als ein Produkt all dieser Faktoren: Emotionen, Seelenthemen, körperliche Veranlagung, Lebensweise, zwischenmenschliches Umfeld, gesellschaftlicher Umgang mit der Krankheit, Zugang zu medizinischer Versorgung etc.

Quadrant Krankheitsentstehung

Jesus hatte all diese Faktoren im Blick:

  • Er fragte die Kranken „Willst du gesund werden?“ Er wusste also, dass die Psyche des Kranken einen entscheidenden Einfluss auf den Verlauf der Krankheit haben kann. (Quadrant links oben)
  • Er wandte sich den Kranken zu, weil er um die Bedeutung zwischenmenschlicher Faktoren wusste – z.B. galten Leprakranke als „unrein“ oder Kranke allgemein als „Sünder“. (Quadrant links unten)
  • Er übte Systemkritik, indem er z.B. ganz umsonst heilte, ohne Geld zu verlangen oder dem Sabbat keine Beachtung schenkte, wenn es um die Gesundheit eines Menschen ging.(Quadrant rechts unten)
  • Und viele Menschen waren Zeuge davon, dass er andere Menschen wirklich gesund machte, wenn auch bis heute rätselhaft bleibt, auf welche Weise. Vermutlich werden wir durch die Fortschritte in der medizinischen Forschung irgendwann besser in der Lage sein, dies zu erklären. (Quadrant rechts oben)

Ihr kennt sicherlich alle die Stelle im Johannesevangelium (Kap. 9), wo Jesus einen Menschen trifft, der seit seiner Geburt blind ist. Seine Jünger wollen wissen, wer Schuld hat, er oder seine Eltern. Dahinter steht der Glaube, dass jede Krankheit selbst verursacht wird, in diesem Fall offenbar gekoppelt mit einer Vorstellung von Wiedergeburt und Karma. Und Jesus antwortet ihnen:

Es ist weder seine Schuld noch die seiner Eltern. An ihm soll das Handeln Gottes sichtbar werden.

Er wurde also, so Jesus, blind geboren, damit er ihn heilen kann. Jesus versteht dessen Krankheit hier eindeutig nicht als Folge eines „Seelenthemas“ oder „Schuld“ des Blinden, sondern weist ihr eine ganz andere Funktion zu. Jesus sagt nicht, es ist purer, blinder Zufall, dass es dich getroffen hat. Sondern: Der Sinn deiner Krankheit wird sich in deinem Leben noch zeigen.

Es geht ihm nicht um die Ursache, sondern die Folge.

Eine Folge davon, dass Ken Wilbers Frau krank wurde, war, dass sie sich in der Begleitung krebskranker Menschen engagierte und als Künstlerin ihre Bestimmung fand. Eine andere Folge war, dass die Liebe zwischen Ken und Treya noch tiefer wurde, weil sie diese Krise zu meistern hatte. Und eine weitere Folge davon war das Buch „Mut und Gnade“, das Ken Wilber nach ihrem Tod herausbrachte und das seither unzählig viele Menschen zum Weinen gebracht, inspiriert und getröstet hat.

Als ich Mut und Gnade schrieb, nahm ich an, dass vielleicht ein Jahr lang eine Flut von Briefen käme, die dann nachlassen würde. Aber die Briefe kommen nach wie vor, jeden Monat Dutzende, deren Inhalt mir sehr nahe geht.

Ken Wilber, Einfach „Das“, S. 62

Genauso wenig wie wir über alle Ursachen einer Krankheit Bescheid wissen, wissen wir über alle kurzfristigen oder längerfristigen Folgen einer Krankheit Bescheid. Manchmal geht es offenbar nicht darum, eine Krankheit so schnell wie möglich wieder „weg zu machen“, sondern darum, zu lernen, mit dieser Krankheit zu leben: Eine Herausforderung für den Betroffenen, die Angehörigen, die Gesellschaft, in allen Bereichen, auf allen Ebenen. Und manchmal ist eine Krankheit auch eine Erfahrung, die uns reifen lässt und verständnisvoller macht. Das jedoch hängt tatsächlich allein von uns ab.

„Wer an einer schweren Krankheit leidet, wird sich dadurch vielleicht tiefgreifend ändern, aber daraus folgt nicht, daß er krank wurde, weil ihm das durch die Veränderung Entstandene früher gefehlt hat.“

Ken Wilber, Mut und Gnade

 

 

Eine Idee, die hilft, Rätsel zu lösen

Das Wilber-Combs-Raster

Das „Wilber-Combs-Raster“ ist benannt nach seinen Erfindern: Ken Wilber und dem Bewussstseinsforscher Allan Combs.

„Ein paar Jahre, nachdem ich eine erste Lösung vorgeschlagen hatte, stieß mein Freund Allan Combs, der unabhängig von mir arbeitete, auf eine grundlegend ähnliche Idee.“

Ken Wilber, Integrale Spiritualität

Ein Dank an dieser Stelle an Regina Laube, die mich dazu inspiriert hat, diesen Artikel endlich anzupacken 😉

Eigentlich ist es einfach eine Tabelle: Mit y-Achse und x-Achse.

Die y-Achse bilden die die Stufen, durch die hindurch sich das Bewusstsein hindurch weiter entwickelt: „Archaisch, Magisch, Mythisch usw“. Diese Stufen, Ebenen oder Strukturen können nicht übersprungen werden, sondern werden der Reihe nach durchlaufen. Der Einfachheit halber konzentrieren wir uns an dieser Stelle auf die spirituelle Entwicklung, wie sie zum Beispiel von dem Forscher James Fowler (Stufen des Glaubens) beschrieben wurde (auch wenn dieser andere Begriffe verwendet als Wilber). Dass diese Stufen existieren, wissen wir erst, seit Entwicklungspsychologen sie durch ihre Forschung entdeckt haben. Wir können sie nicht von innen „sehen“: Ich sehe nicht den archaischen, magischen oder integralen Filter vor meinen Augen, sondern nur das, was übrig bleibt, wenn der Filter aktiv war 🙂

Die x-Achse meint verschiedene Bewusstseinszustände „grobstofflich, subtil, kausal und nondual“. Zustände sind zeitlich begrenzt und schließen sich in der Regel gegenseitig aus. Wir alle kennen verschiedene Zustände aus der unmittelbaren Erfahrung, weil wir alle mal wach sind, mal schlafen und träumen oder uns mal im Tiefschlaf befinden.

  • Mit „Grobstofflich“ ist einfach unser normales Wachbewusstsein gemeint, in dem du dich höchstwahrscheinlich befindest, wenn du diesen Artikel liest.
  • „Subtil“ meint den Zustand, in dem du im Schlaf bunte Träume siehst, tagsüber vor dich hin träumst oder visualisierst oder in der Meditation Bilder oder Visionen empfängst.
  • „Kausal“ meint den Zustand, den du aus dem Tiefschlaf kennst oder, wenn du bereits erfahren im Meditieren bist, aus der tiefen Versenkung: Da ist Leere, Formlosigkeit, eine Art warmes Dunkel. Ein ewiger, grenzenloser Raum tut sich auf.
  • „Nondual“ könnten wir Einheitsbewusstsein nennen oder erleuchtetes Bewusstsein, in dem die Objekt-Subjekt-Trennung sich auflöst und alles – innen und außen – gleichermaßen als Teil des eigenen Bewusstseins erkannt wird. Eigentlich ist es der Zustand, der allen anderen zugrunde liegt, deshalb aber selten bewusst wahrgenommen wird. Mehr über Nondualität erfährst du hier.

Das Wilber-Combs-Raster in Kürze:

Jede Person interpretiert eine Gipfelerfahrung, religiöse oder spirituelle Erlebnisse von der Stufe ihrer spirituellen Entwicklung aus, auf der sie sich derzeit befindet.

Sie kann gar nicht anders. Ein Kind in der magischen Phase kann seine Erfahrung gar nicht rational deuten, weil es diese Stufe in seiner Entwicklung noch nicht erreicht hat. Und die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine Erfahrung rein magisch deutet, ist ebenfalls gering, wenn jemand bereits gelernt hat, pluralistisch zu denken.

(Anmerkung für Fortgeschrittene: Noch präziser wäre es, so Wilber, zu sagen, dass bei jeder Interpretation jeglicher Erfahrung – und damit auch bei spirituellen Erfahrungen – immer die gesamte AQAL-Matrix wirksam ist, d.h. nicht nur die Wachstumsstufen und Intelligenzen des Individuums (oben links im Quadranten), sondern auch intersubjektive Kontexte wie Kultur und Zwischenmenschliches (unten links), Neurophysiologie (oben rechts) und soziale Systeme (unten rechts) gleichermaßen beteiligt sind.)

  • Diese Idee hilft uns zu verstehen, dass wir in der Bibel bei Jesu oder auch Worten von Paulus es möglicherweise mit Erkenntnissen zu tun haben, die einem Bewusstsein entspringen, dass dem unseren noch überlegen ist. Wir versuchen dann dennoch, sie so zu verstehen, dass sie zu dem Rest unseres Weltbildes passen. Und vielleicht geht uns Jahre später ein Licht auf und wir sehen den Sinn einer Stelle auf einmal ganz neu. Ein offensichtliches Problem dabei sind Leute, (wir eingeschlossen!), die meinen, einen Text verstanden zu haben, obwohl sie ihn nur soweit verstanden haben, wie ihr Verständnis gereicht hat. Das hinzuzufügen, wenn wir unsere vermeintlichen Erkenntnisse mit anderen teilen, wäre zumindest redlich 🙂
  • Das Raster erklärt auch, dass wir nicht zuerst alle Stufen der spirituellen Entwicklung durchlaufen müssen, um eine Gipfelerfahrung, ein Einheitsbewusstsein oder eine Erleuchtungserfahrung zu machen. Denn jeder Zustand ist prinzipiell von jeder Stufe aus zugänglich: Als Kind hatte ich z.B. ein Erlebnis intensiver Gottesnähe, hätte es aber damals nie so beschrieben oder gedeutet. Wilber unterscheidet hier gerne zwischen „Aufwachsen (growing up)“ und „Aufwachen (waking up)“.
  • Anhand des Wilber-Combs-Rasters findet Wilber zu seiner eigenen Definition von „Erleuchtung“: (ich persönlich empfinde es als ein wenig erzwungen und gekünstelt, weil Erleuchtung sich m.E. als etwas trans-rationales unseren rationalen Definitionen gerne entzieht, aber bitte)

„ERLEUCHTUNG ist die Verwirklichung von Einsseins mit allen Zuständen und allen Stufen, die sich bis zu diesem Punkt entwickelt haben und in Erscheinung getreten sind.“ 

  • Das Wilber-Combs-Raster hilft auch dabei, zu verstehen, weshalb kontemplative Meister nicht zwangsweise in ihrer spirituellen Entwicklung reifer sind als andere Menschen. Jemand kann viel Erfahrung mit bestimmten meditativen Zuständen, Einheitserfahrungen, Erfahrung der Erleuchtung, der dunklen Nacht etc. sammeln, diese aber von einer magischen oder egozentrischen Stufe aus interpretieren.
  • Marion Küstenmacher schreibt in einem Artikel in dem Sammelband „Mystische Wege. Christlich, integral, interreligiös (Rutishauser/Hasenauer (Hg.), 2016“, dass das Raster uns bei der Frage helfe, warum sich Mystiker, Gurus und Erleuchtete nicht unbedingt immer moralisch integer, altruistisch und liebevoll verhalten. Als Beispiele nennt sie Schamanen, die aufgrund ihres Stammesdenkens kein Problem damit haben „Angehörige eines anderen Stammes auszurotten“, Elia im Alten Testament, der gleichzeitig Prophet und Massenmörder war, den heiligen Bernard von Clairvaux, zugleich Theologe und Befürworter der Kreuzzüge und die Athos Mönche, die gleichzeitig im Gebet Gott schauen und doch bis heute in einem „mythisch-patriarchalen Denken gefangen“ sind, dass sie „auf ihrem heiligen Berg das Weibliche noch nicht einmal in Form von Hühnern integrieren können.“

Ich empfinde dieses Raster als ebenso einfach wie genial und erhellend. Wie geht es euch damit?

Der integrale Coach Stefan Schoch hat zum Thema ein sehr gut verständliches Video gedreht:

Integrales Glaubensbekenntnis gesucht

Zwei Fundstücke

In der Gemeinde, in die mein Mann und ich zum Gottesdienst gehen, wird fast jedes Mal das Apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen. Ich werde immer zögerlicher, es mitzusprechen, denn es ist schon lange nicht mehr Ausdruck meines Glaubens: „aufgefahren in den Himmel, sitzt zur Rechten Gottes“ klingt mythologisch, „geboren von einer Jungfrau“ dogmatisch und warum Pontius Pilatus die Ehre zuteil werden soll, jeden Sonntag erwähnt zu werden, erschließt sich mir auch nicht. Das Nizänische Glaubensbekenntnis ist aufgrund seiner starken Ähnlichkeit keine wirkliche Alternative. Allein die Art und Weise, wie monoton das Bekenntnis von anderen heruntergeleiert wird, zeigt mir, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht. Wer mich, weil ich diese ganz offensichtliche Wahrheit ausspreche, in die Häretiker-Ecke stellen will, darf das gerne tun – und sich anschließend selbst fragen, wie denn sein ganz persönliches Glaubensbekenntnis ausfallen würde, wenn er sich einmal erlauben würde, uneingeschränkt ehrlich gegenüber sich selbst zu sein. Auch ich habe in einer Ecke meines Herzens nicht aufgehört, diese(s) Glaubensbekenntnis(se) zu lieben – schon allein aufgrund ihrer unvergleichlich eingängigen Sprache und weil sie immerhin den Willen zum Ausdruck bringen, eine Gemeinschaft „im Glauben“ zu sein.

Dennoch bin ich auf der Suche nach einem Bekenntnis, das ein integraler Christ aus vollem Herzen mitsprechen könnte. Dabei habe ich mitunter diese zwei gefunden:

Das erste stammt von einer integralen Unity Church Gemeinde in den USA in Suquamish, Washington. Ich habe es für euch ins Deutsche übersetzt.

Wir glauben an den Gott, der wahrgenommen, aber niemals vom Verstand begriffen werden kann. Wir beteiligen uns an diesem Heiligen Mysterium durch die essenzielle Natur unseres Seins und unsere Beziehungen. Wir glauben, dass Gott sich offenbart hat und weiterhin im Lauf der Geschichte die Kraft des Lebens in Schöpfung, in Heilung und Beziehungen der Liebe offenbaren wird.

Wir glauben, dass das Göttliche uns lebt, atmet, denkt, wir ist. Wir verstehen unter „Sünde“, dass wir über unsere essenzielle göttliche Natur im Unwissen sind. Wir glauben, dass Jesus seine wahre Natur als der Christus, Sohn Gottes, verwirklicht hat. Wenn wir uns auf die Erkenntnis unserer wahren Natur zu bewegen, bewegen wir uns auf den Christus in uns selbst zu.

Wir wenden uns den heiligen Texten zu, darunter der Bibel, und erlauben der Schrift uns zu treffen und zu inspirieren, indem sie mit uns in Resonanz geht und unsere eigene Spiritualität herausfordert.

Wir glauben an den teilnahmsvollen Dienst an unserer Gemeinschaft und an der Welt und an die Vertiefung unserer inneren Verbindung mit dem Göttlichen als Richtschnur für unser Handeln.

Wir respektieren die Kraft des Heiligen Geistes, der in jeder Person unterschiedlich wirkt. Wir glauben, dass es innerhalb der christlichen Tradition viele Wege gibt, zu verstehen, zu leben und zu lobpreisen. Wir pflegen eine Kirchengemeinschaft, die Individuen auf jeder Etappe ihrer Glaubensreise willkommen heißt.

https://suquamishucc.org/about

Das zweite stammt von der Unity Church in Deutschland:

Gott ist Quelle und Schöpfer alles Seienden. Es gibt keine andere immerwährende Kraft. Gott ist gut und allgegenwärtig.

Wir sind geistige Wesen, nach Gottes Vorstellung geschaffen. Der Geist Gottes lebt in jedem Menschen, weshalb alle Menschen von Natur aus gut sind.

Wir erschaffen unsere Lebenserfahrung durch die Art und Weise unseres Denkens und Fühlens.

Bejahendes Gebet besitzt Kraft. Wir glauben daran, dass diese Kraft unsere Verbindung mit Gott stärkt.

Das Wissen um diese geistigen Prinzipien ist nicht ausreichend. Wir müssen sie leben.

UNITY-Akademie für
angewandtes Christentum e.V. (https://unitydeutschland.de)

Zu der Unity Church gerne ein anderes Mal mehr…

Was haltet ihr von diesen? Was wären eure Glaubensbekenntnisse?

Die negativen Folgen von Meditation

Begleiterscheinung spirituelle Krise

Ja, ihr habt richtig gelesen!

Eine Freundin von mir hat vor einiger Zeit eine Ausbildung zur Yogalehrerin gemacht. Wenn von Meditation oder Yoga die Rede ist, dann wird häufig von den positiven Folgen gesprochen für die Gesundheit, die Fitness und für die Konzentrationsfähigkeit. Das Meditation aber eigentlich immer auch noch andere Folgen nach sich zieht, darüber wird weniger gesprochen. Und deshalb überraschte es meine Freundin, wie müde und anstrengend die Ausbildung sie manchmal machte. Manchmal kamen auch starke Gefühle hoch…

Durch regelmäßige Praxis können Themen aus dem Unbewussten nach oben kommen oder neue Ängste und Krisen entstehen. Das ist nicht nur unerwartet anstrengend, ermüdend, sondern kann mitunter sogar gefährlich für unsere psychische Gesundheit werden.

Extrembeispiel ist die „dunkle Nacht der Seele.“ Das ist der Titel einer Schrift von Johannes vom Kreuz, einem spanischen Mystiker im 16. Jahrhundert. Wikipedia schreibt: „In der psychologischen und populärpsychologischen Literatur wird „die dunkle Nacht der Seele“ auch als Metapher für die Depression verwendet.“ Und das kommt nicht von ungefähr.

Der Psychoanalytiker Roberto Assagioli thematisiert für den sehr weit fortgeschrittenen mystischen Verwandlungsprozess einen „mystischen Tod“, den er ähnlich charakterisiert wie Johannes vom Kreuz die „dunkle Nacht des Geistes“ und auf den er sich auch direkt in seinen Beschreibungen bezieht. Diese Phase ist durch intensive Leiden und durch Symptome gekennzeichnet, die einer starken Depression ähneln. Es handle sich um eine „seltsame und schreckliche Erfahrung“, die „allem Anschein zum Trotz kein pathologischer Zustand [ist]; sie hat spirituelle Hintergründe und einen großen spirituellen Wert“.

(Sabine Bobert, Transformierte Sicht auf Mystik)

Roberto Assagioli verglich den Transformationsprozess, dem ein Mensch sich auf dem spirituellen Weg unterwirft, mit den Erfahrungen des Reisenden in Dante Alighieris „Göttliche Komödie.“

Wenn ihr dieses Werk kennt, so wisst ihr, dass Dante darin zuerst eine Reise in die Hölle beschreibt, bevor er allmählich in das Paradies aufsteigt. Es geht also zuerst runter – und nicht hoch! Ganz anders also, als man naiv erwarten könnte: „Jetzt meditiere ich viel, dann geht es mir stetig besser…“

Spirituelle Krisen sind normale Begleiterscheinungen einer ernsthaften Praxis. Die „dunkle Nacht der Seele“ ist dabei nur das Extrembeispiel.

„Vor der dunklen Nacht der Seele […] ist man nichts anderes als ein Klumpen Eisen, der während des Tranformationsprozesses ins Feuer geworfen wird, wieder und wieder erhitzt, wieder und wieder beschlagen, jahrelang, mit größter Wucht und größter Sorgfalt, sodass am Ende, wenn alles gut geht, ein scharfes, glänzendes Schwert entsteht.“

Tanja Braid auf ihrem Blog neoterisches-bewusstsein.com

Der transpersonale Psychologe Stanislav Grof, der u.a. auch ein Buch über spirituelle Krisen geschrieben hat, wies als einer der ersten darauf hin, dass es sich bei einigen Erfahrungen und ungewöhnlichen Bewusstseinszuständen, die von der klassischen Psychiatrie als eine Geisteskrankheit diagnostiziert und behandelt wurden, in Wirklichkeit um Krisen handelt, die mit der persönlichen Transformation auf einem spirituellen Pfad zusammenhängen – die Psychose müsse also von einem mystischen Zustand unterschieden werden.

Zu den möglichen Symptomen einer spirituellen Krise gehören alle möglichen körperlichen Symptome, innere Unruhe, die Unfähigkeit, Erlebnisse mit dem bisherigen Weltbild in Einklang zu bringen, Ängste, depressive Zustände, aber auch parapsychologische Phänomene, Probleme, Spiritualität und Alltagsleben unter einen Hut zu bringen u.v.m.

„Spirituellen Krisen können zum einen in der spirituellen Praxis selbst auftauchen (unsachgemäße Anleitung oder ungenügende innere Vorbereitung und psychische Stabilität des Betroffenen), zum anderen können sie auch durch spontane spirituelle Erlebnisse entstehen (z.B. paranormale Erlebnisse, Nahtodeserfahrungen oder plötzliches Erwachen der „Kundalinienergie“, die die Betroffenen in ihr Weltbild nicht einordnen können.)

(Netzwerk für spirituelle Entwicklung und Krisen, http://www.senev.de)

Ken Wilber weist nachdrücklich und mehrfach darauf hin, dass zu einer integralen Lebenspraxis unbedingt auch Schattenarbeit gehört. Meditation könne den Schatten sogar noch verstärken. Deshalb hätte auch fortgeschrittene Meditierende oft viele Schattenanteile, die nicht verschwänden. (z.B. Integrale Spiritualität, S. 182)

Zwei Gründe, den Weg nicht allein zu gehen, sondern in Begleitung.

In der orthodoxen Kirche ist der Brauch, sich einen geistlichen Vater zu suchen, wesentlich weiter verbreitet als in der evangelischen oder katholischen Kirche – so jedenfalls mein Eindruck. Ich glaube jedoch, dass, je mehr Christen sich auf den Weg der Mystik begeben und eine ernsthafte Transformation ihres Lebens anstreben, der Bedarf nach professioneller geistlicher Begleitung zunehmen wird. Nicht nach Seelsorge im klassischen Sinn, sondern nach Begleitung durch eine Person, die dazu fähig ist, spirituelle Krisen zu erkennen, einzuordnen und ggf. rechtzeitig an einen geeigneten Therapeuten zu verweisen.

Eine Idee, die ich deshalb vor kurzem hatte, war, hier auch Menschen vorzustellen, die ihr kontaktieren könnt, wenn ihr euch eine geistliche Begleitung oder einen spirituellen Coach wünscht. Was haltet ihr davon?

Hier noch ein paar interessante Quellen für euch:

Die Bloggerin Tanja Braid über die „dunkle Nacht“ und Kundalini und hilfreichen Literaturtipps:

https://www.neoterisches-bewusstsein.com/dunkle-nacht-der-seele-kundalini/

Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross teilt in ihrem Buch „Über den Tod und das Leben danach“ ihre persönliche Erfahrungen der „Dunklen Nacht der Seele“ und in Folge darauf des Einheitsbewusstseins mit dem Göttlichen, die sie nach der Teilnahme an einem wissenschaftlichen Experiment über außenkörperliche Erfahrungen hatte. Ihr könnt sie euch auf YouTube anhören. Sie beginnt ab 2 h 15 Min.

Wenn ihr Hilfe braucht:

Netzwerk für spirituelle Entwicklung und Krisen, http://www.senev.de

Verein zur Förderung und Entwicklung ambulanter Krisenbegleitung: http://www.frei-raum-berlin.de/index.php

Cynthia Bourgeault: Das Herz des Zentrierenden Gebets

Eine völlig andere Art der Wahrnehmung

Die spirituelle Lehrerin und Autorin Cynthia Bourgeault stellt in ihrem Buch die These auf, dass das Christentum mit dem Gebet der Sammlung (Zentrierendes Gebet) über eine kontemplative Praxis verfüge, die wie keine andere direkt in das nonduale Bewusstsein führe. Sie unterscheidet es von einer anderen Form christlicher Mediation – dem Mantrabeten.

Wenn ihr noch nicht wisst, was der Begriff „Nondualität“ meint, empfehle ich euch zuerst meinen Artikel dazu: Wie erfahre ich Nondualität? 

Wenn ihr mehr darüber wissen wollt, wie das Gebet der Sammlung praktisch geht, hier entlang.

Ihre Thesen sind in Kurzform:

  • Das Gebet der Sammlung trainiert das „Loslassen“ – unserer Gedanken, Gefühle, Erinnerungen etc. „Loslassen“ ist keine Einstellung, sondern eine Übung mit konkreten physiologischen Auswirkungen. Das Gebet sei kenosis in Reinform – Leerwerden, Entäußerung. Vorbild hierfür ist Jesus.

„Er entäußerte/erniedrigte (hier das Verb kenosein im Griechen, Leerwerden im Englischen) sich selbst“, Brief an die Philipper 2,8

  • „Nondualität“ ist eine andere Art der Wahrnehmung und Reaktion auf äußere Reize, die uns Menschen über unseren Körper zur Verfügung steht. Das Gehirn nehme war, indem es trenne und abstrahiere, das Herz dagegen empfände die Wirklichkeit mittels „holographischer Resonanz“. Vermutlich hätten das die östlichen christlichen Mystiker gemeint, die dazu rieten, das Denken vom Kopf in das Herz zu führen.
  • Der Autor der „Wolke des Nichtwissens“ behaupte sogar, es hebe den Ursprung der Sünde – die trennende Wahrnehmung – wieder auf.
  • Unsere Reaktion auf äußere Reize bestimmt, ob unser Reptiliengehirn (Kämpfe oder Fliehe-Modus) aktiviert wird oder unser Körper aus einem Zustand der Herz-Hirnkohärenz antwortet

Sie bezieht sich dabei besonders auf die neuesten Forschungen zum Herzen durch das Harth Math Institut in Boulder, Kalifornien. Dieses Institut wurde gegründet, um Menschen durch Übungen, Kurse und Geräte mit der Intelligenz ihres Herzens in Verbindung zu bringen. Ziel dabei sind u.a. Ausgeglichenheit, Gesundheit, Widerstandskraft und Kontakt mit der eigenen Intuition.

[Herzkohärenz] ist ein optimierter Zustand, in dem Herz, Geist und Emotionen geordnet und im Gleichklang sind. Auf Körperebene agieren Immun-, Hormon- und Nervensystem in einem Zustand energetischer Koordination.“

pixabay13Bei seinen Forschungen ist es zu einigen spannenden Ergebnissen gekommen:

  • Es gibt ein vom Kopfgehirn unabhängiges Herzgehirn (- so wie auch im Darm), das über ausgeprägte sensorische Fähigkeiten verfügt.
  • Die Herzfrequenz ist Schwankungen im Millisekundenbereich unterworfen – Herzfrequenzvariabilität (HFV) oder auch Herzratenvariabilität (HRV) genannt
  • Wer eine höhere HFV/HRV aufweist, kann besser mit belastenden Situationen umgehen, gibt nicht so schnell auf und hat eine größere Willenskraft
  • Das Herz ist das größte elektromagnetische Energiefeld des Menschen
  • Das Herz wertet extrem viel mehr Informationen aus als das Gehirn: Das Ergebnis erhalten wir als „Impuls“
  • Das Herz sendet mehr Informationen an das Gehirn weiter als umgekehrt

Mit dem von innen entwickelten Inner Balance Trainer kann jeder über sein Smartphone sein Herzschlagmuster beobachten. (Kostet 189 € )

Im Mittelpunkt der Übungen, die das Institut entwickelt hat, liegt die herzfokussierte Atmung (Atmung in das Herz hinein). Dies ist ein spannender Punkt, den diese Übung ist auch in der christlichen Spiritualität als äußerst wirkungsvoll bekannt (Name „Herzensgebet“!) weswegen häufig Anfängern sogar davon abgeraten (!) wird. (z.B. Sabine Bobert in „Mystik und Coaching, S. 135)

Cynthia Bourgeault verbindet diese Erkenntnisse über die Bedeutung des Herzens mit einer Kritik an der integralen Theorie. Ihrer Ansicht nach braucht es für die höheren Level- oder zustände der Spiritualität (3rdTier) das Zusammenwirken von Gehirn und Herz. Das Herz (auch als Organ!) sei bisher nicht genügend berücksichtigt worden – auch in der Meditationsforschung nicht. Eine interessante Erklärung hat sie ebenfalls: Die meisten Forschungen werden derzeit von Buddhisten durchgeführt, auf Initiative des Dalai Lama. Doch es seien bereits vielversprechende Forschungen im Gange, angeführt durch den Neurowissenschaftler und Psychologieprofessor Michael Spezio.

Hier könnt ihr mehr über die Autorin erfahren:

http://cynthiabourgeault.org

Ein Interview zu ihrem Buch findet ihr hier:

https://cac.org/heart-centering-prayer/

Auf YouTube gibt es eine Reihe Vorträge, in denen sie die Gebetspraxis und die Thesen ihres Buches vorstellt. Hier eines davon: